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Der Irak-Krieg 2003

 

Viereinhalb strategische Konzepte angesichts des 3. Ölkriegs 2003. Von Jürgen Link. Erschienen in DISS-Journal 11 (2003) (= Gemeinsames Sonderheft des DISS-Journals und der kultuRRevolution zum Irak-Krieg)

1. Eskalationsstrategie »aggressiv« (Bush-Regime) – oder von der »flexiblen Antwort« zur »flexiblen Herausforderung«

Der Begriff »Strategie« wird hier (wie schon immer in der Zeitschrift »kultuRRevolution«) analog zu Clausewitz benutzt. Er bezieht sich dann (im Gegensatz zu »Taktik«) nicht auf das Problem, wie man einzelne »Gefechte« (und sinngemäß »Phasen des Krieges «) gewinnt, sondern auf die fundamentalen Prinzipien des Krieges als Gesamtereignis, d.h. auf das jeweils zugrunde liegende Gesamtkonzept von Krieg einschließlich seiner Basisregeln. Das Gesamtkonzept, das der Westblock im Kalten Krieg entwickelt und in der NATO-Doktrin resümiert hatte, kann man am besten als »Eskalationsstrategie« kennzeichnen. Dem entsprachen die Schlagwörter »deterrence«, »retaliation«, »flexible response«. Dabei sollte die »Abschreckung« darin bestehen, daß der Gegner fest mit militärischen Schritten der »Vergeltung« rechnen mußte (credibility), falls er den Westblock militärisch »herausfordern« (»challenge«) sollte. Dabei wurden die eigenen militärischen Schritte (»flexible response«) ausdrücklich als »Antwort« definiert, d.h. von entsprechenden ›ersten‹, »herausfordernden« militärischen Schritten des Gegners abhängig gemacht.

Im Begriff der »Flexibilität« dieser angedrohten »Antwort« lag als Kern das Eskalationsprinzip. Dieses Prinzip besitzt einen technischen und einen militärpolitischen, also eigentlich »strategischen«, Aspekt. Die Armeen moderner Weltmächte verfügen (im ›qualitativen‹ Unterschied zu Warlord-Armeen der unteren Normalitätsklassen, also zu den nach Herfried Münkler »neuen Kriegen«) über eine ›Klaviatur‹, über ein Dispositiv aus gestuft »konventionellen« und exterministischen High-Tech-Waffensystemen, das prinzipiell eine nach oben offene »Drohkulisse« darstellt, wobei die ABCWaffen samt ihren High-Tech-Trägersystemen die eigentliche ›Wahrheit‹ dieser Strategie darstellen. Innerhalb der Eskalationsstrategie als fundamentalem Gesamtkonzept sind also auch die »konventionellen « Waffensysteme stets und überall überdeterminiert durch die im Hintergrund potentiell drohenden ABC-Waffen. Der strukturelle Kern der Eskalationsstrategie, ihr ›Herz‹, besteht also aus einer totalen, total und in jeder Beziehung entgrenzten, potentiell die gesamte Welt zu vernichten fähigen, also wahrhaft »apokalyptischen « Destruktivkraft, die füglich als »exterministisch« im engen Sinne zu bezeichnen ist. Eskalationsstrategie meint demnach nichts anderes als strukturelle Siegesgarantie gegenüber jedem Gegner, der nicht selbst über das exterministische ABC-Potential verfügt. Die Blindheit für diese strukturelle Dominanz der exterministischen Eskalationsstufen innerhalb jeder Spielart von Eskalationsstrategie liegt allen Thesen zugrunde, die den Interventionen des Westblocks in völlig anachronistischer Weise noch immer das apologetische Label des »gehegten Krieges« und des »Zivilisationsprozesses« nach Norbert Elias ankleben möchten. Die strukturell glaubhafte Drohung mit der Apokalypse macht vielmehr umgekehrt den ›qualitativen‹ Unterschied zu den »neuen Kriegen« der unteren Normalitätsklassen aus, deren Greuel dadurch selbstverständlich nicht weniger grauenhaft werden – das erklärt ebenfalls die Problematik der »Massenvernichtungswaffen « als von Versuchen ›unterer‹ Militärklassen und Warlords, sich ein exterministisches Dispositiv zu beschaffen, um bei der Eskalationsstrategie ›mitziehen‹ zu können.

