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Wer schreibt die Geschichte des Rechtsextremismus?

 

Von Robin Heun, veröffentlicht im DISS-Journal 26 (2013)

Wenn man sich mit der Forschungsliteratur zur Geschichte und Analyse des deutschen Rechtsextremismus beschäftigt, wird deutlich, dass sich WissenschaftlerInnen verschiedenster Disziplinen mit diesem Themenkomplex beschäftigen. PolitologInnen analysieren in der Regel den parteiförmig organisierten Rechtsextremismus, SoziologInnen beschäftigen sich häufig mit Theorien zur Entstehung von Rechtsextremismus, PädagogInnen beschäftigen sich zumeist mit Präventions- und Interventionsmöglichkeiten und JuristInnen beschäftigen sich z.B. mit Partei- und Vereinsverboten, Fragen der Versammlungsfreiheit sowie mit strafrechtlich relevanten Handlungen von RechtsextremistInnen. Fragt man explizit nach der Geschichte des deutschen Nachkriegsrechtsextremismus, so wird man feststellen, dass sich HistorikerInnen bisher nur in wenigen Ausnahmefällen mit dieser Frage  beschäftigt haben.

Durchsucht man zum Beispiel die Inhaltsverzeichnisse der Vierteljahrhefte für Zeitgeschichte (Jahrgänge 1 [1953] – 60 [2012]) mit Suchbegriffen wie Rechtsextrem/ismus, Rechtsradikal/ismus oder Neofaschismus, so findet man lediglich vier Aufsatztitel. Die zeithistorische Forschung beschäftigt sich zwar mit allen erdenklichen Facetten des Nationalsozialismus, aber nur mit einigen wenigen des Rechtsextremismus, wie z.B. mit Antisemitismus oder Geschichtsrevisionismus (Holocaustleugnung, Kriegsschuldfrage).

Wolfgang Benz gehört mit seinen zahlreichen Beiträgen zum Thema Rechtsextremismus sicherlich zu denjenigen HistorikerInnen, die sich ausgiebig mit diesem Themenkomplex beschäftigt haben. Auch Karl Dietrich Bracher widmete der Geschichte des Nachkriegsrechtsextremismus (bis 1969) in seiner vielfach rezipierten Studie „Die deutsche Diktatur“ ein eigenes Kapitel.1 Der Großteil der Studien zur Geschichte und Analyse des Rechtsextremismus wurde allerdings von SozialwissenschaftlerInnen vorgelegt. So auch eine ganze Reihe von Studien, die im DISS – zum Teil auf Grundlage interdisziplinären Analysemethoden – entstanden sind. Exemplarisch kann hier die Studie „Rechtsdruck“ von 1988 erwähnt werden2, welche die rechte Presselandschaft diskursanalytisch untersuchte sowie Michael Lausbergs Dissertation zur Geschichte der extremen Rechten in NRW (1946-1971), die 2012 veröffentlicht wurde.3

Des Weiteren sei darauf hingewiesen, dass der Politologe Gideon Botsch (Universität Potsdam) mit seiner 2012 erschienen Monographie „Die extreme Rechte in der Bundesrepublik Deutschland – 1949 bis heute“ einen guten Überblick zur Geschichte des Rechtsextremismus liefert. Ein Klassiker zur Geschichte des Nachkriegsrechtsextremismus bleibt die 1967 veröffentlichte 1600 Seiten starke in den USA erschienene Studie des deutschen Emigranten Kurt P. Tauber „Beyond Eagle and Swastika. German Nationalism since 1945“. Weitere wichtige Studien zur Geschichte des Rechtsextremismus sind die zweibändige Untersuchung „Entstehung und Entwicklung des Rechtsextremismus in der Bundesrepublik“ von Peter Dudek und Hans-Gerd Jaschke und die Studie „Faschismus und Neofaschismus“ von Reinhard Opitz – beide Publikationen erschienen 1984.

