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Mogelpackung „Deutsche Sprachwelt…

 

… Die Plattform für alle, die Sprache lieben“

Von Siegfried Jäger, veröffentlicht im DISS-Journal 26 (2013)

Diese Zeitung für Sprachpflege hat 80.000 Leser und offenbar keine Leser­innen. Sie kämpft gegen Anglismen (denglisch) und Politische Korrektheit (political correctness). Sie möchte, dass „Zigeuner“ wieder Zigeuner heißen und „Neger“ wieder Neger. Sie beklagt den Niedergang der deutschen Sprache in den Wissenschaften.

Und spätestens dann wird man stutzig und recherchiert ein bisschen. Sie hat einen Schriftleiter. Der heißt Thomas Paulwitz. Und der schreibt ständig auch Sprachkolumnen in der neurechten Wochenschrift „Junge Freiheit“ und der Zeitschrift „Sezession“, die vom Institut für Staatspolitik herausgegeben wird. Dort ein wenig völkischer. Und das erinnert an solche deutschen Sprachpfleger wie Leo Weisgerber, der jahrzehntelang nach 1945 auch die bundesdeutsche Sprachwissenschaft beherrschte. Und der war als Sonderführer der Propagandaabteilung Mitarbeiter des Nazipropagandaministers Goebbels im Funkhaus Rennes in Frankreich, in dessen Auftrag er den Franzosen der Bretagne die bretonische Sprache zu erhalten bemüht war. Und warum? Damit diese nicht französisch sein sollten. Dafür bediente er sich eines Rundfunksenders, damit er auch von vielen gehört werden konnte. Dahinter steckt eine Sprachtheorie, die davon ausging, dass die Sprache die Zugehörigkeit zu einer Nation bestimmt. Kerntheorien: Eine elaborierte deutsche Sprache macht erst einen richtigen Deutschen; ein fremder Dialekt schwächt das Deutschtum.1 Das (zu frühe) Erlernen einer sog. Fremdsprache verhindere eine deutsche Identität.2

„Die deutsche Sprachwelt“ verleiht Preise für gutes Deutsch und Bemühungen, die deutsche Sprache rein zu halten. So erkor sie Bundespräsident Gauck zum „Sprachwahrer des Jahres“ 2010, direkt nach Peter Ramsauer und davor Karl-Theodor zu Guttenberg.

Manchmal plagiiert die „Sprachwelt“ ein bisschen: „Deutschland schafft seine Sprache ab“. Thilo Sarazzin lässt grüßen. Der fürchtete bereits, dass sich ganz Deutschland selbst abschaffe. Da ist die „Deutsche Sprachwelt“, so scheint es, auf etwas weniger fixiert: „Das wichtigste nationale Kulturprojekt: die Sprache“. Dieser Schein trügt: Die Sprachwelt und Paulwitz sind auf etwas anderes aus: die rechte Nation.

  1. Das wirkte sich noch in den siebziger Jahren auf die Sprachbarrierendiskussion aus, wie sie von Weisgerbers Sohn Bernhard zu beeinflussen versucht wurde. []
  2. In den Schriften Leo Weisgerbers der Jahre 1933-1945 finden sich verstärkt auch Anlehnungen an völkische und rassistische Vorstellungen. []

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