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Die Verbetriebswirtschaftlichung der Zivilgesellschaft

 

Wirkungen und unerwünschte Nebenwirkungen. Von Florentine Maier. Erschienen in DISS-Journal 17 (2008)

Nonprofit Organisationen übernehmen zunehmend betriebswirtschaftliche Ideen und Methoden. Was bedeutet das für ihre Rolle in der Gesellschaft? Verbetriebswirtschaftlichung verspricht zahllose Segnungen: Alles wird effektiver, effizienter, kostengünstiger, schneller, qualitätsvoller. Glaubt man der Selbstdarstellung von Management-Gurus, so handelt es sich um ein Allheilmittel ganz ohne Nebenwirkungen. Seit den 1990er Jahren halten betriebswirtschaftliche Ideen und Methoden auch in zivilgesellschaftliche Organisationen Einzug. Ähnlich der Angleichung staatlicher Organisationen an die angeblich effizienteren privatwirtschaftlichen Vorbilder im „New Public Management“ der 1980er Jahre ist nun die Zivilgesellschaft an der Reihe.

Unter Zivilgesellschaft versteht man jenen Bereich gesellschaftlichen Lebens, der zwischen Staat, Wirtschaft und Privatsphäre angesiedelt ist. Zivilgesellschaft wird zu einem großen Teil von Organisationen (oft in Negativabgrenzung zu Nonprofit Organisationen oder zu Nichtregierungsorganisationen genannt) getragen. Diese zivilgesellschaftliche Organisationen werden häufig als die „Guten“ gesehen; sie kämpfen für eine bessere Welt, pflegen, betreuen, leisten Sozial-, Bildungs- und Entwicklungsarbeit. Jedoch gibt es zivilgesellschaftliche Organisationen jeglicher Couleur, von Greenpeace bis zur National Rifle Association, und ihre Aktivitäten sind nicht immer unproblematisch. Gemeinsam ist ihnen, dass sie nicht auf finanzielle Einzelinteressen, sondern auf die Erfüllung einer wie auch immer gearteten höheren Mission abzielen.

Ein Team von Wissenschafterinnen an der Abteilung für Nonprofit Management der Wirtschaftsuniversität Wien unter der Leitung von Univ. Prof. Michael Meyer untersucht die Verbetriebswirtschaftlichung zivilgesellschaftlicher Organisationen (http://www.wu-wien.ac.at/npo/research/ managerialism). Hierbei kommen diskursanalytische Ansätze in Kombination mit Methoden der quantitativen Sozialforschung zum Einsatz.

Diskursanalytische Ansätze sind hilfreich, um die Ideologiegeladenheit und rhetorische Selbstimmunisierung betriebswirtschaftlicher Heilsversprechungen aufzudecken. Blinde Flecken der betriebswirtschaftlichen Sicht werden somit sichtbar und andere Sichtweisen möglich.

Methoden der quantitativen Sozialforschung machen die Auswirkungen der Verbetriebswirtschaftlichung greifbar. So untersucht das Forschungsprojekt etwa, wie die Übernahme betriebswirtschaftlicher Ideen und Methoden auf die gesellschaftliche Funktionserfüllung von zivilgesellschaftlichen Organisationen wirkt. Denn zivilgesellschaftliche Organisationen erbringen für die Gesellschaft wichtige Leistungen. Diese Leistungen umfassen nicht nur die Bereitstellung von Dienstleistungen und Produkten (etwa Beratung und Betreuung, warme Suppe, saubere Spritzen), sondern auch Interessenvertretung und Gemeinschaftsbildung. Eine Hypothese des Forschungsprojekts ist, dass betriebswirtschaftliches Denken vor allem der Dienstleistungsfunktion nahesteht und diese verstärkt, da Dienstleistungserstellung am ehesten der Tätigkeit privatwirtschaftlicher Unternehmen ähnelt. Hingegen liegt vor allem die Gemeinschaftsbildung dem Denken des Managements fern, sodass verbetriebswirtschaftlichte Organisationen diese Funktion in zunehmend geringerem Ausmaß erfüllen. Erste empirische Untersuchungen bestätigen diese Hypothese (siehe Leitner / Maier / Meyer / Millner 2008).

Eine differenzierte Betrachtung der Verbetriebswirtschaftlichung zivilgesellschaftlicher Organisationen ist daher angebracht. Management kann wohl in bestimmten Bereichen – etwa der Dienstleistungserstellung – zivilgesellschaftliche Organisationen darin unterstützen, ihre gesellschaftlichen Aufgaben besser zu erfüllen. Entgegen anders lautender Verheißungen ist Management jedoch kein Allheilmittel und hat auch seinen Preis. Ein Teil dieses Preises scheint die Gemeinschaftsbildung zu sein.

Literatur

Leitner, Johannes; Maier, Florentine; Meyer, Michael; Millner, Reinhard 2008: Managerialismus in Nonprofit Organisationen: Zur Untersuchung von Wirkungen und unerwünschten Nebenwirkungen. In: Schauer, Reinbert; Helmig, Bernd; Purtschert, Robert; Witt, Dieter (Hg.): Steuerung und Kontrolle in Nonprofit-Organisationen, Wiesbaden: Deutscher Universitätsverlag

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