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Der moderne Soldat

 

Von Hollywood nach Afghanistan. Von Frank Wichert. Erschienen in DISS-Journal 9 (2001)

Klaus Theweleit betont, dass nicht der Krieg den faschistischen Soldaten erschaffen habe, sondern dass dieser Soldatentypus bereits „zu Beginn des Krieges 1914 in seinen wesentlichen Zügen vorhanden war“ (vgl. Theweleit 1995, Bd. 2, S. 344). Seine weitere Inkorporation erfolgte nach Kriegsende in den Jahren der ‚Weimarer Republik’; hier sah er den „Krieg-als-Frieden“ (vgl. ebd.). Insgesamt erscheinen ‚Kampf’ und ‚Kriegführen’ als Grundbestimmungen und -gesinnungen des ‚soldatischen Mannes’.

Er entwickelt sich in ‚Stahlgewittern’ und findet dort seine Bestimmung und seinen Platz. Gewöhnt an den Anblick des ‚blutigen Breies’, – etwa dem seiner gefallenen Kameraden oder der getöteten ‚Feinde’, erscheint ihm eine zivile, bürgerliche Umgebung als fremdartig. Nicht nur, dass ‚Zivilisten’ bewusst als ‚Feiglinge’ wahrgenommen werden, die ‚Kriegserlebnisse’ bestimmen auch in Friedenszeiten die Wahrnehmung. Dass Kriegserlebnisse ein Wiedereinkehren in eine zivil bürgerliche Gesellschaft erschweren, wenn nicht gar gänzlich verhindern, zeigt am Beispiel von Vietnamveteranen der Film „Die durch die Hölle gehen“ (1978). Krieg und Zivilleben erscheinen hier als unvereinbar, da sie als antagonistische Welten dargestellt werden. Nur scheinbar gelingt es einem der drei Veteranen, sich in der zivilen Welt zurechtzufinden. Ein weiterer leidet an seinen körperlichen Verletzungen und der Dritte führt den Krieg in Saigon weiter, indem er sein Auskommen durch Teilnahme am ‚Russisch Roulett’ bestreitet. Krieg ist Wahnsinn und macht wahnsinnig – entweder im Krieg: „Apocalypse Now“ (Coppola/1979) oder nach dem Krieg: „Die durch die Hölle gehen“, so suggerierte es Hollywood bis in die 80er Jahre. Innerhalb einer hierarchisch geordneten Befehlsstruktur, die mit einem fast unmenschlichen Drill Soldaten ausbildete, um sie auf den Krieg vorzubereiten, kam es immer wieder zu ‚Mutationen’. Entweder scheiterten einige der Rekruten bereits an der Ausbildung, oder die Kriegserlebnisse brachten sie um den Verstand, wie in Kubricks „Full Metall Jacket“ (1987). Nur allzu oft wurde ein Soldatenhaufen dargestellt, der dem militärischen Elitebewusstsein so gar nicht entsprach. Doch was wurde hier für ein Krieg dargestellt? Es war ein Krieg, in dem ‚Bodentruppen’ ‚versumpften’, ein Stellungskrieg ohne Vormarsch, ungezieltes Flächenbombardement und sinnloses Töten.

Eine Perspektive bot sich in der Figur des John Rambo (Rambo Teil 1: 1982) an, der durch eine ‚harte Ausbildung’, effektive Waffen, eine hohe Flexibilität und einem unbeirrbaren Willen seine Feinde besiegt (insbes. 2. & 3. Teil: 1985/87). Er stellt eine Übergangs- bzw. eine Vorform der modernen Kriegsführung dar. Eine Vorform, da er weitgehend auf sich gestellt war: ein Einzelkämpfer. Trotz seiner hervorragenden Eigenschaften gelingt es ihm nicht, ein Switchen zwischen Kriegs- und Zivilsituation zu meistern, auch er ist als Vietnamkämpfer ‚gebrochen’ und fühlt sich ‚missbraucht’. Er verfügt nur über geringe ‚Kommunikationsfähigkeiten, er misstraut (staatlichen) Einrichtungen und erscheint kaum teamfähig. Und gerade die Beseitigung dieser Schwächen zeichnet den modernen Soldaten aus.