Richtet man seinen Blick ferner auf das Lehrangebot an den Universitäten, so kann auch hier festgestellt werden, dass Lehrveranstaltungen zum Themenkomplex Rechtsextremismus in den vergangen Jahren ausschließlich von sozialwissenschaftlichen- und  erziehungswissenschaftlichen Fakultäten angeboten wurden. Von daher ist es nicht besonders verwunderlich, warum derzeit keine einschlägigen Studien von HisorikerInnen zur Geschichte des deutschen Rechtsextremismus verfasst werden. Der Historiker Axel Schildt stellte in einem 2011 veröffentlichten Aufsatz die These auf, dass die Frage der aktuellen Relevanz und des möglichen Potentials des historischen Phänomens Faschismus in unserer Gesellschaft in den Diskussionen über den Faschismus unter deutschen Historiker­Innen aus zwei Gründen kaum vorkam. Erstens läge dies „auch an der dafür fehlenden fachlichen Kompetenz“ und zweitens hätte die „in Deutschland vorherrschende strikte zeitliche Eingrenzung des Faschismusbegriffs auf die Zeit bis zum Ende des Zweiten Weltkrieg“ dazu geführt, „dass die Geschichtswissenschaft bisher sehr wenig zur Analyse rechtsextremer Bewegung nach 1945 beigetragen und diese Aufgabe weitgehend an die Politikwissenschaft delegiert hat“.4 An dieser Stelle sollte erwähnt werden, dass der Faschismusbegriff vor dem Hintergrund des Kalten Krieges (Totalitarismus-Doktrin) in der Mainstream-Forschung lange Zeit verpönt war und trotz seiner Rehabilitierung bis heute nur von einer Minderheit gebraucht wird.5 Die Ächtung des Faschismusbegriffs könnte ein weiterer Grund dafür sein, warum sich die zeithistorische Forschung nicht wirklich mit der Analyse neofaschistischer Bewegungen nach 1945 beschäftigt hat. Dabei gestaltet(e) sich die Quellengrundlage definitiv nicht schlecht. Es gibt z.B. mehrere Spezialarchive (APABIZ-Archiv in Berlin, a.i.d.a.-Archiv in München, DISS-Archiv in Duisburg), die explizit rechtsextreme Erzeugnisse jeglicher Art (Bücher, Zeitschriften, Broschüren, Parteiprogramme, Flugblätter, Aufkleber, Webseiten, Musik und Videos) archivieren und der Öffentlichkeit zugänglich machen. Die zeitgeschichtliche Forschung könnte auf Grundlage dieser Quellen einen wesentlichen Beitrag zur Erforschung der Geschichte des deutschen Rechtsextremismus leisten und obendrein die vielfach kritisierte Extremismus-Theorie durch eine differenzierte historische Definition des völkischen Nationalismus ablösen.

Trotz der von Axel Schildt angesprochenen vermeintlich fehlenden fachlichen Kompetenz der HistorikerInnen bei der Frage nach der „aktuellen Relevanz, dem möglichen Potential des historischen Phänomens Faschismus in unserer Gesellschaft“ kann man zuversichtlich davon ausgehen, dass ZeithistorikerInnen in der Lage sind, die oben genannten Quellenarten auszuwerten, um gegebenenfalls die Kontinuität völkischen Denkens und Handelns herauspräparieren und somit schließlich eine Prognose machen zu können, inwieweit völkisch-nationalistische Diskurse in rechtsextremen Kreisen befeuert werden und somit auch möglicherweise in die sogenannte Mitte der Gesellschaft dringen.

Wenn man nun abschließend beachtet, dass in der unmittelbaren Nachkriegszeit ehemalige NS-Funktionäre, wie Helmut Sündermann, Arthur Ehrhardt, Heinrich Härtle, Peter Kleist oder Herbert Böhme mit der Gründung von Verlagen, Vereinen und Zeitschriften einen wesentlichen Beitrag für die Etablierung rechtsextremer Infrastrukturen in der Bundesrepublik geleistet haben, auf welche die extreme Rechte zum Teil noch heute zurückgreift, dann wird klar, dass sich die zeithistorische Forschung vermehrt mit der Entwicklung des deutschen Nachkriegsrechtsextremismus beschäftigen sollte. An dieser Stelle sollte außerdem betont werden, dass es auch heute noch Parteien wie die NPD oder „Die Rechte“ gibt, die in der ideengeschichtlichen Tradition der NSDAP stehen.6 Und abseits des parteiförmig organisierten Rechtsextremismus bedienen sich RechtsextremistInnen bei nationalsozialistischen Diskursen, Symboliken und Praktiken.

  1. Karl Dietrich Bracher: Die deutsche Diktatur. Entstehung, Struktur, Folgen des Nationalsozialismus, 7. Auflage 2003 (1. Auflage 1969), S. 509-520. []
  2. Jäger, Siegfried: Rechtsdruck. Die Presse der Neuen Rechten. Berlin 1988. []
  3. Lausberg, Michael: Die extreme Rechte in Nordrhein-Westfalen 1946 – 1971, Marburg 2012. []
  4. Schildt, Axel, 2011: Faschismustheoretische Ansätze in der deutschen Geschichtswissenschaft. Sieben Thesen, in: Globisch, Claudia/ Pufelska, Agnieszka/  Weiss, Volker (Hg.) : Die Dynamik der europäischen Rechten. Geschichte, Kontinuitäten und Wandel, Wiesbaden 2011, S. 267-279, hier S. 275. []
  5. Vgl. Ebd., S. 269-275. []
  6.  Kailitz, Steffen 2007: Die nationalsozialistische Ideologie der NPD, in: Backes/ Steglich (Hg.): Die NPD. Erfolgsbedingungen einer rechtsextremistischen Partei, 2007 S. 337-353. []

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