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Ungleichheit, Vertrauensverlust und Ausgrenzung

 

Von Peter Höhmann

1. Vorbemerkung

Der Beitrag befasst sich mit politischen Konsequenzen, die durch die dauerhafte Zunahme ungleicher Lebensverhältnisse zu erwarten sind. In diesem Zusammenhang betont zwar der letzte Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, dass „im Zuge der günstigen wirtschaftlichen Entwicklungen der Jahre vor 2020 die mittleren Einkommen mindestens ebenso stark gestiegen sind wie die Einkommen im unteren Bereich der Einkommensverteilung“, und folgert daraus, dass kein deutliches Sinken der Ungleichheit eingetreten sei. (S.9) Diese Diagnose konzentriert sich allerdings nur auf den aktuellen Trend ungleicher Einkommen.

Auf der Grundlage eines sichtbaren Fortbestands der Armutsbevölkerung sind jedoch zugleich weitere Fragen zu stellen, die besonders die sozialen Folgen dieser langfristig anhaltenden Situation in den Blick nehmen. Hier setzt der Beitrag an, der sich auf die Situation in der Bundesrepublik konzentriert. Sein Ausgangspunkt war zunächst die allgemeine Beobachtung, dass sich die angesprochene Entwicklung in ähnlicher Form und in unterschiedlicher Stärke auch für weitere europäische Staaten zeigt und dort durchweg Schließungsstrategien sowie einen Anstieg rechter Positionen ausgelöst hat. Diese Konsequenzen legen nahe, sich hier auf Veränderungen der persönlichen Einstellungen zu konzentrieren, durch die sich ursprünglich bestehende Problemlagen verändern und politisch einen neuen Charakter annehmen.

Die empirische Grundlage des Beitrags beruht auf den regelmäßigen Erhebungen der Allgemeinen Bevölkerungsstudien der Sozialwissenschaften ALLBUS. Hierbei beziehe ich mich vor allem auf die Datensätze der Jahre 2008 und 2018.

2. Die Entwicklung der Haushaltseinkommen

Als ersten Zugang zum Thema stelle ich die längerfristigen Veränderungen der Haushaltseinkommen in den ALLBUS-Erhebungen dar. Die folgende Graphik zeigt dazu die Entwicklung der Haushaltseinkommen zwischen den unteren 25% (1. Quartil) und den oberen 25% (4. Quartil) der befragten Wohnbevölkerung an.1 Die Daten verweisen auf unterschiedliche wirtschaftliche und soziale Entwicklungen: Alle Einkommen sind seit den achtziger Jahren kontinuierlich gestiegen, allerdings bei zunehmender Ungleichheit im zeitlichen Verlauf. Die so spürbare Schere der Auseinanderentwicklung destabilisiert die bestehenden Orientierungen der Person und hat darüber auch Rückwirkungen für ihre soziale Verankerung und Zugehörigkeit.2

Insbesondere zwei Reaktionsmuster sind zu identifizieren: Auf der einen Seite erschwert oder versperrt das steigende Ausmaß der Ungleichheit soziale Formen der Teilhabe mit ihren Zugängen zu öffentlichen und privaten Gütern, schließt aus und erzeugt regelmäßig neue persönliche Hilfebedarfe. In einer solchen Situation treten zum anderen als Reaktion auf die eigene Lage Schließungsprozesse auf. Über sie soll der Anspruch geltend gemacht werden, den Kreis der „Berechtigten“ zu begrenzen. Diese Ansprüche sind typischerweise gegen andere Bevölkerungsgruppen gerichtet und aktuell besonders gegen Migranten*Innen und Flüchtlinge. Die Verantwortung für die eigene Lage kann darüber zugleich anderen zugeschrieben, aber auch kollektiv politisiert werden. Beide Reaktionsmuster haben so in den letzten Jahren systematisch zur Stärkung national abgeschotteter Positionen mit extremen Flügeln beigetragen.3

Wie die Ambivalenz eines in der Regel an den Staat gerichteten Anspruchs mit der Möglichkeit weiter eskalierender Ausschließungformen jeweils aufgelöst wird und welche aktiven oder Rückzugsstrategien (voice or exit) personal wie sozial dominieren, ist prinzipiell nicht festgelegt. Als zentraler Auslöser für sich verschärfende Situationen fungiert jedoch regelmäßig zunächst ein deutlich erkennbarer Vertrauensverlust gegenüber öffentlichen Institutionen, der vor allem in den ärmeren Haushalten, aber nicht hier allein, zu erkennen ist. Kennzeichnend ist zugleich eine Überdehnung der Beziehung zum Staat. Hier gelingt es Personen kaum mehr, ein Gesamtvertrauen in die Stabilität sozialer Rahmenbedingungen zu entwickeln, das sich typischerweise an den Staat als zuständige Instanz richtet. Allenfalls werden Anforderungen und Leistungen für besondere Lebenslagen moralisch eingefordert. In der Folge werden sodann systematische Brüche zwischen den Erwartungen an das staatliche Handeln und der jeweiligen persönlichen Lebenssituation verstärkt, in der Regel, ohne hierbei die Eigenlogik staatlichen Handelns gegenüber den Bedürfnissen und Interessen der Person zu thematisieren.4

