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Lernen im Corona-Modus

 

Eine Herausforderung für Bildung, multiprofessionelle Teams, Schüler:innen und Eltern/Erziehungsberechtigte

Von Gaby Cleve

Am 13. März 2021 verkündete die NRW-Bildungsministerium Yvonne Gebauer, pünktlich zum Wochenende gegen 15 Uhr, den ersten Schul-Lockdown für das Land Nordrhein-Westfalen – Startschuss zu einer Reihe kurzfristiger Maßnahmen. Die Schulen konnten, sollten und/oder mussten vom sogenannten Präsenzunterricht in irgendeine Form des digitalen Unterrichts, der auch Homeschooling oder Online-Unterricht heißt, wechseln. Zwischendurch dann auch Hybridunterricht, Wechselunterricht usw. usf.

Mit dem ersten Lockdown und im Zuge dessen einiger weiterer wurde ziemlich bald deutlich, wie sehr die Schere der Bildungsgerechtigkeit in NRW erst einmal nur hinsichtlich des basalen Inventars auseinanderklafft:

Es gibt Schulen mit guter digitaler Ausstattung, von WLan über Dienstgeräte bis hin zur Schüler:innenversorgung mit iPads oder ähnlichen Geräten.

Es gibt Schulen, deren digitale Ausstattung in den Kinderschuhen steckt: kein WLAN, kaum Versorgung der Schüler:innen, Dienstgeräte wurden erst im Laufe der Pandemie angeschafft.

Die Devise „BYOD“ (Bring your own device) war an vielen Schulen schnell vom Tisch, da aus Armutsgründen die Schüler:innen gar keine vernünftigen digitalen Geräte für den Unterricht hatten; Smartphones reichen nämlich bei weitem nicht aus, irgendeiner Form des digitalen Unterrichts zu folgen.

Vor diesem Hintergrund werde ich zunächst im Folgenden versuchen, die in der Überschrift genannten Bereiche Bildung, multiprofessionelle Teams, Schüler:innen und Eltern/Erziehungsberechtigte getrennt zu beschreiben, und zwar im Hinblick auf die Effekte für diejenigen, die langfristig am meisten mit den vornehmlich negativen Folgen zu tun haben werden: die Schüler:innen. Und hier v.a., wie sich zeigen lässt, die Klientel, die gemeinhin als bildungsfern tituliert wird, die arm ist, in prekären Wohnverhältnissen lebt und von den Bildungseinrichtungen nur unzureichend wahrgenommen wird.

Anschließend werde ich aus meiner Schule – einer Gesamtschule im westlichen Ruhrgebiet – einige Erfahrungen schildern, die zum heutigen Zeitpunkt nicht abgeschlossen sein können.

Bildung – Institutionen, Verlage, Politik

Für den Bereich der Bildung lässt sich konstatieren, dass sehr schnell viele in diesem Bereich Tätigen aktiv wurden und Konzepte für digitalen Unterricht, hybriden Unterricht usw. erarbeiteten. Bildungseinrichtungen und Schulbuchverlage übertrumpfen sich seither in der Bereitstellung diverser Materialien und Online-Angebote. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht auf entsprechende Veranstaltungen hingewiesen wird oder Bestellformulare für die zahlreichen neuen Materialien versendet werden.

Die politische Ebene ordnet an, informiert über neue Beschlüsse und Erlasse und bedankt sich in regelmäßigen ‚Schulmails‘ für das freundliche Ruhigbleiben der Schulen: Irgendwie schaffen es die Schulen ja immer, die politisch beschlossenen Veränderungen umzusetzen. Auch wenn die Schulen konstatieren, dass die neuen Regelungen zu kurzfristig mitgeteilt würden, oft sehr unpräzise seien und sie sich allein gelassen fühlten. Hier wird häufig der Ruf laut, dass es bitteschön jemanden geben solle, der mal eindeutig sagt, wo es langgeht. Vor allem die Schulleiter:innen fühlen sich mit der Pandemie-Verantwortung überfordert und allein gelassen. Schulleiter:innen, die es wagten, mit eigenen Konzepten ihren Schulalltag organisieren zu wollen, wurden von der Politik zurückgepfiffen. Die Chance, den vielen unterschiedlichen Schulen (und hier meine ich nicht die unsäglichen verschiedenen Schulformen) in ihrer Verschiedenheit Raum zu geben, eigene passgenaue Konzepte zu entwickeln, die ja im Übrigen auch für die Städte hilfreich gewesen wären, wurde vertan.

