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Und wer fragt die Väter?

 

Eine ZEIT-Serie zur sinkenden Geburtenrate. Von Anja Ehlers. Erschienen in DISS-Journal 13 (2004)

Warum werden in Deutschland relativ wenig Kinder geboren? Die Antwort auf diese Frage fällt häufig geschlechtsspezifisch aus: Schuld sind „die Männer“ oder „die Frauen“. Doch wie sehen die Geschlechterbilder im aktuellen Demographiediskurs genau aus? Um diese Frage zu beantworten, wurde Anfang dieses Jahres die achtteilige Artikelserie „Wo sind die Kinder?“ der Wochenzeitung DIE ZEIT mit Hilfe der Kritischen Diskursanalyse untersucht. Ein zentrales Ergebnis: Die Autorinnen und Autoren der Serie sehen nur auf den ersten Blick gesellschaftliche Prozesse als verantwortlich für die Entscheidung von Männern und Frauen im Hinblick auf Nachwuchs. Näher betrachtet bleibt Kindererziehung in dieser Artikelserie jedoch auch in der liberalen ZEIT Frauenangelegenheit.

Zwischen dem 15. Januar und dem 4. März 2004 erschienen wöchentlich unter dem Titel „Wo sind die Kinder?“ in der ZEIT ganzseitige Beiträge, die unter verschiedenen Gesichtspunkten Deutschlands niedrige Geburtenrate thematisierten. Die sechs Autorinnen und zwei Autoren suchen in den acht Beiträgen nach Gründen für die geringe Kinderzahl von durchschnittlich 1,29 pro Frau. Die Verfasserinnen verfolgen dabei jedoch keine einheitliche Linie in dem Sinne, dass es nur eine „richtige“ Erklärung für die niedrige Geburtenrate in Deutschland gebe. Thematisiert ein Artikel die mangelnde finanzielle Familienförderung durch den Staat als Hauptgrund, wird in einem anderen die Bedeutung der Kinderfreundlichkeit einer Gesellschaft als wichtiger angesehen. Steht in einem Serienteil die Forderung nach mehr öffentlichen Betreuungsmöglichkeiten und Ganztagsschulen im Vordergrund, vermisst eine andere Autorin verlässliche familiäre Netzwerke. Mal treffen die Folgen der veränderten Rollenbilder Männer besonders hart, weil ihnen die Kontaktaufnahme zu selbstbewussten Frauen nicht gelänge. Mal werden Frauen als Opfer dieser Entwicklung gesehen, weil Männer mit entsprechendem Einkommen nicht mehr auf sie als häusliche Arbeitskraft und dauerhafte Partnerin angewiesen seien. Auf der einen Seite sind es die karrierebewussten Frauen, die sich gegen Kinder entschieden, auf der anderen Seite lehnten egoistische Männer in Sorge um ihren Lebensstandard Nachwuchs ab.

Dennoch lässt sich in Bezug auf einige Themen eine einheitliche Position feststellen: So verschieben nach Ansicht der Autorinnen sowohl Männer als auch Frauen die Entscheidung für ein Kind zeitlich zu weit nach hinten, weil sie zwischen Selbstverwirklichungswünschen (vor allem im Beruf) und den finanziellen sowie ideellen Kosten für ein Kind abwägen. Die Verantwortung von Frauen und Männern thematisiert die ZEIT-Serie in dieser Hinsicht zwar theoretisch, praktisch gehen die Autorinnen diesem Gesichtspunkt jedoch relativ eindimensional nach: In deutlicher Mehrheit kommen in den angeführten Beispielen Frauen zu Wort: Warum verzichten sie auf Kinder oder nicht? Haben sie ihren Beruf wegen des Nachwuchses aufgegeben beziehungsweise eingeschränkt oder nicht? Wenn nicht, wie organisieren sie die Betreuung der Kinder und die Aufteilung der Hausarbeit? Wenn ja, sind sie unzufrieden mit ihrer Entscheidung? Diese Perspektive steht jedoch im Gegensatz zu dem Auftaktartikel von Susanne Gaschke, in der diese kritisiert, dass Kinder immer noch vor allem den Frauen zugerechnet werden (Gaschke 2004). Außerdem ist in einigen Artikeln der Serie sehr wohl von Vätern die Rede, die sich die Kinderbetreuung mit ihren Partnerinnen teilen beziehungsweise sie komplett übernehmen (Brinck 2004, Mainka 2004). Doch weder auf diese noch auf Männer, die trotz Kind vollzeiterwerbstätig sind, gehen die Autorinnen und Autoren in der Serie weiter ein.

Vor diesem Hintergrund ist der vierte Teil vom 5. Februar 2004 typisch für die Position der untersuchten ZEIT-Serie. Unter der Überschrift „Full House“ stellt Iris Mainka Großfamilien in Deutschland vor. Wie die anderen Artikel problematisiert auch dieser die geringe Geburtenrate und stellt im Umkehrschluss die Entscheidung für Kinder positiv dar. Darüber hinaus thematisiert auch dieser Artikel finanzielle Aspekte, die staatliche Kinderbetreuung und die persönlichen Beweggründe für eine relativ hohe Kinderzahl. Besonders deutlich wird in diesem Teil der Serie jedoch die Zuweisung der Kinder zu Frauen, obwohl der Anspruch der Autorin ein anderer zu scheint scheint: „Wer leistet sich heute noch viele Kinder? Und warum? Antworten von Eltern, die es gewagt haben“, kündigt die Unterzeile an. Die Bezeichnung „Eltern“ weckt in Bezug auf heterosexuelle Partnerschaften die Assoziation von Männern und Frauen. Die Autorin führt die niedersächsische Sozialministerin und siebenfache Mutter Ursula von der Leyen als Beispiel an, die von „partnerschaftlicher Arbeitsteilung“ mit ihrem Mann spricht. Das Verantwortungsbewusstsein von Müttern und Vätern wird durch den Hinweis auf ein Bamberger Forschungsprojekt über Großfamilien besonders betont:

