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Die Verheißung des absoluten Reichtums

 

Helmut Kellershohn rezensiert das Buch von Christoph Deutschmann. Erschienen in DISS-Journal 8 (2001)

Dass das Geld „nervus rerum“ (Jean Bodin) sei, ist eine Erkenntnis des 16. Jahrhunderts, als der europäische Frühkapitalismus sich anschickte, die Welt zu erobern und zu verändern. Heutzutage, in Zeiten des sog. Casino-Kapitalismus, in denen das Geld nun wirklich universelles, alle Poren des Lebens durchdringendes Element geworden ist, handelt es sich um eine Einsicht mit luxuriösem Charakter, die diejenigen pflegen, die die (Wahl-)Möglichkeiten ihres Geldvermögens zu schätzen wissen.

Da Wissenschaftler meistens knapp bei Kasse sind, ergibt sich das seltsame Phänomen, wie Christoph Deutschmann am Beispiel der jüngeren Soziologiegeschichte aufzeigt, daß sie die Bedeutung des Geldes eher herunterspielen und in Teilbereiche der Gesellschaft verweisen -eine Technik der Verkleinerung, derzufolge dann das Geld keine allzu große theoretische Unruhe verursacht. Das Buch des Tübinger Soziologie-Professors ist aber in seinem eigentlichen Anliegen nicht weniger interessant, versucht Deutschmann doch, den Zusammenhang von Kapitalismus und Religion theoretisch aufs engste zu knüpfen. Weder die Analogiebildungen („Fetischcharakter“) oder ironischen Anspielungen bei Marx, noch Religion als ethische Triebkraft wie bei Max Weber reichen nach Deutschmann aus, um die „religiöse Natur des Kapitalismus“ angemessen darzustellen. Im Gegensatz zur klassischen Religionskritik, die sich die Entthronung des Religiösen zum Ziel setzte, ist für ihn die Religion zu etwas Diesseitigem geworden, implementiert in die Strukturen des Kapitalismus, deren utopische Überhöhungen und Imaginationen nicht von außen, als reine Bewußtseinsformen herangetragen werden, sondern ihnen immanent sind. Das Geldvermögen (Geld als Kapital) – so Deutschmann – ist zum Träger einer Utopie geworden, und zwar der höchsten aller Utopien, denn es verpricht den individuellen Zugriff auf die Totalität menschlicher Möglichkeiten. Das Geld in seiner entwickelsten Form transportiert gewissermaßen einen Verweis auf ein höchstes vollkommenes Sein, der die gegenwärtigen „Seinsformen“ als beschränkte Realisierungsweisen über sich hinaustrei- ben läßt. Deutschmann erweist sich hier als Kenner des vierten Gottesbeweises Thomas v. Aquins von der Stufung des Seins, die die Vollkommenheit Gottes zur Voraussetzung hat. Was freilich den Mangel der Gottesbeweise ausmacht, nämlich, daß die Existenz dessen vorausgesetzt wird, das bewiesen werden soll, ist tatsächlich ihre vorzüglichste Eigenschaft, sobald ihr Anliegen als imaginäre (und zugleich materiell verankerte) Verweisstruktur des Kapitalismus begriffen wird. Das mag manchem Leser als metaphysischer Quark erscheinen. Liest man jedoch Deutschmanns Nutzanwendung auf aktuelle industriesoziologische Themen, speziell auf die Rolle der modernen Manager als „Priester“ und „Prediger“ des industriellen Fortschritts, könnte man eines Besseren belehrt werden.

Christoph Deutschmann
Die Verheißung des absoluten Reichtums.
Zur religiösen Natur des Kapitalismus
Frankfurt / New York 1999: Campus Verlag, 42,- DM

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