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Schlechte Parrhesia

 

Der rechte Philosoph und die Wahrheit

Ein kurze Betrachtung von Siegfried Jäger, veröffentlicht im DISS-Journal 26 (2013)

Wagt es dagegen einer von den ‚Bürgern‘, also einer von denen, die ‚drin‘ sind, sich gegen die ‚Versammlung‘ zu stellen, indem er sie mit anderen Wahrheiten konfrontiert, endet er wie Eva Hermann oder Thilo Sarrazin.“
(Sezession 35, S. 16)

So der rechte ‚Philosoph‘, der vorgibt, Foucault gelesen und verstanden zu haben. Foucault aber war da etwas vorsichtiger und meinte, dass „ein philosophischer Diskurs […] niemals die Frage nach der Wahrheit stellt, ohne zugleich  nach den Bedingungen dieses Wahrsprechens zu fragen und zwar entweder (im Hinblick auf) die ethische Differenzierung, die dem Individuum den Zugang zu dieser Wahrheit eröffnet, (oder im Hinblick auf) die politischen Strukturen, innerhalb deren dieses Wahrsprechen das Recht, die Freiheit und die Pflicht haben wird, sich geltend zu machen. Was einen philosophischen Diskurs zu einem philosophischen, und nicht bloß zu einem politischen, macht, ist die Tatsache, dass in diesem Diskurs, wenn die Frage nach der politeia (nach der politischen Institution, nach der Verteilung und Organisation der Machtverhältnisse) gestellt wird, zugleich auch die Frage nach der Wahrheit und nach der wahren Rede gestellt wird, auf deren Grundlage diese Machtverhältnisse und ihre Organisation bestimmt werden können. Es stellt sich darin auch die Frage nach dem ethos, d.h. nach der ethischen Differenzierung, der die politischen Strukturen einen Platz einräumen können und sollen. Und wenn der philosophische Diskurs nicht einfach nur ein moralischer Diskurs ist, dann deshalb, weil er sich nicht darauf beschränkt, ein ethos bilden zu wollen, die Pädagogik für eine Moral oder der Vermittler eines Verhaltenskodex zu sein. Er stellt niemals die Frage nach einem ethos, ohne zugleich nach der Wahrheit und der Zugangsweise zur Wahrheit zu fragen, durch die dieses ethos gebildet werden könnte, und (nach) den politischen Strukturen, innerhalb deren dieses ethos seine Einzigartigkeit und Verschiedenheit behaupten könnte. Die Existenz des philosophischen Diskurses besteht seit den Griechen bis heute gerade in der Möglichkeit oder vielmehr in der Notwendigkeit folgender Regelung: niemals die Frage nach der aletheia zu stellen,  ohne im Hinblick auf diese Wahrheit zugleich die Frage nach der politeia und dem ethos aufzuwerfen. Dasselbe gilt für die politeia und für das ethos.“ (Michel Foucault: Der Mut zur Wahrheit. Die Regierung des Selbst und der anderen II, Vorlesung am Collège de France 1983/84, Frankfurt 2010, S. 96f.)

Zugegeben: Es ist nicht leicht, der schlechten Parrhesia zu entkommen. Foucault hat dazu noch ein bisschen mehr Platz gebraucht, als dieses Zitat ihn einnimmt. Aber er weiß auch, dass es immer nur jeweils gültige Wahrheiten gibt und es deshalb auch nicht einfach ist, ein Philosoph zu sein.1

  1. Vgl. dazu auch Siegfried Jäger, Rolf van Raden, Regina Wamper: Beyond Freedom of Speech – Eine Utopie der sozialdiskursiven Wahrhaftigkeit, in: Marius Babias, Florian Waldvogel (Hg.): Freedom of Speech, Köln 2011, 11-43. []

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