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Beate Zschäpe in der Bild-Zeitung

 

Zwischen Nazi-Braut und Nazi-Killer. Der Diskurs um Frauen im Rechtsextremismus am Beispiel des NSU.
Von Anna Oelhaf. Erschienen in DISS-Journal 23 (2012), 6-10

Am 4.11.2011 begingen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt nach einem Banküberfall Suizid und zündeten den Wohnwagen, in dem sie sich befanden, an. Am gleichen Tag löste Beate Zschäpe eine Explosion in der gemeinsamen Wohnung aus und verschwand dann, um sich am 8.11.2011 der Polizei zu stellen. In den Überresten des Wohnwagens und der Wohnung fanden sich die Tatwaffen von neun Morden an Einwanderern bzw. Deutschen mit Migrationshintergrund und dem an einer deutschen Polizistin sowie weitere Indizien für die Täterschaft der Gruppe, die wenig später unter ihrer Selbstbezeichnung als ‚Nationalsozialistischer Untergrund‘ (NSU) bekannt wurde.

Mit diesen Vorkommnissen offenbarte sich der rechtsextremistische Hintergrund der Taten, die zuvor als ‚Döner-Morde‘ verhandelt und deren Gründe bis dahin in einer vermeintlichen Kriminalität der Opfer gesucht wurden.1

Als einzige lebende und zudem weibliche Hauptverdächtige erhielt Beate Zschäpe einen besonderen Status in der medialen Rezeption der Ereignisse. Bereits am 15.11.2011 kritisierte das Forschungsnetzwerk ‘Frauen und Rechtsextremismus’ in einem offenen Brief (Köttig/Kenzo 2011) die unreflektierte Reproduktion des „übliche[n] Klischee[s] von der unpolitischen Frau“, nach dem Frauen nicht als rechtsextreme Täterinnen, sondern nur als sexualisierte Anhängsel denkbar seien. Problematisch hieran seien zum einen die „sexistischen Stereotype“, die dazu führten, dass die „Rolle von Frauen im Rechtsextremismus“ verharmlost werde, sowie zum anderen die damit einhergehende Verharmlosung der „rassistisch und antisemitisch motivierten Taten selbst“.2

Hintergrund dieser Kritik ist die theoretische und empirische Auseinandersetzung der gendersensiblen Rechtsextremismusforschung. Sie führte erstens zu der Einsicht, dass im Zuge der öffentlichen und wissenschaftlichen Wahrnehmung von Rechtsextremismus als männliches Phänomen die vielfältigen und durchaus konstitutiven Funktionen von Frauen in rechten Strukturen übersehen und unterschätzt werden sowie ihre potentielle Täterinnenschaft fast gänzlich ausgeblendet bleibt. Des Weiteren stellte sie heraus, dass hegemoniale Geschlechter-Diskurse – neben dem tatsächlichen größeren Anteil von Männern im rechten Milieu und an rechten Gewalttaten – wesentlich an der Verhandlung von Rechtsextremismus mit dem Prototyp des Rechtsextremisten als „männliche[m], jugendliche[n], gewaltbereite[n] Skinhead“ (Elverich 2007, 1) beteiligt sein dürften. Frauen gelten gemeinhin als das friedfertigere Geschlecht, von dem keine Gefahr ausgehe, während Männern Aggressivität und Gewalttätigkeit zugeschrieben werde. Darüber hinaus werden Frauen und Mädchen eher als unpolitisch eingeordnet bzw. als politische Akteurinnen weniger wahr- und ernst genommen, insbesondere dann, wenn sich ihr Handeln auf Bereiche konzentriert, die diskursiv als privat statt politisch kodiert sind (Elverich 2007, 2).

Im Anschluss an solche Überlegungen stellt sich die Frage, ob und wie das vom Forschungsnetzwerk konstatierte Bild von Frauen im Rechtsextremismus in Bezug auf die Berichte zu Beate Zschäpe diskursiv produziert und reproduziert wurde und inwieweit es zu einer Verharmlosung ihrer bzw. der Taten kommt.

