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Die Sonne – neuer Rohstoff des Postkolonialismus

 

Desertec und die ewig gleichen Gerechtigkeitsvorstellungen europäischer Konzerne. Von Thomas Wachtel, erschienen in DISS-Journal 22 (2011).

Die Sonne als Himmelskörper und vor allem die ihr innewohnende riesige Menge an Energie als außerplanetarische „Ressource“ kann in Bezug auf die Erde weder als gerechterer noch als ungerechterer (Verteilungs-)Zustand gelten, denn (bis jetzt1 ) sind anthropogene Einflussnahmen – als Grundfesten von Gerechtigkeitsbestrebungen und -vorstellungen – auf Planetenkonstellationen bzw. Strahlungsintensitäten (noch) nicht möglich. Anders sieht es da schon bei der Nutzung der Sonnenstrahlung bzw. der späteren durch sie gewonnenen elektrischen Energie aus, die bis heute den Fortgang eines Großteils der Menschheit bestimmt und dort für die allermeisten Lebensbereiche unabdingbar geworden ist.

Während einerseits mit dem geplanten Atomausstieg und dem absehbaren Ende des fossilen Zeitalters die Erde samt Risikogesellschaft kurz „aufatmen“ kann, sehen sich andererseits Unternehmen – allen voran die großen Energiekonzerne und Netzbetreiber – der Aufgabe gegenüber, ihre Kerngeschäfte neu ordnen zu müssen, um weiterhin bestehen bzw. Gewinne erwirtschaften zu können. Zu diesem Zweck hat schon längst die Suche nach zweckdienlichen Standorten bzw. auch der Aufbau erster Projekte regenerativer Energieerzeugung auf nationaler und globaler Ebene begonnen, um mittels großräumiger und komplexer Konzepte (z.B. Off-Shore Windanlagen in der Nord- und Ostsee oder den geplanten Solarparks in den Wüsten) das System bzw. das „blühende“ Geschäft mit der zentralen Energieversorgung auf die Erneuerbaren Energien zu übertragen. Dass sich bei Vorhaben dieser räumlichen und finanziellen Größenordnungen, die abseits der technischen Machbarkeit in verschiedenste Bereiche gesellschaftlicher Ordnungen eingreifen, zahlreiche Probleme, (Gerechtigkeits)Fragen und Widerstände ergeben, ist selbstverständlich und bedarf insofern entsprechender Legitimation oder eben auch „adäquater“ Darstellung.

Im diskursiven Spannungsfeld zwischen dem Erreichen unternehmerischer Ziele und dem Einhalten moralischer und ethischer Normen versucht auch das Projekt DESERTEC – ein Konsortium mehrerer Unternehmen zur Neugestaltung der Energieversorgung im EUMENA-Raum2 – einen sich gegenwärtig stark wandelnden Energiediskurs mit Hilfe der eigenen möglichst fortschrittlichen, effizienten und v.a. nachhaltigen und gerechten Positionierung in die „richtigen“ Bahnen zu „lenken“. Inwieweit dieses Projekt (und die implizierte jahrhundertealte koloniale Strategie eines scheinbar gleich verteilten Gebens und Nehmens) Ausdruck sozialer, globaler (Un)Gerechtigkeit ist, welche Argumentationsstrategien überzeugen sollen, wie auf die aktuellen (Gerechtigkeits-)Bestrebungen im Nahen Osten bzw. v.a in Nordafrika reagiert wird bzw. wie diese in die eigene Legitimation einfließen und ob das Projekt auch als Zeichen eines kriselnden Kapitalismus gewertet werden kann, soll nachfolgend erläutert werden.

