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„Die Sprache bringt es an den Tag.“

 

Victor Klemperers Beitrag zum Verständnis des Faschismus und seiner Nachwirkungen in der Gegenwart. Von Siegfried Jäger. Unveröffentlichtes Manuskript des Vortrags vom 4.7.2000 an der Universität Bonn.

Die Veranstaltungsreihe, in deren Rahmen ich mich zu Victor Klemperer äußern werde, lautet „Wissenschaft im Nationalsozialismus“. Hierbei handelt es sich um ein riesiges Feld, über das vielfach gearbeitet wurde, das aber  erst in groben Konturen erforscht ist. Viele Aspekte dieses Forschungsfeldes liegen weiterhin im Dunkeln; manche sind eher zufällig an den Tag getreten, wie etwa der Fall Schwerte – Schneider aus Aachen gezeigt hat. Dieser Fall hat gleichzeitig offengelegt, daß es einen riesigen Hof von Mitwissern gegeben haben muß, die die Belastetheit von Kollegen vertuschen halfen.

Dazu kam: Nach 1945 wurden an den Universitäten viele Wissenschaftler wieder eingestellt oder alsbald entlastet, die in den Faschismus erheblich oder auch nur mehr oder minder verstrickt waren. Das gilt auch für die Universität Bonn, an der zu studieren ich zwischen 1957 und 1963 ich das zweifelhafte Glück hatte. Einige meiner Lehrer in der Germanistik und der Anglistik hatten ihre Karriere im Dritten Reich begonnen und setzten sie mehr oder minder ideologisch verstrickt auch in den Jahren nach dem Krieg fort.

Wenn ich nun über Victor Klemperer spreche, so haben wir es auf den ersten Blick mit einer anderen Kategorie von Wissenschaftler zu tun. Victor Klemperer wurde wegen seiner jüdischen Herkunft von seinem Lehrstuhl vertrieben und von den Nazis verfolgt. Er ist nur ganz knapp dem KZ entronnen. War er deshalb bereits ein Gegenwissenschaftler, einer, dem es um die Entfaltung von Demokratie und Gerechtigkeit ging? Das war Klemperer zu Beginn seiner Karriere gewiß nicht. Richtet man einen zweiten Blick auf Klemperer, dann merkt man, daß die Dinge nicht so einfach liegen. Victor Klemperer war nach seinem eigenen Bekunden im Ausgang überzeugter deutscher Nationalist und stand völkisch nationalistioschem Denken durchaus nahe. Er war also durchaus in ein Denken verstrickt, das mit dazu beigetragen hat, daß der Faschismus des Dritten Reiches möglich wurde. Dies ist eines der Probleme, auf das ich im folgenden genauer eingehen werde: Konnte Klemperer sich nur unter dem Druck der eigenen Verfolgung und Betroffenheit von diesem Denken lösen und hat er es auch wirklich fertiggebracht?

Ich will mit ein paar Fragen beginnen, die eher an mich selbst gerichtet sind, aber vielleicht doch allgemeinere Gültigkeit beanspruchen können. Ich frage mich also:

War mein Vater ein Nazi, weil er bei meiner Taufe darauf bestand, daß ich mit Rheinwasser begossen wurde? War mein Mutter eine Nazifrau, weil sie darauf bestand, mir diesen Vornamen anzuheften? Lehrte sie mich nicht, als ich ein Kind von 4 oder 5 Jahren war, jeden Abend, daran zu denken, auch Adolf Hitler, unseren Führer, in mein Nachtgebet einzuschließen? Waren meine akademischen Lehrer, bei denen ich von 1957-1963 hier in Bonn studierte, nicht größtenteils Nazis, die zwar nicht offen agitierten, aber uns mit dem schleichenden Gift völkischer oder doch ultra-konservativer Wertvorstellungen fütterten; die in den Verzeichnissen mit dem Kürzel zWv (zur Wiederverwendung) auftauchten, was bedeutete, daß sie ihre Karriere unterm Hakenkreuz begonnen hatten? Ich denke, sie waren es alle, naiv oder bewußt, gläubig oder überzeugt. War ich selbst ein Nazi, weil ich im Alter von acht Jahren am 8. Mai 1945, auf dem Hof spielend, die Nachricht von der Kapitulation hörte und sofort damit rechnete, daß grüngiftiges Gas vom Himmel fiele?

Verstrickt waren wir alle – mehr oder minder, auch über 1945 hinaus.

Meine Beschäftigung mit Victor Klemperers Kritik an der Sprache im Faschismus ist als Versuch zu verstehen, diesen Verstricktheiten zu entkommen.[1] Zuerst merkte ich sie gar nicht, doch sie waren mitten unter uns. Der Krieg war vorbei, das Dritte Reich zerstört. Vor uns lag die Perspektive einer demokratischen Gesellschaft ohne Wenn und Aber; ein neuer Anfang, oder besser: überhaupt erst der Anfang, wie es mir schien. Die Schule, die Universität absorbierte alle Kraft. Es ging nicht an, nach links oder rechts zu sehen. Erst sehr spät dämmerte mir, daß die alten Zeiten nicht vorbei waren. Es wurde ruchbar, daß die Regierung, das Militär, die Wissenschaften und die Schulen vom alten Personal und nur notdürftig verdecktem völkischen Denken durchsetzt waren. Lebte das noch? Konnte es wiederkehren? So fragten wir uns, besser: einige fragten, die wie ich in den 50er und Anfang der sechziger Jahre hier in Bonn studierten. Und wir machten uns auf die Suche, gruben die Wurzeln aus, fanden Hilfe bei einigen wenigen, die sich erinnerten, sich damals erinnern wollten, daß es den Holocaust gegeben hatte. Hier lag ein wichtiger Ausgangspunkt für die Studenten- und Lehrlingsbewegung der 68er Zeit.)

Einige Bemerkungen zur Person

Zunächst einige Bemerkungen zur Person Victor Klemperers. Klemperer, geboren 1881, war promovierter Germanist und seit 1920 Romanistik-Professor in Dresden. 1935 wurde er, wie es hieß, entpflichtet auf Grund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums. Er war ein gelehrter Mann, der – wie gesagt – sich selbst als deutsch-national und konservativ beschrieb. Auch als Wissenschaftler hing er eher völkischen und völkerpsychologischen Ansichten an und sah sich etwa in der Sprache den Geist einer Nation realisieren – eine klassisch völkisch-nationalistische Position.

Diese Einstellung änderte sich erst, nachdem er zum Juden gemacht worden war und ihm die Lehrbefugnis an der Dresdener Universität entzogen worden war. Die von ihm so hoch geschätzte Deutsche Nation entpuppte sich als rassistisch und antisemitisch, als brutal, mörderisch und kriegslüstern. Zur akademischen Untätigkeit verdammt, verfolgte er nun über die 12 Jahre Faschismus hinweg das Geschehen im Dritten Reich, besonders aber seine Ideologie, seine Sprache und seine sonstigen Manifestationen bis hin zu Aufmärschen, Architektur, Plakaten und Parolen. Er hielt seine Beobachtungen akribisch in umfänglichen Tagebüchern fest, aus denen er nach 1945 sein berühmtestes Buch, die Lingua Tertii Imperii destillierte, als eine Art „Erziehungsbuch“, wie er meinte, mit dem er der Gefahr eines Rückfalls in die Zeiten des Faschismus begegnen wollte. Nach 1945 trat Klemperer der kommunistischen Partei bzw. der SED bei. Er machte politisch und wissenschaftlich Karriere, erhielt hohe Ehrungen. Er starb 1960, ziemlich resigniert und unzufrieden mit der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung der DDR, die er aber bis zum Ende im Vergleich zur Bundesrepublik für das kleinere Übel hielt.

Entschuldigt Klemperers Analyse der Sprache im Faschismus die Täter?

Die Lingua Tertii Imperii, bekannter unter dem Kürzel LTI, las ich wohl 1968 zum ersten Mal. Danach kam sie immer wieder vor in meinen Seminaren über Sprache und Politik, Sprache des Faschismus, Sprache im Faschismus, faschstische Sprache in der Demokratie.

Ich hatte meine Probleme damit. Ich verstand die Lingua Tertii Imperii zunächst als bloßes Notizbuch, als vorläufiges Skizzenbuch, als zu philologisch und auch als sprachidealistisch.

Denn Klemperers Text bedient sich bei der Charakterisierung der Sprache des Faschismus bzw. der Sprache im Faschismus durchgängig einer Krankheits- und Giftmetaphorik und bezeichnete sie als eine „Infektion durch fremde Bakterien“, als eine „Krankheit“ (LTI 61), als „spezifisch deutsche Krankheit“, als „wuchernde Entartung deutschen Fleisches“ (alles LTI 61).