Diesen Fragen wurde mit einer Kritischen Diskursanalyse der Berichterstattung der Bild-Zeitung in den Tagen unmittelbar nach dem Bekanntwerden der Ereignisse nachgegangen. Ihre Ergebnisse sollen im Folgenden vorgestellt werden.3

Der thematische Kontext

Die Artikel, in die Informationen über Beate Zschäpe eingebettet sind, drehen sich erstens um die konkreten Ereignisse bzw. Vermutungen zu diesen. Sie berichten über die Banküberfälle, die Morde und weitere Taten wie z.B. einen Nagelbombenanschlag. Zweitens stellt die Ermittlungsgeschichte im Zusammenhang mit den Morden sowie mit dem Untertauchen von Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos ein Thema dar. Es werden Fahndungspannen dargestellt und insbesondere die Rolle verschiedener Behörden diskutiert. Drittens werden in zahlreichen Artikeln mögliche weitere Morde und Taten durch den NSU angesprochen. Viertens finden die in der Wohnung aufgefunden Namenslisten – „Todeslisten“ – sowie eine ebenfalls in der Wohnung gefundene DVD – „Bekenner-DVD“ – wiederholt Erwähnung. Fünftens drehen sich mehrere Artikel um (mutmaßliche) Komplizen/Hintermänner/Helfer. Sechstens thematisieren einige Artikel Leben und Charakter von Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos sowie ihren kriminellen und rechtsextremistischen Werdegang. Siebtens kommen verschiedene Reaktionen auf die Mordserie wie z.B. Stellungnahmen und symbolische Gesten von Politiker_innen zur Sprache.

Interessant ist, dass das Thema ‚Frauen im Rechtsextremismus‘ explizit an keiner Stelle auftaucht.

Die Bebilderung

Die Artikel werden zum einen bebildert mit Aufnahmen verschiedener Orte des Geschehens wie beispielsweise dem Wohnwagen, in dem Mundlos und Böhnhardt starben, oder der zerstörten Wohnung, in der das Trio zuletzt wohnte. Zum anderen begleiten Fotografien von Personen, die im Text Erwähnung finden, interviewt oder zitiert werden, die Artikel: Mordopfer und deren Kinder, Personen aus Verfassungsschutz, Polizei und Politik, und – überwiegend – Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt. Deren Porträts erscheinen im Stil von Passbildern, versehen mit Namen und Alter sowie gelegentlich mit einer substantiven Bezeichnung wie „Nazi-Killer“ oder „Nazi-Braut“, die „schweigt“. Daneben finden sich eine Reihe von Fotografien von Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos in privatem Kontext – auf dem Sofa, im Bett liegend, lesend, schlafend usw. – sowie von Mundlos und Böhnhardt bei Banküberfällen oder Demonstrationen. Beate Zschäpe wird in der Bebilderung zweier Artikel in Polizeibegleitung gezeigt.

Zwischen Nazi-Braut und Nazi-Killer

Beate Zschäpe wird überwiegend als Teil einer Gruppe bzw. eines Kollektivs, deren Mitglieder nur manchmal namentlich genannt werden, und nicht als Individuum verhandelt. Dabei lässt der Kontext häufig die Frage offen, ob Zschäpe in dieses Kollektiv eingeschlossen ist oder nicht. Insgesamt erweist sich die Behandlung von Beate Zschäpe in der Bild-Zeitung als widersprüchlich.

Zschäpe erhält nicht weniger Aufmerksamkeit als Böhnhardt und Mundlos. Dies ist gerade zu Beginn der Berichterstattung so, wo sie in vielen Artikel als Protagonistin auftritt. An einer Stelle ist sogar von „Zschäpes Terrorgruppe“ (16.11.2011) die Rede.

Zschäpe wird auch nicht aus der Verantwortung für die Taten herausgenommen. Diese wird vor allem der Gruppe insgesamt zugeschrieben, wobei sie  – zumindest potentiell – meist eingeschlossen ist. Allerdings wird offen gelassen, worin genau ihre Beteiligung bestand, etwa in der Planung oder Ausführung, im Mitwissen oder in Sonstigem.

