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„Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“

 

Das Paradox der Zeitoptimierung

Von Niels Brockmeyer, veröffentlicht im DISS-Journal 26 (2013)

Burnout ist eine in der heutigen Zeit weitverbreitete Diagnose, die auf die Erschöpfung des Menschen durch Zeit- und Leistungsdruck verweist. Ursächlich für diese Diagnose ist offenbar eine „Verdichtung und damit Steigerung der Handlungsepisoden pro Zeiteinheit“ (Rosa 2012, 194).

Für Michel Foucault ist die Verdichtung von Zeiteinheiten eine Konsequenz der Handlungsweise, die „aus der Zeit immer noch mehr verfügbare Augenblicke und aus jedem Augenblick immer noch mehr nutzbare Kräfte herauszuholen“ (1994, 198) versucht. Diese Vorgehensweise sei typisch für ein von einer ökonomischen Logik geprägtes Zeitverständnis, bei dem es sich nach Foucault „um die Herstellung einer vollständig nutzbaren Zeit“ handelt (ebd., 193). Aufgrund der gesellschaftlichen Dominanz der Zeitökonomie ist das Subjekt gegenwärtig dieser Zeitlogik in äußerst extremer Weise ausgesetzt.

Interessant ist, dass sich zu diesem gesellschaftlich gängigen Zeitverständnis eine vermeintliche Opposition aufzeigen lässt. Ein markantes Schlagwort, das diese Tendenz illustriert, ist das der Entschleunigung. Bei der von mir vorgenommenen Sichtung von derzeit populären Zeitratgebern lässt sich diese Gegentendenz zur Verdichtung von Handlungen wahrnehmen. „Es ist keine gute Idee, jeden Tag mehr zu tun und jede verfügbare Sekunde mit irgendeiner geschäftigen Tätigkeit verplanen zu wollen“ (Ferris 2011, 83).

Der vorliegende Artikel will der Frage nachgehen, inwieweit solche Zeitratgeber tatsächlich eine oppositionelle Tendenz zum bestehenden Zeitdiskurs aufzeigen oder lediglich eine Reproduktion des herrschenden Diskurses darstellen.

Pathologisierung der verdichteten Zeit

Eine Pathologisierung der gesellschaftlich dominierenden Zeitlogik erfolgt seitens der Zeitmanagementliteratur. Das wird z. B. durch recht bildhafte Formulierungen der Zeitratgeber erkennbar. Hier heißt es u.a. „Gehen Sie auf Entzug“ (Ferris 2011, 110) oder „Ich kann die Medizin nur verschreiben, einnehmen müssen Sie sie selbst“ (ebd., 111). Diese Aufbietung von Krankheitsbildern zur Beschreibung einer momentanen gesellschaftlichen Situation steht in einem Zusammenhang mit der gegenwärtig offensichtlich wohl ausgeschlossenen Möglichkeit von Selbstverwirklichung.1 Darauf verweisen etwa folgende Formulierungen: „Ihr Ziel sollte vielmehr sein, unabhängig von Zeit und Ort zu werden, damit sie Ihr Leben so leben können, wie Sie es wollen.“ (Ferris 2011, 12) Oder: „Entdecken Sie Zeitmanagement ganz neu – als Ihren Wegweiser zum Wesentlichen, zu mehr Zeit, zu mehr Glück und Lebensfreude“ (Seiwert 2006, 11).2 Die Ratgeberliteratur äußert ihre Kritik am derzeitigen Zustand folglich auf der Grundlage eines Ideals, das mit dem selbstbestimmten Leben umschrieben werden kann.

Zeitratgeber als Möglichkeit zur Emanzipation?

Insbesondere im veränderten Umgang mit Zeit sehen die Ratgeber eine Möglichkeit, selbstbestimmtes Leben zu verwirklichen (vgl. Seiwert 2006, 11). „Simplify your time wird Ihnen helfen, sich von allerhand belastendem Gerümpel zu befreien“ (Seiwert & Küstenmacher 2010, 223). Die in diesem Zitat erkennbare Aussage bezeugt das Selbstverständnis der Ratgeberliteratur, das diese Möglichkeiten der Ablösung / Emanzipation von dem gesellschaftlich dominierenden Zeitverständnis aufzeige. Es stellt sich nun die Frage, ob bei den Zeitratgebern tatsächlich von einem emanzipatorischen Grundgedanken ausgegangen werden kann, der die Distanzierung vom ökonomisch geprägten Zeitumgang beinhaltet? Zur Beantwortung dieser Frage ist es wichtig, sich der Methodik solcher Zeitratgeber, der zur Erreichung der selbstbestimmten Zeit die größte Bedeutung zukommt, zuzuwenden.