Entsprechend dieser fundamentalen Logik der Eskalationsstrategie, nach der jeder »konventionelle« Kriegsakt strukturell überdeterminiert ist durch die exterministischen Dispositive, widerspricht jede »Deckelung« (»ceiling«) der Eskalationsleiter (z.B. der Verzicht auf den atomaren Erstschlag oder gar der prinzipielle Verzicht auf den Einsatz von ABC-Waffen) fundamental jeder Spielart dieser Strategie. Insofern war es bloß logisch, wenn das Pentagon bei jedem Eskalationskrieg (so auch jetzt wieder) den Schritt über die ABC-Schwelle von vornherein und ganz offen nicht prinzipiell ausschloß. Die nun in Gang gesetzte Entwicklung der »Mini-Nukes« ist die nur logische »Weiter«-Entwicklung; sie soll die Strategie flexibilisieren, indem sie es ermöglicht, den bisherigen großen Eskalationsschritt in ein Kontinuum zu verwandeln – so gleitet man in den Atomkrieg.

Neues im Westen: Die Eskalation der Eskalationsstrategie ins Präventive durch das Bush-Regime

Die ausführlichste selbstbeschreibende Literatur über die Eskalationsstrategie wurde anläßlich des Vietnamkriegs von Robert McNamara, Henry Kissinger und anderen ausformuliert. Das geschah nicht zufällig angesichts einer Krise des Konzepts: Als die aktiven Elemente eines Volkes sich dem grenzenlosen Horror der »konventionellen« Eskalationsstufen (bloß »normale« Bombardements, »bloß« Agent Orange und Napalm) nicht unterwarfen, stand die Frage nach dem Atomschlag absolut ernsthaft auf der »Agenda« und wurde von Teilen des Pentagons befürwortet. Sie wurde ganz sicher nur wegen des Risikos eines Atomkriegs mit der Sowjetunion und/oder China verworfen. Damit aber war der Krieg verloren.

Alles weitere (bis jüngst zu den »Mini Nukes«) sind »Lehren aus Vietnam«: Abschaffung der Wehrpflicht, Blitzkriegskonzept, Ausbau der höchsten »konventionellen« Stufe, der massiven Luftschläge, auf High-Tech-Basis zu einem »taktischen« Äquivalent exterministischer Stufen, Dominanz dieser Stufe massiver Luftschläge innerhalb des (»taktischen«) Kriegskonzepts (Air-Land- Battle). Dieses Konzept wurde der »neuen«, global interventionistischen NATO-Strategie zugrunde gelegt, und mit ihm wurden die Kriege von 1991, 1995, 1999 und 2001 (Afghanistan) geführt und gewonnen.

Nach dem 11.9.2001 erfolgte dann eine wahrhaft ›revolutionäre‹, wahrhaft ›qualitative‹ Erweiterung dieser schon genügend schreckenerregenden Eskalationsstrategie durch das Regime des jüngeren Bush: Der Terminus »response« in »flexible response« wurde sozusagen gestrichen. Die bis dato noch behauptete Abhängigkeit der eigenen (reaktiven) Eskalationsschritte von vorgängigen (provokativen) Eskalationsschritten des Gegners wurde gestrichen und durch das Präventionsprinzip ersetzt. Strukturell gesehen, wurde damit ein zweiseitiges, korrelatives Eskalationskonzept durch ein einseitiges ersetzt: Nicht länger der Gegner ›fordert heraus‹ (»challenge«) – die Eskalationsstrategie besetzt vielmehr selbst auch noch das »challenge« und ›fordert‹ selbst ›heraus‹ (wodurch der Gegner zum »Kooperationsunwilligen« wird). Die Eskalationsleiter kann nun völlig ›autopoietisch‹ in Gang gesetzt werden und abspulen – sie ist von keinem ›objektiv‹ militärischen Szenario mehr abhängig, es genügen künftig »symbolische«, z.B. moralisierende flankierende diskursive Maßnahmen (die Menschen von bösen Regimen befreien und ihnen gute Regime schenken). Das Pünktchen auf dem i dieser ins Aberwitzige eskalierten Eskalationsstrategie wäre die Wiedergewinnung des risikofreien atomaren Erstschlags durch NMD (National Missile Defense, die neue Version von »Star Wars«). Die ersten dieser Systeme sollen an der Westküste der USA (d.h. gegen China) in Stellung gebracht werden. Damit soll die Möglichkeit geschaffen werden, China ggf. mit Atomraketen anzugreifen und chinesische Gegenraketen dann mit NMD abzufangen.