„Drei junge Menschen, die sich von der Gesellschaft lossagen und abtauchen. Mordend ziehen sie durch die Bundesrepublik, sie horten Waffen, überfallen Banken und machen mit perverser Lust Jagd auf Ausländer. In ihrem Hass schießen sie ihren Opfern ins Gesicht. 10 Morde und 14 Banküberfälle begingen sie.“ (14.11.2011)

Hier werden Einzelpersonen („drei junge Menschen“) genannt, denen dann als Gruppe Handlungen zugesprochen werden. Zwar werden Zschäpe die Banküberfälle und Morde häufig – wie in diesem Beispiel – als Mitglied des Kollektivs zugeschrieben, jedoch nie als Einzelperson angelastet. Das heißt, sie wird für die Taten – die Morde, das Bauen der Bomben, die Bombenanschläge selbst, die DVD, die Bildung einer terroristischen Vereinigung, teilweise auch die Banküberfälle – mit in die Verantwortung gezogen.

In Bezug auf die Ausführung der Taten ergibt sich hingegen ein anderes Bild. Explizit angelastet wird Zschäpe das Fahren von Fluchtautos sowie Brandstiftung. Ausführlich beschrieben wird auch ihr Kontakt zur NPD und zum Verfassungsschutz. Zschäpe erscheint hier in einer aktiven, kompetenten und souveränen Rolle, als Mitwisserin und Organisatorin.

„Zschäpes Terrorgruppe soll eng mit der rechtsradikalen NPD gearbeitet haben. Angeblich gab es Absprachen zwischen NSU und NPD! Feldmann: ‚Ich war dabei, als Zschäpe sich mit führenden Mitgliedern der Partei getroffen hat. Sie haben sich zu langen Gesprächen zurückgezogen. Anschließend sagte mir ein Verbandsvorsitzender der NPD: ‚In Köln steigt bald eine große Sache.‘ Wenig später explodierte die Bombe in Köln.‘“ (16.11.2011; ohne Hervorhebungen)

„‚Beate Zschäpe hat ganz offen gesagt, man solle mit dem Verfassungsschutz arbeiten und denen falsche Informationen liefern. Sie hatte Kontakt zu einem Beamten in Thüringen‘“ (16.11.2011; ohne Hervorhebungen)

Bei der Durchführung der Morde und anderer Gewalttaten bleibt Zschäpe allerdings fast gänzlich außen vor. In einem Artikel widmet sich ein ganzer Absatz der Frage nach Zschäpes Rolle bei den Morden. Dessen Quintessenz: Zschäpe hat höchstwahrscheinlich nicht gemordet.

„Hat auch Beate Zschäpe gemordet? Zschäpe verweigert die Aussage. Bisher deutet aber vieles darauf hin, dass die beiden Männer des Trios für die Morde verantwortlich sind. Vor einem Sprengstoffanschlag sind sie auf einem Überwachungsvideo zu sehen. In Zeugenaussagen zu den DönerMorden war nie von einer Frau in Tatortnähe die Rede. Und: Es dürfte nahezu unmöglich sein, Zschäpe die Morde vor Gericht nachzuweisen. Sie will als Kronzeugin auspacken und dafür eine mildere Strafe. Zschäpe würde dann nur ihre toten Komplizen belasten. Allerdings soll die Nazi-Braut oft das Wohnmobil gesteuert haben, mit dem das Trio zu den Taten fuhr.“ (15.11.2011; ohne Hervorhebungen)

