Home » DISS-Journal » Ein Gigant der Philosophie

 

Ein Gigant der Philosophie

 

Georg Wilhelm Friedrich Hegel „Der Philosoph der Freiheit“

Rezension von Wolfgang Kastrup. Erschienen in DISS-Journal (39) 2020

Klaus Vieweg, Professor für klassische deutsche Philosophie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und einer der international führenden Hegel-Experten, hat zum 250 Geburtstag eine monumentale Biographie (824 Seiten mit Anhang) mit dem Titel: Hegel. Der Philosoph der Freiheit verfasst. Das Buch ist mittlerweile in der zweiten Auflage erschienen. Das Kernanliegen von Vieweg ist die These, dass Hegel (1770-1831), der berühmte Vertreter des deutschen Idealismus und der wirkmächtigste und bedeutendste Philosoph des 19. Jahrhunderts, ein Philosoph der Freiheit ist, einer Freiheit, die nicht mit Willkür, sondern mit Vernunft einhergeht.

Kindheit und Jugend in Stuttgart (1770-1788)

Hegel wird am 27. August 1770 in Stuttgart geboren, drei Jahre später seine Schwester Christiane Louise und sechs Jahre später sein Bruder Georg Ludwig. In seinem Geburtshaus befindet sich heute das Hegel-Museum. Über seinen Vater, einen württembergischen Staatsbediensteten in der Finanzverwaltung und „Mitglied der einflussreichen Beamtenschaft“, herrscht bei Hegel „beredtes Schweigen“. Seine Mutter, eine Frau hoher Bildung, hat Wilhelm, so sein Rufname, schon früh mit der lateinischen und französischen Sprache vertraut gemacht. (36) Sie ist für sein Aufwachsen die „wichtigste Orientierungsperson“ und er hält sie daher immer in „bester Erinnerung“. Als Wilhelm 13 Jahre alt ist, verstirbt sie an Typhus. (37)

Fortan ist der Theologe und Philosoph Jakob Friedrich Abel für die philosophische Bildung des Gymnasiasten zentral. Das Motto des Professors, die „Erziehung zum Selbstdenken“ sei erste Pflicht des Philosophieunterrichts, hat Hegel sehr geprägt. (47) Als Klassenbester schließt er das Gymnasium ab, allerdings werden seine „Defizite beim Sprechen und Predigen […] unmissverständlich benannt“, Defizite, die ihn ein Leben lang begleiten. (55)

Studium in Tübingen (1788-1793)

Die Studienjahre fallen in eine politisch wie philosophisch bewegte Zeit, die für Hegel prägend sind. So beginnt am 14. Juli 1789 die Französische Revolution mit der Erstürmung der Bastille und am 26. August beschließt die Nationalversammlung in Paris die „Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte“. Hegel ist zeitlebens ein begeisterter Anhänger der Französischen Revolution (ein „herrlicher Sonnenaufgang“), auf die er – so Vieweg – jedes Jahr am 14. Juli mit einem Glas Champagner anstößt: „Die Erklärung der unveräußerlichen Menschenrechte und deren erster Artikel: ‚Die Menschen sind und bleiben von Geburt frei und gleich an Rechten‘, sowie die Rousseau-Kantische Denkungsart der Autonomie werden zu entscheidenden Anregungen und Herausforderungen für den jungen Stuttgarter.“ (58)

Im Winter 1790 bildet sich dann im Tübinger Stift Vieweg zufolge „die außergewöhnlichste Studentenbude aller Zeiten“ mit Friedrich Hölderlin, Friedrich Schelling und Georg Wilhelm Friedrich Hegel („drei intellektuelle Sterne“). (59) Hegel, nun schon Magister der Philosophie, absolviert – als zweite Stufe des Studiums – im Hauptstudium sechs Semester Theologie, die ihn allerdings nicht besonders interessiert. (74) Er ist ein „vorsichtiger, abwägender, sorgsam prüfender und kritischer Denkertyp“, der das Für und Wider gründlich abwägt. (92) Obwohl er im September 1793 sein Zeugnis erhält, spricht er sich gegen eine kirchliche oder theologische Laufbahn aus und entscheidet sich zunächst für eine Hofmeister-/ Hauslehrertätigkeit in Bern in der Schweiz. (98)

