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Resilienz im Krisenkapitalismus

 

Eine Rezension von Wolfgang Kastrup. Erschienen in DISS-Journal (39) 2020

Stefanie Graefe, Privatdozentin der Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, hat im letzten Jahr im Transcript Verlag ihr Buch Resilienz im Krisenkapitalismus mit dem Untertitel Wider das Lob der Anpassungsfähigkeit veröffentlicht. Beide Formulierungen verweisen auf eine kritische Analyse der ‚Resilienz‘, ein Begriff, mit dem in der wissenschaftlichen Literatur und in der Ratgeberliteratur das neue Leitbild für den anpassungsfähigen, flexiblen und krisenfesten Menschen Konjunktur gefeiert wird.

Graefe interessiert sich für den Zusammenhang von „Erschöpfung als soziales Phänomen“ und „Resilienz als einigermaßen neues Leitbild“, wobei Resilienz als Begriff noch wissenschaftlich diffus sei. (11) Es wäre verkürzt, Resilienz nur als „psychologisches Modell“ allein für Subjekte zu verstehen, denn es bezieht sich auch auf „Familien, Städte, Unternehmen, Ökosysteme, Regierungen, Finanzmärkte und Technologien.“ (Ebd.)

In Corona-Zeiten, als in einem so noch nie dagewesenem tiefgreifendem gesellschaftlichem, ökonomischem und politischem Ausnahmezustand, so könnte man aktuell hinzufügen, gilt die geforderte Anpassungsfähigkeit, Widerstandsfähigkeit, Flexibilität und Handlungsfähigkeit erst recht: Resilienz erwächst aus der Kooperation der oben angegebenen sozialen, ökonomischen und gesellschaftlichen Ebenen. Resilienz sei mithin nicht nur ein „Modewort“, sondern (hier bezieht sich die Autorin auf Ulrich Bröckling) ein „Schlüsselkonzept des 21. Jahrhunderts“. Graefe zufolge stimme uns „Resilienz als transformatives Paradigma“ nicht nur auf eine in multipler Weise ungewisse, undurchschaubare und deshalb eben prinzipiell auch bedrohliche Gegenwart ein, sondern gibt uns zugleich Mittel an die Hand, mit dieser Situation fertigzuwerden.“ (21)

Wie aber kommt es von der „Vielfachkrise“ (gesellschaftlich, ökonomisch, ökologisch, politisch) „zu Resilienz als Krisenbearbeitungsvorschlag“? (Ebd.) Um diese Frage zu beantworten, will Graefe zunächst dem „Phänomen der Erschöpfung nachgehen“, da sie „die Erschöpfung als einen in der flexibel-kapitalistischen Gegenwartsgesellschaft schlüssigen Modus der (individuellen oder kollektiven) Problematisierung der Beziehung von Subjektivität, Arbeit und psychosozialer Gesundheit“ auffasst. (22) Der Terminus Erschöpfung umfasse „bewusst unscharf “ Burn-out, Depression, Anpassungsstörung oder Stressdepression. (25) Diese Phänomene seien heute weit verbreitet, also keine Einzelschicksale mehr, sondern könnten jeden betreffen.

Begrifflich erklärt Graefe Erschöpfung „als eine Form der gesellschaftlichen wie der individuellen Problematisierung der Beziehung von Arbeit, Gesundheit und Subjektivität im flexiblen Kapitalismus.“ (27) Die Problematik der Arbeitsausfälle lasse sich auch statistisch nachweisen: 15% der Arbeitsunfähigkeitstage und 40% aller Frühverrentungen ließen sich auf psychische Erkrankungen zurückführen. (Ebd.) Somit könne man Erschöpfung als „objektive Erfahrung“ deuten, und diese Erkrankung im System des neoliberalen Kapitalismus, der durch „Flexibilisierung, Entgrenzung und Subjektivierung“ charakterisiert sei, müsse als Konsequenz des „gesellschaftlichen Strukturwandels“ gesehen werden, der in den 1970er Jahren eingesetzt habe.

