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Im Dienst der neoliberalistischen Gouvernementalität

 

Eine Rezension von Siegfried Jäger, veröffentlicht im DISS-Journal 26 (2013)

Dieses Buch, eine Dissertation an der Universität Basel, will viel und erreicht auch viel. Es ist – auf den ersten Blick – eine Wissenschaftskritik, die sich die gesamte Soziologie zum Gegenstand macht und zudem die aktuelle neoliberale Sozialpolitik und ihre politische Rhetorik. Aktuelle Soziologie ist demnach in Wirklichkeit nur para, das heißt: sie liegt völlig daneben, verfehlt ihren Gegenstand: die moderne Gesellschaft.

Sie stützt sich dabei auf einige Erzväter, die nichts anderes sind als Gesundbeter des Denksystems des Neoliberalismus und sich vor jeglicher Kritik des Kapitalismus drücken.1 Sie sind daher auch Neoliberalisten, die – grob gesagt – nichts anderes im Sinn haben, als den Kapitalismus zu verteidigen und die Theorien von Gesellschaft so zu zurechtzuschneidern, dass sie das Soziale eskamotieren, auch wenn sie sich heuchlerisch als Initiativen für eine neue Soziale Marktwirtschaft bezeichnen mögen. Zugleich zeichnen sie eine Welt von Tatsachen als Abbild von Wirklichkeit, das sie als schlicht Gegebenes zur Grundlage ihrer Erkenntnisse stilisieren. Sie betreiben also Parasoziologie und meinen, dass die Welt schlicht das sei, was der Fall ist.

Natürlich stützt sich Mayerhauser auf Michel Foucaults Schriften, insbesondere auf seine Gouvernementalitäts-Studien und ihre Weiterführungen bei Lemke, Bröckling, Krasmann sowie auf seine Normalismustheorie, die von Jürgen Link aufgenommen und ausgearbeitet worden ist. Auch Niklas Luhmann, den der Autor zwar nicht mag, den er aber einigermaßen respektiert, taucht auf seiner Referenz-Bühne auf, spielt aber hier nur eine klitzekleine Rolle. Für das Signal der soziologischen Belesenheit des Autors ist er natürlich nicht unwichtig, wie überhaupt zu sagen ist, dass Mayerhauser sich in dem Feld, von dem er spricht, ausgezeichnet auskennt. Mit jugendlichem Furor und wissenschaftlichem Mut, zu dem ich ihm beeindruckt nur gratulieren kann, tritt er den Vätern konservativ-neoliberalistischer Sozio- und Politologie bei jeder passenden Gelegenheit auf die Füße, wie etwa einem Peter Sloterdijk, einem Ulrich Beck oder den Herren Gehlen, Schelsky, Bude und Konsorten.

Mayerhauser plädiert für eine Kritische Soziologie, die sich darin übt, „sich den Zumutungen und Vereinnahmungsversuchen etablierter Kräfte radikal zu entziehen und zu verweigern; sie gibt sich von sich aus einseitig, parteiisch; sie agiert partisanenhaft, weil sie sich einerseits auf ihrem eigenen Terrain bestens auskennt, und sie andererseits urplötzlich in Erscheinung tritt, um sich im nächsten Moment schon wieder unverhofft zurückzuziehen; sie sitzt somit absichtsvoll nicht in Talkshows, weil sie weiß, dass das Talkshow-Dispositiv Gegenstand ihrer Gesellschaftskritik sein muss; sie begibt sich nicht in die ratsuchenden Hände von Regierungsorganen, weil sie weiß, dass deren Praktiken und Techniken der Menschenführung ihre Analysegegenstände sind; sie versucht zugleich ihre dadurch errungene unabhängige Aufklärungsarbeit in andere Kanäle als die herkömmlichen Medienkanäle einzuspeisen; sie zeigt Sympathien für widerspenstige Handlungen und Bewegungen, die das herrschende Welt-, Gesellschafts- und Menschenbild nicht mehr anerkennen wollen; die also anders denken wollen; die laut ausschreien: there are alternatives! Partisanen-Soziologie statt Türsteher-Soziologie!“ (335f.)

Bleibt die Frage, um was für einen wissenschaftlichen Text es sich bei dieser Dissertation eigentlich  handelt: Eine Diskursanalyse soziologischer Texte oder eine Wissenschaftskritik allgemein? Oder gar eine Kritik wissenschaftlicher und politischer Rhetorik? Wissenschaftliche Texte der Soziologie werden als para-soziolgisch kritisiert, politische Rhetorik, die sich auf solche Texte bezieht, als liberalistisch – Foucault würde sagen, als schlechte Parrhesia: sie verkaufen als Wahrheiten, was liberalistische Interessen sind.

 

Torsten Mayerhauser
Eine Kritik der parasoziologischen Vernunft
Sozialkritik im Dienst neo-liberalistischen Denkens
Konstanz 2013: UVK,
360 S., 42 €

  1. Mayerhauser orientiert sich mit dem Begriff des Liberalistischen an Adorno, Minima Moralia, um das missverständliche „liberal“ zu dekonstruieren. []

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  1. […] Rezension: Torsten Mayerhauser, Eine Kritik der parasoziologischen Vernunft Sozialkritik im Dienst neo-liberalistischen Denkens Mayerhauser plädiert für eine Kritische Soziologie, die sich darin übt, „sich den Zumutungen und Vereinnahmungsversuchen etablierter Kräfte radikal zu entziehen und zu verweigern; sie gibt sich von sich aus einseitig, parteiisch; sie agiert partisanenhaft, weil sie sich einerseits auf ihrem eigenen Terrain bestens auskennt, und sie andererseits urplötzlich in Erscheinung tritt, um sich im nächsten Moment schon wieder unverhofft zurückzuziehen; sie sitzt somit absichtsvoll nicht in Talkshows, weil sie weiß, dass das Talkshow-Dispositiv Gegenstand ihrer Gesellschaftskritik sein muss; sie begibt sich nicht in die ratsuchenden Hände von Regierungsorganen, weil sie weiß, dass deren Praktiken und Techniken der Menschenführung ihre Analysegegenstände sind; sie versucht zugleich ihre dadurch errungene unabhängige Aufklärungsarbeit in andere Kanäle als die herkömmlichen Medienkanäle einzuspeisen; sie zeigt Sympathien für widerspenstige Handlungen und Bewegungen, die das herrschende Welt-, Gesellschafts- und Menschenbild nicht mehr anerkennen wollen; die also anders denken wollen; die laut ausschreien: there are alternatives! Partisanen-Soziologie statt Türsteher-Soziologie!“ Quelle: Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung […]

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