Außer den AHA-Regeln und regelmäßigem Raumlüften bei Präsenzunterricht ist den politisch Verantwortlichen noch nicht viel eingefallen; obwohl allenthalben darüber berichtet wird, dass bspw. Luftfilter Virenlasten in geschlossenen Räumen deutlich reduzieren. Aber nach den Sommerferien 2020, in denen ja eigentlich Zeit gewesen wäre, solche Maßnahmen zu organisieren, passierte – nichts! Mittlerweile wird getestet, was mancherorts auf Vorbehalte trifft, weil als Tagelöhner arbeitende Eltern es sich nicht leisten können, bei einer eventuell verhängten Quarantäne (weil Sohn/Tochter in der Schule positiv getestet wurde), zu Hause bleiben zu müssen.

Portale wie Moodle, IServ, Logineo u.v.m., die die Schulen nutzen müssen, sorgen im Bereich des Unterrichts u.a. dafür, dass zentrale Prüfungen wie das Abitur oder der Mittlere Schulabschluss organisiert werden können. Der vermeintliche Handlungsspielraum, den die Politik den Schulen lässt, führt vielleicht noch zu einer wohl gemeinten straffen Struktur – die gut funktionieren würde, wären da nicht noch die Schüler:innen…

Die äußeren Bedingungen sind über das Jahr immer wieder angepasst worden an pandemische Entwicklungen; Auswirkungen hat jede Veränderung in erheblichem Maße für die Schulen, die immer wieder aufs Neue den Schulalltag der Pandemie und ihren Einschränkungen anpassen müssen.

Multiprofessionelle Teams

Lehrer:innen, Sozialpädagog:innen, Sozialarbeiter:innen, Integrationshilfen, Sekretärinnen, kurz: alle Fachkräfte, die in Schule tätig sind, bilden an Schulen multiprofessionelle Teams und stehen quasi täglich vor neuen, anderen Herausforderungen, um die Anforderungen nach Vermittlung von Kompetenzen (weniger Inhalten) zu erfüllen. War zu Beginn der Pandemie zunächst die Frage nach Betreuung und Beschulung vordergründig, war zu organisieren, wie die Schüler:innen weiterhin lernen konnten, so zeichnete sich im Verlauf der Pandemie ab, dass die Betreuung in der Schule und gleichzeitig Online-Unterricht personelle Kapazitäten beanspruchen, die Schulen einfach nicht zur Verfügung stehen. Hinzu kommt, dass nicht alle Lehrer:innen über das Wissen verfügen, wie ein möglichst konstruktiver Online-Unterricht qua Videokonferenz aussehen kann. Somit war zunächst erforderlich, die Kompetenzen hinsichtlich der Organisation, Durchführung, Auf- und Nachbereitung von Online-Unterricht, technisches Verständnis, Umgang mit den verschiedenen Portalen und deren Modulen, Verwaltungsarbeiten etc. pp. zu erwerben.

Über diese strukturellen Vorbedingungen blieb leider die Diskussion um Sinn oder Unsinn bestimmter Unterrichtsformate auf der Strecke. Es wurde (verzweifelt) versucht, eine Normalität herzustellen, die lediglich eine inszenierte sein konnte.