Hofmeister in Bern/Schweiz (1793-1796)

Für den 23-jährigen Hegel ist der Umzug nach Bern ein gravierender Einschnitt, der das Ende des akademischen Milieus und zudem die Trennung vom Freundeskreis bedeutet, denn Schelling bleibt in Tübingen und Hölderlin findet in Jena eine neue Wirkungsstätte. Die Zeit des Hofmeisterdaseins ist „kein Zuckerschlecken“. Die Stelle wird kläglich bezahlt und bedingt „eine neue Form der Subordination“, ein Abhängigkeitsgefühl gegenüber dem Wohlwollen des Hausherrn. Auf Hölderlins Vermittlung stellt schließlich der Frankfurter Bankier und Weinhändler Gogel Hegel als Hauslehrer für die zwei Kinder seines verstorbenen Bruders ein, die in seinem Haus aufwachsen. (143)

Wechsel in die freie Reichtsstadt Frankfurt (1797-1800)

Die neue Hauslehrerzeit ist für Hegel ein „Glücksfall“, da in der Kaufmannsfamilie Bildung eine große Bedeutung spielt. Einerseits ist für den Weinliebhaber Hegel nicht ganz unwichtig, dass der Bankier und Senator Gogel auch Weinhändler ist. Vor allem aber lässt die Hauslehrerstelle Hegel genügend Zeit für die philosophische Wissenschaft. Er steht – so der Biograph – vor der „gigantischen Aufgabe“, die Entwicklung der Philosophie durch Johann Gottlieb Fichte „zu verdauen“, hier besonders dessen von Hegel geschätzte Wissenschaftslehre: Hegel stellt sich der großen Herausforderung, den Gedanken der Freiheit „zu einem System zu verdichten“. Entscheidendes Problem ist dabei, so Vieweg, eine zureichende „Begründung eines philosophischen Monismus“ in kritischer Anknüpfung und Weiterführung des von Fichte begründeten und als System anvisierten monistischen Monismus zu entwickeln. (157) Überraschend kommt er durch den Tod seines Vaters durch testamentarische Verfügung in den Besitz von 3150 Gulden, was ihm die Universitätslaufbahn eröffnet – in Jena, im „Mekka der damaligen Philosophie“. (191)

Hegels Aufenthalt in Jena (1801-1807)

In „Jena wird Hegel zu Hegel“, so die etwas pathetische Formulierung von Vieweg. (193) Damit meint er, dass der Philosoph hier seine Grundlage „für seinen absoluten Idealismus der Freiheit“ legt, der sich dann in der Phänomenologie des Geistes (1807) ausdrückt. Umgekehrt wird Jena, begründet durch Fichtes Wissenschaftslehre zur „Welthauptstadt der damaligen Philosophie“ und zur Geburtsstätte des „Deutschen Idealismus als moderne Deutungsart der Freiheit“. (194)

Hegels Tübinger Magistertitel wird 1801 als Promotion (Nostrifikation) anerkannt, zu der auf Grundlage einer Disputation die Erlangung der Lehrberechtigung (venia legendi) hinzukommt. (216) Hegel habilitiert über die Planetenbahnen, über „prinzipielle Fragen des Verhältnisses von Naturwissenschaft und (Natur-) Philosophie“, was ihm einige spöttische Kommentare einbringt, während Hegel wiederum erstaunt ist über das weitverbreitete Unverständnis. (217) Mit Friedrich Wilhelm Joseph Schelling gibt er 1802 das Kritische Journal der Philosophie heraus, um gegen den „Mangel an Selbstdenken“ für eine „neue Theorie des Wissens im kritischen Rekurs auf Kant und Fichte“ zu plädieren.

