„Atomwaffendivision“

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Rechtsextreme Terrororganisation will einen „Rassenkrieg“ initiieren und die „natürliche Ordnung“ herstellen

Von Raimond Lüppken. Erschienen in DISS-Journal (39) 2020

Die Atomwaffendivision (AWD) entstand 2015 in den USA. Da es seit 2018 auch in Deutschland Aktivitäten gibt, soll dieser Text dazu dienen, die Organisation und ihre gewalttätigen Methoden und ihre Ziele darzustellen. Zuerst sollen die Organisation und ihre ideologische Grundlage vorgestellt werden, danach die Strategie, also das Ziel der AWD sowie die Mittel, die zum Erreichen des Ziels angewendet werden sollen. Ein knapper Überblick über Aktivitäten der AWD in den USA und Deutschland runden das Bild ab.

Die Ideologie der AWD basiert auf dem 1992 veröffentlichten Buch „The Siege“ (Die Belagerung) von James Nolan Mason. Der 1952 geborene Mason trat schon im Alter von 14 Jahren in die American Nazi Party ein, später engagierte er sich in der National Socialist Liberation Front. Mehrfach wurde er festgenommen und saß im Gefängnis, unter anderem wegen des Angriffs auf dunkelhäutige Menschen und Kindesmissbrauchs. Das Buch ist eine Zusammenstellung von Artikeln aus der Zeitschrift „The Siege“, die von 1980 bis 1986 erschien. „The Siege“ stellt für die Atomwaffendivision das ideologische Hauptwerk dar und gilt neben anderen Schriften als Pflichtlektüre. Es bildet die ideologische Grundlage für weitere rechtsradikale Gruppierungen. Vom Counter Extremism Project (CEP) wird diese Subkultur als Siege Culture bezeichnet, laut CEP zählen weltweit 21 Gruppierungen dazu.

In „The Siege“ wird der führerlose Widerstand propagiert, ein Konzept, das der US-Geheimdienstoffizier Col. Ulius Louis Amoss in den 1950er Jahren entwickelte und bei einer befürchteten Übernahme der Macht durch kommunistische Kräfte Anwendung finden sollte, um diese zu zerschlagen. Das Konzept des führerlosen Widerstands findet auch in der deutschen rechtsextremen Szene Anwendung in Form der sogenannten „Freien Kameradschaften“. Auch der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) sah sich als „führerlose Zelle “.

Interessenten für die Mitgliedschaft bei der AWD müssen zwischen 16 und 35 Jahre alt und „weißen europäischen Ursprungs“ sein. Neulinge werden laut der Aussage eines Aussteigers unter anderem „Waterboarding“ unterzogen und in so genannten „Hate-Camps“ für den geplanten Rassenkrieg gedrillt. Neben körperlicher Fitness und dem „Willen zur Tat“ wird Kenntnis über einschlägige Literatur verlangt. An erster Stelle steht hierbei „The Siege“, von Bedeutung sind zudem „The Turner Diaries“ von William L. Pierce sowie Bücher von Savitri Devi, Julius Evola und auch „Mein Kampf “ von Adolf Hitler. Die Literatur ist in Telegram-Chatgruppen in Form von englischsprachigen PDF‘s verfügbar. Die AWD versucht nicht, wie die meisten anderen rechtsextremen Organisationen, sich vom historischen Nationalsozialismus zu distanzieren. Ganz im Gegenteil wird er in den Mittelpunkt gestellt. In jedem Video der AWD ist NS-Symbolik zu sehen, entweder in Form des Hakenkreuzes, des Hitlergrußes oder der Worte „Sieg Heil“.

Ziel der AWD bzw. der gesamten Siege Culture ist der gewaltsame Sturz des demokratischen, kapitalistischen Systems, das als korrupt und verfault bezeichnet wird und dem Untergang geweiht sei, da es von Juden kontrolliert werde und gegen die „natürliche Ordnung“ verstoße. (Die „natürliche Ordnung“ ist eine homogene Gesellschaft „weißer Menschen“, in der ausschließlich heterosexuelle Partnerschaften und die „klassische“ Rollenverteilung in Familien toleriert werden.) Die AWD will den ihrer Meinung nach unausweichlichen Untergang beschleunigen. Dieses Konzept des Akzelerationismus (Accelerationism) ist in der rechtsradikalen Szene nicht neu: „Schon die Turner Diaries von 1978, eine Terrorismus-Anleitung des amerikanischen Neonazis William L. Pierce, drehen sich um genau diesen Aspekt. Sie sollen Timothy McVeigh und seine Helfer zum Terroranschlag in Oklahoma City 1995 inspiriert haben, bei dem 168 Menschen ermordet wurden. Die neuen Neonazi-Akzelerationisten machen sich eine vereinfachte Form der ursprünglichen Philosophie zunutze.“

„The west cannot be saved, but we can build on the ruins. We can build something stronger and without the burdens of the past!“ (AWD im Darknet)

Die Affinität von James Mason und der AWD zum Terrorismus zeigt sich in der Verherrlichung des Sektenführers und Okkultisten Charles Manson, der auch an den Publikationen in „The Siege“ beteiligt war, sowie in der Verherrlichung des „Una-Bombers“ Theodore Kaczynski. Man sympathisiert mit Jihadisten und diskutiert (wie auch andere White Supremacist-Organisationen) über die Verwendung des Coronavirus als biologischen Kampfstoff.