3. Reaktionen auf Ungleichheit

Um weiterhin darzustellen, wie die angesprochenen Mechanismen zu einer Eskalation beitragen, stelle ich zunächst für Bevölkerungsgruppen mit unterschiedlichem Einkommen das Ausmaß dar, zu dem das Vertrauen zu öffentlichen Institutionen variiert. In der folgenden Tabelle sind dazu die Antworten zusätzlich nach drei Gruppen aufgegliedert: Eine befragte Person beschreibt ihre eigene Lage als einschränkend und zugleich die gesellschaftliche Situation für einfache Leute als problematisch, eine befragte Person beurteilt nur die gesellschaftliche Lage als problematisch oder sie vertritt andere Positionen.5

Geringes Vertrauen in öffentliche Institutionen nach Art der Betroffenheit und Einkommen 2008 und 2018 (%)

Eigene und gesellschaftliche Lage als prekär eingestuft

Nur gesellschaftliche Lage als prekär eingestuft

Andere
Antworten

Einkommen

2008

2018

2008

2018

2008

2018

Untere 25%

51,1

54,9

33,3

36,3

26,0

21,5

2.Quartil

52,9

49,9

36,1

30,9

20,3

24,5

3.Quartil

41,8

41,2

32,8

28,3

27,5

16,6

Obere 25%

41,1

38,1

26,2

21,0

27,2

16,0

Aus der Tabelle geht hervor, wie besonders dann, wenn die persönliche und die gesellschaftliche Lage als prekär bewertet wird, das Vertrauen in öffentliche Institutionen markant eingeschränkt ist. So geben 2018 vor allem die Befragten im unteren Einkommensbereich zu 54,9% ein nur geringes öffentliches Vertrauen an. Wird nur die Lage in der Gesellschaft und nicht die eigene in dieser Weise beurteilt, liegt dieser Anteil lediglich bei 36,3%. Allein in diesen beiden Gruppen ist der Anteil des geringen Vertrauens gestiegen. In den anderen Gruppen hingegen im Zeitverlauf gesunken.

Der Vertrauensverlust in einer als persönlich prekär eingeschätzten Lage ist folgenreich und Auslöser für persönliche Erklärungen und Rationalisierungen, über die danach gesucht wird, Verantwortliche für die eigene Lage zu finden. Wie angesprochen wird dafür in einer solchen „Situation des Verdachts“ regelmäßig auf die ausländische Bevölkerung verwiesen und damit auf eine Gruppe, der gegenüber leicht Stimmung gemacht werden kann, wie nicht nur die laufenden Debatten um Nationalbewusstsein und Leitkultur deutlich machen. 6 Diese Gruppe bietet sich als Sündenbock besonders an, um gegenüber dem Staat Ansprüche für sich selbst zu reklamieren.

Im Folgenden greife ich diese Konsequenz eines öffentlichen Vertrauensverlustes auf, der vorrangig die eigene Nation als Ausgrenzungskriterium nutzt. Für die Zustimmung eines so „geschlossenen“ Nationalbewusstseins habe ich drei Merkmale miteinander verbunden: Zunächst zumindest einer der Aussagen zuzustimmen: 1. mehr Nationalgefühl zu zeigen oder aber 2. Stolz auf Deutschland zu sein. Wenn zum anderen diese Zustimmung als 3. mit der Auffassung verbunden ist, die Bundesrepublik sei gefährlich überfremdet, interpretiere ich dieses Verständnis als geschlossenes Nationalbewusstsein. Die folgende Tabelle gibt dazu an, in welchem Umfang diese Haltung bei geringem und höherem öffentlichem Vertrauen unter den befragten Personen mit unterschiedlichem Einkommen im Zeitverlauf zwischen 2008 und 2018 jeweils vertreten wird. Sie gibt Anhaltspunkte für den Umfang, zu dem ein geringes öffentliches Vertrauen mit einem nach innen geschlossenen und so nach außen ausgrenzendem Nationalbewusstsein verbunden wird.