Die Desertec-Foundation wurde im Januar 2009 als gemeinnützige Stiftung gegründet und hat sich kein geringeres Ziel gesetzt, als die Energieversorgung Europas, Nordafrikas und des Nahen Ostens grundlegend zu verändern, indem hauptsächlich die besseren solaren Potentiale (wie Sonnenscheindauer und Strahlungswinkel) im MENA-Raum3 mittels zahlreicher Solarkraftwerke neben weiteren Windkraftanlagen genutzt werden sollen. Dieser „sauber“ produzierte Strom soll u.a. bis zum Jahr 2050 mit Hilfe der Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung (HGÜ) 15-20 Prozent des europäischen Bedarfs decken. Die erforderlichen Realisierungskosten werden mit insgesamt rund 400 Milliarden Euro, davon ca. 345 Milliarden Euro für die Errichtung der Kraftwerke und etwa 55 Milliarden Euro für den Leitungsausbau, veranschlagt. Die damit größte (finanzielle) Unternehmung der Weltwirtschaftsgeschichte ist auch bei der Ausgabe weiterer offizieller Ziele, die bei einer Umsetzung erreicht werden können, nicht kleinlich. So soll das epochale Vorhaben neben der Entschärfung der Energie- und Klimakrise dazu beitragen die wirtschaftliche Entwicklung der gesamten Region zu verbessern, indem u.a. zahlreiche Arbeitsplätze entstehen, Infrastrukturen aufgebaut und gleichzeitig Lösungen für Trinkwasserproblematiken (z.B. durch Meerwasserentsalzung) angeboten werden. Daneben könnten über die Diversifizierung der europäischen Energieimporte strategische Importabhängigkeiten (bspw. Gaslieferungen aus Russ-land) vermindert und gleichzeitig die internationalen Beziehungen durch engere Verflechtungen gestärkt werden (vgl. Kemfert & Schill 2009).

Aufgrund effizienterer Umsetzungsmöglichkeiten, aber besonders wegen der im Vorfeld kritisierten unzureichenden Trennung zwischen philosophischer Grundidee und der ökonomischen Dimension des Ansatzes haben sich im Oktober 2009 neben der DESERTEC-Foundation 12 weitere Gründungsmitglieder, darunter Munich Re, Deutsche Bank, Siemens, ABB, E.on, RWE, Abengoa Solar, Cevital, HSH Nordbank, M+W Zander Holding, MAN Solar Millennium und Schott Solar, zur DESERTEC-INDUSTRIAL-INITIATIVE (DII) zusammengeschlossen. Diese medienwirksame Zusammenführung wichtiger Industriekonzerne oder global players kann als diskursives Ereignis aufgefasst werden, da der (Energie)Diskurs um Desertec verändert wird, indem auf diese Weise der Frage nach Deutungs- und Handlungshoheit zukünftiger Energieversorgungs- und -sicherungsproblematik eine gewichtige Antwort nahe legt wird.

Nach und nach sind bis heute neue (internationale, aber v.a. europäische) Mitglieder, wie z.B. die Netzbetreiber Enel (Italien), EdF (Frankreich), Red Eléctrica (Spanien) aber auch Unternehmen aus dem Finanzbereich (z.B. PriceWaterhouseCoopers) oder andere Zulieferfirmen (z.B. First Solar) zur DII gestoßen, sodass die derzeitige Zahl der Gesellschafter bei 18 und die Zahl beteiligter Partner aus der gesamten EUMENA-Region bei 32 liegt (FAZ 2010).4

Der Umstand, dass sich (soziale) Gerechtigkeit nur äußerst schwer für alle gleichzeitig herstellen lässt und bei der jeweiligen Verhandlung neben zumeist subjektiven kurzfristigen Belangen auch immer historische (kulturelle) Kontinuitäten, unterschiedliche Vorstellungen über gesellschaftliche Entwicklungsnormen oder vermeintliche „Selbstverständlichkeiten“ in ihrer langfristigen Persistenz eine gewichtige Rolle spielen, wird als unzweifelhaft vorausgesetzt werden können und muss nicht weiter erläutert werden.

Da sich das Desertec-Projekt zu großen Teilen noch in der Planungsphase befindet und somit wenig greifbare Fakten vorliegen, möchte ich versuchen, die Frage nach globaler, sozialer Gerechtigkeit anhand der Ansätze und Ziele des Vorhabens, die an drei unterschiedlichen Gerechtigkeitskonzeptionen bemessen werden, zu beantworten. Trotz der bekannten Schwierigkeiten bei der direkten Übertragung gerechtigkeitsphilosophischer Konzepte auf einzelwirtschaftliche Unternehmungen, v.a. hinsichtlich Vergleichbarkeit und Komplexität, vermögen die Resultate der verschiedenen Bewertungsgrundlagen doch einen allgemeinen richtungweisenden und nachvollziehbaren Grundtenor wiederzugeben. Dazu werden zunächst Nozick und Marx, gewissermaßen als Eckpfeiler dieser allgemeinen Gerechtigkeitsdiskussion bemüht, um danach das Projekt aus John Rawls‘ vermittelnder Position in Bezug auf Fairness oder eben Gerechtigkeit zu beurteilen.