So wurde und wird unterrichtet, als sei das Erreichen bestimmter Noten in diesem Jahr so wichtig wie eben ‚normalerweise‘. Dass das aber höchstens für die Abschlussjahrgänge wichtig ist, war gleich zu Beginn des ersten Lockdowns im Gespräch und führte dazu, dass die Abschlussklassen nach den Osterferien 2020 als erstes wieder ein hybrides Modell angeboten bekamen: Unterricht in der Schule oder online von zu Hause aus. Was in den Schulen wiederum zu einem enormen Personalbedarf führte, der kaum aufzufangen war. Zum Glück gibt es in den meisten Schulen Menschen, die nicht Lehrer:innen sind und hier eingeplant werden konnten. Was für diese aber auch wiederum eine Mehrbelastung mit sich brachte, da sie in ihrer sozialpädagogischen Arbeit nach wie vor gefordert sind. Die Betreuung der Schüler:innen geht nämlich über die sogenannte Notbetreuung hinaus. Und gerade bei Schüler:innen, die große Schwierigkeiten haben, die Situation (oft alleine) zu meistern, waren die Sozialarbeiter:innen, Sozialpädagog:innen und andere Menschen sehr oft im Einsatz.

Lehrer:innen arbeiten immer sehr zielorientiert: Am Ende einer Stunde/einer Unterrichtsreihe/eines Themas muss ein quantifizierbares und vor allem qualifizierbares Ergebnis stehen. Das setzt sowohl die Lehrer:innen als auch die Schüler:innen zusätzlich unter Druck, weil ja irgendetwas bewertet, sprich: in Noten ausgedrückt werden muss.

Distanzunterricht bedeutet auch, dass die Lehrenden den Lernenden Wissen qua Frontalunterricht beizubringen versuchen; unterbrochen durch ‚Gruppenräume‘ bei den Videokonferenzen, in denen die Schüler:innen wenigstens ab und an etwas gemeinsam machen können. Tools wie Padlets, Kahoot, Quizlet u.v.m. lockern diesen Videounterricht mitunter etwas auf, ersetzen aber keinesfalls das gemeinsame Lernen und Arbeiten im Team.

Das Einfordern von Arbeitsergebnissen aber bedeutet auch die Korrekturen derselben, die im Präsenzunterricht z.T. gemeinsam mit den Schüler:innen durchgeführt werden. Beim Online-Unterricht müssen das die Lehrer:innen für jede:n Einzeln:en separat leisten, was einen enormen Zeitaufwand bedeutet, der über das eigentliche Stundenkontingent weit hinaus geht. Dazu gehört die – m.E. viel wichtigere – Betreuung in sozialer Hinsicht, die auch Aufgabe der Lehrer:innen ist und nicht allein den Sozialpädagog:innen o.a. zukommt. Faktoren wie häusliche, familiäre Situation, Funktion von Bildung, Bedeutung der peer group, Ansehen in der Schule usw. müssen beachtet werden, um den Schüler:innen entsprechend zu helfen, sie zu beraten, zu fordern und zu fördern.

Die ständigen Unwägbarkeiten der Lockdowns tragen nicht gerade dazu bei, diese notwendige Arbeit der Teams in den Schulen zu unterstützen. Neben den Erfordernissen, die technischen Herausforderungen zu meistern, sind diese sozialen Aspekte eine weitere.

Die Unzulänglichkeiten bei der Digitalisierung von/an Schule/n ist kein neues Problem, es wird aber in der momentanen Situation deutlich. Die Unterschiede in der Anwendung der digitalen Tools führt dazu, dass es einerseits Lehrer:innen gibt, die keine Probleme mit der Umstellung auf Distanzunterricht haben (unabhängig von der Erreichbarkeit der Schüler:innen). Andererseits sind einige nicht ausreichend fortgebildet, um den dauernden, sich ändernden Anforderungen gerecht zu werden. Das führt verständlicherweise zu Frustrationen, Unmut und Ärger. Schule hängt nämlich immer noch an dem Image, der Ort der Entwicklung und Persönlichkeitsentfaltung für junge Menschen schlechthin zu sein. Die Outputorientierung schulischer Kompetenzen verhindert auch in der Pandemie Konzepte, die junge Lernende unabhängig vom klassischen Schulbetrieb machen.