Geschlossenes Nationalbewusstsein nach Umfang des öffentlichen Vertrauens und Haushaltseinkommen 2008 und 2018 (%)

Einkommen

untere 25%

2.Quartil

3. Quartil

Obere 25%

Öffentliches Vertrauen

gering höher

gering höher

gering höher

gering höher

Geschlossenes Nationalbewusstsein 2008

50,0 35,2

46,7 36,4

41,5 32,9

28,4 22,7

Geschlossenes Nationalbewusstsein 2018

58,0 34,1

62,0 33,5

53,6 26,6

43,9 17,6

Ein geschlossenes und ausgrenzendes Nationalbewusstsein ist nicht auf die Haushalte mit geringem Einkommen begrenzt, sondern zeigt sich in unterschiedlicher Höhe für alle Einkommensgruppen. Die Veränderungen zwischen den Jahren 2008 und 2018 verweisen hierbei auf einen ausgeprägten Anstieg des geschlossenen Nationalbewusstseins in den mittleren und höheren Einkommensstufen bei geringem öffentlichem Vertrauen. Wenn umgekehrt hier dieses Vertrauen gegeben ist, geht die Schließungsbereitschaft zurück. Als Folge entwickeln sich die Einstellungen in der Bevölkerung zunehmend stärker auseinander.

Ein geschlossenes Nationalbewusstsein ist nicht nur als persönliche Einstellung wirksam, wie etwa an der Unterstützung für die AfD bei der Bundestagswahl zu erkennen ist. Ursprünglich als Reaktion auf die eigene Lage vertretene Orientierungen werden in einen öffentlichen Zusammenhang gestellt und können sodann, politisch gestützt und instrumentalisiert, neu interpretiert werden.7

Wie aus der folgenden Auswertung zu entnehmen ist, verweist das Beispiel der Wahlentscheidung für die AfD in den hier unterschiedenen Bevölkerungsgruppen8 darauf, dass diese Transformation mit tiefgreifenden Brüchen verbunden ist.

Wahl der AfD nach Einkommen, öffentlichem Vertrauen und Nationalbewusstsein 2018 (%)
(Anteil der Personen, der angab, bei den letzten Bundestagswahlen AfD gewählt zu haben)

Wahl der AfD (%)

untere 25%

2.Quartil

3. Quartil

obere 25%

Gruppe 1: Geringes Vertrauen und geschlossenes Nationalbewusstsein

30,4

42,2

41,6

29,0

Gruppe 2: Geringes Vertrauen ohne
geschlossenes Nationalbewusstsein

4,0

9,5

14,3

1,4

Gruppe 3: Andere Angaben. Mittleres und höheres Vertrauen, kein geschlossenes Nationalbewusstsein

3,5

4,6

5,0

2,9

Die Wahl der AfD bei den Bundestagswahlen ist ganz dominierend auf die erste Gruppe konzentriert, in der ein geringes Vertrauen in öffentliche Institutionen und zugleich ein geschlossenes Nationalbewusstsein dominiert. Dieses Reaktionsmuster wird besonders bei Haushalten mit mittlerem Einkommen sichtbar (2. und 3. Quartil). Die Partei erhält hier einen Stimmenanteil, der deutlich über 40% liegt. Bei Haushalten mit geringem Einkommen liegt dieser Anteil auf dem immer noch hohen Niveau von 30,4%. Die abgeschwächte Unterstützung steht in Einklang mit einer hier vorherrschenden Exit-Strategie, die durch einen ausgeprägten Anteil von Wahlenthaltungen gekennzeichnet ist.

Im Vergleich zur ersten Gruppe ist die Stimmenabgabe für die AfD fast durchgehend erheblich geringer. Treten die angesprochenen Rückzugs- und Schließungsmuster nicht auf, so sinkt die Wahlunterstützung auf nur noch geringe Prozentwerte.

4. Fazit

Die Darstellung macht deutlich, dass die Einschränkung des öffentlichen Vertrauens, die als Folge langfristig zunehmender Ungleichheit zunimmt, als ein wichtiger Auslösefaktor für weitergehende Konsequenzen hin zu einem geschlossenen Nationalbewusstsein zu verstehen ist. Gleichwohl bleibt diese Reaktion für sich genommen noch auf das personale Umfeld begrenzt. Eine Ausweitung erfolgt erst dann, wenn sich eine Person über ihre jeweilige Lage hinaus sozial bindet. Dies geschieht in unterschiedlicher Weise. In einer ersten Form treten eher verschiedene, nach innen gerichtete Vergemeinschaftungsformen auf. Sie stellen Zugehörigkeit und Nicht-Zugehörigkeit klar und ermöglichen so im Sinne rituellen Präsentierens (Goffman) gemeinsame Norm- und Handlungsmuster, über die sich Personen auf ihre jeweiligen Lebenslagen beziehen können. Durch den besonderen Bezug auf den Nationalstaat, der, wie dargestellt, hier geltend gemacht wird, lassen sich aber darüber hinaus öffentliche Verbindlichkeiten geltend machen und instrumentalisieren. Sie integrieren nicht nur nach innen, sondern sie verstärken zugleich bestehende Brüche in der Gesellschaft oder erzeugen neue.

