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Was ist dran an der „Gypsy-Industrie“?

 

Eine Rezension Michael Lausberg, erschienen im DISS-Journal 25 (2013)

Norbert Mappes-Niediek
Arme Roma, böse Zigeuner
Was an den Vorurteilen über die Zuwanderer stimmt
Berlin 2012: C. Links Verlag
208 Seiten, 16,90 €

Spätestens seit der EU-Osterweiterung 2007 und ihrer Migration nach Westeuropa sind die Roma zu einem Thema auch in der BRD geworden. Norbert Mappes-Niediek, freier Journalist mit dem Schwerpunkt Südosteuropa, widerlegt in seinem Buch hartnäckige Vorurteile über Roma. Vor allem in den postsozialistischen Transformationsstaaten Osteuropas leben die meisten Roma in bitterer Armut am Rande der Gesellschaft, vom Rassismus der Mehrheitsgesellschaft bedroht. Nach dem Zusammenbruch des Sozialismus waren vor allem die Roma von Arbeitsplatzverlust und Erodierung der Sozialsysteme betroffen.

Mappes-Niediek wendet sich gegen eine Haltung, die Armut und Arbeitslosigkeit als Ausdruck einer romaspezifischen Kultur kategorisiert. Außerdem widerlegt er die These des „Intelligenzforschers“ Volkmar Weiss, der Roma pauschal mangelnde Intelligenz „nachweist“. (30/31). Mappes-Niediek wehrt sich auch gegen das weit verbreitete Vorurteil der Kriminalität der Roma innerhalb der Mehrheitsbevölkerung:

„Wenn in Zeitungen überhaupt über Roma berichtet wird, so eine Untersuchung, dann geht es in 70% der Artikel um Kriminalität.“ (89)

Höchst problematisch ist allerdings seine Kritik an der europäischen Roma-Politik und die von ihr „geförderte Gypsy-Industrie“:

„Die Förderung von Projekten durch Stiftungen und internationalen Organisationen haben eine ‚Gypsy-Industrie‘ aus Nichtregierungsorganisationen geschaffen, die oft nur aus ihrem Vorsitzenden und dessen Bankkonto bestehen.“ (9f)

Mappes-Niediek nimmt mit dieser Formulierung Bezug auf das Buch „Die Holocaust-Industrie“ des US-amerikanischen Politikwissenschaftlers Norman Finkelstein. Darin wirft Finkelstein dem amerikanischen Judentum vor, es habe eine „Holocaust-Industrie“ geschaffen, um sich am Holocaustgedenken zu bereichern.1) Diese „Gypsy-Industrie“ bestehe laut Mappes-Niediek nicht nur aus Roma-Organisationen, sondern auch „vielen anderen, die sich – den Interessen der Geldgeber folgend – dem Roma-Problem zugewandt haben.“ (168) Dieser wirft Mappes-Niediek Unterschlagung und „missbräuchliche Verwendung öffentlicher Gelder“ (Ebd.) vor und kommt zu dem Schluss:

„Die Gypsy-Industrie saugt nicht nur Geld auf, sondern verursacht mit ihrer finanziellen Potenz und der damit verbundenen Macht auch manche Fehlsteuerung.“ (169)

Dies hätte „unter den Roma und auch sonst in Ost- und Südosteuropa die beabsichtigte Zivilgesellschaft nicht vorangebracht.“ (172)

Im ungünstigsten Fall könnte die von Mappes-Niediek beschworene Existenz der „Gypsy-Industrie“ dazu führen, dass die Vorurteile Profitgier und Kriminalität gegenüber Roma noch befördert werden. Außerdem werden die vielen wohlmeinenden Projekte zur Förderung der Roma dadurch diskreditiert und mühsam aufgebautes Vertrauen verspielt.

Als eine Lösung zur Beseitigung der Probleme der Roma spricht sich Mappes-Niediek für eine Sozialpolitik statt Minderheitenpolitik aus: die „Beseitigung oder Verminderung von Armut, Arbeitslosigkeit und geringer Bildung sei der Schlüssel.“ Die Bekämpfung der Diskriminierung und Ausgrenzung durch die Mehrheitsbevölkerung „trifft das Problem nicht“. (189) Zur Erfüllung der Grundbedürfnisse „Bildung Mobilität und natürlich Ernährung und Wohnung“ sei ein „großes europäisches Infrastrukturprogramm“ notwendig. (195) Wie konkret dieses „Infrastrukturprogramm“ aussehen soll, wer es ausarbeiten oder finanzieren soll, wird allerdings nicht erwähnt.

Mappes-Niediek hat ein journalistisches Sachbuch vorgelegt, das dafür geeignet ist, interessierten Leser_innen, die bislang nicht viel über Roma wussten, einen ersten Einblick zu geben. Für die wissenschaftliche Beschäftigung in Bezug auf Historie, Struktur und Semantiken des Antiziganismus ist es – auch aufgrund der fehlenden Zitation – aber weniger geeignet.

 

P.S. Zum Thema Antiziganismus in Duisburg sind auf der Website des DISS mehrere Online-Broschüren kostenlos abrufbar:

AK Antiziganismus im DISS (HG.): Stimmungsmache. Extreme Rechte und antiziganistische Stimmungsmache. Analyse und Gefahreneinschätzung am Beispiel Duisburg. Veröffentlicht als kostenlose Online-Broschüre im März 2015.

Martin Dietzsch, Bente Giesselmann und Iris Tonks: Spurensuche zur Verfolgungsgeschichte der Sinti und Roma in Duisburg. Eine Handreichung für die politische Bildung. Veröffentlicht als kostenlose Online-Broschüre im Juni 2014.

Bente Gießelmann: Differenzproduktion und Rassismus. Diskursive Muster und narrative Strategien in Alltagsdiskursen um Zuwanderung am Beispiel Duisburg-Hochfeld. Bachelorarbeit, veröffentlicht im August 2013.

  1. Finkelstein behauptete weiterhin, um den Holocaust systematisch zu „vermarkten“, seien die Behauptung seiner „Singularität“ geschaffen und die jüdischen Opferzahlen übertrieben worden. Ein Großteil des als Entschädigung für die Opfer vorgesehenen Geldes sei für andere Zwecke verwendet worden. Verschiedene Wissenschaftler wiesen auf verschwörungstheoretische und antisemitische Motive in Finkelsteins Argumentation hin. Die extreme Rechte nahm seine Thesen begeistert auf, weil ein Jude es ihr gestattete, einen alten antisemitischen Gedanken neu zu formulieren, nämlich dass Juden sich am schlechten Gewissen anderer bereicherten. Siehe dazu Dietzsch, M./Schobert, A. (Hrsg.): Ein „jüdischer David Irving“? Norman G. Finkelstein im Diskurs der Rechten – Erinnerungsabwehr und Antizionismus (www.doew.at/projekte/rechts/chronik/2001_02/finkel1.html []

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