Zschäpe wird also nur eine Mitverantwortung für die Morde, jedoch nicht deren Ausführung zugewiesen. In dieser Rolle erscheinen allein Böhnhardt und Mundlos. Darauf verweisen auch die Substantive, mit denen Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos jeweils bezeichnet werden. Als Kollektiv werden sie am häufigsten als „Killer-Nazis“ und „Terror-Trio“ benannt; insgesamt speisen sich solche Bezeichnungen aus Diskursen der Kriminalität und des Rechtsextremismus. Mundlos und Böhnhardt werden sowohl als Einzelpersonen als auch im ‚Doppelpack‘ mit Begriffen wie „Killer“, „Killer-Nazis“ und „Täter“ ebenfalls überwiegend aus Kriminalitäts- und Rechtsextremismus-Diskursen heraus beschrieben. Zschäpe hingegen wird entweder in eine Beziehung zu Männern gesetzt oder sie wird als „Komplizin“, „Zeugin“, „Mitläuferin“ und „Nazi-Terroristin“ bezeichnet. Bis auf den Fall der „Nazi-Terroristen“ wird sie als zweitrangige Akteurin eingeschätzt, die nur unterstützt, bezeugt oder passiv mitmacht. Außerdem ist die politische Dimension der Taten bei Böhnhardt und Mundlos präsenter als bei Zschäpe, die eben nur einmal als „Nazi-Terroristin“ bezeichnet wird. Gleiches lässt sich auch in Bezug auf Gewalttätigkeit und Brutalität beobachten. Das Kollektiv – also potentiell inklusive Zschäpe – wird als monströs und verbrecherisch gezeichnet: das „Killer-Trio“ hat „eiskalt gemordet“, beging „brutalste Verbrechen“ und „grausame Morde“, offenbarte eine seltene „Kaltblütigkeit und Brutalität“ – um einige Beispiele zu nennen. Als Einzelperson wird Zschäpe hingegen an keiner Stelle als brutal, grausam oder gewalttätig dargestellt, ganz im Gegenteil zu Mundlos und Böhnhardt. Letztere werden häufig – insbesondere über Hinweise auf ihre Kleidung und Waffen – entsprechend charakterisiert:

„Ein Räuber springt mit einer Pistole im Postamt über einen Schalter. Sein Komplize bedroht bei einem anderen Raub einen Angestellten mit seiner Pumpgun! Die Bilder der Überwachungskameras, die BILD jetzt vorliegen, zeigen die Killer-Nazis Uwe Böhnhardt († 34) und Uwe Mundlos († 38).

DIE FOTOS DOKUMENTIEREN DIE GANZE SKRUPELLOSIGKEIT DER KILLER.

Um ihr Leben im Untergrund bezahlen zu können, überfallen Mundlos und Böhnhardt in zwölf Jahren 14 Banken, Sparkassen und Postämter in Chemnitz, Zwickau und Stralsund. Sie sind meist mit Pistolen und Pumpgung bewaffnet.

Die Serie beginnt am 6. Oktober 1999 in Chemnitz. Zwei Jahre später erbeuten sie im Zwickauer Postamt 75 000 D-Mark und verletzen dabei einen Kunden mit Reizgas. Zu diesem Zeitpunkt haben die Killer schon drei türkische Geschäftsleute ermordet.“ (16.11.2011; Hervorhebungen im Original)

Im Rahmen der Berichterstattung findet sich eine Sexualisierung Zschäpes. Die Substantiv-Bezeichnungen, mit denen sie charakterisiert wird, definieren sie vorwiegend über ihr Verhältnis zu Männern. Sie wird als „Mitbewohnerin“, „heißer Feger“ und „Nazi-Braut“ betitelt. Letztere Bezeichnung ist neben ihrer häufigen Nennung auch deshalb sehr präsent, weil sie sich oftmals in den Bildunterschriften von Fotografien von Zschäpe findet. „Nazi-Braut“ wird Zschäpes Name oft schlicht voran gestellt.

Der Begriff ‚Braut‘ bezeichnet eigentlich eine Verlobte bzw. eine Frau am Tag ihrer Hochzeit. In der Jugendsprache wird ‚Braut‘ laut Duden auch für ein „Mädchen (als Objekt sexueller Begierde)“ (Duden online 2012) benutzt. Sowohl mit „heißer Feger“ als auch mit „Nazi-Braut“ wird Zschäpe sexualisiert und über einen männlichen Blick charakterisiert. Auch „Mitbewohnerin“ definiert Zschäpe über die soziale Beziehung zu Mundlos und Böhnhardt. „Nazi-Braut“ legt zudem nahe, dass Zschäpe die ‚Braut‘ eines Nazis – vielleicht von Mundlos und/oder Böhnhardt – gewesen sei und dies in Hinblick auf ihre Rolle in der Gruppe relevant gewesen sei. Der Begriff ‚Nazi-Braut‘ reproduziert somit die diskursiv vorherrschende Einordnung von Frauen in rechten Strukturen als (Sexual-)Partnerinnen von rechten Männern.