Robert Nozick als Vertreter eines liberalen Gerechtigkeitsverständnisses und eines grundsätzlich gerechten Kapitalismus würde das Projekt als Ausdruck gerechter Handlungen verstehen, wenn dem selbigen gerechte Tauschvorgänge zugrunde liegen, die sich ihrerseits auf gerechte Tauschvorgänge in der Vergangenheit stützen könnten. Demnach wäre das v.a. die Beziehungen zwischen Europa und Afrika betreffende Konzept von DESERTEC, welches historisch in koloniale Unrechtsbeziehungen eingebettet ist, die zudem gegenwärtig ein postkoloniales5 (Un)Gleichgewicht bedingen, als ungerecht zu betrachten. Auch wenn sich der genaue Abriss allen auf Tausch beruhenden Handelns der letzten 500 Jahre nicht mehr exakt nachvollziehen lässt, offenbart sich doch die unverrückbare Erkenntnis, dass während des Kolonialismus kein rechtmäßiger Eigentumserwerb stattgefunden hat und somit Ausgangsbedingungen verändert wurden, die bis heute postkoloniale Identitäten, Ansichten, Wahrnehmungen oder eben auch Tauschgeschäfte herbeiführen. In diesem Sinne bleibt die Auseinandersetzung mit kolonialen Vergangenheiten europäischer Gesellschaften bei heutigen Bewertungen aufgrund nachwirkender (informeller) Strukturen imperialer und kolonialer Herrschaft als gemeinsamer historischer Rahmen nach wie vor aktuell (vgl. Leonhard & Renner 2010, S.7). Möchte man die bestehenden Unterschiede im sozialen Gefälle zwischen den Kontinenten und Ländern nicht gänzlich auf den Kolonialismus abwälzen, so bleibt doch die von Nozick geforderte Freiwilligkeit des Tausches auch bei DESERTEC fraglich (vgl. Nozick 2006, S. 344ff.). Denn die, auf welche Art auch immer entstandenen, meist einseitigen Abhängigkeitsbeziehungen und die daraus folgenden Zwangslagen können bei aktuellen Verhandlungen problemlos ausgenutzt werden und damit das bestehende System „mehrerer Welten“ konservieren.

Karl Marx am anderen Ende des Gerechtigkeitsfeldes, der den Kapitalismus als grundsätzlich ungerecht beschrieben hat, und ihn wohl auch in seiner jetzigen Form so einschätzen würde, würde verständlicherweise auch das Projekt DESERTEC als ungerecht zurückweisen, da sich auf dem Weg zu seiner klassenlosen (gerechten) Gesellschaft die Produktionsmittel in Kollektiveigentum befinden müssten und sich das Produkt der Arbeit in Eigentum der „Arbeiter“ umzuwandeln hat. Ebenfalls würde er die „Zwangslagen“, in denen sich die Kapitalnehmer gegenüber den Kapitalgebern befinden und die in ihrer Entstehung6 unberücksichtigt bleiben, als eine Triebfeder des Handelns ausmachen, die in ihrer Ausnutzung die Unterschiedlichkeit hinsichtlich Besitz und Eigentumsverhältnissen weiter bestätigen und fördern würden. Auch wenn Marxs Ansichten, v.a. seine Theorie des Mehrwerts, auf die heutige Zeit wenig anwendbar erscheinen und überarbeitet werden müssten, lassen sie „wegen ihres verborgenen normativen Gehalts und für die Bewertung von Fakten unter demGesichtspunkt der Gerechtigkeit“ anregende Ableitungen zu (Ebert 2010, S. 170).

Mit John Rawls, als einem der bedeutendsten Gerechtigkeitstheoretiker unserer Zeit, wäre das Projekt DESERTEC sozial und global gerecht, wenn erstens unter Einhaltung der Bürger- und Menschenrechte und zweitens in Erwartung möglichst großer Vorteilnahme für alle gehandelt werden würde (vgl. Rawls 1979, S. 81). Auf den ersten Blick erinnert dieser Versuch der Herstellung von win-win-Situationen an die Argumentation von DESERTEC selbst, wonach das Projekt gerecht ist, da neben dem Zugang zu Energie in „unendlicher“ Menge und die weniger herausgestellte Absicht, ökonomischen Mehrwert zu erzielen, auch Infrastrukturprogramme, Arbeitsplatzangebote und Hilfen bei der Trinkwassergewinnung für die Produktionsländer als Ziele treten. Ungerecht wird es nach Rawls aber, wenn (bewusst) gegen die Erwartung eines Vorteils für alle Pläne ersonnen und umgesetzt werden.