Wir alle sind Zivilisten und Soldaten

Neben den traditionell gebräuchlichen Bezeichnungen für Truppeneinheiten: Division, Kompanie, Zug etc. gewinnen Klein(st)einheiten und deren Bezeichnungen zunehmend an symbolischer Kraft. Das Team und/oder das Kommando erscheinen als adäquate und zeitgemäße Organisationsformen, militärische aber auch zivile Interventionen durchzuführen. In aller Regel umgibt sie der Nimbus des Geheimen und Nicht-Öffentlichen, aber auch der Elite und der hochgradigen Spezialisiertheit. Ein protonormalistisches ‚ranking’ innerhalb des Teams soll Einsatzbereitschaft und -fähigkeit jederzeit unter Beweis stellen. „Delta Force“- und „SEAL“-Einheiten der Amerikaner und britische „SAS“-Kommandos sind als ‚reale’ Beispiele hierfür anzuführen. Als cineastische Vorlage lassen sich eine ganze Riege von Filmen nennen, die mit unterschiedlicher Gewichtung einen Helden des Kommandos oder das Kommando selbst stilisiert. Bereits 1977 wählte Richard Burton als ehemaliger General eine Truppe von Spezialisten aus, um einen wohlkalkulierten Söldnereinsatz durchzuführen („Die Wildgänse kommen“). Michel Dudikoff schlug sich allein oder mit Verbündeten durch möglichst realitätsnahe Krisengebiete, um Rache zu üben oder um Gerechtigkeit in die Köpfe seiner Gegner einzuschlagen (American Fighter I,II,IV 1985-1990, Soldier Boyz 1994). Am Rande – hin zum modernen Soldaten – bewegte sich Arnold Schwarzenegger im mittelamerikanischen Dschungel, um einen besonders grausamen Gegner zur Strecke zu bringen (Predator 1986). Solche Einheiten agieren zunehmend in ‚geheimer Mission’, fernab von CNN und den Augen der Weltöffentlichkeit. Diese Team- oder Kommandoeinheiten erledigen professionell einen Job. Ihre Angriffs- und Vernichtungsziele werden klar definiert und ihre Erfolge oder Misserfolge mittels modernster Kommunikationsmöglichkeiten direkt übertragen. Dies soll zeigen, dass ein moderner Krieg kein Stellungskrieg ist und ein ‚Versumpfen’ verhindert wird. Es ist jedoch kein Leben ausschließlich für den Beruf. Bemerkte Theweleit noch eine erstaunliche Nicht-Repräsentanz der Ehefrau in den Schriften jener Freicorpssoldaten, so spielt das private Leben in den Darstellungen moderner Soldaten sehr wohl eine Rolle. Nach dem Dienst ist der Soldat Ehemann und Geliebter, Vater und Hobbykoch. Sie ist aber auch Ehefrau und Geliebte, Mutter und Tierschützerin. Mit den modernen Darstellungen des militärischen Alltags hat sich eine selbstverständliche Form des weiblichen Soldaten durchgesetzt. Die Schauspielerin Meg Ryan verkörpert etwa in dem Golfkriegsdrama „Mut zur Wahrheit“ (1996) eine Gruppenführerin, die sich heldenhaft für ihre Kameraden einsetzt und bis zu ihrem Tode ‚durchhält’. Zweifel an ihrer Befähigung, psychologisch den Kriegssituationen standzuhalten, die im Film thematisiert werden, werden schlussendlich beseitigt. Wie in anderen amerikanischen TV-Serien der 90er Jahre wie etwa Pensacola – Flügel aus Stahl, J.A.G. Im Auftrag der Ehre soll der Effekt vermieden werden, dass sich die Soldatin/der Soldat zu einem ‚Frontschwein’ entwickelt, das nur noch den Krieg als ihre Heimat begreift. Vielmehr ist ein ‚Wandern zwischen den Welten’ erwünscht. Das „A-Team“ und das „Team-Night-Rider“ zeigen, dass ehemalige Soldaten ebenso geeignet sind, gegen zivile Bösewichter vorzugehen, bzw. zweitere den Kampf eines allein agierenden Mannes nun gruppenstark weiterführen. Ein moderner Soldat vermag es, situativ zu entscheiden, ob er oder sie Abendgarderobe, Jogginganzug oder die Uniform trägt. Falls unerwünschte Kriegserlebnisse zurückbleiben, die Nerven ‚blank’ liegen, werden sie eingehüllt in die Betreuung eines Psychologen und/oder Priesters, aber dies kann Mensch auch bei jedem anderen Beruf passieren. Es bleibt jedoch abzuwarten, inwiefern sich die Ambivalenz ‚autonomes Subjekt’ versus ‚Automat’ auflöst. Noch ist der moderne Soldat ‚Charakter’ und nicht ein weißer Kampfroboter der ‚imperialen Sturmtruppen’, wie wir ihn aus „Krieg der Sterne“ (1977) kennen.

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