„Diese Eltern setzen, und zwar gemeinsam, klare Prioritäten und finden offenbar Möglichkeiten, sich den mit jedem Kind wandelnden Rahmenbedingungen anzupassen.“

Erst beim näheren Hinsehen wird deutlich, dass die Autorin – wie auch die übrigen Verfasserinnen der Serie – die Aussagen der Väter hierbei nahezu ausschließt. Oder hat sie keine befragt? Kein einziges Zitat eines Vaters findet sich, während deren Partnerinnen ausführlich zu Wort kommen. Die Aussagen der Männer, die ja angeblich mit ihren Partnerinnen „gemeinsam […] klare Prioritäten“ setzen, sind anscheinend unwichtig.

Auch fällt auf, dass Mainka die Familien, in denen sich Frauen in erster Linie um Kinder und Haushalt kümmern, besonders detailliert beschreibt und nur in diesem Zusammenhang eine „behagliche Atmosphäre“ verspürt. Durch ausführliche Beschreibungen der Familien mit ‚hauptberuflichen’ Müttern werden Geborgenheit und familiäre oder eher traditionell mütterliche Wärme konnotiert – eben das konventionelle Bild von einem Platz, an dem Kinder gut aufgehoben sind. So zum Beispiel im Fall einer sechsfachen Mutter, in deren Leben nach eigener Aussage nicht der Beruf, sondern die Familie die Hauptrolle spielt: Im „schmucken Rotklinkerhäuschen“ dieser Großfamilie nimmt die Autorin einen „Hauch von Bullerbü“ wahr. Die betreffende Mutter spricht von ihrer „tiefen Freude am Umgang mit kleinen Menschen“ und findet den Lohn für ihre Arbeit „in sich selbst“. Eine andere Mutter von fünf Kindern ist „ununterbrochen für die Kinder da“. Das Heim dieser Familie beschreibt Mainka als „verwunschenes Kinderparadies“, in dem Menschen und Tiere harmonisch zusammenleben. Hier wirkt eine Frau, die mit ihren Kindern in Ruhe isst, bastelt und kocht, ihnen Musikunterricht erteilt, sich ständig um sie kümmert und so dem traditionellen Mutterideal entspricht.

Solche detaillierten positiven Beschreibungen kommen nur den beiden ‚hauptberuflichen’ Müttern zu. Zwar finden sich in den Textpassagen über die erwerbstätigen Mütter keine negativen Bewertungen ihrer Entscheidung, weiterhin zu arbeiten. Aber von ihrem Verhältnis zu ihren Kindern, von gemeinsamen Aktivitäten vor Arbeitsbeginn oder nach Feierabend erfahren die Leserinnen und Leser nichts. Dies legt die Lesart nahe, dass die Beziehung zwischen erwerbstätigen Frauen und ihren Kindern schwächer ausgeprägt sei als bei Frauen, die ihren Beruf zu Gunsten der Familie ganz oder teilweise aufgegeben haben. Das konventionelle Bild von der hauptberuflichen Hausfrau und Mutter wird gestärkt: Erstens erscheint es der Autorin als nahezu zwangsläufige Entwicklung, wenn kinderreiche Mütter trotz Freude am Beruf ihre Erwerbstätigkeit aufgeben oder stark einschränken. Dass nach wie vor nur sehr wenige Männer die Elternzeit nehmen oder langfristig für die Familie beruflich zurückstecken, kritisiert die Autorin nicht. Zweitens haftet nur den Beschreibungen der beiden daheimgebliebenen Mütter im Artikel eine Atmosphäre von Kinderfreundlichkeit und Wärme an. Und drittens entlässt Mainka die Väter aus ihrer Verantwortung, indem sie das Leben von Großfamilien ausschließlich aus der Perspektive der Mütter darstellt.

Fazit: Der Demographiediskurs der untersuchten ZEIT-Serie bezieht nur auf den ersten Blick Männer und Frauen in ihre Betrachtung ein. Eine Analyse kann jedoch zeigen, dass sie die traditionelle Vorstellung, Kinder seien Frauenangelegenheit, stärkt, beziehungsweise diese nicht durchgängig hinterfragt. Gleichzeitig schwächt die Artikelfolge die Position der Väter, die sich aus traditionellen Rollen herauslösen und sich gemeinsam mit ihren Partnerinnen oder auch alleine in der Kindererziehung und Haushaltsführung engagieren. Damit scheinen traditionelle Geschlechterbilder auch in einem linksliberalen Medium wie der ZEIT nach wie vor verhaftet zu sein.

Literatur

Brinck, Christine (2004): Kinder – ein amerikanischer Traum. In: DIE ZEIT, Hamburg. Nr. 9 vom 19. Februar.

Gaschke, Susanne (2004): Das kinderlose Land. In: DIE ZEIT, Hamburg. Nr. 4 vom 15. Januar.

Mainka, Iris (2004): Full House. In: DIE ZEIT, Hamburg. Nr. 7 vom 5. Februar.

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