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Pegida als Spiegel und Projektionsfläche

 

Eine Leseempfehlung von Helmut Kellershohn. Erschienen in DISS-Journal 32 (2016)

Mit Pegida ist vor zwei Jahren eine Protestbewegung von rechts entstanden, die eine hohe Aufmerksamkeit in der breiten Öffentlichkeit, in den Medien und im Wissenschaftsbereich erlangt hat. Im Fokus der wissenschaftlichen Untersuchungen und medialen Berichterstattung standen die Anhänger*innen, das Organisationsteam von Pegida und die Frage, ob und inwieweit die politischen Forderungen und Thesen Pegidas eine Berechtigung haben. Ob Pegida als eigenständige Formation begriffen werden kann oder in einen größeren politischen Kontext eingeordnet werden muss, war zunehmend Gegenstand von Kontroversen. Die ansteigende Gewalt gegen geflüchtete Menschen sowie die Polarisierung der Gesellschaft, die anhand der Frage verläuft, wie Asylpolitik betrieben werden soll, induzierte für die Presse wie auch die Wissenschaft die Frage nach dem Zusammenhang mit dem Phänomen Pegida.

Ein Autor*innenteam um den Dresdner Soziologen Tino Heim, bekannt durch seine Dissertation „Metamorphosen des Kapitals“ (Bielefeld: transcript 2013), hat nun einen Sammelband publiziert, der sich mit einem anspruchsvollen Untersuchungsansatz dem Phänomen Pegida widmet. Als zentrale Ausgangshypothese des Bandes dient die Überlegung, dass Pegida nicht zureichend verstanden werden kann, wenn der Fokus auf der „sozialen Herkunft, der Mentalität oder den Motivationslagen der Demonstrierenden“ (S. 5) liegt. Sinnvoller sei es, an den wechselseitigen Bezügen zu arbeiten, „die sich zwischen Pegida und anderen Akteur*innen und Institutionen, aber auch mit weitreichenden gesellschaftlichen Strukturzusammenhängen, systemischen Logiken, Widersprüchen und Entwicklungsdynamiken“ (S.5.) herstellten. Diese Kontextualisierung des Phänomens Pegida, die einerseits anhand der differenzierten Untersuchung übergreifender Diskurse, Kollektivsymboliken und politischer sowie sozialer Praxen, andererseits mittels der soziologischen Einbettung in die prekären und krisenhaften Entwicklungsprozesse von Staat und Gesellschaft (Neoliberalismus, Postdemokratie etc.) unternommen wird, entkleidet den Untersuchungsgegenstand seiner erratischen Stellung. Vereinfacht gesprochen: Nicht Pegida für sich genommen ist das Problem, das entweder skandalisiert oder dem Verständnis entgegengebracht wird, sondern Pegida als Verdichtung verbreiteter gesellschaftlicher Positionen (z.B. zum Islam) sowie als Knotenpunkt gesellschaftlicher Konflikte und Widersprüche – insofern Spiegelbild der Gesellschaft – und Pegida als Projektionsfläche interessierter Stellungnahmen von Seiten professioneller Akteur*innen in Politik, Wissenschaft und Medien. So betont Heim in einer Presseerklärung z.B. mit kritischem Blick auf obligatorische Distanzierungen: „Man grenzt sich verbal von Pegida ab, um dennoch deren Themen und Forderungen in den Wahlkämpfen zu übernehmen und sie politisch in die Tat umzusetzen.“

Tino Heim (Hrsg.)
Pegida als Spiegel und Projektionsfläche
Wechselwirkungen und Abgrenzungen zwischen Pegida, Politik, Medien, Zivilgesellschaft und Sozialwissenschaften
Wiesbaden: Springer VS 2016, 450 Seiten.

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