Das Journal erweist sich „als Glücksfall der Philosophiegeschichte“, wenngleich sich schon 1802 Anzeichen einer inhaltlichen Differenz zwischen Hegel und Schelling verdichten, die den logischen Anspruch und das Anfangsproblem der Philosophie betreffen. Die Jahre 1805 und 1806 sind gravierend. Trotz der Ernennung zum außerordentlichen Professor verschlechtern sich die finanziellen Verhältnisse. Sohn Ludwig, uneheliches Kind mit seiner Haushälterin, wird geboren, und Jena, das „Mekka der Philosophie“, verliert durch Intrigen immer mehr an Bedeutung.

Der 13. Oktober 1806 ist dann ein außergewöhnlicher Tag im Leben Hegels: Er sieht Napoleon in Jena einreiten, „diese Weltseele“, den „Staatsrechtler“, der den Code civil, eine moderne Verfassung für Europa in Kraft gesetzt hat. Hegel sieht in Jena bezüglich eines Lehrstuhls keine beruflichen Perspektiven mehr, so dass die Nachricht des Freundes Niethammer, die Redaktion der Bamberger Zeitung zu übernehmen, zur rechten Zeit kommt. (258)

Die Phänomenologie des Geistes, geschrieben in Jena, ist für Vieweg ein „Jahrtausendwerk der Philosophie“. (259) Es ist, laut Hegel, eine „Entdeckungsreise ins Wissen“, die sich um die „Anstrengung des Begriffs“ dreht, die gegen das Gerede von den Grenzen der Vernunft, aber für das reine Wissen, den reinen Begriff eintritt. Das Werk verknüpft drei Punkte, erstens die Wissenschaft der Erfahrung des Bewusstseins, zweitens die Darstellung des erscheinenden Wissens und drittens den „sich vollbringende[n] Skeptizismus“. (261) Die Phänomenologie, „ein Lehrstück der Wissenschaftlichkeit“, erhebt einen „Wahrheitsanspruch“, der bestimmte Wege durchlaufen muss: So darf der „Selbstprüfung des Bewusstseins“ keine Beschränkung auferlegt werden, indem „Unvoreingenommenheit“ und inhaltliche „Voraussetzungslosigkeit“ garantiert werden. (266) Das Ergebnis sind reines Wissen oder: der absolute Geist. Klaus Vieweg beschreibt diesen Weg in bildhafter Weise: „Aufsteigen, Innehalten, Einkehr und Erinnern, Umdrehen und Umkehren, Abwege und Sackgassen, ‚Knoten‘ der Verdopplung und Vervielfältigung der Schienen, deren Zusammenführung sowie die ‚gebildete Rückkehr‘.“

Das Finale ist dann eines mit „Pauken und Trompeten“, wenn der noch „unterbestimmte Geist“ zu sich selbst kommt, frei wird, wenn er aus einem Standpunkt des Bewusstseins zu seinem „eigenenStandpunkt“, nämlich dem „der Wissenschaft“ kommt. (270) Mit diesem Übergang „vom Standpunkt des Bewusstseins zum Standpunkt des Wissens“ (als Wissenschaft, als absolutes Wissen) hat der „vollbringende Skeptizismus“ das erreicht, was er erreichen wollte: „Es ist vollbracht, insofern sein Kernmotiv der Relativität, des Gegensatzes, in der absoluten Einheit des Gegensätzlichen seine Aufhebung findet.“ (301)

Hegel als politischer Journalist in Bamberg (1807-1808)

In Franken arbeitet Hegel knapp zwei Jahre bei der Bamberger Zeitung. Parallel dazu beginnt er mit seinem philosophischen Hauptwerk, der Wissenschaft der Logik. Bezüglich seiner Tätigkeit als Redakteur ist er besonders seinem alten Interesse der Bildung verpflichtet. Mit Bildung und Geist will er gegen „die Rohheit und den geistlosen Verstand“ ankämpfen. (311) In seinen Texten spricht er sich für einen modernen Staat mit einer freiheitlichen Verfassung aus, für eine Bildung, die der Freiheit dient.