Genau das war es, was mich mißtrauisch machte; das erinnerte mich zu sehr an einen meiner ex-faschistischen Bonner Lehrer, nämlich an Leo Weisgerber, der meinte, die Sprache als solche bestimme – unausweichlich – die „Weltanschauung“, also die Art und Weise, wie wir (z. B. als Angehörige der deutschen Nation) die Welt sehen und verstehen. Das roch mir zu sehr danach, als entschuldigte Klemperer, ohne dies zu wollen, die Menschen, die davon infiziert worden waren. Wie hätten sie sich angesichts dieses Ansturms von Viren und Bakterien, von Giften und umnebelnden Rauschmitteln, die in der Sprache enthalten waren, gegen den Einfluß des Faschismus denn noch wehren können?

Besonders schwer wog und wiegt noch heute der Vorwurf, daß Klemperer dadurch, daß er die LTI als eine Art Epidemie charakterisierte, die alle erfaßte, den Schluß zulasse, die Deutschen seien allesamt „unschuldige Täter“[2]; wenn Klemperer zudem feststellen mußte, daß auch Juden und sogar er selbst dieser Ansteckung unterworfen gewesen seien, indem sie selbst Wörter und Wendungen der LTI benutzten (vgl. Tb 6.2.44), könnte sich dieser Eindruck noch weiter verstärken: sie seien Verführte gewesen, die sich der Suggestion der faschistischen Propaganda nicht hätten entziehen können.

Erst später, erst nach der Lektüre seiner Tagebücher, wurde mir klar daß diese Verstricktheit in den faschistischen Diskurs für Klemperer keineswegs unabwendbar ist. Daraus sind auch eine Menge Lehren für die heutige Zeit zu ziehen.

Klemperers Methode: kleine Archäologie

Eine der wichtigsten Lehren ist vielleicht auch, daß Klemperer unter dem Druck der Verfolgung allmählich lernte, daß auch sein wiossenschaftlicher Ansatz nicht zu halten war. Einerseits noch in völkischen Vordtellungen befangen, überwand er diese doch sozusagen unter dem Druck der Verhältnisse. Ich möchte zeigen, auch durch die Tagebücher belehrt, daß Klemperers sprach- und kulturhistorischer Ansatz, so unsystematisch und tastend er auf den ersten Blick wirkt, so stark er zunächst auch in völkischem Denken befangen war, sich im Laufe der Zeit so entwickelte, daß er mit modernen diskurstheoretischen Überlegungen und Verfahren durchaus kompatibel geworden ist, wie  diese in neuerer zeit im Anschluß an den Philosophen Michel Foucault entwickelt worden sind.

Die auf den ersten Blick verdeckte Theorie und Methode Klemperers sind leicht sichtbar zu machen, wenn man genau darauf achtet, wie er bei seinen Analysen im einzelnen empirisch vorgegangen ist, wie er Wörter, Texte und Textfolgen analysiert hat und immer wieder auf das soziale und politische Geschehen seiner Zeit appliziert hat. Er sah einen überaus dichten Zusammenehang zwischen Sprache, Macht und Gegenmacht; und genau dies rückt ihn in die Nähe einer modernen Diskurstheorie, die ja auch davon ausgeht, daß Diskurse Wissen enthalten und Macht ausüben, insofern sie subjektives Handeln leiten, gesamtgesellschaftliche Gestaltungsperspektiven regulieren und – nicht zuletzt – daß sie veränderbar sind.[3] Solche Einsichten haben die Germanistik  und die gesamte Sprachwissenschaft bis auf den heutigen Tag erst  in einigen Randzonen erreicht. Zum derzeitigen Mainstream gehören sie nicht.

Trotz seiner ideologischen Befangenheiten und der mangelnden Explizitheit seiner Methode bietet uns Victor Klemperer Erkenntnisse, die nicht nur für eine Kritik der Sprache und der Ideologie des Faschismus von Bedeutung sind, sondern auch für die Analyse gegenwärtiger Diskurse, die ja keineswegs frei sind von völkisch-nationalistischen Ideologiebestandteilen. Ich werde darauf zum Abschluß meiner Ausführungen kurz zu sprechen kommen.

Klemperer befaßte sich in einer ersten Phase etwa bis zum Beginn des Krieges 1939 bei seiner Beobachtung des faschistischen Diskurses fast auschließlich mit der Betrachtung von Einzelwörtern; und auch später erfahren Einzelwörter immer wieder seine besondere Aufmerksamkeit. Aber er konstatiert regelmäßig auch die Grenzen der wortbezogenen Kritik (etwa Tb 31. März 1942, S. 59). Zudem ist er sich oft unsicher, wenn es um die Einzelwortanalyse geht, was z.B. in Formulierungen wie: „Auch das gehört wohl zur LTI.-“ seinen Ausdruck findet (Tb. 12.5.44; meine Hervorhebung, S.J.).

Nie aber betrachtet Klemperer die Wörter selbst als böse, wie dies etwa das nach 1945 erschienene Wörterbuch von Storz, Sterberger und Süskind tut[4]; er sieht neue semantische Aufladungen, neue Konnotationen, die aus dem Gebrauch je nach den Kontexten, in denen sie verwendet werden, entstehen.

Er merkte: Im Faschismus hatte sich eine neue hegemoniale ideologische Position durchgesetzt, eine neue „Denkungsart“, wie er sagte , die den einzelnen Wörtern und Phrasen neue Bedeutungen oder doch Bedeutungsnuancen zuordnete bzw. aufherrschte. (Tb 4.6.42, S. 110) Meist handelt es sich nicht um vollständige Neuprägungen oder Sinnumkehrungen, sondern nur um leichte Sinnverschiebungen, etwa wenn es hieß: „Ein deutscher Junge weint nicht“. Hier wurde dem „Deutschen Jungen“ eine Vorstellung von harter Männlichkeit zugewiesen.

Totale Sinnumkehrungen gab es zwar auch, etwa bei dem Wort fanatisch, das absolut positiv besetzt wurde; sie stellten aber die Ausnahme dar.

Die Zahl der Belege, die Klemperer anführt, ist allerdings sehr klein, und er findet bald schon wenig Genügen daran. Er notiert: „Als bloßes LTI würde mein vorschwebendes Opus wenig mehr enthalten als zwei Dutzend Wörter und Wendungen.“ Und es meldet sich der Selbstzweifel: „Ich muß erweitern – aber wohin erweitern?“ (Tb 9.6.42, S. 117)

Dieser Zweifel hört auch nach der Befreiung vom Faschismus nicht auf. „Die LTI-Exzerpte stocken wieder und sind überhaupt unergiebig.“ Schreibt er nach Ende des Kriegs in sein Tagebuch. (Tb 19.1o.45, S. 165).

Doch es finden sich in seinen Tagebuch-Texten außerordentlich viele Reflexionen über Sprache allgemein und über faschistische Texte im Besonderen.

Klemperers Dossier

Klemperer war zunächst einmal und in erster Linie Empiriker. Das heißt: Er sammelte und sichtete ungeheuer umfangreiches Material und klopfte es darauf hin ab, was er als LTI empfand. Dabei hat er im Laufe der 12 Jahre des Faschismus ein umfassendes und in hohem Maße für die faschistische Sprache charakteristisches Dossier, eine erstaunlich umfassende Materialgrundlage angesammelt.

Klemperer bedauert zwar: „Alles Material mußte auf Schleichwegen herangeschafft, mußte heimlich ausgebeutet werden.“ (LTI 18) Und er beschreibt die Mühsal der Materialbeschaffung, aber auch seine ungewöhnlichen Wege, den faschistischen Diskurs zu erfassen: „Ich habe, wie sich mir gerade die Möglichkeit des Lesens ergab … bald den >Mythus des zwanzigsten Jahrhunderts< und bald ein >Taschenjahrbuch für den Einzelhandelskaufmann< studiert, jetzt eine juristische und jetzt eine pharmazeutische Zeitschrift durchstöbert, ich habe Romane und Gedichte gelesen, die in diesen Jahren erscheinen durften, ich habe beim Straßenkehren und im Maschinensaal die Arbeiter sprechen hören: es war immer, gedruckt und gesprochen, dasselbe Klischee und dieselbe Tonart.“ (LTI 25f.)

Zusammenfassend kann man sagen, daß Klemperer den gesamten faschistischen Diskurs qualitativ relativ vollständig erfaßt hat, gerade weil sein Material zwangsläufig breit gestreut war und eine Vielzahl von Textsorten und Sprachebenen entnommen werden mußte.