2. Eskalationsstrategie »defensiv« (Chirac, Fischer, EU)

Wie es die CDU/CSU immer wieder korrekt klargestellt hat: Auch die »Linie Chirac«, deren ursprünglich noch unspezifische Fassung als Minimalkonsens von der EU und insbesondere auch der Regierung Schröder-Fischer abgesegnet wurde, »schließt den Krieg als letzte Option nicht aus«, ist also eine Spielart der Eskalationsstrategie. Obwohl es noch nicht alle gemerkt zu haben scheinen: Die »Linie Fischer« stimmt damit 100prozentig überein. Gegen Merkel sagte Fischer: »Krieg ist die letzte Option, und nicht schon die nächste.« Dieser Aussage liegt geradezu ›klassisch‹ die nach oben offene Eskalationsleiter als strategisches Fundamentalprinzip zugrunde. Daß es Fischer damit ernst ist, hat er 1999 bewiesen, als er (trotz des noch viel kürzeren »Zeitfensters« damals in Rambouillet als heute beim Blix-Prozeß) ganz flott bereits »die letzte Option« gekommen sah und 55000 (fünfundfünfzigtausend) Lufteinsätzen gegen Jugoslawien zustimmte (die Wirkung eines einzigen solchen »Luftschlags« haben wir diesmal dank Al Jazirah auf den Bildschirmen sehen können, wenn wir nicht wegschauen mußten – in Belgrad, Prishtina, Novi Sad usw. sah es damals genauso aus und hörte es sich genauso an: und nun versuche, wer dies liest, sich die Wirkung von 55000 solcher Einsätze vorzustellen). Der Krieg von 1999 wurde unter Beteiligung deutscher Tornados nach der NATOEskalationsstrategie geführt, die vom Pentagon inspiriert ist: Dominanz einer per High-Tech möglichst ins Exterministische hochgefahrenen »konventionellen« Luftkriegsstufe und Blitzkrieg von Professionellen, dabei aber immer strukturelle Drohung auch mit den ABC-Stufen.

Gegen Mißverständnisse: Da es bei diesen grauenhaften Eskalationskriegen nicht darum geht, bloß beobachtend und interpretierend ›richtige‹ Überzeugungen unter bereits Überzeugten »am Beispiel des Krieges« festzuklopfen, sondern darum, die zunehmend kriegsdrohende Lage und sei es minimal zu verändern, ist es gegenüber 1999 ein enormer Fortschritt, daß Frankreich und Deutschland diesmal die »defensive« Spielart der Eskalationsstrategie vertreten haben. Diese Spielart setzt gegenüber der »aggressiven« auf langsamere Eskalation, auf größere »Zeitfenster«, nichtmilitärische Kontrollmaßnahmen, geringere Eskalationsdrohungen und die Möglichkeit diplomatischer Kompromisse. Einiges spricht auch dafür, daß Chirac mit seinen »Alteuropäern« das »response« in »flexible response« nicht zu streichen bereit ist, daß er also präventive Eskalationskriege ablehnt. Die wertvollste Konsequenz dieser Position ist eine symbolische Entwicklung mit Eigenlogik: Der endlich offen artikulierte Gegensatz zwischen der aggressiven und der defensiven Spielart hat sich symbolisch selbständig gemacht und den »Alteuropäern« den Umfall zunächst immer mehr erschwert und dann innerhalb des knappen von Bush vorgegebenen »Zeitfensters « definitiv unmöglich gemacht. So konnte (und kann) es anders als im schwarzen Jahr 1999 zu punktuellen faktischen Bündnissen mit pazifistischen und deeskalationsstrategischen Positionen kommen, was vorsichtige Hoffnungen ermöglicht.

