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Das Strittige einer Wissensgesellschaft

 

Von Klaus Gloy. Erschienen in DISS-Journal 17 (2008)

Der Ausdruck Wissensgesellschaft stammt ursprünglich aus den Bereichen „Wissenssoziologie“ und „Analyse der Gesellschaftsformation“ und charakterisiert eine Epoche nach der Industriegesellschaft. Aber früh argwöhnten Kritiker, dass es sich bei diesem Ausdruck – nach einer „Risikogesellschaft“ und nach einer „Erlebnisgesellschaft“ – womöglich nur um eine neue schnelllebige Deutungsmode handelt, die schon bald wieder durch eine andere abgelöst sein wird. Und die prompte Übernahme dieser Bezeichnung in politischen Debatten und die Relevanz, die ihr v.a. im Bereich schulischer und universitärer Reform-Überlegungen zugeschrieben wurde, haben den Eindruck, dass es sich um ein wohlfeiles Schlagwort handelt, ebenfalls eher verstärkt als zerstreut.

Allerdings: auch Schlagworte zeitigen gemäß dem Thomas-Theorem Wirkungen: if men define situations as real, they are real in their consequences. Und zu diesen Wirkungen zählt insbesondere, dass der Bildungsauftrag von Bildungseinrichtungen in den derzeit vorherrschenden Debatten und Maßnahmen verengt wird auf Wissenspensen und Fertigkeiten (Kompetenzen). Mehr noch: Bildung degeneriert häufig zu einer Heuchelei, „dann nämlich, wenn sie […] nicht mehr als ein Fitnessprogramm für die Bedienung der Wirtschaft darstellt.“1

Damit ist die Tür zu einer äußerst vielschichtigen Problematik aufgestoßen. Es geht dabei letztlich um die Frage nach dem Verhältnis von Bildung und Wissen (z.B. als eines der Synonymität, des wechselseitigen Ausschlusses oder der Implikation) und der Zeitgemäßheit, überhaupt danach zu fragen. Nicht dieses aber mache ich hier zum Thema, sondern eine Vorstufe jener Problematik, nämlich die Janusgesichtigkeit des Konzepts Wissensgesellschaft.2

Kennzeichen der Wissensgesellschaft (in ungewichteter Reihenfolge):

a) Eine Wissensgesellschaft gründet in allen ihren Tätigkeiten auf Wissen und dessen Austausch; man sagt deshalb, sie sei wissensbasiert (Arbeiten, die von Informationen statt Wissen sprechen, nennen sie deshalb auch Informationsgesellschaft).

b) Das Wissen wird in der Wissensgesellschaft zur zentralen Produktivkraft und zur Ware.

c) Die Wissensgesellschaft schreibt dem Wissen eine fast uneingeschränkte Kapazität zu, Probleme zu lösen.

d) Die Wissensvermittlung der Wissensgesellschaft basiert auf den neuen Medien Computer und Internet. Solche Basierung kann sowohl zur Demokratisierung als auch in eine neue Monopolisierung von Wissen führen.

zu a):

Natürlich gilt für alle Gesellschaftsformen, dass sie sich mithilfe von Wissen produzieren und reproduzieren; sie haben dafür auch Traditionen der Weitergabe (ein Schulund Ausbildungswesen) entwickelt und mehr oder weniger fest umrissene (normierte) Bestände dessen, was weitergegeben werden soll („Lehrpläne“). Das allein kann also nicht das Kennzeichen einer Wissensgesellschaft sein.

Mit „Wissensbasierung“ wird etwas Spezielleres angesprochen; man meint damit, dass Tätigkeiten und Handlungsanleitungen zunehmend mithilfe von Fachwissen begründet und gestaltet werden.

Von einer „Verwissenschaftlichung der Tätigkeiten“ kann man allerdings nur dort sprechen, wo das Fachwissen von Wissenschaften und Technologie zur Verfügung gestellt wird. Hier scheint am Primat der Wissenschaft als Erkenntnisquelle nicht gerüttelt zu werden. Ob das aber auch für die Menge der Wissen vermittelnden Dienstleistungen zutrifft, die heute im Beratungssektor zu beobachten sind, erscheint eher zweifelhaft und vollends, ob die dort angestrebten schnellen praktischen Lösungen den Standards der wissenschaftlichen Wissensgewinnung genügen. Die paradoxe Folge der Wissensbasiertheit ist also: Einerseits dringt Fachwissen zunehmend in Alltagsbereiche ein, andererseits wird es umgestaltet und dabei seines Ursprungs entkleidet oder es speist sich gar aus Bereichen, die als Fachwissen nicht offiziell anerkannt sind, wie z.B. das astrologische „Fachwissen“.