Credo der Vermarktung

Unter „der Maxime der Vermarktlichung“ reiche es heute nicht mehr aus, „diszipliniert und effektiv“ zu arbeiten. Die Beschäftigten müssten darüber hinaus Motivation, soziale Kontakte, Wissen und ihre Selbstmanagement-Skills „über die Grenzen der Arbeit hinaus pflegen und erweitern, um den umfänglichen Anforderungen von Arbeitsmarkt und Unternehmen zu entsprechen.“ (35) Dies würde den individuellen wie kollektiven Druck erhöhen – sowohl zeitlich, inhaltlich auf die Arbeit bezogen und ebenso sozial.

Graefe spricht von einer „doppelten Subjektivierung“, was bedeutet, dass den Beschäftigten durch flexibilisierte Arbeitszeiten, entsprechende Betriebsstrukturen und projektorientiertes Arbeiten Autonomie und Selbstverwirklichung versprochen werde, andererseits aber die Drohung bestehe, ökonomisch abzusteigen und in prekarisierte Arbeits- und Lebensverhältnisse zu fallen. Diese „doppelte Subjektivierung“ werde dann noch einmal verdoppelt: Sie umfasse, wie eben formuliert, die Verheißung von Autonomie und die Drohung des sozialen Abstiegs als die eine Doppelung, und als weitere Doppelung die Ansprüche der Subjekte und die Anforderungen der Betriebe bzw. des Staates:

„Alles in allem stellt sich die Erschöpfung aus dieser Perspektive also als eine für subjektivierte Arbeitsverhältnisse passgenaue Krankheit dar, eine Art Staublunge des 21. Jahrhunderts, wird mit der Subjektivität doch jener Teil des Menschen krank, der im gegenwärtigen Arbeits- und Wohlfahrtsregime am stärksten beansprucht und belastet wird.“ (37)

In zwei bemerkenswerten Fallstudien, auf die im Einzelnen hier nicht näher eingegangen werden kann, macht Graefe deutlich, wie, trotz vergleichbarer Ausgangsbedingungen, die Erfahrungen mit Erschöpfung unterschiedlich ausfallen. Sie zieht daraus die Erkenntnis, dass unter der Bedingung „von Vermarktlichung und Konkurrenz als zentrales Problem“ im Verhältnis zwischen Arbeit, Gesundheit und Subjektivität eine Kluft herrsche zwischen „dem Versprechen auf Sinnschöpfung, Anerkennung und Selbstverwirklichung in der Arbeit“ einerseits und „der Unmöglichkeit seiner Einlösung“ andererseits. (55)

Entgrenzung der Konkurrenz

Sehr treffend analysiert die Autorin dann, wie unter der Entgrenzung der Konkurrenzsituationen im Postfordismus, den sie mit dem flexiblen Kapitalismus gleichsetzt, die „Individualität selbst ein Ziel von Konkurrenz“ werde („neoliberale Subjektivierung“). Es ginge dann darum, wie das Subjekt sich in seiner Einzigartigkeit am Markt am besten darstellen könne, um andere aus der Konkurrenz zu drängen. Für das Individuum sei damit eine „widersprüchliche Aufgabe“ verbunden, „sein Besonders-Sein durch die Erfüllung überindividueller Bewertungsmaßstäbe“ zu beweisen.

„Ist Konkurrenz zu einem vorherrschenden Sozialmodus geworden, wird potentiell jede soziale Situation als psychischer Konflikt […] erlebt – also als Scheitern an den (vermeintlichen) eigenen Möglichkeiten.“ (61)

Resilienz – Die „neue Arbeitstugend“

Seit einiger Zeit sei Resilienz im Bereich des betrieblichen Gesundheitsschutzes als „neues Zauberwort“ zu sehen. Es gehe dabei um die Frage, wie Unternehmen und Betriebe die Kosten von psychischen Belastungen und damit verbundenen Ausfalltagen von Beschäftigten reduzieren können.

„Resilienz fungiert dabei als Überschrift für einen kompetenten Umgang mit Stress und Überlastung im Sinne einer flexiblen Widerstandsfähigkeit, die Subjekte in die Lage versetzt, mit unvorhergesehenen Ereignissen, aber auch mit chronischem Arbeitsstress so umzugehen, dass es zu keiner nachhaltigen Beeinträchtigung von Produktivität und/oder Erwerbsfähigkeit kommt.“ (98)

Schulungs-, Trainings- und Coachingangebote hätten folglich Konjunktur: Ein „Stehaufmännchen“ lasse sich durch Belastungen, Misserfolge und Krisen nicht runterziehen, sondern habe durch das Training der Resilienz gelernt, mit solchen Schwierigkeiten zu arbeiten und zu leben. (Vgl. 99)

Graefe nennt diesbezüglich einige Beispiele der Unternehmen SAP und ThyssenKrupp sowie der Techniker Krankenkasse.