Gerade um solche Möglichkeiten nicht zu verschenken, bleibt aber die analytische Klarheit darüber unabdingbar, daß die defensive Spielart der Eskalationsstrategie nicht mit Deeskalationsstrategie zu verwechseln ist. Deshalb wäre es allerdings für die Zukunft äußerst kontraproduktiv, die Leiche 1999 ungestört im Keller verwesen zu lassen, statt sie genau wie die Opfer der Massaker aller Seiten einer analytischen Autopsie zu unterziehen.

Enorm kostbar an der aktuellen »defensiven« Position »Alteuropas « war und ist ferner der Beweis, daß die Welt keineswegs untergeht, wenn »wir« einer Zumutung aus Washington »sorry« sagen. 1999 hatten uns Schröder und Fischer mit diesem Weltuntergang gedroht. Jetzt ist bewiesen, daß »wir« auch 1999 schon hätten »sorry« sagen können, ohne den Weltuntergang zu riskieren – im Gegenteil hätte »uns« das rechtzeitige Nein damals manchen Ärger von heute erspart.

Europa mit einer Superstreitmacht voll eskalationsfähig machen? (Aber gegen wen eigentlich?)

Es gibt keinen ›schöneren‹ Beweis für das über die Chirac-Fischer-Strategie Gesagte als die »Lehre«, die diese EU-Richtung nun aus dem 3. Ölkrieg ziehen möchte: Angeblich muß Europa jetzt noch mehr aufrüsten und zwar entsprechend den Dispositiven des Pentagon: High-Tech-Systeme, globale Blitzkriegsdispositive, professionelle Krieger usw. Dieses Konzept, auf das sich der hegemoniale mediopolitische Diskurs einschließlich Schröder sofort wie verrückt gestürzt hat, ist von geradezu bestürzender Absurdität: Ein solches militärisches Dispositiv kann ausschließlich der Eskalationsstrategie folgen, wozu der Aufbau »glaubhafter« Drohungen gehört, wozu wiederum exemplarische Realisierungen der Drohungen gehören usw. usque ad apocalypsin. Gegen wen in drei Teufels Namen aber kann eine solche europäische Streitmacht gerichtet sein? Etwa gegen die USA? Da sei nun wirklich Gott oder der Teufel vor. Wenn aber nicht gegen die USA, dann also unter ihrem Kommando – was sich auch billiger haben läßt. Wenn aber weder das eine noch das andere, dann bleiben bloß noch »eigenständige« europäische Eskalationskriege, etwa postkolonialen Typs in Afrika – und so sehr wir alles tun sollten, ein enges Bündnis mit Frankreich auf der Basis einer Deeskalationsstrategie zu fördern, so kann das nicht heißen, neokoloniale und rüstungsindustrielle Interessen zu bedienen. Im Gegenteil bietet gerade die Situation im 3. Ölkrieg optimale Bedingungen, um die Forderung nach einer europäischen Superstreitmacht in ihrer ganzen Absurdität gegenüber der Öffentlichkeit ganz Europas darzustellen, nicht zuletzt auch, weil ja in der aktuellen Wirtschaftslage jeder zusätzliche Euro für die Rüstung direkt einen Euro weniger für die sozialen Netze bedeutet, in Frankreich genauso wie in Deutschland.

Wer aber die Absurdität einer europäischen Superstreitmacht rational eingesehen hat, wird zugänglich für die Einsicht, daß Europa (und die UNO) eine Autonomie gegenüber dem eskalierten Eskalationsprinzip des Bush-Regimes letztlich nur auf der Basis einer intelligenten Deeskalations-Strategie werden entwickeln können (s.u.).