Dieses Motiv findet sich auch an anderer Stelle. So wird Zschäpe unter anderem dadurch charakterisiert, dass sie „bei den Nazis […] als heißer Feger [galt]“ (16.11.2011), „mehrere Neonazis [um sie] buhlen“ (14.11.2011) und sie „mit Böhnhardt und Mundlos […] eine Dreierbeziehung [hat]“ (14.11.2011). Am 18.11.2011 veröffentlichte die Bild-Zeitung Privataufnahmen von Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe, die u.a. Zschäpe und Mundlos in einem Bett zeigen. Zschäpe wird durch die auf der Titelseite prangende Überschrift „Nazi-Braut im Bett mit dem Killer!“ sexualisiert.

Dass diese Sexualisierung Zschäpes ihre insgesamt ambivalente Charakterisierung jedoch nicht dominiert, zeigen die folgenden Passagen aus zwei Artikel exemplarisch:

 „Beate Zschäpe, die gefährliche Mitläuferin. Gelernte Gärtnerin. Sie weigert sich, die typische Kluft der braunen Szene zu tragen. Mehrere Neonazis buhlen um sie. Mit Böhnhardt und Mundlos hat sie eine Dreierbeziehung: ‚Mal war sie mit dem einen zugange, mal mit dem anderen‘, sagt ein früherer Bekannter. Zu Hause hängt sie eine Reichskriegsflagge auf.“ (14.11.2011; ohne Hervorhebungen)

„‚Ich habe Beate Zschäpe bei einer NPD-Weihnachtsfeier und bei einer Veranstaltung im März 2004 in Georgsmarienhütte getroffen‘, sagt Michael Feldmann* [ein angeblicher Aussteiger] zu BILD. ‚Sie trat damals unter verschiedenen Namen auf […].‘ […] Erst später zog Zschäpe mit den Killern in die Wohnung die sie später in die Luft jagte. ‚Ich erinnere mich, dass Zschäpe mit einem Kameraden in einem VW zu einem NPD-Treffen anreiste. Viele in der Szene kannten sie. Bei den Nazis galt sie als heißer Feger. Sie trat nie aggressiv auf, aber ihre Ansichten waren aggressiv. Sie war bekannt als Gründungsmitglied der NSU.‘“ (16.11.2011; ohne Hervorhebungen)

Einerseits nehmen in diesen Charakterisierungen Zschäpes Aussagen zu ihrem Liebes-, Sex- und Beziehungsleben einigen Raum ein, während dies bei entsprechenden Stellen zu Böhnhardt und Mundlos vollkommen ausgespart bleibt. Das ‚Buhlen‘ mehrerer Neonazis und ihr Ruf als „heißer Feger“ machen sie zum Sexobjekt (männlicher) Nazis, ihr abwechselndes ‚Zugange-Sein‘ mit Böhnhardt und Mundlos rückt sie mit leicht negativem Unterton in Richtung Promiskuität. Ihr Rechtsextremismus wirkt hingegen eher nebensächlich und außerdem passiv: sie ist eine Mitläuferin, ihre Weigerung, die „typische Kluft der braunen Szene zu tragen“ kann als Distanz gewertet werden und ihre ideologische Gesinnung wird allein durch den Verweis auf eine zuhause aufgehängte Reichskriegsflagge angedeutet. Nichts davon zeichnet das Bild einer Frau, die möglicherweise aus rassistischen Motiven mehrere Menschen getötet hat. Im zweiten Zitat wirkt die Grausamkeit und Brutalität, die Böhnhardt und Mundlos am selben Tag im nebenstehenden Artikel zugeschrieben werden, ebensowenig als möglicher Teil von Zschäpes Charakter. Auch hier ist sie nicht als brutale Mörderin vorstellbar. Dies wird untermauert durch die Bebilderung der Artikel: während die „Nazi-Braut Beate Zschäpe“ die offen in die Kamera anlächelt, werden die „Killer-Nazis“ bzw. „Serienmörder Uwe Böhnhardt […] und Uwe Mundlos […]“ in einer männlichen Gruppe und in Nazi-Kleidung sowie vermummt und mit Waffe beim „Raubzug“ gezeigt

