Zur Weiterentwicklung der Kritischen Diskursanalyse als Konzept qualitativer Sozialforschung

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Von Margarete Jäger, Benno Nothardt, Regina Wamper

Im Juni 2024 wird eine Neuauflage der Einführung in die Kritische Diskursanalyse (KDA) im Unrast-Verlag erscheinen. Dabei handelt es sich um die 8. Auflage und die erste Auflage, die nach dem Tod von Siegfried Jäger 2020 entstanden ist. Wir wollten diese Neuauflage eigentlich mit ihm zusammen erarbeiten. Das war leider nicht mehr möglich. Nun haben wir uns ohne ihn darangesetzt, haben Passagen und auch ganze Kapitel neu verfasst, haben gestrichen und hinzugefügt, und wir haben vieles übernommen. Insofern war es nur folgerichtig, dass Siegfried Jäger als ‚Vater’ der KDA weiterhin als Mitautor genannt wird.

Wir haben die bisherige ‚Werkzeugkiste‘ der KDA um neue Kapitel zur Analyse von Bildern, Online-Diskursen, TV, Spezialdiskursen, Literatur und herabsetzender Rede erweitert. Hinzugekommen sind auch praktische Anleitungen und Beispiele zur Anfertigung eigener Analysen.

Denn diese Einführung versteht sich weiterhin als Lehrbuch und ‚Gebrauchsanweisung‘ für die Erarbeitung von Diskurs- und Dispositivanalysen. Darüber hinaus stellt sie aber auch eine wissenschaftliche Arbeit zum Thema ‚Diskurs und Dispositiv‘ dar. Und schließlich versteht sich die KDA als ein Analyseverfahren, mit dem gesellschaftliche Verhältnisse kritisiert werden und diese Kritik in politische Diskurse eingebracht werden können.

Der Gedanke der Kritik ist für die KDA grundlegend und stand bereits bei der ersten Veröffentlichung von Siegfried Jäger zur Diskursanalyse Pate. Diese erschien 1988, ein Jahr nach Gründung des DISS 1987.

Mit einer Anleitung zur „Analyse politischer Texte“ sollte die „Kritikfähigkeit“ der Leser*innen gestärkt werden. Denn dass Kritik zu üben sei, war Siegfried Jäger damals bereits sehr bewusst. Erinnert sei hier nur an das Erstarken rechtsextremer Parteien und Organisationen wie die NPD und die Republikaner. Die Analyse ihrer Publikationen war deshalb auch der erste Gegenstand der damals noch so genannten „Text- und Diskursanalyse“.1

Der methodische Ansatz der Text- und Diskursanalyse wurde in der Folgezeit von Siegfried Jäger und seinen Mitarbeiter*innen im DISS in mehreren Etappen zur Kritischen Diskursanalyse (KDA) weiterentwickelt – immer begleitet von Publikationen, mit denen damals und heute brisante Themen analysiert wurden.2

Dies geschah stets in Auseinandersetzung mit weiteren Ansätzen kritischer Wissenschaften. Dabei wurde die KDA vor allem von den Analysen der kultuRRevolution und den Arbeiten von Jürgen Link inspiriert, über die eine intensive Beschäftigung mit den Schriften von Michel Foucault erfolgte. Insofern lässt sich sagen, dass die KDA auf der Rezeption dieser beiden theoretischen Ansätze aufbaut.3

Das bedeutet auch, dass das Konzept der KDA nicht den Anspruch erhebt, einen Beitrag zur Sprachtheorie zu leisten. Es bedient sich zwar einiger linguistischer und literaturwissenschaftlicher Instrumentarien, aber auch einer Fülle anderer – vor allem sozialwissenschaftlicher. Insofern versteht sich KDA nicht als Teil der Sprachwissenschaft oder der Literaturwissenschaft herkömmlicher Prägung. Die KDA ist transdisziplinär und übersteigt deren Grenzen. Sie konzentriert sich auf die Analyse von Diskursen und ragt insofern in andere sozialwissenschaftliche Disziplinen hinein.

Auch wenn wir uns in der KDA auf die Schriften von Michel Foucault beziehen, versteht sich die Einführung nicht als eine Einführung zu Foucault insgesamt. Der Schwerpunkt liegt auf der Methode der Kritischen Diskursanalyse, mit der theoriegeleitete empirische Analysen durchgeführt werden können.

Dazu haben wir uns mit ausgewählten Schulen der Diskursanalyse beschäftigt und unseren Ansatz zu diesen in Beziehung gesetzt. Vor diesem Hintergrund legen wir die Grundlagen der KDA dar und beschreiben ausführlich die Methode der Kritischen Diskursanalyse. Auf dieser Basis stellen wir Forschungsdesigns von Diskursanalysen auf den Diskursebenen Printmedien, Alltag, Online-Diskursen, Spezialdiskursen und TV-Diskursen vor.

Eine Erweiterung der Diskursanalyse findet statt, wenn sie in Verbindung mit der Analyse von Dispositiven eingesetzt wird. Deshalb beschäftigen wir uns auch ausführlich damit, wie mit der KDA auch Dispositive analytisch erfasst werden können.

Das Bestreben der KDA ist insgesamt darauf gerichtet, Analysemethoden und -schritte vorzuschlagen und zu unternehmen, mit denen Diskurse auf verschiedenen Ebenen analysiert werden können. Wir wollen kritische Aspekte in wissenschaftliche und politische Debatten der BRD hineinzutragen. Es geht uns darum, Formen und Inhalte von Diskursen zu problematisieren und damit auch ungerechtfertigte Wahrheitsansprüche offenzulegen, Widersprüche aufzudecken und die suggestiven Mittel diskursiver Ansprache aufzuzeigen, um zukünftig – wie Foucault es einmal schrieb – „nicht derartig regiert zu werden“.4

1 Im gleichen Jahr erschien im Dietz-Verlag (Bonn) das Buch: „RechtsDruck. Die Presse der Neuen Rechten“, das von Siegfried Jäger herausgegeben wurde und deren Autor*innen zum Teil bis heute zum Mitarbeiter*innenstamm des DISS gehören – so z.B. Helmut Kellershohn, Martin Dietzsch und Margarete Jäger.

2 In den 36 Jahren seines Bestehens wurden dazu zahlreiche Analysen vorgelegt, die hier nicht alle aufgeführt werden können. Ein Einblick darüber gibt die Homepage des DISS unter www.diss-duisburg.de/edition-diss.

3 Dabei hat sich insbesondere zu dem Projekt kultuRRevolution eine solidarisch-arbeitsteilige Zusammenarbeit entwickelt, die sich an wichtigen diskursiven Ereignissen – wie z.B. dem Krieg in Jugoslawien 1998, den Terrorangriffen vom 11.9.2001 oder dem Krieg gegen die Ukraine niedergeschlagen hat. Siehe die gemeinsamen Sonderhefte von kultuRRevolution und DISS-Journal zum NATO-Krieg gegen Jugoslawien (Nov. 1999), NATO-Krieg gegen den Irak 2003 (Aug. 2003) und den russischen Krieg gegen die Ukraine und die ‚Zeitenwende‘ (Juli 2022 ) (alle online unter https://www.diss-duisburg.de/online-bibliothek/alle-ausgaben) sowie den Kolloquiumsband von Wolfgang Kastrup & Helmut Kellershohn (Hg.) 2023: Der Krieg in der Ukraine (Edition DISS), Münster: Unrast 2023 .

4 Michel Foucault 1992: Was ist Kritik? Merve.