Die Absicht, einen maximalen gemeinsamen Nutzen mit der weiteren Übertragung eines zentralistischen Energieversorgungssystems (nach dem Vorzeigemodell eines „fortschrittlichen“ Europas) in anderen Teilen der Welt zu erreichen, bleibt mit einem Blick in die Geschichte mehr als fraglich. Hermann Scheer bezeichnete diese „Implantation“ als „energiesoziologischen Sündenfall“, der das soziale Gefälle zwischen Stadt und Land doppelt verschärfte, indem einerseits nur große Siedlungen mit Strom versorgt wurden und andererseits regionale Migrationen aus den ärmeren ländlichen Räumen in die Städte mit den bekannten Folgen (Verslumung, Arbeitslosigkeit usw.) auslöste (Scheer 2010, S. 217). Die angestrebte Aufhebung sozialer Unterschiede zwischen Stadt und Land sowie zwischen Europa und Afrika – mit der Konzentration von Infrastruktur, Energieproduktion und Arbeitsplätzen auf einer relativ kleinen Fläche – zeugt nicht davon, aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt zu haben und nun dezentralen Ansätzen zu folgen, sprich: in die Fläche zu investieren.

Bedenkt man dazu den aufgrund fehlender Finanzkraft in den letzten Jahrzehnten unterbliebenen Netzausbau im MENA-Raum, wird klar, dass es in erster Linie weniger um die Herstellung eines ausgeglichenen Zugangs zu (regenerativen) Strom für alle geht, sondern vielmehr um den Schutz und die Ausdehnung von Macht und Ressourcen einiger weniger Konzerne durch den Einsatz von ungleich verteiltem Wissen und Kapital. Zudem kann das Projekt, zieht man die Vorleistungen und Zulieferungen aus Europa ab, auch nicht gerade als Jobmaschine für die Erzeugerregionen beschrieben werden.

Es bleibt abzuwarten, wie genau sich die einzelnen Verträge mit Regierungen, Landbesitzern, Arbeitnehmern, Umweltschutzverbänden usw. ausgestalten und wer wie und zu welchen Preisen vom „sauberen“ Strom profitieren wird.
Klar ist aber schon jetzt, dass die Markt- und Wachstumslogik, die dem Projekt zugrunde liegt, den ewig gleichen Gerechtigkeitsvorstellungen europäischer Wirtschaftsweisen frönt, einfache liberale Wirtschaftstheorien auf andere Länder zu übertragen, die – was hinzu kommt – nur einen kurzen Ausblick in die Zukunft und überhaupt keinen in die Vergangenheit kennen. Des Weiteren erinnert dieses scheinbar neue Geschäftsmodell in seiner Legitimationsargumentation an die Rechtfertigung früherer kolonialer Handlungen und Tauschgeschäfte und kann damit wenig zu einer globalen und sozialen Gerechtigkeit auch mit eventuell neuen Partnern beitragen. Wenn sich die weiteren Verhandlungen nicht auf der viel beschworenen gleichen Augenhöhe vollziehen, die ein deutliches „Miteinander“ erkennen lassen, wird es wohl für die Befürworter des Projekts sehr schwierig werden zu erklären, warum gerade jetzt im Gleichgang mit dem Verschwinden fossiler Rohstoffe und der wahrnehmbaren Erosion des Kapitalismus „gerechte“ Geschäfte in diesen Größenordnungen mit anderen Regionen nötig werden.

Auf die aktuellen Entwicklungen in Nordafrika und im Nahen Osten, die allgegenwärtig unter dem Stichwort des „arabischen Frühlings“ subsumiert werden, reagiert die Industrieinitiative DESERTEC offiziell gewohnt gelassen und begrüßt die Veränderungen. Während vor den Protesten und Umstürzen in den betreffenden Ländern die Frage nach politischer Stabilität heruntergespielt wurde, indem auf die im Vergleich größeren Probleme, welche sich aus der alleinigen Abhängigkeit von Öl und Gas entwickeln können, verwiesen wurde, zeigen die derzeitigen Geschehnisse laut DESERTEC natürlich „wie wichtig es ist, die wirtschaftlichen Perspektiven für die stark wachsende Bevölkerung in Nordafrika und dem Nahen Osten zu verbessern“ (DESERTEC 2011).