Andererseits erweist sich die Charakterisierung von Zschäpe in beiden Zitaten als ambivalent. Sie ist zwar eine Mitläuferin, aber sie ist eine gefährliche Mitläuferin. Was das Gefährliche an ihr ist, wird nicht weiter erläutert. Sie weigert sich „die typische Kluft der brauen Szene zu tragen“, was im Grunde kein Verhalten ist, das von einer Mitläuferin erwartet würde. Und sie ist eine der „drei junge[n] Menschen“, die – so der Wortlaut zu Beginn des Artikels vom 14.11.2011 – „mordend durch die Bundesrepublik [ziehen] […] und […] mit perverser Lust Jagd auf Ausländer machen“. Der Artikel vom 16.11.2011 zeichnet Zschäpe als aktive Rechtsextemistin und wichtige Akteurin der NSU. Er berichtet von Besuchen Zschäpes von Nazi-Veranstaltungen, von Verbindungen zur und Gesprächen mit „führenden Mitgliedern“ der NPD und dem Verfassungsschutz, von ihren zahlreichen Decknamen, von ihrer Brandstiftung der Wohnung, von aggressiven Ansichten Zschäpes sowie davon, dass sie Gründungsmitglied der NSU gewesen sei. Als sei Zschäpe die Anführerin der Gruppe gewesen, ist sogar die Rede von „Zschäpes Terrorgruppe“. Der Tenor des Artikels charakterisiert Zschäpe als wichtige und kompetente Akteurin der NSU, Überschrift und Bebilderung reduzieren sie jedoch auf Sexualität und Attraktivität.

Zusammenfassung und Resümee

Die Analyse ergibt insgesamt ein ambivalentes Bild. Einerseits wird Zschäpe im Gegensatz zu Böhnhardt und Mundlos nicht als gewaltätig oder grausam dargestellt und taucht als Mörderin nicht auf. Versteht man Zschäpes Fall als exemplarisch für die Verhandlung von Frauen im Rechtsextremismus, ist hier eine Verharmlosung oder zumindest Ausblendung des gewalttätigen Potentials von Rechtsextremistinnen zu konstatieren.

Hinzu kommt, dass Zschäpe wiederholt sexualisiert und – vor allem im Vergleich zu Mundlos und Böhnhardt – entpolitisiert wird. Hier scheint sich folglich der Diskurs des gewalttätigen männlichen Nazis und der vergleichsweise ‚normalen‘, friedfertigen und unpolitischen Frau an deren Seite zu wiederholen, wodurch gleichzeitig eine mögliche Gewalttätigkeit Zschäpes ausgeblendet wird.

Andererseits erscheint Zschäpe durchaus als verantwortlich, sie wird weder viktimisiert oder entlastet noch wird Empathie zu ihr aufgebaut. Sie ist nicht schlicht Mitläuferin und nicht nur Sexobjekt, sie ist auch Akteurin, sie hat auch etwas zu sagen und ist nicht schwach. Sie wird zwar als weniger gewalttätig, aber nicht als weniger gefährlich gezeichnet. Die Gleichsetzung von Gewalttätigkeit mit Gefährlichkeit, die in der Bild-Zeitung nicht vollzogen wird, ist ein zentraler Kritikpunkt der gendersensiblen Rechtsextremismusforschung, da hierdurch die Bedeutung und Gefährlichkeit anderer Rollen neben der gewalttätigen ausgeblendet würden.