Schüler:innen

So unterschiedlich die Menschen, die in Schule arbeiten, mit der Pandemie und ihren Unwägbarkeiten umgehen, so unterschiedlich gestaltet sich diese Zeit auch für Schüler:innen. Abhängig vom familiären, sozialen Umfeld sind einige technisch gut ausgestattet und vernetzt und können dem digitalen Unterricht folgen, die Aufgaben adäquat erledigen und einen entsprechenden Lernfortschritt, der allenthalben eingefordert wird, erzielen. Andere wiederum verfügen weder über die nötige technische Ausstattung, noch sind sie räumlich in der Lage, vernünftig und konzentriert am Unterricht teilzunehmen. Es gibt Lernende, die gar nicht in der Lage sind, alleine vor einem Bildschirm aufmerksam zu sein. Die angesprochenen Tools sind irgendwann auch nicht mehr wirklich spannend. Und es geht in der Schule eben nicht nur um das Lernen von Kompetenzen und/oder Inhalten, vielmehr ist Schule ein für junge Menschen wichtiger Ort der Begegnung, des Austauschs, des sozialen Miteinanders.

Die älteren Schüler:innen bangen um ihre Abschlüsse und deren Anerkennung. Sie wollen keinen ‚Abschluss light‘, der ihnen ein Leben lang nachhängt. Sie befürchten Nachteile, wenn unterstellt wird, nicht genügend (aus-)gebildet zu sein, weil durch Lockdowns wesentliche Inhalte des Wissens auf der Strecke geblieben sind. Nun kann man trefflich darüber debattieren, ob die jungen Menschen mit Abschlüssen in 2020 und 2021 durch weniger ‚normalen‘ Unterricht auch weniger klug sind. Fakt ist: Die jungen Menschen sorgen sich. Und diese Sorgen müssen ernst genommen werden.

Bedauerlicherweise sind die Abschlussfeiern sämtlicher Absolvent:innen nicht möglich gewesen – ein trauriger Fakt, da solche Feiern einen wichtigen Schlusspunkt unter ein langes Schüler:innenleben bilden, der nicht nachzuholen ist. Einige kreative Alternativen wurden möglich, die eine gewisse Entschädigung boten.

Der nach den Sommerferien stattfindende Präsenzunterricht wurde von den Schulen unterschiedlich organisiert. Die Schüler:innen kamen, nach diversen Konzepten aufgeteilt, wieder in die Schulen. Da Lüften laut NRW-Schulministerium das Mittel der Wahl war, fand der Unterricht in gut durchlüfteten Räumen statt, was bei sinkenden Temperaturen dazu führte, dass alle Beteiligten mit Mützen, Schals, Jacken und Handschuhen im Klassenraum saßen. Und vor Weihnachten dann wieder: Distanzunterricht.

Zahlreiche Befragungen in NRW und darüber hinaus, die herauszufinden versuchen, was die Schüler:innen am meisten beschäftigt und sie sich wünschen, konstatieren den Bedarf an Rückkehr zur „Normalität“. Schüler:innen, die oftmals jeden Unterrichtsausfall bejubeln, sehnen sich herbei, wieder in die Schule gehen zu können. Sicherlich nicht um die wichtigen Fähigkeiten und Fertigkeiten für den ‚Ernst des Lebens‘ zu lernen; sondern sie brauchen die sozialen Kontakte zu ihren peer groups, zu den Gleichaltrigen, zu den Freund:innen und auch zu den Erwachsenen. Und gerade Schüler:innen, deren Situation in ihrer häuslichen Umgebung prekär ist, benötigen den Kontakt außerhalb ihres Umfeldes zur Entwicklung ihrer Persönlichkeit. Der Spaß am Smartphone oder anderen Geräten und die Spiele darauf haben ihre Grenzen. Soziale Isolation, beengte Wohnverhältnisse, daraus resultierender Stress sind hier nur einige Problemfaktoren, mit denen die jungen Menschen sich auseinandersetzen. Psychologische und pädagogische Studien zeichnen hier z.T. das Bild der ‚lost generation‘.