2a. Rätsel Schröder

Vor dem Hintergrund des bisher Gesagten bleibt Schröders frühzeitige feierliche Festlegung, die Bundeswehr werde unter keinen Umständen doch noch eigenständig und direkt am Krieg teilnehmen, rätselhaft. Denn es handelte sich dabei eindeutig um ein »Deckelungs«-Versprechen und damit um einen prinzipiellen Bruch mit der Eskalationsstrategie (was den Unterschied zu Chirac und, wenn man genauestens hinhörte, auch zu Fischer – und sogar zu Schorlemmer in Berlin am 15. Februar – ausmacht). Es gibt für Schröders ›Ausscheren‹ nur zwei mögliche Gründe: entweder puren Wahlkampfopportunismus – oder die Furcht vor relativ sehr hoch eingeschätzten Risiken von Denormalisierung (eine prinzipielle Ablehnung der neuen, präventiven Eskalationsstrategie des Bush-Regimes hätte keine »Deckelung« gefordert, siehe Chirac). Was das Risiko betrifft: In der Tat hängt seit dem Platzen der New Economy im Frühjahr 2000 noch immer das Damoklesschwert einer neuerlichen Depression wie in den 1930er Jahren über der Weltwirtschaft. Offenbar sieht das Bush-Regime im Irakkrieg sogar eine »unique opportunity«, um den Kreditnahme- und Kaufoptimismus der amerikanischen middle class, an dem die globale Wirtschaft hängt, wieder aufzugeilen: »Kursfeuerwerk« aller »Märkte« als Begleitung zum Raketenfeuerwerk in Bagdad, angekurbelt von billigem Sprit sowie von der Rüstungs- und insbesondere Rüstungstechnologie- Industrie. Besaß Schröder Informationen konkreter Szenarien von Anschluß-Eskalationen um Syrien und den Iran, etwa ausgelöst durch eine große Anti-Terror-Operation gegen Hisbollah im Libanon, die die »Märkte« statt nach oben nach unten reißen könnten?

3. Die global-pazifistische Position

Das ist die Position des bedingungslosen Nein zu diesem Krieg wie zu jedem Krieg, wie sie am besten in der schönen Parole »Krieg ist Terror« zum Ausdruck kommt. Ein taktisches Manko dieser unterstützenswerten Position ergibt sich immer dort, wo sie sich nicht genügend konkret auf die realexistierende Eskalationsstrategie und ihre Spielarten, d.h. auch ihre internen Widersprüche, einläßt. Genau das versucht deshalb die in der »kultuRRevolution« seit über 20 Jahren entwickelte und vorgeschlagene:

4. Intelligente Deeskalations-Strategie

Auch hier ist der Begriff »Strategie« zu betonen. Natürlich können auch im Rahmen der Eskalationsstrategie einzelne konkrete Deeskalationsschritte (»taktisch« im Sinne von Clausewitz) ›eingebaut‹ werden. Dabei erfolgen solche zeitweiligen Deeskalationsschritte jedoch vor der Hintergrund der aufrechterhaltenen Drohungen – man behält sich jederzeit neue Eskalationsschritte vor. Typische Beispiele sind Fischers Linie eines »befristeten Bombenstopps « auf dem Bielefelder Kriegsparteitag der Grünen im Frühjahr 1999 oder jüngst die Taktik eines »fließenden Siegs« der Truppen des Pentagons im Irak.

Demgegenüber erklärt die Deeskalationsstrategie von vornherein in einem Konfliktszenario die »Deckelung« gegenüber nicht bloß den exterministischen, sondern auch den »konventionellen« militärischen Eskalationsstufen, also die Beschränkung auf nichtmilitärische Maßnahmen wie konkrete Abrüstungsschritte auf Gegenseitigkeit (s.u.), Waffenembargos, technische Know-how-Blokkaden, Inspektionen wie im Blix-Prozeß usw. oder auf wirkliche Blauhelmeinsätze nach Hammarskjöld (s. dazu die Initiative Intelligente Deeskalations-Strategie = IIDS).

Damit werden Schritte der Deeskalation als strategische Schritte möglich. Dabei tritt an die (strategische) Stelle des deterrence-Prinzips, also der Drohung mit Gewalt und Krieg, das Prinzip der Abrüstung per Reziprozität (auf Gegenseitigkeit). Zum konkreten Fall Irak: Hätte die UNO ihre Inspektoren beauftragen können, z.B. als ersten Schritt sämtliche BC-Waffen reziprok, d.h. nicht bloß im Irak, sondern auch bei den ständigen Mitgliedern des Sicherheitsrats zu inspizieren und zu beseitigen, so wäre mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die »volle Kooperation« des Irak leicht zu erreichen gewesen. Man stelle sich den weltweiten Jubel und damit die Entschärfung des Prestige-Faktors vor! Undurchführbar? Aber warum?