Die Zeitung erscheint täglich vierseitig und entwickelt sich unter der Feder von Hegel zu „einem der bedeutendsten politischen Blätter Deutschlands“. (316) Freunde von Hegel, u.a. Niethammer, bitten ihn nach der Lektüre der Phänomenologie des Geistes, seine Philosophie etwas klarer und verständlicher zu formulieren, worauf Hegel ein populäres und allgemeinverständliches Essay mit dem Titel Wer denkt abstrakt? schreibt. Für Klaus Vieweg ist das „kleine Schmuckstück“ gut geeignet für den ersten Zugang zu Hegels Philosophie […].“ (316) Privat verkehrt Hegel gerne in geselligen Kreisen, u.a. mit dem Dichter E.T.A. Hoffmann, und spielt leidenschaftlich gerne Karten, die L‘Hombre-Partien. (320) Die Bamberger Idylle wird jedoch durch die politische Zensur aus München immer mehr getrübt. Wieder erweist sich Freund Niethammer als Helfer, indem er Hegel eine Professur der philosophischen Vorbereitungswissenschaft und die Stelle als Rektor des Gymnasiums in Nürnberg vermittelt. (325)

Nürnberg – Rektor, Arbeit an der Logik, Familiengründung (1808-1816)

Im protestantischen Nürnberg wird Hegel Rektor des ersten humanistischen Gymnasiums in Deutschland, einer lutherisch-protestantischen Schule. Sein innovativer Philosophieunterricht wird berühmt. Unter seiner Leitung genießt die Schule im Nürnberger Bürgertum ein hohes Ansehen. Mit Niethammer, dem zuständigen Schulrat, reformiert er die Bildungslandschaft. (328f.) Sein Leitmotiv, wie auch schon in früherer Zeit, ist die „Bildung zur Freiheit“. Grundpfeiler dafür ist nach seiner Überzeugung „Sprache und Kultur der klassischen Antike, besonders Wissenschaft und Kunst, ‚das geistige Bad, die profane Taufe‘ auf dem Bildungsweg.“ (332) Die Trennung von Kirche und Staat erachtet er als wichtig und seine Haltung zur protestantischen Kirche ist distanziert. Hegel heiratet 1811 die 21 Jahre jüngere Marie von Tucher; 1813 und 1814 werden die Söhne Karl Friedrich Wilhelm und Thomas Immanuel Christian geboren. (351f.)

Das Hauptwerk Die Wissenschaft der Logik hat Hegel in drei Bänden von 1812 bis 1816 herausgegeben. (363) Mit dem neuen Verständnis von ‚Begriff ‘ ist das begreifende Denken gemeint, das „Signum von Hegels Logik als neuer Metaphysik“. (366) In seiner Philosophie des monistischen Idealismus geht es um die ‚Selbstbestimmung der Idee‘, „um das Denken der Freiheit als das A und O der Philosophie, um Philosophie als Wissenschaft der Vernunft und Wissenschaft der Freiheit.“ (367) Vieweg zufolge kann Die Wissenschaft der Logik „als Wissenschaft des Begriffs gelesen werden“, wobei dabei auch der Übergang zur ‚Idee‘ bestimmt wird. Es geht um das reine Begreifen, wobei Wahrnehmen und Fühlen ausgeschlossen sind. (369) Dieses System der reinen Denkbewegungen gliedert sich dreifach in Allgemeinheit, Besonderheit und Einzelheit. Die abstrakte Allgemeinheit (als vermeintlich Unmittelbares) bildet den Anfang, es folgt der ‚vermittelte Begriff ‘, die ‚Logik des Wesens‘, „das Für-sich-Sein des Begriffs“ und schließlich drittens „die Logik des Begriffs und des Übergangs zur Idee, der Begriff an und für sich als die Wahrheit des Seins und des Wesens.“ (373) Vieweg wählt bezüglich des ‚sich selbst begreifenden Denkens‘, von dem die Logik, das Hauptwerk, handelt, einen aufschlussreichen Vergleich zum Schachspiel:

„Der zum Schachspielen sich Entschließende manifestiert diesen Entschluss durch den den Regeln des Spiels gemäßen eröffnenden Zug, dem jedoch das (Schach-) Denken als Voraussetzung inhärent ist, das den Regeln des Spiels gemäß sein muss.“ (378)