Ein Strittiges der Wissensgesellschaft ist deshalb: Gebührt dem durch Wissenschaft gewonnenen Wissen weiterhin eine Monopolstellung oder hat es diesen Gültigkeitsanspruch verloren; ist das wissenschaftlich gewonnene Wissen also weitgehend delegitimiert – z.B. zugunsten schneller Lösungen, die sich praktisch bewährt haben, oder Lösungen, die gar nicht traditionell basiert sind?

zu b):

Das Wissen einer wissensbasierten Gesellschaft wird nicht mehr wie früher von einer geistigen Elite erzeugt, sondern auf der Agora, dem Marktplatz, verhandelt. Das Bild des Marktplatzes ist Sinnbild eines zweiten Streitpunktes über die Wissensgesellschaft.

Die Rezeption dieses Bildes sollte sich aber nicht von dessen Eingängigkeit verführen lassen: Der Marktplatz steht zwar zum einen für die Öffentlichkeit des Zugangs und für eine demokratische Produktion des Wissens, zum anderen aber auch für die Ökonomie, d.h. für die Regeln, nach denen Waren produziert und veräußert werden.

Einerseits wird Wissen zur Ware und muss – wie zuvor in der Industriegesellschaft die Arbeitskraft – ver- und gekauft werden. Das aber heißt: Aus der Möglichkeit von Wissen als Allgemeingut (Allmende) wird faktisch ein Besitz weniger, z.B. in Form von rechtlich geschütztem Wissen oder in Form von Expertenwissen. Aus dem ehemaligen Allgemeinwissen „Wie brate ich eine Bulette?“ wird ein Knowhow, das unter einem Markennamen patentiert und (so das franchising) an andere Firmen weitervermietet wird. Anderes Allgemeinwissen – wie z.B. Ratschläge für das gute Benehmen oder für die zu tragenden Kleidungsfarben – wird (z.T. nach gesetzlichen Normen) in professionalisierte Kenntnisse umgewandelt und zu (geschützten) Dienstleistungen gemacht.

Andererseits werden die Zugangsmöglichkeiten zu Wissen nicht nur, wie in den bisherigen Beispielen, kontrolliert, sondern auch geöffnet. Beispiele dafür lassen sich in den zahlreichen Dienstleistungen finden, die man auch ohne formale Qualifizierung ausüben kann; ferner in Projekten wie Wikipedia, in denen jede Person zum Mitarbeiter an einer großen Enzyklopädie werden kann, oder in diversen Internet- Foren, sogenannten chats und blogs. Strittig bleibt allerdings derzeit noch, ob diese Kommunikationsformen die in sie gesetzten Hoffnungen erfüllen (können), „Politik mit der mouse“ zu betreiben.

zu c):

Die Wissensbasiertheit der Wissensgesellschaft entspringt einer bestimmten optimistischen Einstellung zum Wissen. Diese besagt: Die Unsicherheiten, die wir gelegentlich bezüglich des Erfolgs unserer Handlungen haben, sind vorübergehend und behebbar; sie sind nicht grundsätzlicher Natur, sondern entstehen lediglich durch Lücken im Wissen und verschwinden folglich durch die Erzeugung weiteren Wissens. Sollten sich wirklich einmal unvorhergesehene Folgen einstellen, so werden diese rechtzeitig genug erkannt, um abgestellt oder unschädlich gemacht werden zu können. In diesem Sinne wird z.B. die friedliche Nutzung von Kernkraft verteidigt, glaubt man ansteigende Meeresspiegel mit Deichbaumaßnahmen und Sperrwerken wirkungsvoll bekämpfen zu können oder meint die Ausbreitung genmanipulierten Saatgutes auf Felder mit herkömmlichem Saatgut durch Sicherheitsabstände zwischen den Anbauflächen verhindert zu haben. Kurz: Laut dieser Grundhaltung sind die Folgen menschlichen Handelns, auch etwaige sich ergebende Risiken, jeweils mit Wissen beherrschbar.