Dafür, daß Klemperer den faschistischen Diskurs ziemlich vollständig erfaßt hat, spricht auch ein Vergleich mit den „Meldungen aus dem Reich“ (Boberach (Hg.) 1963), die Klemperer selbstverständlich unbekannt waren, die aber im wesentlichen dieselben Inhalte transportieren wie sein Dossier.[5]

Das damit skizzierte und gewürdigte Materialcorpus, das Klemperer sichtete, stellt nun die eigentliche Grundlage für seine sprachlichen Reflexionen und Analysen dar. Wichtig ist hierbei zu beobachten, daß Klemperer sich neben fortdauernder Einzelwortbetrachtung immer häufiger und immer intensiver auch ganze Texte vornimmt. Und dies begründet er wie folgt: „das Einzelwort, die Einzelwendung können je nach dem Zusammenhang, in dem sie auftreten, höchst verschiedene, bis ins Gegenteil divergierende Bedeutung haben, und so komme ich doch wieder auf das Literarische, auf das Ganze des vorliegenden Textes zurück. Wechselseitige Erhellung tut not, Gegenprobe von Einzelwort und Dokumentganzem…“ (LTI 158)

Er setzt sich, wenn auch öfters in sehr knapper Form, mit ganzen Artikeln und Artikelfolgen auseinander. Seine Aufmerksamkeit richtet sich damit auf die Wirkung ganzer Texte, die komplexere gedankliche Zusammenhänge enthalten. Dabei betreibt er im Ansatz so etwas wie kleine Diskursanalysen und ordnet so die Texte dem zu, was er LTI nannte, mit anderen Worten: dem faschistischen Diskurs.

Klemperers Text-Analysen, die in hunderten von Eintragungen über die Tagebücher verstreut sind, liegt ein sehr differenziertes und umfassendes text- und diskursanalytisches Instrumentarium zu Grunde. Er untersucht die Metaphorik, die Bildlichkeit, die Kollektivsymbolik, Bedeutungsfelder wie Religion, Sport, Militär, feste sprachliche Wendungen und Redensarten, Argumentationsstrategien wie etwa Verleugnungs- oder Relativierungsstrategien, (unzulässige) Verallgemeinerungen, Implikate, deren Auflösung das Lesen zwischen den Zeilen ermöglicht; nicht-wörtliches Sprechen, das Auftreten von Widersprüchen, Euphemismen, Superlative und Übertreibungen, Aktanten und Freund-Feind-Schemata, die Verwendung und Funktion von Fremdwörtern, die Stigmatisierung durch Namen, den Tonfall von Reden, die Funktion von Sprechchören, Besonderheiten der Interpunktion, Quellen des Wissens und deren Problematisierung sowie den sprachlichen Stil insgesamt.

Für die Anwendung dieser analytischen Kriterien führt Klemperer eine große Fülle von Beispielen und Belegen an.

Die Analyse des faschistischen Diskurses und seiner Wirkung auf die Bevölkerung

Das skizzierte Analyseverfahren Klemperers kann füglich als Diskursanalyse bezeichnet werden, wenn man Diskurs als „Fluß von Wissen bzw. sozialen Wissensvorräten durch die Zeit“ begreift; eines Wissens, das sich netzartig und wuchernd über die Gesellschaften gelegt hat. Dieses Wissen bestimmt die Entwicklung der Gesellschaften und die Konstitution der Subjekte, die in das bewußtseins-generierende Netz der Diskurse verstrickt sind.[6]

Klemperer formuliert diesen Sachverhalt wie folgt: „Im Sprachstrom aber schwimmen sämtliche Kulturelemente, die man bewußt oder unbewußt in sich aufnimmt. Musik, Malerei, Architektur geben Einzelaspekte – Sprache enthält das gesamte Geistige. Und das gesamte Geistige ist von der Sprache nicht zu trennen. Logos ist das Wort, und Logos ist das Denken, und das Denken ist gewollte Tat“. (Tb 28.1.43, S. 322).

In der Fortsetzung dieses Zitats zeigt sich zugleich aber, daß Klemperer sich noch nicht restlos von den sprachidealistischen und völkerpsycholgischen Ideen und insbesondere von der Terminologie seiner Zeit gelöst hat. Da heißt es: „Bin ich einmal in einer Sprache aufgewachsen, dann bin ich ihr für immer verfallen, ich kann mich von dem Volk, dessen Geist in ihr lebt, auf keine Weise, durch keinen eigenen Willensakt abwenden, durch keinen fremden Befehl absondern lassen.“ Auf solche Formulierungen beriefen sich diejenigen, die Klemperer den Vorwurf machten, daß seine Sprachkritik die Täter entschuldige. Doch bei genauem Lesen ist festzustellen, daß Klemperer sein Modell durchaus modifiziert und ausdifferenziert.

Einige Jahre später heißt es etwa in der LTI: „der Nazismus glitt in Fleisch und Blut der Menge über durch die Einzelworte, die Redewendungen, die Satzformen, die er ihr in millionenfachen Wiederholungen aufzwang und die mechanisch und unbewußt übernommen wurden… Aber“ so fährt er fort, „Sprache dichtet und denkt nicht nur für mich, sie lenkt auch mein Gefühl, sie steuert mein ganzes seelisches Wesen je selbstverständlicher, je unbewußter ich mich ihr überlasse. Und wenn nun die gebildete Sprache aus giftigen Elementen gebildet oder zur Trägerin von Giftstoffen gemacht worden ist? Worte können sein wie winzige Arsendosen: sie werden unbewußt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da.“ (LTI 21)

Hier sieht Klemperer Sprache keineswegs als Schicksal, dem man nicht entkommen kann; es wird durchaus ein individueller Bewegungsspielraum gesehen: Der sprachliche Determinismus wird dadurch aufgelöst, daß ein Grad seiner Wirksamkeit konstatiert wird: man muß sich dem Diskurs ja nicht selbstverständlich und unbewußt überlassen. Darauf wird zurückzukommen sein.

Klemperer sieht, daß es nicht das einzelne Wort und der einzelne Text ist, der nachhaltig auf das Bewußtsein der Menschen wirkt, sondern die langfristige und ständige Verstrickung in den Diskurs, der sich netzartig über die Gesellschaft legt und in den jeder einzelne verwickelt ist. Das meint Klemperer, wenn er von der Wirkung der millionenfachen Wiederholung immer des Gleichen spricht.

Mit diesem Konzept der Verstrickung der Menschen in diskursive Netze erklärt Klemperer sich die Gläubigkeit der Bevölkerung gegenüber der faschistischen Ideologie. Er konstatiert: „Die mannigfachen ans Jenseitige rührenden Ausdrücke und Wendungen der LTI bilden in ihrer Gemeinsamkeit ein Netz, das der Phantasie des Hörers übergeworfen wird und das sie in die Sphäre des Glaubens hinüberzieht. Ist dieses Netz wissentlich geknüpft, beruht es, um den Ausdruck des achtzehnten Jahrhunderts zu gebrauchen, auf Priestertrug? Zum Teil sicherlich. … Aber die Wirkung des einmal vorhandenen Netzes von sich aus scheint mir völlig gewiß; der Nazismus wurde von vielen Millionen als Evangelium hingenommen, weil er sich der Sprache des Evangeliums bediente.“ (LTI 126) Klemperer betont auch die relative Selbständigkeit solcher Netze, wenn sie sich einmal erst herausgebildet haben.[7]

Und er betont immer wieder, daß die propagandistische Zurichtung des faschistischen Diskurses so hermetisch und total gewesen ist, daß seiner Wirkung schwer zu entgehen ist.

Er zeigt, wie der gesellschaftliche Diskurs totalitär homogenisiert und zementiert wurde, und zwar von Beginn der faschistischen „Machtübernahme“ an. Klemperer schreibt dazu: „Immerhin: soviel schlimmer es auch kommen sollte, alles, was sich noch später an Gesinnung, an Tat und Sprache des Nationalsozialismus hinzufand, das zeichnet sich in seinen Ansätzen schon in diesen ersten Monaten ab.“ (LTI 46)

Dabei richtete sich die faschistische Ansprache in erster Linie an Gefühl und Instinkte, nicht an die Vernunft:

„Die ganze Gefühlsverlogenheit des Nazismus, die ganze Todsünde des bewußten Umlügens der vernunftunterstellten Dinge in die Gefühlssphäre und des bewußten Verzerrens im Schutz der sentimentalen Vernebelung…“ (LTI 251)

Immer wieder versucht Klemperer, seine Beobachtungen zusammenfassend, den Diskurs des deutschen Faschismus und seine Funktion begreiflich zu machen. Dabei betont er die außerordentliche Armut und Einförmigkeit, aber auch die Wirksamkeit dieses Diskurses, selbst für diejenigen, die Widerstand leisteten bzw. ausgegrenzt wurden: „Im Nationalsozialismus … herrscht die uniformierte Armut der Sklaverei. Mit den Schlagwörtern und >Ausrichtungen< Hitlers und Goebbels‘ arbeiten wir alle. Wer eine andere Sprache reden will, wird mindestens mundtot gemacht. Derselbe Jargon auf allen Gebieten.“ (Tb. 6.2.44, S. 482) Und er fragt: „Wie muß heute die Welt in einem Kopfe aussehen, dem alles das in früher und widerstandloser Kindheit farbig eingeprägt wurde!“ (LTI 288)