Die absolute Idee wird zum einzigen Gegenstand und Inhalt der Philosophie. Das Wesentliche des Begriffs liegt im Denken des Widerspruchs: Das Dialektische, bei Hegel das „Prinzip aller Bewegung“, treibt über sich selbst hinaus. „Die Philosophie enthält dies Dialektische, dies Skeptische als ein Moment in sich.“ (397)

Professur in Heidelberg (1816-1818)

Mit dem Ruf an die Universität Heidelberg im August 1816 geht Hegels Wunsch, eine erste ordentliche Professur, endlich in Erfüllung. Den Ausschlag gaben wohl die Publikation der Wissenschaft der Logik und Hegels erfolgreiches pädagogisches Wirken in Nürnberg. (415) Die Enzyklopädie mit dem „Grundriss seines philosophischen Systems“ veröffentlicht er 1817. (424) Detaillierte Erläuterungen einzelner Systemteile sind hier nicht zu finden, sie bleiben z.B. der Logik vorbehalten. Für Hegel ist eine philosophische Enzyklopädie kein „Wörterbuch des Wissens“, sondern „ein Ganzes als ‚ein sich in sich selbst schließender Kreis‘, ein ‚Kreis von Kreisen‘“, womit er sich auf das griechische Verständnis von kyklos (Kreis) bezieht. (443)

Seit der Jenaer Zeit ist Hegel mit Johann Wolfgang von Goethe freundschaftlich verbunden. Hegels positive Einstellung zur Farbenlehre Goethes wird von der Hochschätzung Goethes gegenüber Hegels Enzyklopädie erwidert, wie überhaupt der Dichter in dem Philosophen den ersten Denker der Zeit sieht. (429) Analog zu seiner früheren Zeit betätigt sich Hegel auch in Heidelberg politisch, gemäß seiner Überzeugung, politisches Engagement und theoretisch fundiertes Denken müssten korrespondieren. (440) So wirkt er auf die politisierte Studentenschaft ein, um die „nichtnationalistische Strömung“ zu stärken. Neben dieser Strömung in der Heidelberger Burschenschaft, den „Kosmopoliten, auch Hegelianer genannt“, hat es noch eine zweite gegeben, eine teutonische mit „radikaler Deutschtümelei“, eine „ausländer- und judenfeindliche Fraktion“, u.a. mit Jakob Friedrich Fries, dem Dichter Ernst Moritz Arndt und Friedrich Ludwig Jahn, dem ‚Turnvater‘ Jahn. (438)

Nachdem der Rektor und der Senat der Berliner Universität Hegel einen philosophischen Lehrstuhl anbieten, verlässt die Familie Hegel, wozu auch seit der Heidelberger Zeit der uneheliche Sohn Ludwig gehört, Heidelberg im September 1818 in Richtung der Metropole Berlin. (445)

Berlin – „Hegels Aufstieg zur Weltgeltung“ (1818-1831)

Auch in der preußischen Metropole wird Hegel als „einfach, natürlich, liebenswürdig, gemütlich, voll Heiterkeit“ beschrieben. Seinen schwäbischen Dialekt behält er bei, seine Rede wird von Armen und Händen unterstützt. Er ist ein geistreicher und glänzender Unterhalter und findet recht bald in gesellschaftlichen Kreisen Zugang. (453) Da er in seinen Vorlesungen wie in seinen Büchern weiterhin für das freie Denken eintritt und zudem Studenten unterstützt, die „unter Hochverratsverdacht“ stehen, wird er für die reaktionäre Hofpartei unter Fürst zu Sayn-Wittgenstein zu einer potentiellen Gefahr. (458)

Sein Buch Grundlinien der Philosophie des Rechts erscheint im Herbst 1820, obgleich das Titelblatt das Jahr 1821 angibt. Für Vieweg ist es „die antirestaurative Schrift aus dem Bereich der Philosophie.“ (466f.) Dieses Werk von Hegel ist nach seiner Einschätzung das „wirkmächtigste und am schärfsten kritisierte“. (464) Anlass der Kritik ist der berühmte Doppelsatz der Vorrede: „Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig.“ (467, nachzulesen in der Theorie Werkausgabe Bd. 7, 24) Vieweg zufolge gehört dieser Doppelsatz „bis heute zu den am meisten missverstandenen Stellen der gesamten Philosophiegeschichte.“ (467) Für die Kritiker hat Hegel mit dieser Formulierung die „preußische Polizeiwillkür“ als vernünftig erklärt, die „preußische Ordnung“ erhält „vom Weltgeist ihren Segen“. (Ebd.)