Eltern und Erziehungsberechtigte

Die verschiedenen Herausforderungen, die die Erziehungsberechtigten zu bewältigen haben, sind allenthalben in den Medien dargestellt worden: Home office, Kinderbetreuung, systemrelevante Berufe und Notbetreuung, Unterstützung beim Distanzlernen, Überforderung beim Homeschooling usw. usf. Unterschiedliche politische Entscheidungen zu Schulschließungen und -öffnungen, (verbindliche) Tests, Kriterien für die Notbetreuung, Probleme mit technischem Equipment tragen nicht gerade dazu bei, die Stimmung für den Distanzunterricht positiv zu beeinflussen, wie allenthalben zu lesen oder zu hören und sehen ist.

Parallel dazu finden sich ebenso Haltungen, die die Schulöffnungen, den Präsenzunterricht ablehnen, weil Schule und Schulwege, vor allem im ÖPNV, als Hotspots der Virenverbreitung lokalisiert werden.

Eltern, die aber aufgrund armutsbedingter Schwierigkeiten ihren Kindern nicht helfen können, werden in diesem Zusammenhang wenig bis gar nicht wahrgenommen. Sie haben keine Stimme, müssen sich aber mit den politischen und schulischen Entscheidungen arrangieren, ohne teilzuhaben an der Debatte um Sinn oder Unsinn pandemiebedingter Verordnungen. (Ich würde mal hier an dieser Stelle die gewagte These formulieren, dass solche Nicht-Teilhabe Verschwörungstheorien Tür und Tor öffnen kann…)

Kinder und Jugendliche, die nicht in klassischen Familienverhältnissen leben, sondern z.B. in Wohnheimen, können von den Erziehungsberechtigten vor Ort oft nur unzureichend betreut werden. In den Einrichtungen fehlt es, ebenso wie bei armen Familien, häufig an der digitalen und/oder räumlichen Ausstattung. Die zu Betreuenden sind in der Regel am Vormittag in der Schule. Beim Distanzunterricht benötigt dann jede:r einen Laptop, einen WLAN-Zugang und eben auch eine persönliche Unterstützung. Das kann mit der ohnehin dünnen Personaldecke in den Einrichtungen nicht gewährleistet werden, während die Erziehungsberechtigten sehr daran interessiert sind, die Schüler:innen möglichst in die Notbetreuung der Schulen zu geben. Die Schulen müssen also den Spagat schaffen, in den Schulen geeignete Betreuungsmodelle zu organisieren für diejenigen, die aufgrund der oben erwähnten Bedingungen nicht zu Hause arbeiten können, und Distanzunterricht zu gewährleisten.

Ab und an gibt es Politiker:innen, die sehr phantasievoll raten, personelle Lücken mit wem auch immer zu schließen… Im jüngsten Lockdown (April/Mai 2021) erließ das Ministerium die Verordnung, dass nur sogenannte Förderschüler:innen in die Notbetreuung dürften. Das bedeutet für die Obengenannten mal wieder, abgehängt zu sein.

Eine Gesamtschule im westlichen Ruhrgebiet

Unsere Gesamtschule zeichnet sich durch den Standortfaktor 5 aus, der Schulen ein prekäres Umfeld attestiert. – Zu Beginn des ersten Lockdowns im März 2020 mussten wir zunächst einmal auskundschaften, welche technischen Möglichkeiten die Schule bietet (wenige; es gab kein WLan), welche Möglichkeiten die Schüler:innen haben, wenn sie von zu Hause aus lernen müssen (von 25 Schüler:innen einer 7. Klasse verfügten 4 über Laptops und 2 noch zusätzlich über einen Drucker) und über welches Knowhow die Lehrer:innen verfügen, wenn sie in den Distanzunterricht gehen müssen. Bei letzterem konnten Kolleg:innen, die entsprechende Kenntnisse hatten, sehr solidarisch helfen.

Es wurden Klassen einmal pro Woche zur Schule bestellt, um Materialien abzuholen und wiederzubringen; es gab Gruppen der Abschlussklassen, die in der Schule für die Zentralen Prüfungen arbeiten mussten, die zu Hause keine Möglichkeit des digitalen Lernens hatten. Und es gab zunehmend Schüler:innen, die ‚abtauchten‘, die nicht mehr erreichbar waren.