Zur Einförmigkeit des faschistischen Diskurses bemerkt Klemperer lapidar: „alles ist abgelatscht. Sehr wenige Gedanken, sehr wenige stilistische Wendungen. Immer bis zum Überdruß dasselbe.“ (Tb. 5.7.44)

Der vorherrschende (hegemoniale) Diskurs wird zudem dadurch im Sinne der Faschisten homogenisiert, daß Zensur ausgeübt wird, besonders „verschärft“ gegen Ende des Krieges. (Tb. 23.1.44, S. 477) Und Klemperer schlußfolgert: Die LTI „ist wirklich total gewesen, sie hat in vollkommenerer Einheitlichkeit ihr ganzes Großdeutschland erfaßt und verseucht.“ (LTI 296)

Auf diesem Hintergrund erhebt sich noch einmal die Frage, ob sich die einzelnen Subjekte der Macht der Diskurse überhaupt widersetzen können. Um dem damit verbundenen Problem der subjektiven Verantwortlichkeit genauer auf die Spur zu kommen, sind einige weitere Überlegungen anzustellen. Die Prägung des Subjekts durch den Diskurs bzw. das diskursive Gewimmel, in das wir Menschen verstrickt sind, behandelt Klemperer in der folgenden Passage genauer:

„Originalität (des einzelnen, S.J.) liegt in der Art des Adaptierens, in dem Verschmelzen des Überkommenen oder Gleichzeitigen mit der eigenen Persönlichkeit …“ (Tb. 28.8.1942, S. 224) Das klingt hochmodern und läßt sich mit den Überlegungen des französischen Soziologen Pierre Bordieu zum Verhältnis von Individuum und Gesellschaft durchaus vergleichen, in denen den Subjekten durchaus ein „Möglichkeitsspielraum“ zugewiesen ist. (Bourdieu 1982)

Ausführlich thematisiert Klemperer jedoch die diskursive Verstricktheit selbst von Gegnern des Regimes oder sogar von Juden in den faschistischen Diskurs. Klemperer ist entsetzt, als er bemerkt, wie Freunde oder auch er selbst sich „der Sprache des Siegers“ bedienen (LTI 202 ff.), und er kritisiert: „Ich ärgere mich über das Nachplappern der LTI-Wörter durch die Juden und sündige doch selbst (indem ich etwa sage, S.J.): >Herr Stühler, wegen Benutzung des Badezimmers – haben Sie diesen Sonntag ‚Arbeitseinsatz‘!<.“ (Tb. 6.2.44, S. 483)

Arbeitseinsatz – das ist durchaus ein Wort, das der faschistischen Befehlssprache angehörte. [8]Klemperer konstatiert: „Ich beobachtete immer genauer, wie die Arbeiter in der Fabrik redeten und wie die Gestapobestien sprachen und wie man sich bei uns im Zoologischen Garten der Judenkäfige ausdrückte. Es waren keine großen Unterschiede zu merken; nein, eigentlich überhaupt keine. Fraglos waren alle, Anhänger und Gegner, Nutznießer und Opfer, von den selben Vorbildern geleitet.“ (LTI 17)

Wie die Verstrickung funktioniert, beschreibt Klemperer an einem konkreten Beispiel: Eine Frau, die ihm wohlgesonnen ist und ihm die Zwangsarbeit schon öfters zu erleichtern versucht hat, grüßt ihn mit „Heil Hitler!“, weil sie ihn mit dem Vorarbeiter verwechselt. Am nächsten Tag entschuldigt sie sich dafür: Man ordnet sich den hegemonialen Ritualen unter, weil man Nachteile und Bestrafung fürchtet.

Klemperer reflektiert denn auch: „ob alle, die über Goebbels‘ allzu starke Lügen lachten oder schalten, nun auch wirklich unberührt von ihnen blieben.“ (LTI 236) Er macht sich Gedanken darüber, wie es möglich ist, daß nahezu alle durch den faschistischen Diskurs geformt sind und in ihm entsprechende Handlungsbereitschaften entwickeln. Er schreibt dazu: „Das Gefühl hatte das Denken zu verdrängen – es mußte selber einem Zustand der betäubten Stumpfheit, der Willens- und Fühllosigkeit weichen; wo hätte man sonst die notwendige Masse der Henker und Folterknechte hergenommen?“ (LTI 259)

Er sieht – in seiner eigenen Diktion – die Macht der Diskurse und ihren subjektprägenden Determinismus sehr klar, und schreibt: „Sprache dichtet und denkt nicht nur für mich, sie lenkt auch mein Gefühl, sie steuert mein ganzes seelisches Wesen“; aber er fährt dann fort, und das ist sehr wichtig, und deshalb zitiere ich es noch einmal: „je selbstverständlicher, je unbewußter ich mich ihr überlasse.“ (LTI 21, meine Hervorhebung, S.J.)

Mit diesem letzten Satz deutet er an, wie diesem Determinismus zu entkommen wäre, nämlich indem man sich diesen Diskursen eben nicht selbstverständlich und unbewußt überläßt. Nur wenn ich nicht darauf achte und ich mich nicht damit auseinandersetze, bin ich den Einflüssen dieses Diskurses ausgeliefert und beginne faschistisch zu denken und mich in den faschistischen Diskurs zu integrieren.

Wie schwer es aber ist, den Wirkungen des faschistischen Diskurses zu widerstehen, betont Klemperer immer wieder, wenn er z.B. sagt: „Irgendwann überwältigt mich die gedruckte Lüge, wenn sie von allen Seiten auf mich eindringt, wenn ihr rings um mich her nur von wenigen und immer wenigern und schließlich von keinem mehr Zweifel entgegengebracht werden.“ (LTI 237)

Das verweist auf die Verantwortung der Medien und der Politik und natürlich auf die der einzelnen Subjekte selbst. Wenn diese Verantwortung nicht wahrgenommen wird, wie dies im faschistischen Deutschland der Fall war, wenn bewußt strikt ideologisch reguliert wird, ist Entkommen allerdings schwer.

Klemperer zeigt, wie die Umstände selbst uns zu kritischerem Nachdenken zwingen können. Unter dem Druck des gegen ihn ausgeübten Terrors wandelte er sich vom deutschen Nationalisten zum Kommunisten. Solche Wandlungen beobachtet er auch bei anderen, etwa bei den Arbeitern, wenn er schreibt: und „Die Arbeiter waren erst recht nicht nazistisch gesinnt, sie waren es mindestens im Winter 1943/44 nicht mehr.“ (LTI 101)

Klemperer ist trotz solcher Beobachtungen der Vorwurf gemacht worden, seine Sprachkritik entschuldige die Täter und Mitläufer.[9]

Zu bedenken ist in diesem Zusammenhang jedoch, daß die Technik der Massenbeeinflussung im Faschismus intensiv strategisch vorbereitet und hoch entwickelt war. Klemperer zitiert Goebbels, welcher gesagt hatte: „Wir müssen die Sprache sprechen, die das Volk versteht. Wer zum Volke reden will, muß, wie Martin Luther sagt, dem Volke aufs Maul sehen.“ (LTI 246)

Die Wirkung solcher Ansprache erfolgt selbstverständlich nicht mit einem Schlag. Diskursanalytisch formuliert, ließe sich sagen, daß die Subjektbildung im Diskurs einen lange währenden Prozess darstellt, in dessen Verlauf die jeweilige subjektive Diskursposition bzw. die „Denkungsart“ durch ständige Reproduktion gleicher oder ähnlicher Inhalte allmählich herausgebildet wird. Der damit konstatierte Determinismus der Diskurse entschuldigt allerdings keinen und keine, der und die sich in den faschistischen Diskurs verstricken läßt. Er macht sie nicht zu willenlosen durch Sprache manipulierten Opfern.

Dies markiert das Versäumnis oder auch die mangelnde Fähigkeit der meisten Deutschen während des Faschismus, insbesondere das der Intellektuellen, sich mit der Ideologie des Faschismus auseinanderzusetzen. In der „Bibel“ der Nazis, Hitlers „Mein Kampf“, wäre sie für jeden nachzulesen gewesen. So meinte denn auch Klemperer: „Es wird mir immer das größte Rätsel des Dritten Reichs bleiben, wie dieses Buch in voller Öffentlichkeit verbreitet werden durfte, ja mußte, und wie es dennoch zur Herrschaft Hitlers und zu zwölfjähriger Dauer dieser Herrschaft kommen konnte, obwohl die Bibel des Nationalsozialismus schon Jahre vor der Machtübernahme kursierte“. (LTI 29)

Doch Klemperer erklärt nachvollziehbar, wie Untertanengeist und mangelnde Kritikfähigkeit die Menschen der faschistischen Ideologie hat folgen lassen. Sie haben sich als gelernte Untertanen dieser Ideologie unterworfen, sie als neue Glaubenslehre verinnerlicht und gefeiert.