„Insofern Selbstorganisation im flexiblen Kapitalismus zur hegemonialen Autonomie-Anforderung geworden ist, ist Resilienz das dazu passende Leitbild – und zugleich ein machtvoller Motor der Dekonfliktualisierung der Erschöpfung.“ (110)

Damit sei „dem sozialen Phänomen der Erschöpfung […] der potenziell kritische Stachel gezogen“ (111), denn bei einer kollektiven Problematisierung der individuellen Leiden der Menschen könnten sich durchaus kritische und konflikterzeugende Konsequenzen ergeben.

Vereinnahmung von Autonomie

In ihrem Essay geht es Graefe darum, über Resilienz als Handlungsanleitung für erschöpfte Subjekte, so wie sie ins Spiel gebracht wird, hinauszugehen und danach zu fragen, was geschieht, wenn Resilienz „als eine jener ‚natürlichen‘ Kategorien, die unsere politische Vorstellungskraft prägen“, in Betracht genommen wird. (161) Resilienz sei eine „Metapher“ und als solche an eine „spezifische Zeitlichkeit“ gebunden. Es stelle sich immer erst im Nachhinein, also nach einem Ereignis heraus, wie sehr die Menschen resilient gewesen seien. (Ebd.) Graefe zufolge werde für die Subjekte nicht die Autonomie „an und für sich zum Problem“, sondern es gehe für sie um die besondere Fassung der Autonomie und zwar um „Autonomie als Selbstorganisation“, welche „Selbstverwirklichungs- und Selbstbestimmungserwartungen“ aufgreife, diese aber auf die Selbstorganisation zurückführe. (Vgl. 164)

Die Autorin kritisiert, dass so die Autonomie nicht nur entgrenzt werde, sondern von dem flexiblen kapitalistischen System „monopolisiert“ werde. Für erschöpfte Menschen würde dies bedeuten, dass ihre Erschöpfung als Reaktion gedeutet werden könne auf eine Kluft zwischen ihren „Autonomieerwartungen“ und den konkret erlebten „Autonomieerfahrungen“. (Ebd.)

Resilienz als Selektionskriterium

In der internationalen Entwicklungszusammenarbeit sei die Arbeit „mit und an der resilienten Community“ längst zu einer „Schlüsselkategorie“ geworden. Dies sei einerseits eine Antwort auf die enormen „humanitären Herausforderungen“, andererseits „als Methode, um den Top-down-Modus humanitärer Hilfe in Richtung von Partizipation und Empowerment zu überwinden.“ (172) Dadurch werde Resilienz zu einer natürlich verfügbaren „sozialen Ressource“, die die „Selbstorganisation vulnerabler Bevölkerungen“ im Blick habe und zudem als Risiko- und Krisenmanagement strategisch eingesetzt werden könne. (Ebd.) Es gehe um kostenreduzierende Maßnahmen bei internationalen Hilfsprogrammen, um potentiell hilfsbedürftige Menschen zu erfassen und die Mittelverteilung zu rationieren. Resilienz werde so als „Selektionskriterium“ eingesetzt. (Vgl. 173)

Unsicherheit und Resilienz

Laut einer vergleichenden Studie zur „nationalen Resilienz“ in den USA und Israel, die 2013 veröffentlicht wurde, sei in den USA „Staatsvertrauen und Patriotismus“ nach den Anschlägen vom 11. September 2001 deutlich gestiegen und auch in Israel habe die „Liebe zum Vaterland“ beträchtlich zugelegt, was die Autoren sehr positiv als „psychopolitical consequences“ der „exposure to terror“ gedeutet hätten. (180) Die Deutung des Weltgeschehens als prinzipielle Ungewissheit und der daraus folgenden Konsequenz, mit Katastrophen resilient umzugehen, verlange kein kritisches Denken und Handeln über die Ursachen von Katastrophen, sondern ein sich abfindendes, kreatives und flexibles Subjekt. (Ebd.) Der neoliberale Staat habe in der Finanzkrise 2007/8 die Banken gerettet nach dem Motto „Sozialisierung der Kosten und der Privatisierung der Risiken“ und so „die Resilienz von Volkswirtschaften“ an die flexiblen und veränderungsbereiten Beschäftigten und Wählern geknüpft. (182)