Literatur

Groenemeyer, Axel und Wieseler, Silvia (Hg.) 2008: Soziologie sozialer Probleme und sozialer Kontrolle, Wiesbaden.

Gouldner, Alvin, Reziprozität und Autonomie in der funktionalen Theorie, in: Hartmann, Heinz (Hg.) 1967: Moderne amerikanische Soziologie, Stuttgart.

Horkheimer, Max, Die Juden und Europa 1939: Zeitschrift für Sozialforschung, Vol.8, 115-137.

Merton, Robert K. 1964: Social Theory and Social Structure, London.

Reemtsma, Jan Philipp 2009: Vertrauen und Gewalt, Hamburg.

Dr. Peter Höhmann, Soziologe, Mitglied im AK Kritische Gesellschaftstheorie im DISS

1 Auch in den weiteren Auswertungen gliedere ich die Angaben über das Haushaltseinkommen in vier etwa gleichgroße Gruppen (Quartile), die jeweils etwa 25% der Befragten repräsentieren.

2 Ich beziehe mich hier im Hintergrund auf die gerade für den Fall wirtschaftlicher und sozialer Ungleichheit auftretenden Reaktionen, die besonders im Übergang personaler und kollektiver Reaktionen bedeutsam sind, wie sich etwa an der Konzeption sozialer Bezugsgruppen zeigen lässt. Vgl. dazu grundlegend etwa Robert K. Merton 1964, Kapitel VIII.

3 Als grundlegender theoretischer Artikel ist in diesem Zusammenhang nach wie vor der Aufsatz von Max Horkheimer 1939 von herausragender Bedeutung und kann als Lehrstück auch für die Gegenwart dienen.

4 Vgl. hierzu ausführlich Jan Philipp Reemtsma 2009, besonders im Abschnitt „Das Problem des Vertrauens in die Moderne“, 85-99.

5 Als Grundlage zur Einstufung des öffentlichen Vertrauens dienen das (fehlende) Vertrauen zum Bundestag, zur Justiz, zur Regierung sowie ergänzend zu den Zeitungen. Die weitere Aufgliederung basierte auf der Einstufung der persönlichen wirtschaftlichen Situation sowie der Einschätzung, ob sich die Lage in der Gesellschaft für „einfache Leute“ verschlechtert habe. Diese letzte Aussage findet im Übrigen gerade in der unteren Einkommensgruppe mit einem Anteil von 80% eine besonders breite Zustimmung.

6 Im hier dokumentierten Zeitraum sind bei geringem öffentlichem Vertrauen die einschlägigen Distanzierungsformen gegenüber der ausländischen Bevölkerung durchgängig und für alle Einkommensgruppen deutlich gestiegen. In der Befragtengruppe mit dem geringsten Einkommen geben 2018 52,8% statt 45,4% Vorbehalte gegen die ausländische Bevölkerung an, in den folgenden Gruppen ist dieser Anteil von 42,6% auf 55,8% bzw. von 39% auf 46,6% gestiegen, in der höchsten Einkommmensgruppe von 23,4% auf 35,4%. Umgekehrt fällt die Ablehnung der ausländischen Bevölkerung bei hohem öffentlichem Vertrauen deutlich geringer aus und liegt 2018 mit durchweg rückläufigen Zahlen in der unteren Einkommensgruppe bei 17% und in der oberen bei 6,3%.

7 Dieser Eskalationsvorgang wurde an unterschiedlichen sozialen Problemen unter dem Stichwort eines „deviation amplifiing feedback“ demonstriert und zeigt die Verschärfung sozialer Lagen unter jeweils neuen sozialen Rahmenbedingungen. Vgl. hierzu etwa den zusammenfassenden Sammelband von Axel Groenemeyer und Silvia Wieseler 2008.

8 In der Darstellung habe ich die Angaben über Wahlpräferenz für die AfD in drei Gruppen zusammengestellt: Eine erste Gruppe weist sowohl ein geringes öffentliches Vertrauen als auch ein geschlossenes Nationalbewusstsein auf. Eine zweite Gruppe ist ausschließlich durch ihr geringes Vertrauen beschrieben. Die dritte Gruppe setzt sich schließlich aus allen weiteren Antworten zusammen.

Dieser Artikel stammt aus dem DISS-Journal#44 aus dem November 2022. Die vollständige Ausgabe als PDF finden Sie hier.

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