Aus Sicht der AWD werden vor allem Juden als Feindbild gesehen sowie schwarze Menschen, Homosexuelle etc., hingegen gibt es Sympathien gegenüber dem radikalen Islamismus, dem IS. Einige AWD-Mitglieder konvertierten sogar zum Islam. Man sieht im Jihadismus eine Inspiration für ein Regime, das brutal gegen seine Feinde vorgeht und in dem keine Juden, Homosexuelle etc. geduldet werden. Außerdem ist die AWD dezidiert frauenfeindlich, Gewalt gegen Frauen sowie Vergewaltigung wird als legitim betrachtet wie unzählige Chatprotokolle im Darknet zeigen.

Die AWD strebt den „total drop-out“, also den totalen Ausstieg bzw. die totale Vernichtung der gesellschaftlichen Ordnung an. Jegliche Art einer politischen Lösung für gesellschaftliche Probleme wird kategorisch abgelehnt. Rechtsextremen Parteien steht man ablehnend gegenüber, da diese sich am „falschen Spiel der Politik“ beteiligen. Dadurch bremsten diese nach Ansicht der AWD die Akzeleration des Zusammenbruchs.

Die Anhänger der AWD tauschen in Internetforen neben ideologischen Schriften zahlreiche Bücher über den Bau von Waffen und Sprengsätzen, wie z.B. das „Mujahideens Explosives Handbook“. In Camps wird der Umgang mit Schnellfeuerwaffen trainiert wie auch Kampfsport und Survival-Techniken erlernt. Letztendlich ist geplant, in einer koordinierten Aktion die Infrastruktur, insbesondere die Energieversorgung und Kommunikationstechnik sowie wichtige Verkehrswege zu zerstören, um im dann entstehenden Chaos einen Rassenkrieg und ethnische Säuberungen durchzuführen. „Diener“ der Juden wie Politiker, Industrielle, Journalisten, Polizisten sollen getötet werden, ebenso wie Oppositionelle, also Linke und Antifaschisten. Sogenannte „Rassenschänder“ sollen getötet werden, also Personen, die nach Definition der AWD zwar „Weiße europäischen Ursprungs“ sind, aber eine sexuelle Beziehung zu Schwarzen oder Juden haben. Sexuelle Orientierungen, die der als normative Ordnung angesehenen Partnerschaft von Mann und Frau nicht entsprechen, werden als pervers betrachtet und sollen ausgerottet werden.

Aktivitäten der AWD in den USA und Deutschland

In den USA sind fünf Morde durch die Atomwaffendivision bekannt geworden. Am 19. Mai 2017 tötete das AWD-Mitglied Devon Arthurs (18) seine beiden ebenfalls der AWD angehörenden Mitbewohner, nachdem sie ihn beleidigt hatten, weil er zum Islam konvertiert war. Bei der Durchsuchung der Garage des Täters fand die Polizei Schusswaffen, Sprengstoff und radioaktives Material. Wie Ermittlungen ergaben, hatte er in internen Chats angekündigt, einen Anschlag auf ein Kraftwerk verüben zu wollen. Am 22. Dezember 2017 erschoss das AWD-Mitglied, der 17-jährige Nicholas Giampa, in Reston/Virginia, die Eltern seiner Freundin. Diese hatten aufgrund seiner rechtsextremen Gesinnung ihrer Tochter den Umgang mit ihm verboten. Im Januar 2018 ermordete AWD-Mitglied Samuel Woodward den homosexuellen, jüdischen Studenten Blaze Bernstein in Orange County, Kalifornien.

In Deutschland tauchte im Juni 2018 im Internet ein Video der AWD auf, in dem mit einer verzerrten deutschen Stimme verkündet wurde, die Division sei nun auch in Deutschland aktiv. In einer Sequenz des Videos ist im Hintergrund die Wewelsburg zu sehen, die während des Dritten Reiches als SS-Ordensburg genutzt wurde. Dort ist in einem Bodenornament die Schwarze Sonne zu sehen, eines der wichtigsten Symbole der AWD. Die Wewelsburg ist eine der Pilgerstätten des internationalen Rechtsextremismus. Im November 2018 wurden in der Bibliothek der Humboldt-Universität in Berlin, versteckt in Büchern, Flugblätter der AWD gefunden. So auch in der Bibliothek der Goethe-Universität in Frankfurt am Main im Mai 2019.