„Plane deine Zeit und du wirst selbstbestimmt!“

Innerhalb der Literatur wird die Planung des Zeithandelns als essentielle Voraussetzung für die Abkehr vom Zeitzwang angesehen. Die „Planung“ steht immer in einer Relation zu einem Zweck, den es mittels der Planung zu erreichen gilt. Der Zweck im Kontext der Zeitratgeber ist der selbstbestimmte Zeitumgang. „Kluge Zeitplanung (…) soll Ihnen mehr Zeitsouveränität und damit mehr Lebensqualität ermöglichen“ (Seiwert 2006, 92).

Es wird ein zweckrationales Handeln von der Ratgeberliteratur postuliert, welches auf das Ziel der selbstbestimmten Zeitgestaltung ausgerichtet ist. Nach Max Weber sei ein zweckrationales Handeln auch immer mit einer Nutzenmaximierung verbunden (vgl. Bayer & Mordt 2008, 87), woraus geschlossen werden kann, dass aus dem von der Ratgeberliteratur vorgeschlagenen Handeln der größtmögliche Nutzen bzgl. des Zeitumgangs erzielt werden solle. Wie eingangs erwähnt, ist dieses Merkmal nach Foucault ausschlaggebend für ein ökonomisch geprägtes Zeitverständnis.

Die Planung des Zeitumgangs konkretisiert sich anhand der in der Zeitratgeberliteratur dargestellten Methoden, die das Prinzip der Zweckrationalität aufgreifen, indem sie sich der Produktivität verschreiben. Diese zeigt sich im Zeitgewinn und der damit verbundenen Wegrationalisierung von Handlungen, die dem Zweck nicht entsprechen (vgl. Seiwert & Küstenmacher 2010, 154). Eine Skizzierung der Methoden soll das Gesagte konkretisieren.
Eine hohe Bedeutung innerhalb der Literatur kommt der Methode des Eliminierens von Handlungen zu. „Weniger zu tun ist (…) die unabdingbare Voraussetzung dafür, mehr zu erreichen. (…) So sind Sie produktiv.“ (Ferris 2011, 84). Dieser Produktivitätsgedanke lässt sich auch anhand des Pareto- bzw. des 20/80 Prinzips verdeutlichen, bei dem das Verhältnis zwischen dem Aufwand und dem Nutzen einer Handlung so ausgerichtet sein soll, dass sich der Nutzen im Vergleich zum Aufwand vervierfacht (vgl. ebd., 86f).

Bei der Methode des Delegierens werden Aufgaben anderen übertragen, so dass Zeiträume für das selbstbestimmte Zeithandeln genutzt werden können. „Delegieren lohnt sich! Am besten, Sie rechnen gleich nach, wie viel Zeit Sie gewinnen könnten, wenn Sie die eine oder andere Aufgabe abgeben – das motiviert“ (Seiwert & Küstenmacher 2010, 192).

In diesem ersichtlichen Produktivitätsdenken kann der „normalistische Leistungsdiskurs“ (Kreft 2011, 49) identifiziert werden, der auch die Grundlage für das von der Zeitmanagementliteratur pathologisierte Zeithandeln darstellt. Die Systematik der Ratgeberliteratur impliziert ein Leistungsstreben, um die selbstbestimmte Zeitgestaltung zu erreichen. Das selbstbestimmte Leben könne demnach nur durch Leistung ermöglicht werden.

Dieser Diskurs verfestigt sich, indem aus Sicht der Zeitratgeber die eigenständige Analyse der Zeit notwendig sei, um feststellen zu können, ob die gegebene Zeit produktiv genutzt wird (vgl. Ferris 2011, 332). „Ziehen Sie regelmäßig Bilanz? Nur, wenn Sie regelmäßig prüfen, ob Sie sich tatsächlich auf das Wesentliche konzentrieren, werden sie auf Dauer Erfolg haben.“ (Seiwert 2006, 129). Durch die Bilanzierung steht das Subjekt unter ständiger Selbstkontrolle, Handlungen und deren Zeitbeanspruchung hinsichtlich ihrer Produktivität zu überprüfen.