Widerstand

Allerdings hat es durchaus Versuche gegeben, den herrschenden Diskurs subversiv zu unterlaufen. Klemperer gibt Beispiele widerständiger Rede wie etwa regimekritische Witze (Tb. 5.7.43, S. 401), die, wie er beobachtet, gegen Kriegsende zunehmen; in seinem Umfeld lehnten Menschen es ab, Reden der Faschisten zur Kenntnis zu nehmen (etwa Goebbels ständige Radioansprachen und Zeitungskommentare; vgl. Tb. 5.6.1943, S. 388). Klemperer selbst hörte Fremdsender und ließ sich häufig von abgehörten Sendungen berichten (ebd.). Zu diesen kleinen Widerständen gehören auch verbreitete Verballhornungen des faschistischen Jargons. So wird die Abkürzung von Luftschutzraum LSR, die an jedem Hauseingang angebracht war, zu: „Lernt schnell Russisch!“ (Tb. 4.9.44, S. 575)

Widerständige Sprache war notwendig, um sich über die Verbrechen zu verständigen: Es war verboten, Personalnachrichten weiterzugeben, etwa über Todesfälle: Klemperer berichtet von einer Unterschrift auf einer Postkarte: „Witwer Wisch“ (Tb 21.2.44, S. 489), eine Formulierung, durch die der Schreiber mitteilte, daß seine Frau ermordet worden war.

Und es gab auch sehr bittere Witze mit euphemistischem Charakter: Ermordete Menschen wurden „zu den Himmlerischen Heerscharen einberufen (von Hingerichteten)“ (Tb. 7.2.44, S.484); oder jemand sagte: „Eh ick mir hängen lasse, jloob ich an ’n Sieg!“ (Tb 27.9.44, S. 597) Ähnlich funktionierte auch der ironische Gruß: „Bleiben Sie übrig!“ (Tb. 7.2.44, S.484)

Zugleich berichtet Klemperer über die schärfste Unterdrückung solcher Versuche von Gegenwehr, und er schreibt: „Die kleinste defätistische Äußerung genügt für Todesurteil.“ (Tb. 15.9.43, S. 428)

Es bleibt zu fragen, welchen Stellenwert die Tagebücher Klemperers und seine LTI für eine Analyse des NS-Faschismus insgesamt haben.

Die Analyse des faschistischen Macht-Dispositivs

Betrachtet man insbesondere die Tagebücher aus der Perspektive heute entwickelter Theorien und Analyseverfahren, so kann man sie als Materialien für die Analyse NS-faschistischer Macht-Dispositive verstehen, die bereits eine Fülle von interpretativen Ansätzen für eine solche Analyse enthalten. Darauf kann ich an dieser Stelle nur verweisen, da es diesen Vortrag überdehenen würde, wenn ich diesem Aspekt genauere nachginge.

Dies sticht besonders dann hervor, wenn man Klemperers Tagebücher auf dem Hintergrund dessen liest, was Michel Foucault unter dem Begriff des Dispositivs versteht. Dieser schreibt: „Was ich unter diesem Titel festzumachen versuche ist erstens ein entschieden heterogenes Ensemble, das Diskurse, Institutionen, architekturale Einrichtungen, reglementierende Entscheidungen, administrative Maßnahmen, wissenschaftliche Aussagen, philosophische, moralische oder philanthropische Lehrsätze, kurz: Gesagtes ebensowohl wie Ungesagtes umfaßt.“ (Foucault 1978, S. 120)

Die Analyse solcher Dispositive zielt darauf ab, das hinter diesen Diskursen, Praxen und „Dingen“ stehende spezifische Wissen zu ermitteln, das in wie auch immer modifizierter Form von Generation zu Generation, vermittelt über Institutionen wie Familie, Schule, Alltag, Medien und Politikeransprache weitervererbt wird.

Ich meine, daß Klemperer, jedenfalls in relevanten Ausschnitten, die er aus seiner Perspektive und über andere Wissensquellen in den Blick bekommt, eine solche Dispositiv-Analyse geleistet hat. In der Einleitung zur LTI operiert Klemperer mit einem sehr weiten Sprachbegriff, der den Foucaultschen Begriff des Dispositvs im Ansatz vorwegnimmt, wenn er schreibt: „Das Dritte Reich spricht mit einer schrecklichen Einheitlichkeit aus all seinen Lebensäußerungen und Hinterlassenschaften: aus der maßlosen Prahlerei seiner Prunkbauten und aus ihren Trümmern, aus dem Typ der Soldaten, der SA- und SS-Männer, die es als Idealgestalten auf immer andern und immer gleichen Plakaten fixierte, aus seinen Autobahnen und Massengräbern. Das alles ist Sprache des Dritten Reichs…“ (LTI 16)

Auch der Zusammenhang von großer Rede und Umgebung wird von Klemperer analysiert. Er schreibt: „In gewissem Sinn kann man den festlich geschmückten Markt oder die mit Bannern und Spruchbändern hergerichtete Halle oder Arena, in der zu der Menge gesprochen wird, als einen Bestandteil der Rede selber, als ihren Körper ansehen; die Rede ist in solchem Rahmen inkrustiert und inszeniert, sie ist ein Gesamtkunstwerk, das sich gleichzeitig an Ohr und Augen wendet, und doppelt an das Ohr, denn das Brausen der Menge, ihr Applaus, ihr Ablehnen wirkt auf den Einzelhörer mindestens gleich stark wie die Rede an sich.“ (LTI 57)

Klemperer macht zudem „auf die architektonische Kraftprotzerei aufmerksam“; und wieder konstatiert er: „auch sie ist LTI“ (LTI 277); und auch den sog. Reichtagsbrand begreift er als Bestandteil der LTI. (LTI 58)

Solche Beobachtungen außerhalb der Sprache im engeren Sinne finden sich keineswegs selten, so auch im folgenden Zitat: „Ähnlich kokettieren jetzt die Weiber mit ihren Schwangerschaften. Sie tragen den Bauch wie einen Parteiknopf. Auch das gehört, wie die Rune und das zackige SS zur LTI. Ganz Deutschland ist eine Fleischfabrik und Fleischerei.“ (Tb 27.7.42, S. 188)

In der LTI – seinem „Erziehungsbuch“ – selbst beschränkt Klemperer sich leider jedoch auf die solcher diskursiven Praxen, mit der Begründung, er sei ja gelernter Philologe. Doch die LTI ist ja kein völlig neu geschriebenes Buch, keine stringent entwickelte Kritik an der Sprache des Faschismus. Sie ist ja im wesentlichen nichts anderes als eine zumal sehr selektive Zusammenstellung der LTI-Notizen aus den Tagebüchern der 12 Jahre faschistischer Herrschaft, die er geordnet und kommentiert hat. Er fällt damit ein Stück weit hinter seine Analysen aus den Tagebüchern zurück und schränkt – darin auch Kind seiner Zeit – hinter bereits Begriffenes wieder ein.

In den Tagebüchern aber betrachtet Klemperer die faschistischen Institutionen, die Praxen der Judenverfolgung und -ausgrenzung konkret, die Lebensbedingungen der Menschen, der Juden und „Arier“, wissenschaftliche Aussagen, Gesetze, die Arbeitsbedingungen, den Krieg und die Kriegsfolgen, die Medien und deren Wirkung und den Alltag; er charakterisiert die faschistische Ideologie, die Strafpraxen und Hinrichtungsformen – und zusätzlich die sprachlichen und medialen Prozesse und Hervorbringungen. Mit den Tagebüchern liegt demnach eine Art Dispositivanalyse vor, die insgesamt viel mehr über den deutschen Faschismus aussagt als dies die Betrachtung der sprachlichen Praxen alleine vermöchte.)

So viel sei gesgat, daß Klemperers Beitrag zum Verständnis des Faschismus von unschätzbarem Wert ist. Darüber hinaus liegt für uns Heutige vielleicht sein wichtigstes Vermächtnis darin, uns für das, was in unserer Gegenwart vor sich geht, zu sensibilisieren und kritikfähig zu machen, damit wir uns und andere diesen diskursiven Verstrickungen nicht selbstverständlich und unbewußt aussetzen. Klemperer selbst ist allerdings ein Beispiel dafür, daß dies nicht leicht ist. Erst die existenzielle Bedrohung brachtew ihn zum Nachdenken und zur Absage an seine ursprünglich völkische Position. Das heißt nicht, daß es nötig  ist, solchen Druck abzuwarten. Klemperers Erkenntnisse liegen ja inzwischen vor. Es kommt darauf an, sie zu beherzigen und praktisch umzusetzen.)