Der so bekundete Wissens- und Wissenschaftsoptimismus verhindert aber nicht, dass in der Öffentlichkeit Skepsis und Ängste vor den Folgen menschlichen Handelns weit verbreitet sind. Und diese Sorgen berufen sich in großem Maße ebenfalls auf Wissen, z.B. darauf, dass Nachbesserungen immer nur eine Zeitlang halten oder dass das Aktivieren von noch mehr Wissen die zu behebenden Unsicherheit oftmals nicht beseitigt, sondern im Gegenteil umso mehr konkurrierende Lösungsvorschläge, also neue Unsicherheit, nach sich zieht. Mit einem Wort: dem Wissensoptimismus steht die Überzeugung eines prinzipiellen Nichtwissens, das sich durch kein Mehrwissen beseitigen lässt, gegenüber.

Das hier zutage tretende Strittige einer Wissensgesellschaft betrifft deshalb die Alternative: Risiken könnten mit Wissen beherrschbar gemacht werden vs. Risiken seien letztlich nicht beherrschbar, und deshalb habe eine Gesellschaft nicht in erster Linie zu entscheiden, welches Wissen sie gegen Risiken mobilisieren will, sondern, welches Risiko (und wie viel davon) diese Gesellschaft mit ihrem Handeln auf sich nehmen will.

zu d)

Die Wissensbasiertheit geht einher mit der Entstehung eines globalen Wissensvorrats; PC und Internet werden die neuen Wissensträger. Das beinhaltet dreierlei:

(i) der Zugang zu Wissen ändert sich. Jede Medienrevolution ändert den Zugang zu Wissen, die Schrift, das Buch, das Internet. Und für jede gilt: Nur jenes Wissen, das in der neuen Mediengestalt vorliegt (also z.B. verschriftlicht, z.B. gedruckt, z.B. als Interneteintrag), bleibt sichtbar und relevant. Während früher aber das Medium Schreiben nur von bestimmten Gruppen gelernt wurde und Bücher nur nach besonderer Ausbildung verstehend gelesen werden konnten und ihr Besitz einigen Reichtum voraussetzte, ist das heutige Medium Internet jedem zugänglich – jedenfalls ist der Zugang zu ihm nicht mehr an eine formale Ausbildung oder an besonders hohe Kosten gekoppelt. Allerdings erfordert es spezielle, keineswegs nur technische Nutzungsfähigkeiten, ohne die die zugänglichen Daten weder interpretiert noch evaluiert werden können, also kaum den Status von Informationen, geschweige denn von angeeignetem Wissen erlangen.

(ii): die Produktion von Wissen ändert sich. Zum primären Fachwissen tritt ein medial vermitteltes Metawissen hinzu. Dieses gilt als „Bedienungswissen“, mit dem das Fachwissen zu einem schnell produzierbaren und reproduzierbaren Wissen umgeformt wird. Es soll in modularer Form verfügbar sein und damit dem Individuum ermöglichen, sich ein persönliches Benutzerprofil zusammenzufügen. Wissen wird damit tendenziell nach Strategien der lokalen Problemdefinition und der schnellen Auswechselbarkeit (Kriterium: die je funktionierende Lösung) aufgebaut.

(iii): der Umgang mit Wissen wandelt sich. Systematisches Fachwissen wird – im Gefolge dieser veränderten Wissensproduktion – als verzichtbar dargestellt. Wissenschaftliches Wissen wird zum Risikofaktor, weil es keine Gewissheiten mehr produziert.

Am Ende die Frage: Ist der zuletzt angesprochene Verzicht auf die Autonomie / Hegemonie der Wissenschaft aus der Enttäuschung zu verstehen, dass die Wissensproduktion der Wissenschaft nicht zu erhofften Gewissheiten führt; als ein Verwerfen jener Kantischen Bestimmung also, dass der Sinn von Wissenschaft sei, gerade die Ungewissheit des Wissens als Prinzip der Wissensproduktion zu institutionalisieren? Diese Frage ist von der Sorge getragen, ob denn zwischen einer dogmatischen Wissenschaft und einem beliebigen Dafürhalten tatsächlich kein Raum mehr gedacht werden will oder kann, in dem sich Wissen und Erkenntnis nach derzeit guten Gründen und kooperativ, also in einem emphatischen Sinne diskursiv entwickeln lässt.

  1. Manfred Prisching: Bildungsideologien. Ein zeitdiagnostischer Essay an der Schwelle zur Wissensgesellschaft. Wiesbaden 2008, 30. []
  2. Aber nicht einmal dieser Janusgesichtigkeit werde ich (aus Platzgründen) in der Komplexität, in der Franz Januschek und ich sie derzeit miteinander diskutieren, gerecht. Ihm danke ich an dieser Stelle herzlich für den fruchtbaren Streit. []

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