Es würde die Friedensbewegung m.E. substanziell stärken, wenn sie sich mit solchen und ähnlichen konkreten und technisch durchaus realisierbaren Alternativen mit Reziprozität auf die konkrete Eskalationsstrategie, mit der sie es zu tun hat, einlassen würde. Es gibt historisch sehr verschiedene Typen von Krieg und nicht einen anthropologisch-abstrakten »Krieg an sich«.

Zu einigen Ereignissen des 3. Ölkriegs von struktureller Bedeutung

»Enthauptungsschläge«, »Liquidierungen«, »Ausschaltungen«

Nachdem bereits im War on Terror der CIA und die Special Forces vom Bush-Regime ermächtigt wurden, Terroristen ohne öffentlich kontrollierbares Identifikations- und Gerichtsverfahren gezielt zu töten, ging diese Ermächtigung im 3. Ölkrieg an die Interventionsarmee über, die davon umfassend Gebrauch auch gegenüber »Regime-Elementen« machte. Nach den Aussagen von Vincent Brooks richtete sich diese Ermächtigung auch auf »regime elements in residential areas«. Im hier dargestellten Kontext handelt es sich um den Einbau eines zusätzlichen Elements in das Dispositiv der Eskalationsstrategie: Künftig muß jeder mutmaßliche Feind des Bush-Regimes mit der plötzlichen Tötung seiner »Regime-Mitglieder « ohne Gerichtsverfahren und sogar ohne Identitätskontrolle rechnen. Praktisch werden die »Ziele« dieser »Ausschaltungen« vom CIA und anderen Geheimdiensten des Westblocks benannt – also durch äußerst undemokratische und unjuristische, völlig unkontrollierbare Institutionen. Woher erhalten die Dienste ihre Informationen? Von gekauften anonymen Denunzianten »vor Ort«. Diese gekauften anonymen Denunzianten können heute praktisch nicht bloß wirkliche Terroristen (die selbstverständlich auch in einem Prozeß allererst als solche überführt werden müßten!), sondern mutmaßlich »gefährliche Elemente« – bis hin zu politischen oder persönlichen Rivalen »ausschalten« – ohne jedes Risiko späterer Rechenschaftslegung. Logischerweise mußte sich das Bush-Regime gegen den UN-Gerichtshof wehren.

Wahrnehmbarkeit der High-Tech-Luftschläge als exterministisch.

Wie ausgeführt, besteht das strukturell dominante taktische Element der aktuellen Eskalationskriege des Westblocks aus den »airstrikes«. Diese mit Bomben aus Flugzeugen und Raketen durchgeführten »Schläge« liegen angeblich unter der Schwelle zweifelsfrei exterministischer Kriegsführung (ABC-Dispositive, »Massenvernichtungswaffen «), am oberen Rand der »konventionellen« Eskalationsstufen. Dafür steht die »chirurgische« Metapher. »Konventionell « besitzt einen Doppelsinn: (fassaden-)»normal« sowie den Genfer Konventionen entsprechend. Zumindest in »Alteuropa« ist diese Apologie der massiven Luftbombardements insbesondere durch die Bilddokumente von Al Jazirah von den Einschlagsorten und aus den Krankenhäusern, aber auch durch die westlichen Bilder der shock-and-awe-Horizonte für die Mehrheit der Bevölkerung zusammengebrochen. Immer mehr Menschen sind der Ansicht: Luftbombardements sind reiner exterministischer Horror, haben die Qualität von Massenvernichtung, sind Kriegsverbrechen. Das ist auch rational zu begründen: Da die Einsätze massiv erfolgen, also nach Zigtausenden zählen, beweist schon die Statistik den exterministischen Charakter (angenommen, 10 Prozent gehen fehl, was für die Bombenwerfer geschmeichelt ist, so sind bereits zwischen Hunderten und Tausenden ziviler Opfer zu errechnen). Dazu kommen aber die psychischen Traumatisierungen schwersten Grades von Hunderttausenden völlig »unschuldiger« Kinder (als ob die Erwachsenen »schuldig« wären!): wochenlanger Schlafentzug, äußerste, für Kinder nicht zu bewältigende Angst durch die Druckwellen und den Lärm der Explosionen, durch die Hilflosigkeit und Panik ihrer erwachsenen Bezugspersonen. Der amerikanische Feminismus hat massenhaften »child abuse« und »psychological rape« selbst in Friedenszeiten und selbst in den USA zu entdecken geglaubt – er sollte bitteschön endlich und öffentlich sichtbar nach Bagdad schauen. Dazu kommt neuerdings die programmatische Einbeziehung ziviler Wohngebiete in die Bombardements, falls die Geheimdienste dort »Regime-Elemente« unterstellen. Aber sind die vernichtenden Schläge aus ›unfairer‹ Sicherheit in 5000 Metern Höhe bzw. an den Computern der Cruise Missiles gegen kasernierte oder in einer Stellung wartende meistens gezwungene und hoffnungslos unterlegene Uniformierte (»Kombattanten«) eigentlich so viel moralischer? Wie ist der »wonderful job« (Rumsfeld) der Computertäter einzuschätzen? Es ist Zeit, die generelle Ächtung der Luftschläge gegen Städte als Kriegsverbrechen zu fordern und zunächst in der Zivilgesellschaft durchzusetzen.