Klemperers Beobachtungen zum politischen Diskurs nach 1945: Lingua Tertii Imperii

Klemperer selbst versuchte dies vehement nach der Befreiiung vom Faschismus. Er fürchtete das Fortleben der faschistischen Ideologie nach dem Dritten Reich. So schreibt er: „Wie lange wird es dauern, bis man aus diesen Kinderköpfen den nationalsozialistischen Unrat entfernt haben wird?“ (Tb. 30.1.44, S. 481). Aber er sieht auch, daß dieser ideologische Wissensfluß nicht erst mit der Zeit des Faschismus an der Macht entstanden ist. Er weiß: „Die Hitlerei hat tiefe Wurzeln.“ (5.11.1941, S. 684)

Und er sieht diese Wurzeln im – wie er sagt – übersteigerten Nationalismus der „teutschen Romantik“ und schreibt:

„Der Nationalsozialismus ist eine giftigste Konsequenz, richtiger Überkonsequenz der deutschen Romantik; sie ist an ihm genau so schuldig und unschuldig wie das Christentum an der Inquisition; sie macht ihn zu einer spezifisch deutschen Angelegenheit und sondert ihn vom Faschismus und Bolschewismus ab. Sie findet ihren stärksten Ausdruck im Rassenproblem, und dieses wiederum tritt am stärksten hervor in der Judenfrage. So bedeutet die Judenfrage für den Nationalsozialismus das Zentrum der >Wesensmitte< und seine Quintessenz. Und in eben diesem Kernpunkt zeigt sich die absolute Entgeistigung und Verlogenheit, der absolute Höllensturz der Romantik im Dritten Reich. Das Judenproblem ist die Giftdrüse der Hakenkreuzotter.“ (Tb 5.9.44, S. 576, vgl. auch LTI 138 ff.))

Und auch noch nach dem Ende des Krieges befürchtet er für die Zukunft: „Ich sehe einen neuen Hitlerismus kommen, ich fühle mich durchaus nicht in Sicherheit.-“ (Tb. 18.9.45, S. 137)

Sein Motiv, möglichst bald nach dem Krieg seine LTI fertigzustellen, entsprang insbesondere der Furcht, die sich aus konkreten Beobachtungen der Sprache nach 1945 nährte, es könne eine Sprache des Vierten Reiches geben, eine LQI (Lingua Quartii imperii), die sich aus der des faschistischen Reiches speiste und dessen Geist fortleben lassen würde (LTI S. 20). Diese Befürchtung war ganz und gar nicht unberechtigt.

In seinem Tagebuch von Juni bis Dezember 1945 beschreibt er das Fortdauern von LTI als LQI besonders intensiv. Er schreibt etwa: „Ich muß allmählich anfangen, systematisch auf die Sprache des Vierten Reiches zu achten. Sie scheint mir manchmal weniger von der des dritten unterschieden als etwa das Dresdener vom Leipziger. Wenn etwa Marschall Stalin der Größte der derzeit Lebenden ist, der genialste Stratege usw. Oder wenn Stalin in einer Rede aus dem Anfang des Krieges von Hitler, natürlich mit allergrößtem Recht, als von dem >Kannibalen Hitler< spricht. Jedenfalls will ich unser Nachrichtenblatt und die Deutsche Volkszeitung, die mir jetzt zugestellt wird, genau sub species LQI studieren.“ (Tb 25.6.45, S. 31f.)

Dafür findet er viele Belege auf allen Diskursebenen und fordert: „Man sollte ein antifaschistisches Sprachamt einsetzen.“ Er sieht „Analogien der nazistischen und bolschewistischen Sprache“ .(Tb. 4.7.45, S. 47) Dabei bediene „man sich sämtlicher nazistischer Schlagworte, die wie „Leichengift wirken“. (Tb 19.7.45, S. 62) Und er führt an: „1) Alle Welt sagt nach wie vor der Russe.2)Man spricht in der Volkszt. Von einer Verlautbarung. Das ist österreichische Militärsprache u. wird nun, trotzdem von Hitler eingeschleppt, trotzdem es mehrere deutsche Ausdrücke wie Anordnung, Befehl, Heeresbericht, Kundgebeung … zusammenmantscht, stur beibehalten. 3) Marshall Stalin beim großen Armeefest auf den gemeinen Mann, den Poilu inconnu trinkend, nannte ihn wiederholt >Die Schrauben< des ganzen Werkes. Also der technischste der Ausdrücke. Cf. Gleichschalten.“ (Tb. 27.6.45)

Klemperer entschließt sich dann zunächst aber, seine LTI-LQI-Studien abzubrechen, wegen „Saturiertheit“, wie er sagt. (Tb. 23.7.45, S. 68). Doch dabei bleibt es nicht. Es gibt weiterhin ausführliche Notizen zu diesem Thema, jetzt versehen mit dem Kürzel LQI, etwa: „Nazistische Propaganda wirkt noch, wird wohl auch heimlich fortgesetzt. Ist Dresden denn besonders kleinbürgerlich – oder ist ganz Deutschland so gerichtet? (Tb 1.8.45, S. 77) Scharf formuliert er: „LQI übernimmt LTI mit Haut und Haaren. Sogar Becher – höher geht`s nimmer – schreibt andauernd kämpferisch. Frau Kreisler erstaunt, als ich >charakterlich< beanstande. In einem Aufsatz, der die Humanität der jetzigen Straflager (Kommandohaft) rühmt, werden die Häftlinge zu >einsatzfreudigen< Menschen erzogen.“ (Tb. 15.10.45) Er sieht, daß sich mit der „Wende“ von 1945 nicht alles zum Besseren gekehrt hat, nicht auf einen Schlag Sozialismus und Demokratie eingetreten sind und daß auch in seiner unmittelbaren Umgebung weiterhin Antisemitismus grassiert: „Was würde aus uns paar Juden, wenn die Alliierten abzögen?“ (Tb. 27.1.46), fragt er. Und er notiert die Aussage: „Es ist uns körperlicher Ekel vor den Juden beigebracht worden. Da war ein Schulungsbrief: ein arisches Mädchen heiratet einen Juden; ihr Grauen, wie sich an dem Kind die Rassenmerkmale zeigen: schwarze Löckchen, krumme Nase … Ich habe gedacht, es mag hart sein für den einzelnen, aber sie müssen fort, sie sind die Vergifter, die Rasse … man sucht doch auch bei Hunden die Rasse reinzuhalten.“ (Tb. 15.6.47) Solche menschenverachtenden Ansichten dauern bis heute fort, wie man feststellen kann, nicht nur, wenn man Alltags- und Familiengespräche beobachtet.[10]

Klemperer notiert vor allem Beispiele aus seiner näheren Umgebung, also aus der russischen Besatzungszone und der späteren DDR. Bitter notiert er kurz vor seinem Tod: „Das Ganze, und dieses Ganze konzentriert sich immer mehr auf diesen einen Ulbricht, unterscheidet sich immer weniger von nazistischer Gesinnung u. Methode. Sag Arbeiterklasse statt Rasse, u. beide Bewegungen sind identisch. Tyrannei u. Enge nehmen täglich zu. Glaubenshetze, Jugendweihe, Kampf gegen >ideologische Coexistenz< gegen >Fraktionismus<, gegen >kleinbürgerliche Überheblichkeit< all das ist LQI.“ (14.2.58) Enttäuschr notiert er: „Das kann nicht Marx´Idealzustand gewesen sein.“ (Tb. 24.10.58)

Doch auch westliche Sprachgewohnheiten werden von Klemperer zur Kenntnis genommen: „natürlich muß sich LTI fortsetzen, bei uns, weil wir Sowjetzone sind, im Westen weil man nazistisch geblieben ist.“ (Tb. 10.10.48) Sein Land, die DDR, erscheint ihm, bei aller Kritik, durchweg als das kleinere Übel, auch wenn es ihm zunehmend schwer fällt, diese Sichtweise beizubehalten.

Wichtig ist bis heute: Klemperer dokumentiert, wie Diskurse nicht einfach abbrechen, sondern – als Einheiten von sprachlichen Formen und gedanklichen Inhalten – eine zähe Lebensdauer haben und Ideologien transportieren, die man längst auf dem Müllhaufen der Geschichte wähnte – im Osten wie im Westen.

Klemperers Beobachtungen zur Lingua Quartii Imperii erfahren heute eine interessante Resonanz. Sie werden von konservativen Politikern und Journalisten gern herangezogen, um grobschlächtig die Nähe oder gar Identität von Faschismus und Sozialismus, von „rechts“ und „links“ zu belegen.[11] Gegen diese einseitige Sicht ist aber zu betonen, daß der faschistische Diskurs sowohl im Osten wie auch im Westen fortdauerte und selbstverständlich auch in der DDR und in der BRD – bei mancherlei Modifikationen und auch grundsätzlichen Veränderungen. In Anlehnung an Klemperers Worte: „Ganz Deutschland ist so gerichtet!“ Und es waren auch nicht die Nachwirkungen des faschistischen Diskurses allein dafür verantwortlich, daß auch die historisch späteren Diskurse vielfach völkisch geprägt blieben oder wieder wurden. Dazu kamen die Konjunkturen der politischen Debatte in beiden Teilen Deutschlands, die auf die betreffenden Diskurse einwirkten. Tatsache ist aber, daß auch der heutige öffentliche Diskurs in ganz Deutschland immer noch eine Fülle des ideologischen Ballastes mit sich führt, den man als völkisch-nationalistisch bezeichnen kann.[12] Dem möchte ich im folgenden auf der Grundlage eigener empirischer Arbeiten zusammenfassend und in der Skizze nachgehen.