Hegel, der die Spitzel der Geheimpolizei fürchtet, hat die Zensoren, so Vieweg, mit diesem Doppelsatz „hinters Licht geführt“. Denn schon die ersten Paragraphen der Rechtsphilosophie erklären das Missverständnis. „Nicht das Gegebene, das Vorgefundene – wie der preußische Staat – sondern die Vernunft ist der Maßstab […], vor dem das ‚Recht‘ sich rechtfertigen muss.“ Zudem heißt es in einer Vorlesungsnachschrift: „Was wirklich ist, ist vernünftig. Aber nicht alles ist wirklich, was existiert.“ (Ebd.) Vieweg legt sehr viel Wert darauf, dass nicht durch eine falsche Auslegung bzw. durch ein Missverständnis die Rechtsphilosophie „als serviles Machwerk“ diskreditiert wird. (Ebd.) Für ihn gibt es seit 200 Jahren „keine vergleichbare Konzeption von Freiheit“, die mit dieser „intellektuellen Kraft“ deutlich wird. Die philosophischen Grundlagen des freien Handelns in der modernen Welt werden ebenso deutlich wie Überlegungen zur Gerechtigkeit.

Ferner wird ein moderner Begriff von Familie herausgearbeitet, die wichtige Unterscheidung von bürgerlicher Gesellschaft und Staat, die Problematik der wachsenden Spaltung zwischen Armut und Reichtum sowie die Grundlage für eine Theorie des sozialen Staats. (471) Vieweg zufolge sind die Paragraphen 5 bis 7 der Rechtsphilosophie die „überzeugendsten Passagen von Hegels Philosophie überhaupt“, da hier „die logische Verankerung von seiner Theorie des freien Willens und Handelns in subtiler Weise vorgeführt“ wird. (475)

In der Philosophie baut er eine eigene Denkschule auf, zu denen u.a. Eduard Gans, Karl Rosenkranz (der eine bedeutende Biographie über Hegel schrieb), Bruno Bauer, David Friedrich Strauß zählen. (563) Zu den bekanntesten und prominentesten Hörern seiner Vorlesungen gehörten u.a. Heinrich Heine, Ludwig Feuerbach, Felix Mendelsohn Bartholdy und August Röbling, der später die legendäre Brooklyn-Bridge in New York erbaut hat. (564) Dass Hegel kein begnadeter Redner ist, ist ja schon in der Tübinger Studienzeit aufgefallen. Vieweg schreibt dazu:

„Seine Rede war schwerfällig, weder flüssig noch klar; er stückelte die Sätze, kramte in Papieren, schnupfte Tabak, krächzte und hustete. Er sprach wie zu sich selbst, ein ‚laute[s] Selbstgespräch‘ eine Art denkende Improvisation […]. Doch die meisten waren von der magischen Kraft des Gedankengangs wie gebannt.“ (565)

Der wachsende Ruhm Hegels, bedingt auch durch seine Berliner Vorlesungen, ließ seine Kritiker nicht ruhen. So wird der einflussreiche Friedrich Schleiermacher mit seiner Gefühlstheologie in Berlin zu seinem bedeutendsten Gegenspieler. Hegel kritisiert dessen Theologie deutlich und wirft ihm eine „Theologie der Knechtschaft“ vor. (632) Für Hegel ist es ein Glück, Kultusminister Altenstein hinter sich zu wissen. (568) Und so erfährt Hegels akademische Laufbahn 1829 ihre „Krönung“: Hegel wird zum Rektor der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin gewählt. (662) Als die dritte Ausgabe der Enzyklopädie im Herbst 1830 und im Januar 1831 erscheint, ist er froh, das Amt des Rektors wieder abgeben zu können, da es ihn viel Zeit und Kraft gekostet hat. (664)

