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»…niemand soll es mitbekommen«

 

Die Abwesenheit von Rettern könnte für geringere Todeszahlen sorgen – in der Statistik

Von Fabian Hillebrand. Erschienen in DISS-Journal 36 (2018)1

Mehr als 2.700 Geflüchtete sind 2018 bereits im Mittelmeer gestorben. Die meisten in den Sommermonaten Juni und Juli. Hinter jeder Zahl steht ein menschliches Schicksal.

Die meisten Berichte über die Zahl der ertrunkenen Geflüchteten im Mittelmeer beziehen sich auf Daten, die von der In­ternationalen Organisation für Migration (IOM) erhoben werden. Die Organisation versucht, die Todeszahlen von Migranten auf der Flucht möglichst genau zu be­stimmen. Ein großer Teil der Daten wird dabei auch von verschiedenen Nichtre­gierungsorganisationen geliefert. Sowohl humanitäre Helfer an Land wie auch die Seenotretter auf Schiffen, die oftmals tote Körper in Schiffswracks bergen oder Zeuge werden, wie Menschen ertrinken, tragen zur Erfassung der Daten bei.

Von 1535 bis Ende August im Mit­telmeer gestorbenen Menschen sind 383 von Nichtregierungsorganisationen gemeldet worden. Das sind ca. 25 Pro­zent. Die Zahl geht aus Daten hervor, die dem »nd« vorliegen. Die Zahlen führen zu einem kontraintuitiven Befund: Weniger Rettungsmissionen könnten dazu führen, dass die Todeszahlen auf dem Mittelmeer sinken. Aber eben nur statistisch. Denn wie viele Menschen wirklich auf dem Mit­telmeer sterben, ist umso schwerer zu ermitteln, je weniger Schiffe vor Ort sind und berichten können, was passiert.

Nicht zuletzt, dass seit Juli auch ein Aufklärungsflugzeug am Start gehindert wird, lässt bei den Seenotrettern den Eindruck entstehen, es gehe um eine politische Kampagne, um das Sterben im Mittelmeer zu kaschieren. Grünenpoliti­ker Erik Marquardt formulierte es so: »Es ist ein Riesenskandal: Menschen sollen sterben und niemand soll es mitbekom­men.«

Die Zahl der Menschen, die über das Mittelmeer fliehen, dürfte aber sowieso deutlich höher sein, als die Zahlen aus­sagen. Gegenüber »nd« erklärt die IOM, sie erhalte regelmäßig Anfragen von Familienmitgliedern, die nach Angehöri­gen suchen. Es gebe auch immer wieder Leichen, die in Tunesien und Libyen an­gespült werden und wahrscheinlich grö­ßeren Schiffsunglücken zuzurechnen sei­en. Zusätzlich werde bei divergierenden Angaben zu Todeszahlen, zum Beispiel bei Befragungen von Überlebenden von Schiffsunglücken, immer die kleinste ge­nannte Zahl an Toten übernommen. Aus diesen Gründen, so Julia Black, Projekt­koordinatorin der IOM, gegenüber »nd«, müssten die Daten als Mindestwert ver­standen werden. Die wahre Zahl der To­desfälle im Mittelmeerraum dürfte sehr viel höher sein als derzeit erfasst.

  1. Mit freundlicher Genehmigung des Autors aus: Neues Deutschland vom 28.09.2018, S.21. []

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