Völkischer Nationalismus im Diskurs der Gegenwart

Analysen zum öffentlichen Diskurs der Gegenwart, wie er in Politikerreden, in den Medien, im Alltag, aber auch in der Wissenschaft anzutreffen ist, zeigen, daß völkisch-nationalistisches Denken heutzutage wieder hoffähig zu werden droht. Die Hitlerei ist zwar vorbei; das Denken, auf dessen Hintergrund sie möglich geworden ist, ist jedoch keineswegs tot. Es beeinflußt den gesamten hegemonialen Diskurs weiterhin: die Bereitschaft, innere und äußere Feinde mit allen Mitteln zu bekämpfen, der Ruf nach dem loyalen und opferbereiten Bürger, der Wille, die Frauen auf ihren „angestammten Platz“ zurückzudrängen, das sind die alten Ideolgien des Völkischen Nationalismus und der Konservativen Revolution der 20er und 30er Jahre, die – oft kaum verhohlen – den politischen Diskurs der Gegenwart wieder zu dominieren begonnen haben.[13] Dies äußert sich nicht nur in Wahlerfolgen rechtsextremer Parteien und in der drastischen Zunahme rassistisch und rechtsextremistisch motivierter Straftaten, sondern insgesamt in einer Rechtsdrift, die sich heute unter dem Deckmantel der Normalität in der Mitte der Gesellschaft vollzieht.

Diese Festellung kann im Rahmen dieses Vortrags nur exemplarisch belegt werden, wobei ich mich aber auf eine Vielzahl von Projekten und Einzeluntersuchungen berufen kann.[14] Hier soll es vor allem darum gehen, den Blick dafür zu schärfen, daß in Politik, Medien und Alltag auch heute ein Denken und Sprechen Bestand hat, das demokratischen Vorstellungen diametral entgegensteht.

Unsere seit Mitte der 80er Jahre kontinuierlich durchgeführten Medienanalysen und Erhebungen zum Politiker- und Alltagsdiskurs zeigen, daß Rassismus und rechtsextreme Ideologeme generell fortlaufend Bestandteil des öffentlichen und privaten Diskurses sind.

Politikerdiskurs

Als der zentrale Stichwortgeber für den Medien-Diskurs gilt der Politikerdiskurs. Dazu möchte ich nur auf die Untersuchung der Debatten des Deutschen Bundestages von Frank Wichert verweisen. Sie zeigt, wie insbesondere konservative Politiker das Thema Asyl auf lange Hand zuspitzten und spätestens seit der Bonner Wende von 1982 das Ziel verfolgten, den Asylartikel (Art. 16 GG) faktisch auszuhebeln (Wichert 1994).

Dies gelang auch: im Mai 1993 verabschiedete der Bundestag den neuen Asylartikel, und kurz danach verwarf das Bundesverfassungsgericht Einsprüche gegen die neue Fassung dieses Artikels, so daß ein wesentlicher Bestandteil des Grundgesetzes, in dem einige Konsequenzen aus den Greueln des 3. Reiches gezogen worden waren, nun entfallen ist.

Diese Entwicklung war begleitet von massiven ausländerfeindlichen Debatten im Bundestag selbst, in die sich auch die Sozialdemokraten verwickeln ließen und die eine verheerende Wirkung auf das gesamtgesellschaftliche Denken und Tun hatten. Untersuchungen des Wiener Instituts für ergaben zudem, daß ein Racism at the Top in allen Europäischen Parlamenten stark verbreitet ist. Er kommt zwar etwas subtiler einher als an den Stammtischen und in der Boulevardpresse, ist aber – wie gesagt – als Stichwortgeber für diese Mittler ungeheuer diskursmächtig.

Medien

Untersuchungen der Medien zeige, daß diese Debatte sehr breit medial aufgenommen wurde, wodurch die Medien für die massenhafte Produktion und Reproduktion auch des militanten Rassismus äußerst große Mit-Verantwortung trugen und weiterhin tragen.

Das gilt gegenüber allen Menschen, die in welcher Weise auch immer von „unserer“ deutschen Normalität abweichen, insbesondere aber für diejenigen, deren äußeres Erscheinungsbild sozusagen auf den ersten Blick „Fremdheit“ signalisiert.

Diese Art der Berichterstattung trägt dazu bei, besonders Menschen mit schwarzer Hautfarbe, aber auch diejenigen, die andere Sitten und Gebräuche pflegen, mit Gefahr und Katastrophe zu assoziieren, so daß diese Bedrohungsgefühle und Angst auslösen. Das ist die Ursache dafür, sie abzulehnen, auszugrenzen, sie zu verfolgen und zu verletzen oder gar zu töten.

Die Medien schaffen zwar nicht und schon gar nicht allein den alltäglichen Rassismus, es handelt sich keineswegs um eine Einbahnstraße von den Medien hin zum Alltagsbewußtsein. Sie nehmen alltägliches Denken aus dem Alltagsdiskurs auf, verbinden es mit den politischen Vorgaben, spitzen diese, je nach eigener politischer Diskurs- bzw. ideologischer Position mehr oder minder stark zu und reproduzieren solche Haltungen von Tag zu Tag immer wieder aufs Neue. Die Rekursivität solcher Berichterstattung erzeugt ein festes „Wissen“, das die Grundlage für das Handeln und des Verhaltens gegenüber diesen Personen darstellt.

Diese Wissensproduktion stößt zudem auf einen historischen Diskurs, der seine Wurzeln mindestens im 19. Jahrhundert hat und mit dazu geführt hat, daß Völkermord und Vernichtung, daß der Holocaust möglich wurde. Völkisches Denken ist demzufolge  auch im Alltagsdiskurs sehr verbreitet.

Rassismus im Alltagsdiskurs

Wir haben die Untersuchung zum Alltagsdiskurs von 1991/92, die unter dem Titel „BrandSätze“ (4. Aufl. 1996) erschienen ist durch zwei weitere Erhebungen von Interviews 1993 und 1995 und weitere Analysen bis heute fortgesetzt, wobei wir die wesentlichen Ergebnisse unserer vorangegangenen Untersuchungen bestätigt fanden. Das Gesamt-Corpus unserer etwa jeweils ein- bis 1½ stündigen nicht-standardisierten Interviews enthält inzwischen 50 Interview-Texte von jeweils über 20 Seiten Umfang, die einer qualitativen und quantitativen Analyse unterzogen wurden.

Die wichtigsten Ergebnisse unserer Untersuchungen zum Alltagsdiskurs lassen sich wie folgt zusammenfassen:

1. Alle von uns Interviewten sind mehr oder minder stark in den rassistischen Diskurs verstrickt, egal, ob alt oder jung, männlich oder weiblich, egal, welche Partei sie wählen und welchen Beruf sie ausüben. Mit diesem Hinweis auf die Verstrickungen der jeweils Einzelnen in einen rassistischen Diskurs ist gleichzeitig gesagt, wie umfassend der Rassismus zur Denkweise unserer Gesellschaft gehört.

Er ist also keineswegs als ein Problem der deutschen Jugend zu verharmlosen, wie die neue Shell-Studie und andere Untersuchungen suggerieren könnten. Die Jugendlichen sind zwar auch in den rassistischen Diskurs verstrickt, und es sind vor allem Jugendliche, die zu offener Gewalt greifen. Sie verstehen sich aber dabei nur als diejenigen, die den Willen der Älteren ausführen und schon allein aus physischen Gründen in dieser Hinsicht stärker hervortreten.

2. Rassismus wird oft verdeckt geäußert. Typisch sind Verleugnungsstrategien der Art: „Ich habe nichts gegen Ausländer, aber es sind doch zu viele hier. Unser Boot ist voll!“ Wobei Boot dann des öfteren durch Land oder Raum ersetzt wird. Oder es heißt, zunächst abschwächend: „Ich bin nicht unbedingt dieser Ansicht. Aber mein Vater, und auf den ist Verlaß, meint, daß Ausländer für uns Deutsche eine Gefahr darstellen.“ Oder, um ein etwas schwierigeres Beispiel zu zitieren: „Ausländer sind doch auch Menschen!“.

Hier drückt sich dadurch eine rassistische Verstricktheit aus, daß eine Unterstellung mitgedacht wird, eben daß man überhaupt davon ausgehen könnte, daß dies nicht der Fall wäre.