Hegels Credo lautet: „Nicht Revolution contra Reform, sondern Revolution möglichst durch Reformen.“ Dies bezieht er auch auf Preußen, wo keine Gleichheit vor dem Gesetz herrscht, wo Pressefreiheit und eine konstitutionelle Struktur fehlen, wo eine unzureichen-desoziale Gestaltung der Gemeinschaft besteht und Reformversprechen nicht eingehalten werden. (666) Nach Beginn des Wintersemesters 1831 erkrankt Hegel plötzlich sehr schwer und stirbt am 14. November. Gemäß seines Wunsches erhält er sein Grab auf dem Städt. Dorotheen Friedhof in Berlin neben den von ihm geschätzten Johann Gottlieb Fich-te und Karl Wilhelm Friedrich Solger. (672)

Fazit

Klaus Vieweg hat mit seinem Buch sicherlich ein neues Standardwerk geschaffen, das den Lebensweg von Hegel mit der Entwicklung seiner systematischen Philosophie verbindet. Dabei legt er großen Wert auf die inhaltliche Erklärung der Hauptwerke Phänomenologie, Logik, Enzyklopädie und Rechtsphilosophie. Hegel zu lesen und auch zu verstehen ist schwierig, was auch auf Teile dieser Biographie zutrifft, zumindest in ihrem theoretischen Teil.

Man merkt dem Autor an, wie sehr er Hegels Philosophie schätzt, und trotzdem ist diese Biographie kein Heldenepos. Das zentrale Anliegen von Vieweg, Hegel als „Philosoph der Freiheit“ darzustellen und nicht, wie dies oft geschieht, als einen preußischen Staatsphilosophen, gelingt ihm in klarer und präziser Weise. Überhaupt arbeitet der Autor seht detailliert und außerordentlich materialreich. Die Entwicklung von Hegel, sein lebensgeschichtlicher Denkweg, seine ihn beeinflussenden privaten, inhaltlich-philosophischen und vor allem auch politischen Verhältnisse werden sehr genau herausgearbeitet. Denn Hegel war ein zutiefst politischer Mensch, dem die Freiheit des Denkens und Handelns ein großes Anliegen war.

Auch über Hegels naturwissenschaftliche, musikalische und künstlerische Kenntnisse erfährt der Leser Neues, nicht zuletzt auch über seine Liebe zum Wein. Etwas schade finde ich, dass die große Wirkung Hegels auf Ludwig Feuerbach und vor allem auf Karl Marx kaum Erwähnung findet. Seine große Wertschätzung für beide Philosophen, für Hegel wie für Feuerbach, trotz aller Kritik an ihnen, macht Marx in der folgenden Textstelle deutlich:

„Von Feuerbach datiert erst die positive humanistische und naturalistische Kritik. Je geräuschloser, desto sichrer, tiefer, umfangreicher und nachhaltiger ist die Wirkung der Feuerbachischen Schriften, die einzigen Schriften seit Hegels ‚Phänomenologie‘ und ‚Logik‘, worin eine wirkliche theoretische Revolution enthalten ist.“ (MEW 40, 468)

Aus dem Gesagten soll deutlich werden, dass man, im Gegensatz zu manch anderen Deutungen, Marx nicht von Hegel abtrennen darf. Aber diese Kritik soll den sehr positiven Gesamteindruck der monumentalen Biographie nicht wirklich schmälern.

Wolfgang Kastrup ist Mitglied der Redaktion und des AK Kritische Gesellschaftstheorie.

 

Vieweg, Klaus
Hegel. Der Philosoph der Freiheit.
2. Auflage, München 2019: Verlag C.H. Beck
Gebunden, 824 Seiten, 34,00 Euro
ISBN 9783406742354

Tags: , ,

Drucken Drucken
 

No comments

Be the first one to leave a comment.

Post a Comment