Natürlich, und das steht für die Autorin außer Frage, sei Resilienz für Menschen in schwierigen Lebenssituationen wichtig, um einer Verzweiflung vorzubeugen, ebenso eine einigermaßen gelingende emotionale Selbstregulierung. (Vgl. 167) Ebenso sei es selbstverständlich wichtig, Menschen in Notlagen zu helfen, um nicht depressiv, ohnmächtig und handlungsunfähig zu werden. Was sie problematisiert, ist dagegen „Resilienz als Konzept“. (Ebd.)

Es geht Graefe in kritischer Absicht darum, „im Zeichen von Resilienz“ aufgefordert zu sein, sich mit den Verhältnissen in der Welt, in der wir leben, eben „nicht anzupassen und abzufinden“, sondern sie verändern zu können. (Vgl. 195) Dies mündet in ihren begrüßenswerten Schlussgedanken: „Und wir sind und bleiben aufgefordert, Strukturen und Machtverhältnisse, die Lebensgrundlagen zerstören und Ausbeutung, Ausgrenzung und Angst befördern, als das zu begreifen, was sie sind: nicht ontologisch, sondern menschengemacht.“ (196) Diese Schlusspassage von Stefanie Graefe erinnert etwas an den „kategorischen Imperativ“ von Karl Marx, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist, […].“ (MEW Bd. 1, 385)

Fazit

Stefanie Graefe gelingt es in ihrer klaren und differenzierten soziologischen Analyse, Resilienz als „passgenaues Konzept des flexiblen Kapitalismus“ einer Kritik zu unterziehen. Dabei wird deutlich, dass im neoliberal regulierten Kapitalismus die Leiderfahrungen vieler Menschen mit Stress, Erschöpfung, prekärer Beschäftigung und Armut zugenommen haben und zur Krisenförmigkeit dieses Systems gehören. Mit dem Konzept der Resilienz feiert vor diesem Hintergrund eine Norm der Selbst- und Menschenführung Konjunktur, mit Anpassungsfähigkeit, Flexibilität und Krisenfestigkeit auf gesellschaftliche wie subjektive Herausforderungen zu reagieren und diese zu meistern. Graefe macht deutlich, wie sehr es dabei auch um die verbesserte Wertschöpfung, also um Ausbeutung der Beschäftigten geht. Immanente gesellschaftliche Strukturbedingungen der Vielfachkrisen treten dabei in den Hintergrund.

Es ist das Verdienst von Graefe, dies unmissverständlich in ihrer Analyse deutlich zu machen. Gerade in Zeiten der Pandemie mit dem gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen Ausnahmezustand gewinnt das Buch eine zusätzliche Bedeutung. Ob allerdings der Kapitalismus nicht immer schon flexibel gewesen ist und im Neoliberalismus nur eine neue Qualität gefunden hat, sei dahingestellt.

Etwas schade finde ich, dass die Autorin in ihrer Analyse nur nebenbei den Begriff der Entfremdung verwendet, der bei der Verbindung individueller Leiderfahrungen mit dem Bezugspunkt der kapitalistischen Verwertungsgesellschaft eigentlich unmittelbar ins Spiel kommt. Die Verabsolutierung nicht nur des Privateigentums, sondern gleichermaßen des Verwertungszwangs, der Akkumulation von Kapital und der Konkurrenz prägen die sozialen wie emotionalen Verhaltensweisen der Menschen, die sich schließlich als soziale Erschöpfung niederschlagen. Auch wenn die Autorin diese Thematik nicht einbezieht, schmälert dies das Verdienst des sehr zu empfehlenden Buchs von Stefanie Graefe keineswegs.

 

Stefanie Graefe
Resilienz im Krisenkapitalismus
Wider das Lob der Anpassungsfähigkeit
Bielefeld 2019: Transcript Verlag
232 Seiten, 19,99 Euro.
ISBN: 978-3-8376-4339-8

Wolfgang Kastrup ist Mitglied der Redaktion und des AK Kritische Gesellschaftstheorie

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