„Damit ist die geringere Gewaltbereitschaft und das ‚sanftere‘ Auftreten von Frauen nicht weniger bedenklich, sondern u.U. sogar gefährlicher im Hinblick auf die Durchsetzung rechtsextremer Deutungsmuster.“ (Elverich 2007, 2)

„Und dennoch ist dies ein einseitiger Blick, denn die Männerdominanz im rechtsextremen Milieu sollte über die unterschiedlichsten Beteiligungsformen von Mädchen und Frauen nicht hinweg täuschen. Vielmehr sollte sich unsere Aufmerksamkeit gerade deshalb schärfen, weil Mädchen und Frauen eher im Hintergrund agieren und sich damit unserem Blickfeld entziehen. Das Problem ist, dass der männerzentrierte Blick von Medien, Polizei und Justiz dazu führt, dass die differenzierten und z.T. subtilen Beteiligungsformen von Mädchen und jungen Frauen an rechtsextremen Straftaten bei Darstellung und Verfolgung der Taten häufig ausgeblendet oder verzerrt werden.“ (Köttig 2005, 58)

Insofern kann nicht von einer prinzipiellen Verharmlosung Zschäpes gesprochen werden – zumindest nicht in der Bild-Zeitung. Überhaupt findet m. E. keine Verharmlosung der Taten an sich statt. Verharmlost – bzw. fast vollkommen übergangen – wird hingegen eine gesellschaftliche Mit-Verantwortung für die Taten. Die Täter sind Mundlos und Böhnhardt, Verantwortlichkeiten liegen bei Neonazis – Zschäpe eingeschlossen – und evt. noch in behördlichen Ermittlungsfehlern.

Die Frage nach Rassismus in der deutschen Gesellschaft und einer daraus folgenden möglichen Mitverantwortung wird jedoch kaum aufgeworfen. Damit wird den Morden nicht die gesellschaftliche Brisanz verliehen, die sie angesichts nicht weit zurückliegender Debatten wie z.B. der um Sarrazin4 erhalten könnten. Für die Bild-Zeitung liegt das Problem außerhalb der Gesellschaft, in “[d]rei junge[n] Menschen, die sich von der Gesellschaft lossagen und abtauchen“ (14.11.2011), in „eine[r] eigene[n] Welt, aus der die drei Killer-Nazis stammen. Abgeschottet, verschwiegen, feindselig“ (16.11.2011). Nur selten werden die Taten in der ’Mitte’ der Gesellschaft verortet. Bezeichnenderweise geschieht dies durch einen türkischen Gastautor und den Vertreter der türkischen Gemeinde in Berlin sowie – ansatzweise – durch den Sohn eines Ermordeten. Doch diese Äußerungen bleiben auf der Ebene von Appellen stecken. Die Bild-Zeitung nimmt sie nicht auf und formuliert keine Forderungen an Politik und Gesellschaft.

Gender scheint im Diskurs um Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt eine große Rolle zu spielen. Neben der Sexualisierung und Entpolitisierung Zschäpes und der Brutalisierung von Mundlos und Böhnhardt fällt diesbezüglich ein prinzipieller Aspekt ins Auge: Mundlos und Böhnhardt werden nur sehr sporadisch und deutlich seltener als Zschäpe als Einzelpersonen, stattdessen aber häufig im ‚Doppelpack‘ verhandelt. Im Gegensatz werden Zschäpe und Mundlos oder Zschäpe und Böhnhardt an keiner Stelle gemeinsam verhandelt. Darüber hinaus wird Zschäpe häufig als Gegenpol zum ‚Doppelpack‘ Mundlos und Böhnhardt inszeniert, beispielsweise dann, wenn die „Nazi-Braut“ mit den „Nazi-Killern“ kontrastiert wird.

Dass Mundlos und Böhnhardt ‚im Doppelpack‘ und nicht als Individuen behandelt werden, ermöglicht die diskursive Kontrastierung zwischen dem männlichen und dem weiblichen Nazi. Damit geht einher, dass zahlreiche Fragen ausgeschlossen bleiben. So wird beispielsweise gar nicht erst thematisiert, ob und inwiefern die Männer bei den Taten unterschiedlich agierten. Bei Zschäpe hingegen wird die Frage, ob auch sie geschossen hat und inwieweit sie an den Taten beteiligt ist, explizit thematisiert. Während es bei Zschäpe also offensichtlich einen Erklärungsbedarf gibt, scheint sich die Frage bei Böhnhardt und Mundlos nicht zu stellen. Dass es sich bei ihnen um Männer handelt, scheint hinreichend dafür zu sein, beide homogenisierend zu „solche[n] Tätertypen“ (18.11.2011) zu deklarieren.