Vor den Sommerferien gab es dann wieder Präsenzunterricht mit kleinen Gruppen, die dann für ca. zwei Stunden in die Schule kamen. In diesem Rahmen kann man selbstverständlich nicht erwarten, dass irgendeine Form von ‚normalem‘ Unterricht stattfinden kann. Es ging und geht bei diesem Präsenzunterricht vor allem darum, die Schüler:innen aus ihrem Phlegma zu holen, in das sie zusehends verfallen, wenn die Lebensstruktur entfällt.

Gerade im Sommerhalbjahr bedeutete das neben dem Stundenplan den Verzicht auf Ausflüge, Klassenfahrten, Abschlussfahrten, Abschlussfeiern, Mottowochen usw. Und diese Besonderheiten und Erfahrungen sind nicht aufzufangen, können nicht nachgeholt werden – es fehlen wichtige Ereignisse im Leben dieser jungen Menschen. Dieses Fehlen, das ihnen durchaus bewusst ist, führt eben bei vielen dazu, sich zurückzuziehen, in den eigenen vier Wänden zu bleiben, eben ‚abzutauchen‘. Das stellt das Kollegium vor die Aufgabe, diese Schüler:innen irgendwie zu erreichen: über soziale Medien, über klassische Telefonanrufe, über Hausbesuche…

Bei den ersten Corona-Tests, die es im Frühjahr/Sommer – organisiert vom DRK und der Feuerwehr – an unserer Schule gab, mussten wir gegen zahlreiche ‚moderne Märchen‘ argumentieren, damit die Schüler:innen sich testen ließen. In den Stadtteilen, die zum Einzugsgebiet unserer Schule gehören, kursierten Erzählungen über Implantieren von Chips bei den Tests, Entnahme von Gehirnteilen, blutenden Nasen, Rachen u.v.m. Diese Gerüchte führten ebenfalls dazu, dass Schüler:innen der Schule fernblieben. Andere nutzten die kurzen Unterrichtszeiten zu Treffen außerhalb des Schulgeländes mit vielen anderen, was den Corona-Verordnungen widersprach, sodass das Ordnungsamt einschritt mit Verwarnungen bis hin zu Bußgeldern.

Da unsere Schule über mehrere Standorte für die verschiedenen Abteilungen verfügt, mussten wir zum Schuljahresende umziehen. Für die jüngeren Schüler:innen ist das verbunden mit dem Wechsel von den ‚Kleinen‘ zu den ‚Großen‘. Leider konnten wir das nicht feiern; der Umzug fand nahezu geräuschlos statt – wieder ein fehlender Baustein im Schulleben.

Bis zu den Herbstferien konnten die Schüler:innen mit Masken am Unterricht teilnehmen. Bei noch relativ warmen Temperaturen konnten auch die Lüftungsregeln gut eingehalten werden. Als es dann kälter wurde, saßen die Schüler:innen mit Jacken, Schals, Mützen und Handschuhen in den Klassenräumen. Luftfilter? Fehlanzeige! Wir könnten ja lüften – das wurde uns ständig und unmissverständlich von den Behörden erklärt.

Nach den Herbstferien war relativ schnell klar, dass NRW vor Weihnachten auch wieder die Schulen schließen wird…

Bis zwei Wochen vor den Osterferien hielt dieser Zustand an; da gab es ein kleines Präsenzintermezzo mit geteilten Klassen: Wechselunterricht heißt das im schulischen Jargon.

Nach Ostern wieder: Distanzunterricht. Die aktuellen Inzidenzwerte lassen zurzeit noch keinen Präsenzunterricht erwarten. Mittlerweile wird versucht, nach den Stundenplänen den Online-Unterricht zu organisieren. Das bedeutet bis heute, dass Schüler:innen zum Teil vier Stunden hintereinander dem Unterricht per digitaler Lernplattform folgen sollen.

 

Dieser Artikel stammt aus dem DISS-Journal 41 vom Juni 2021. Die vollständige Ausgabe als PDF finden Sie hier.

 

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