DESERTEC verspricht somit nicht nur, die weltweite Energie- und Umweltkrise zu beseitigen, sondern preist sich auch als sozialökonomisches Angebot an, das den aufstrebenden Ländern einen „sicheren“ Weg in „ruhigere“ Zeiten weisen kann. Die Nervosität darüber, wer die künftigen Ansprechpartner sein werden, und die Anspannung, dass die zahlreichen Partner nicht verunsichert werden, schlagen sich allerdings in eiligen und fast bezugslosen Verlautbarungen nieder, etwa, dass sich die Zerstörungen während der Demonstrationen bspw. in Tunesien und Ägypten nicht auf Kraftwerke und Stromleitungen konzentriert hätten (vgl. a. a. O.).

Im Einklang mit den oben angesprochenen Gerechtigkeitsüberlegungen wirft ein anderer aktueller globaler Entwicklungsgang, der ebenfalls vom Protestklima des „arabischen Frühlings“ zu profitieren scheint und sich in der Bewegung „Occupy Wall Street“ kanalisiert, die Frage auf, inwieweit das Projekt DESERTEC auch als Zeichen eines Kapitalismus verstanden werden kann, dessen Krise sich nicht nur im Unmut großer Bevölkerungsgruppen, die sich den weltweiten Demonstrationen anschließen, erkennen lässt, sondern auch in den kürzer werden Abständen zwischen den einzelnen Finanz- und Immobilienkrisen sowie den allgemein steigenden Staatsverschuldungen. Insofern es auf den öffentlichen, ökologischen und gemeinwohlinteressierten Druck reagieren will – oder besser muss, kann das Projekt DESERTEC wohl als Ausdruck einer Kapitalismuskrisenbewältigung wahrgenommen werden.

Die eingesetzten Mittel und Strategien wollen allerdings keine Alternativen aufzeigen, sondern strukturkonservierend dem Kapitalismus zu neuen Absatzmärkten und Beschäftigungsmöglichkeiten verhelfen. Wie im Zuge des ersten Stromnetzausbaus in Europa während der vorletzten Jahrhundertwende auch elektrische Geräte entwickelt und verkauft wurden, um einen entsprechenden Absatz zu gewährleisten, sollen auch jetzt im Rahmen einer breiteren Elektrifizierung Nordafrikas die Menschen primär als potentielle Kunden gewonnen werden und sich weitere Nachfragen einstellen. Mit der Hinwendung zu grünen Technologien wird der Kapitalismus zwar etwas nachhaltiger gegenüber ökologischen Anforderungen, verpasst jedoch erneut die Chance, weltgesellschaftliche Machtkonstellationen aufzuheben, neoliberale Finanzmarktpolitiken zu überdenken und einen ökologischen Strukturwandel einzufordern. Die legitimierende Vereinnahmung der lange als unnötig deklarierten ökologischen Ansätze im Rahmen eines „New Green Deals“ vernachlässigt abermals (bewusst) die Tatsache, dass der globale Handel mit Rohstoffen zur Energieerzeugung, gerade wenn dieser unter den derzeitigen krisenhaften Bedingungen auf tönernen Füßen steht und dezentrale Alternativen weltweit möglich sind, bis heute wenig zu einer weltweit „gerechten“ Verteilung beigetragen, sondern darüber hinaus die globalen Unterschiede noch vergrößert hat. Solange die Gewinninteressen einiger „Weniger“ im Vordergrund7) stehen und historische, soziale und ökologische Bedenken vernachlässigbar sind, verbleibt dieser Kapitalismus in der Dauerkrise.

Es bleibt zu hoffen, dass die (neu) bestimmten politischen Vertreter, die Landbesitzer und sonstigen Akteure der jeweiligen Länder die ungezählten „Vorteile“ einer Energieversorgung à la DESERTEC mit Blick auf die eigene Situation genau abwägen, die derzeitigen Bemühungen intensivieren und eigene Lösungen vorantreiben. Die Ablehnung utopischer Gigantonomie „westlichen“ Zuschnitts wäre gleichzeitig der Beginn neuer Beziehungen.

Literatur:

Castro Varela, Maria do Mar/ Dhawan, Nikita 2005: Postkoloniale Theorie. Eine kritische Einführung. Bielefeld.

Ebert, Thomas 2010: Soziale Gerechtigkeit. Ideen – Geschichte – Kontroversen. Bundeszentrale für Politische Bildung, Schriftenreihe Band 1088, Bonn.

Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) 2010: „Es wird ein Grab für uns alle, wenn wir nichts machen“. Interview mit Paul van Son vom 23.10.2010.