– »Normalcy gap« zwischen »Alteuropäern« und »Angelsachsen«

Es gibt keine »normalen Kriege«. Die Kriegsherren des Westblocks behaupten allerdings das Gegenteil. Sie erklären die beschriebenen Eskalationskriege fern der Heimat bei fortlaufender Normalität im Mutterland für »normal«. Ich habe das als »Fassaden-Normalität « gekennzeichnet. Bis zu einem gewissen Grade bestimmt diese Fassaden-Normalität, insbesondere auch per Medien, die Wahrnehmung großer Bevölkerungsteile. Es scheint mir, als ob der 3. Ölkrieg hier ein wichtiges diskursives Ereignis ausgelöst hätte: In den deutlichen Unterschieden der in Umfragen erhobenen Kriegszustimmung bzw. –ablehnung scheint sich ein kultureller »gap« zu manifestieren: Während in den USA offensichtlich ca. 80 Prozent einen solchen Krieg und damit die dominanten Luftschläge als (fassaden-)»normal« wahrnehmen, nehmen nahezu ähnlich hohe Anteile an »Alteuropäern« solche Kriege und insbesondere solche Luftbombardements hinfort als »nicht normal« wahr. Auf dieser Basis besteht eine Chance, das Projekt weiterer europäischer Beteiligung an Eskalationskriegen oder gar einer eigenen Eskalationsstreitmacht in der öffentlichen Meinung erfolgreich zu bekämpfen, insofern es sich als denormalisierend erweisen läßt.

– Infragestellung des binären Freund-Feindbild-Reduktionismus

Legitimatorisch sind die Eskalationskriege dominant abhängig vom Funktionieren des binären Reduktionismus: Sie sind gegen den Krieg? Dann stehen Sie ja auf der Seite von Saddam! Dieser binäre Reduktionismus ist enorm wirkmächtig – um so bedeutsamer ist es, daß er (mindestens in »Alteuropa«, aber vielleicht sogar im Irak) durch den 3. Ölkrieg sichtbar infrage gestellt wird. Die Aussage, weder Saddam noch Bush und seinen Krieg zu akzeptieren, erscheint zunehmend, und sogar in hegemonialen Medien, »akzeptabel« zu werden. Umgekehrt erscheinen die binären Reduktionisten zunehmend als unintelligent (sie können nicht weiter zählen als 2…). Auch diese Tendenz kann durch Informationen über dritte bis n.te Optionen (wie die Intelligente Deeskalations- Strategie) verstärkt werden. Dabei lassen sich auch für das Problem der Demokratisierung despotischer Regime im Prinzip Szenarien mit dem Prinzip Reziprozität entwickeln – Bombenmassaker sind jedenfalls ganz sicher nicht der Königsweg zu nennenswerter Demokratie.

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