„Hamsterrad der selbstbestimmten Zeit“

Ziel dieser Bilanzierung sei es letztlich, „Schritt für Schritt“ (Seiwert & Küstenmacher 2010, 153) die verlorene Zeit zurück zu gewinnen. „Überlegen Sie, wo Sie noch Verbesserungspotenziale und Reserven haben“ (Seiwert 2006, 129). Es wird die Logik der kontinuierlichen Verbesserung erkennbar, die ihren Ursprung im Change-Management hat und mittels einer stetigen Verbesserung zur wirtschaftlichen Wertschöpfung beitragen soll (Leopold&Kaltenecker 2012, 3f). Als beispielhaft für diese Logik kann auch der Zeitratgeber-Titel „Noch mehr Zeit für das Wesentliche“ (Seiwert 2006) herangezogen werden, der diese impliziert.3 Prägnant formuliert bedeutet das obige Paradigma, dass es immer noch etwas zu verbessern gebe.

Unter Berücksichtigung der kontinuierlichen Verbesserung ergibt sich, dass ein Ende der „Herstellung einer vollständig nutzbaren Zeit“ (Foucault 1994, 193) bzw. der zeitlichen Optimierung niemals vollständig erreicht werden kann. Das von der Ratgeberliteratur angerufene idealtypische Subjekt unterliegt somit einer kontinuierlichen Selbstkontrolle, mit der Zeit im Sinne der Ratgeber produktiv umzugehen. Diese nie endende Optimierungsbestrebung führt letztlich – so die Vermutung – zu einem beständigen Leistungsdruck.

Es zeigt sich das Paradox der Zeitmanagementliteratur dadurch, dass der pathologisierten zeitökonomischen Logik noch einmal dieselbe Logik entgegenstellt wird. Es erfolgt lediglich der Wechsel des Hamsterrads. Das Subjekt befindet sich nun im „Hamsterrad der selbstbestimmten Zeit“.

Literatur

Bayer, Michael & Gabrielle Mordt 2008. Einführung in das Werk Max Webers. Wiesbaden: VS Verlag.
Ferris, Timothy 2011. Die 4-Stunden-Woche. Mehr Zeit, Mehr Geld, Mehr Leben. Berlin: Ullstein.
Foucualt, Michel 1994. Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
Honneth, Axel 1994. Pathologien des Sozialen. Tradition und Aktualität der Sozialphilosophie. In: Pathologien des Sozialen. Die Aufgaben der Sozialphilosophie. Frankfurt a.M.: Fischer Verlag.
Kreft, Ursula 2011. Burnout: Wann darf man heutzutage psychisch krank werden? Diskursive Rahmenbedingungen für präventiven Arbeits- und Gesundheitsschutz. In: DISS-Journal (22).
Leopold Klaus & Siegfried Kaltenecker 2012. Kanban in der IT. Eine Kultur der kontinuierlichen Verbesserung schaffen. München: Hanser.
Rosa, Hartmut 2012. Weltbeziehungen im Zeitalter der Beschleunigung. Umrisse einer neuen Gesellschaftskritik. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
Seiwert, Lothar 2006. Noch mehr Zeit für das Wesentliche. Zeitmanagement neu entdecken. München: Goldmann.
Seiwert, Lothar & Werner Tiki Küstenmacher 2010. Simplify your time. Einfach Zeit haben. Frankfurt a.M.: Campus Verlag.

Niels Brockmeyer studiert in Frankfurt und hat 2013 im DISS ein Praktikum absolviert.

  1. Zur genaueren Konzeptionalisierung des Pathologiebegriffs siehe Honneth 1994. []
  2. Unter dem „Wesentlichen“ solle das Individuelle und das Selbstbestimmte verstanden werden (vgl. Seiwert 2006, 10). []
  3. Das Buch „Noch mehr Zeit für das Wesentliche“ baut auf dem Buch „Zeit für das Wesentliche auf“(2000) auf. Dies unterstreicht die Logik der kontinuierlichen Verbesserung. []

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