Kemfert, Claudia/ Schill, Wolf-Peter 2009: Strom aus der Wüste – keine Fata Morgana. In: DIW-Wochenbericht, Nr. 29/09. Vgl.: co2-handel.de (Stand: 16.12.2010).

Knies, Gerhard 2009: Rede zur Gründungsversammlung der DII am 13. Juli 2009 in München. Vgl. desertec.org (Stand: 11.11.2010).

Leonhard, Jörn/ Renner, Rolf G. 2010: Koloniale Vergangenheiten – (post)imperiale Gegenwart. Berlin.

Maarti, Urs 2005: Globale distributive Gerechtigkeit – was heißt: Verteilung? In: Studia Philosophica, Globale Gerechtigkeit und Weltordnung, 64, 103-119.

Nozick, Robert 2006: Anarchie, Staat, Utopia. München.

Rawls, John 1979: Eine Theorie der Gerechtigkeit. Frankfurt am Main.

Scheer, Hermann 2010: Der energehtische Imperativ Imperativ. 100 Prozent jetzt: Wie der Wechsel zu erneuerbaren Energien zu realisieren ist. München.

Wachtel, Thomas 2011: Das Ende der Selbstverständlichkeiten. Eine neue kulturgeographische Diskursanalyse des Desertec-Projekts im EUMENA-Raum anhand ausgewählter Printmedien. (unveröffentlicht)

  1. Zurzeit wird an verschiedenen Geo-Engineering-Methoden getestet, inwieweit sich z.B. die Klimaerwärmung auf der Erde durch anthropogene Maßnahmen wie Düngung der Meere mit Eisen und Phosphor oder Ausbringung von Aerosolen in die Stratosphäre vermindern lässt. Mit letzterer Methode, welche u.a von der Bundesregierung unterstützt wird, ließen sich auch „zielgerichtet“ Strahlungsbilanzen verändern. []
  2. EUMENA – EUrope, Middle East and North Africa []
  3. MENA- Middle East, North Africa []
  4.  Vgl. Wachtel 2011. Dort habe ich mich mit DESERTEC und dem stattfindenden medienwirksamen (Energie)Diskurs auseinandergesetzt und nachgewiesen, dass „die untersuchten Medien als Überträger von Wissen durch die Reduktion bestimmter (gesellschaftlicher) Zusammenhänge bei gleichzeitiger (Über)Betonung anderer Themen in den Diskurs eingreifen und diesen nachhaltig formen.“ (S. 149). []
  5. Wenn hier über Postkolonialismus gesprochen wird, dann ist damit weniger die historische Verortung als einer Zeit nach dem Kolonialismus gemeint, sondern in erster Linie eine epistemologische Position bestimmt, welche die Nachwirkungen des Kolonialismus im Denken und Handeln der Akteure sowie in Bezug auf scheinbar unverrückbare historische (europäische) Normen, die bis heute in verschiedensten Kontexten wahrnehmbar sind, in poststrukturalistischer Art und Weise sichtbar macht. Somit wird Postkolonialismus als „Prozess der Kolonisierung als auch den einer fortwährenden Dekolonisierung und Rekolonisierung“ verstanden, der insbesondere „auch die Produktion epistemischer Gewalt“ mit einschließt (Castro Varela & Dhawan 2005, S. 8). []
  6. Urs Marti bemerkt zu den unterschiedlichen Ausgangslagen einzelner Länder, dass sich die gegenwärtig mächtigen Industriestaaten ihre Rolle in der Weltpolitik u.a. aufgrund protektionistischer Politik erarbeitet haben, die sie wiederum heutzutage anderen „schwächeren“ Ländern verwehren können (vgl. Marti 2005, S. 104). []
  7. Der DESERTEC-Erfinder Gerhard Knies betonte die üppigen Gewinnaussichten für die Teilnehmer von DESERTEC unverhohlen auf der Gründungsversammlung der DII noch einmal sehr deutlich. „Meine Damen und Herren, ich möchte hier meinen Glückwunsch aussprechen an die Industriepartner, die erkannt haben, dass die Rettung der Welt die größte ethische Aufgabe und zugleich das größte Geschäft der Zukunft sein werden“ (Knies 2009 []

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  1. […] Die Sonne – neuer Roh­stoff des Post­ko­lo­nia­lis­mus Deser­tec und die ewig glei­chen Gerech­tig­keits­vor­stel­lun­gen euro­päi­scher Kon­zerne. Von Tho­mas Wachtel. […]

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