In Köln wurden im Juni 2019 anti-muslimische Flugblätter der AWD in zahlreichen Briefkästen gefunden. Das Gebiet um die Keupstraße ist hauptsächlich von Muslimen bewohnt, die Keupstraße war das Ziel eines Bombenanschlags des Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) am 9. Juni 2004. Die AWD Deutschland wählte diesen Ort bewusst, um eine möglichst große mediale Aufmerksamkeit zu erzielen. Der Inhalt des Flugblattes: „Moslems in Deutschland! Eure Invasion in unser Land wird scheitern. Das deutsche Volk wacht auf, und wir erkennen immer klarer, dass ihr Feinde seid und uns hasst. Ihr seid das willfährige Werkzeug der Juden, um Deutschland und Europa zu zerstören. Deshalb ist jeder einzelne von euch ein legitimes Ziel. Moslems! Verlasst Deutschland! Gezielte Angriffe auf euch werden bald starten.“ Auf der Rückseite des Flugblattes war die Abbildung einer Person zu sehen, die gerade mittels einer mit einem Hakenkreuz versehenen Axt ausholt, um auf eine vor einer Moschee in Gebetshaltung kniende Person einzuschlagen, wobei diese Abbildung mit den Worten „Moslem verrecke“ untertitelt ist. In diesem Flugblatt zeigen sich klassische rechtsextreme Verschwörungsideologien, wie die angeblich von Juden gesteuerte Migration von Menschen muslimischen Glaubens nach Europa und die Bezeichnung dieser Migration als „Invasion“, also als militärischen Akt.

Im August 2019 wurden Flugblätter der AWD an einer Bushaltestelle in Preetz/Schleswig-Holstein gefunden. Zur ersten gezielten Bedrohung von Einzelpersonen kam es am 27. Oktober 2019, als Drohbriefe der AWD an die Bundestagsabgeordneten der Partei Die Grünen, Claudia Roth und Cem Özdemir, geschickt wurden. Am Flughafen Berlin Tegel wurde dem US-AWD Aktivisten Kyle M. am 7. November 2019 die Einreise nach Deutschland verwehrt, nachdem die US-Sicherheitsbehörden darauf aufmerksam gemacht hatten, dass er einen Flug von Dublin nach Berlin gebucht hatte.

Fazit

Aufgrund des Drucks der Strafverfolgungsbehörden und einer drohenden Einordung der AWD als Foreign Terrorist Organization durch das US-Außenministerium verkündete James Mason am 14.März 2020 die Auflösung der Organisation. Die Anti Defamation League kam zu dem Schluss, dass „der Schritt den Mitgliedern Raum zum Atmen geben soll, anstatt ihre militanten Aktivitäten tatsächlich zu beenden“. Auch andere Organisationen, die der AWD ideologisch nahestehen wie die Feuerkriegdivision ((Die Feuerkriegdivision (FKD) wurde 2018 in Europa gegründet. Sie soll etwa 70 Mitglieder gehabt haben und war in den baltischen Staaten aktiv sowie in den USA, Kanada, Niederlande, Finnland, Deutschland, Österreich, Kroatien. Der Kopf der FKD in Kroatien wurde im Januar 2020 festgenommen. Im selben Monat wurde ein lettisches FKD-Mitglied in Finnland zu einer Haftstrafe von zwei Jahren verurteilt, weil er geplant hatte, einen Bombenanschlag zu verüben. Am 8. Februar 2020 verkündete die FKD auf Telegram ihre Auflösung. – Auch die Waldkriegdivision (WKD) gehört zur Siege Culture, der „Commander“ der WKD lebt in Rumänien und ist eng mit Rechtsextremisten in Deutschland vernetzt. Die WKD unterhält auch Kontakte zum rechtsextremen ukrainischen Nationalgarde-Bataillon Asow sowie zu den ökofaschistischen Gruppierungen Green Brigade und Greenline Front.)) und die Waldkriegdivision, verkündeten ihre Auflösung und beendeten ihre Aktivitäten auf Telegram. Allerdings nur für kurze Zeit, die Waldkriegdivision ist wieder auf Telegram aktiv. Insgesamt ist davon auszugehen das keine dieser Organisationen sich wirklich aufgelöst hat, denn gerade in der Coronakrise ergibt sich für sie eine gute Anschlussmöglichkeit an antisemitische Thesen wie sie von den Kritikern der Corona-Beschränkungen ins Feld geführt werden. Antisemitische Vorurteile und Verschwörungsthesen sind in den letzten Wochen durch die zu einem großen Teil von rechten Kreisen initiierten Proteste in einem bisher undenkbaren Umfang in die Öffentlichkeit getragen worden. Diese Entwicklung werden die hier behandelten rechtsextremen Terrororganisationen sich zunutze machen wollen.

Raimond Lüppken ist freier Journalist und war Praktikant im DISS