3. Insgesamt taucht ein Katalog von etwa 30 stereotypen negativen Bewertungen von Einwanderern und Flüchtlingen auf, der von den meisten Deutschen strikt geteilt wird. Insofern läßt sich sagen: Es handelt sich nicht um ein individuelles Problem, sondern um ein soziales. Die Negativ-Urteile sind sozial fest verankert. Häufig handelt es sich um unzulässige Verallgemeinerungen von Einzelfällen wie etwa: „Die Ausländer sind kriminell.“

4. Dieser Katalog von Negativ-Urteilen findet sich auch in den Medien, so daß davon auszugehen ist, daß die Medien zur Verfestigung, wenn nicht sogar zur Erzeugung rassistischer Einstellungen erheblich beitragen. Ein Indiz dafür sind auch die sogenannten „journalistischen Schlüsselwörter“, die im Alltagsdiskurs auftreten. Damit sind Wörter gemeint, die nicht zur „normalen“ Alltags-Sprache gehören wie etwa Aggression, Ambition, „Asylant“, Identität, – um nur einige zu nennen.

5. Abgrenzungen und Ausgrenzungen werden mit Hilfe von sprachlichen Bildern markiert, wobei die Kollektivsymbolik eine sehr wichtige Rolle spielt. Beispiele: „Fluten bedrohen uns“, „Dämme müssen errichtet werden“, „Viren dringen bei uns ein“, „eine Giftsuppe kocht hoch“ usw. Das Auftreten solcher Symbole im Alltagsdiskurs läßt stark vermuten, daß sich hier der Einfluß der Medien geltend macht

6. In der Bevölkerung herrscht noch ein erheblicher Antisemitismus. Dieser richtet sich aber oft auch gegen Türken, denen damit gedroht wird, daß es ihnen eines Tages gehen könnte wie den Juden.

7. Auch werden demokratische Argumente verwendet, um rassistische Einstellungen abzusichern: „Die Türken behandeln ihre Frauen schlecht, und deshalb lehnen wir sie ab, deshalb haben sie hier nichts zu suchen.“

8. Die Ausgrenzungen der Einwanderer und Flüchtlinge gehen einher mit latenten Handlungsbereitschaften. Damit ist nicht nur die Inkaufnahme und Einforderung von struktureller staatlicher Gewalt gemeint, wie dies bei der Abschiebung der Fall ist. Man will unter Umständen selbst Hand anlegen, um die Ausländer los zu werden. Insofern kamen die Beifallsbekundungen der Bürgerinnen und Bürger in Hoyerswerda, Rostock und andernorts für uns auch nicht überraschend.

In den neueren Interviews ist eine Tendenz zur Aufnahme weiterer völkischer Ideologeme zu beobachten, etwa die Forderung, daß Deutschland seine Interessen „draußen“ militärisch verteidigen möge.

Fazit

Damit habe ich einige wichtige diskursive Ebenen des rassistisch unterfütterten Diskursstrangs über Einwanderung; Flucht und Asyl in der BRD der Gegenwart knapp skizziert. Daneben sind auch der Erziehungsdiskurs und wissenschaftliche Spezial-Diskurse zu beachten. In ihrer komplexen Verflechtung, ihrer gegenseitigen Beeinflussung und Stützung bergen sie die Gefahr, ein undemokratisches, gewalttätiges und rassistisches Klima in der BRD aufrechtzuerhalten oder neu zu erzeugen und Menschen immer wieder dazu anzustiften, Gewalttaten zu begehen oder zu dulden. Der Diskurs der Gegenwart ist demnach keineswegs frei von rechtsextremen bis faschistischen Ideologiebestandteilen.

Klemperers Beobachtungen zur Sprache im Faschismus können den Blick dafür schärfen, was sich heute tut. Wer seine Mit-Verantwortung für eine solche Entwicklung sieht oder doch begreifen möchte, tut gut daran, das, was sich in seiner unmittelbaren Umgebung diskursiv abspielt, genau zu beobachten. Dazu bedarf es einer gewissen Distanz, denn solche Entwicklungen spielen sich zumeist schleichend ab. Was gestern noch als faschistisch oder rechtsextrem galt, gehört heute bereits vielfach wieder zur „Normalität“. Wir sollten uns ihr nicht unbedacht und unbewußt aussetzen. Welche Folgen dies haben kann, zewigt die derzeitige Entwicklung in Österreich. Jörg Haider und sein völkisach nationalistisches Denken sind längst in den Alltag hinein normalisiert worden. Um dies genauer zu beleuchten bedürfte es eines weiteren Vortrags, so daß ich an dieser Stelle abbrechen muß.

 



[1] Es hat mancherlei Versuche gegeben, sich dieser Herausforderung nicht zu stellen und Klemperers Beobachtungen zu entwerten. So schrieb Hans Ernst Müller, wie Klemperer zur Kenntnis nahm, 1958 in der Zeitschrift „Muttersprache“: In der LTI richtet V.Kl. „heftige Angriffe gegen die Sprache der Hitlerzeit, die jedoch (!) durch seine Erlebnisse während dieser Jahre wesentlich mitbestimmt sind.“ (Muttersprache. Ztschr. zur Pflege u. Erforschung der deutschen Sprache 1958, 68. Jg.)

[2] Vgl. dazu das Buch von Wodak et al. Mit dem entsprechenden Titel: „Wir sind alle unschuldige Täter“. 1990.

[3] Zum Konzept von Diskurstheorie und Diskursanalyse vgl. im einzelnen Jäger 1999.

[4] 1986, zuerst 1945/46. Klemperer sah in diesem Wörterbuch allerdings durchaus eine Konkurrenz. So schreibt er am 31.10.1946: „… in einer westlichen Zeitschrift erscheinen regelmäßig Artikel über die „Sprache des Unmenschen“. Z.B. über „betreuen“. Das hetzt mich (bei der Arbeit an der LTI, S.J.). Ich weiß, daß meine LTI ein Ding für sich wird; aber ich fürchte, daß sie an Aktualität einbüßt u. womöglich nicht mehr veröffentlicht wird. Zu langsames Vorwärtskommen …“

[5] Hannes Heer stellte stellte in seinem Artikel zur Vox Populi im NS-Faschismus eine überraschende „Koinzidenz der Berichterstattung eines Herrschaftsapparates, des SS-Amtes II mit ca. 30000 Mitarbeitern, und eines einzelnen Beobachters“ fest (Heer 1997, S. 134). Auch das verweist darauf, daß es Klemperer gelungen ist, den faschistischen Diskurs in nahezu seiner gesamten Bandbreite zu erfassen.

[6] Vgl. dazu Jäger 1993, Jäger 1997. Dieser Ansatz ist durch Arbeiten Michel Foucaults inspiriert, teilweise über seine Rezeption bei Link (seit 1982). Vgl. Foucault Überwachen, Archäologie ++++

[7] Hier zeigt sich die erstaunliche Verwandtschaft von Klemperers Denken mit Ansätzen einer von Foucault inspirierten Diskurstheorie. Eine solche Verwandtschaft wird auch sichtbar, wenn man fragt, welche individuellen Freiheitsspielräume dem Subjekt, das in die Diskurse verstrickt ist, überhaupt bleiben.

[8]  In ihrem Buch „Vokabular des Nationalsozialismus“ führt Cornelia Schmitz-Berking unter dem Stichwort „Arbeitseinsatz“ an: a) Lenkung und Kontrolle der deutschen Arbeitskräfte; b) Beschäftigung teils angeworbener, später überwiegend deportierter ausländischer Arbeitskräfte in der deutschen Kriegswirtschaft; c) in der Sondersprache der SS: Zwangsarbeit der noch arbeitsfähigen KZ-Häftlinge in Rüstungsfirmen.“ (Schmitz-Berning 1998, S. 45) Klemperer, als „privilegierter“ Jude, weil er mit einer nicht-jüdischen Frau verheiratet war, wurde selbst zu verschiedenen Arbeitseinsätzen wie Schneeschippen, Fabrikarbeit etc. herangezogen.

[9] So liest der Münchener Sprachwissenschaftler Konrad Ehlich Klemperer genau in der Weise, als wolle dieser sagen, die Menschen unterm Faschismus seien als Opfer sprachlicher Manipulation zu betrachten (Ehlich 1997, S. 12). Die Antwort auf die Frage, wieso die „Sprachgemeinschaft“ den Faschisten folgte, so konstatiert er, sei auch nach Klemperer eine zwar „zentrale, aber ungelöste Aufgabe“ (ebd. S. 12).

[10] Vgl. dazu Jäger 1996

[11] So etwa bei Friedrich Karl Fromme in seinem Beitrag „Wessen Genosse Klemperer. Der Intellektuelle, sein Auto und die Sprache des Vierten Reiches“ in der FAZ vom 15.11.1995.

[12] Vgl. dazu Jäger/Kretschmer/Cleve/Griese/Jäger et al. 1998 und M. Jäger/S. Jäger 1999.

[13]  Kellershohn hat in mehreren Untersuchungen die Kernideologeme des Völkischen Nationalismus beschrieben, vgl. z.B. Kellershohn 1995

[14] Einen Überblick enthält M. Jäger/S. Jäger 1999.

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