Literatur

Duden online 2012: „Braut, die“. Online: http://www.duden.de/rechtschreibung/Braut; (Abruf: 11.6.2012).

Elverich, Gabi 2007: Rechtsextrem orientierte Frauen und Mädchen – eine besondere Zielgruppe? Die Rolle von weiblichen Neonazis wird bislang unterschätzt. Online: http://www.bpb.de/politik/extremismus/rechtsextremismus/41506/rechtsextrem-orientierte-frauen-und-maedchen (Abruf: 11.6.2012).

Köttig, Michaela 2005: „Mädchen in der rechten Szene“. In: Dokumentation der Fachkonferenz „Neue Perspektiven der interkulturellen Pädagogik und der Arbeit gegen  Rechtsextremismus“ in Frankfurt vom 07-09.12.2005. S. 58–69. Online: http://www.entimon.de/content/e2/e503/e801/Regionalkonferenz_West_2005_Dokumentation.pdf; (Abruf: 11.6.2012).

Köttig, Michaela / Kenzo, Rena 2011: „Und warum ist das Interessanteste an einer militanten Rechtsextremistin ihr Liebesleben?“ Offener Brief des Forschungsnetzwerks Frauen und Rechtsextremismus zur Berichterstattung über die Rechtsextremistin Beate Zschäpe. Online: http://www.frauen-und-rechtsextremismus.de/cms/images/medienarbeit/offener-brief-2011-11-15.pdf(Abruf: 11.6.2012).

  1. Vgl. dazu auch den Artikel von Jobst Paul zum Unwort des Jahres 2011 in dieser Ausgabe. []
  2. Das Forschungsnetzwerk berief sich bei seiner Kritik auf einzelne Artikel auf Bild.de, in der Frankfurter Rundschau und dem Spiegel sowie auf eine Sendung von Günther Jauch vom 14.11.2011. []
  3. Analysiert wurde die Berichterstattung der Bild-Zeitung vom 8. bis einschließlich 18. November 2011 (ausgenommen vom 9.11.2011). Berücksichtigt wurden alle Artikel, die direkt oder indirekt Informationen über Beate Zschäpe enthielten. Insgesamt bestand der Untersuchungscorpus aus 42 Artikeln. []
  4. Diese wird an keiner Stelle erwähnt. Die NSU-Morde werden auch nicht in den Kontext anderer rassistischer Morde und Taten in Deutschland gestellt. Darüber hinaus wird der Gebrauch des Begriffs ‚Döner-Morde‘, der zumindest anfänglich auch noch verwendet wird, nicht reflektiert oder kritisiert. []

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  1. […] Anna Oelhaf, Beate Zschäpe in der Bild-Zeitung: Zwischen Nazi-Braut und Nazi-Killer. Der Diskurs um Frauen im Rechtsextremismus am Beispiel der NSU.  6-10 http://www.diss-duisburg.de/2012/08/beate-zschape-in-der-bild-zeitung/ […]

  2. […] studiert, welches Bild ihr zugeschrieben wird und welches Bild von ihr existieren könnte. Sie haben sich aus den vielen fundierten Analysen – auch allgemein zu Frauen in der Extremen Recht…, die ihre Mandantin im bestmöglichen Licht erscheinen lässt. Auch, wenn die ermittelten Indizien […]

  3. […] studiert, welches Bild ihr zugeschrieben wird und welches Bild von ihr existieren könnte. Sie haben sich aus den vielen fundierten Analysen – auch allgemein zu Frauen in der Extremen Recht…, die ihre Mandantin im Hinblick auf die Anklageschrift im bestmöglichen Licht erscheinen lässt. […]

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