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Ein- und Ausschließungsmuster in der Bevölkerung

 

Von Peter Höhmann

0. Vorbemerkung

Der Beitrag stellt unterschiedliche Einstellungen in der Gesellschaft dar, die gegenüber der nicht deutschen Bevölkerung eingenommen werden. Ablehnende Haltungen werden hierbei als ein Zuweisungsvorgang verstanden. Dieser ist darauf ausgerichtet, Personen symbolisch und real als Andere auszugrenzen und damit zugleich die Grenzen der eigenen Gruppe bestimmen zu wollen. Dieser Schließungsprozess nimmt verschiedene Formen an und ist regelmäßig und nicht nur in Beziehung zur nationalen Zugehörigkeit umstritten.1

Das Thema steht in vielfältigen Zusammenhängen. Ich konzentriere mich auf drei Schwerpunkte, die für die aktuelle Situation in der Bundesrepublik beschrieben werden: Der erste befasst sich mit der Verbindung zwischen den ungleichen Lebenslagen in der Gesellschaft und entsprechenden Distanzierungsformen. Ein zweiter Gesichtspunkt nimmt die äußere Erkennbarkeit der nationalen Zugehörigkeit in den Blick und stellt damit eine ablehnende Haltung in einen Zusammenhang, in dem sie mit der besonderen Bindung an die eigene Nation legitimiert werden kann. Zum Dritten gehe ich darauf ein, wie die verschiedenen Einstellungen innerhalb der politischen Parteien integriert sind. Bei diesen Parteibindungen geht es in erster Linie darum, die Pluralität politischer Meinungen darzustellen. Darüber hinaus verweisen sie auch darauf, wie persönliche Einstellungen organisiert verfestigt werden.

Grundlage des Beitrags sind Befragungsdaten aus der Allgemeinen Bevölkerungsstudie der Sozialwissenschaften (ALLBUS). Der Schwerpunkt der Auswertungen bezieht sich auf die bisher letzte Erhebung aus dem Jahr 2018.

1. Lebenslagen, persönliche Unsicherheit und Ausschließung

Aktuell ist in der politischen Öffentlichkeit sichtbar, dass sich unter den ungleichen Lebensbedingungen überwiegend Personen mit geringer Handlungsautonomie gegenüber der nicht deutschen Bevölkerung abgrenzen. Entsprechend deutlich zeigen sich Zusammenhänge zwischen Angaben zur Ausbildung, zu den beruflichen Tätigkeiten oder zur Höhe des Haushaltseinkommens.

So variiert etwa die Ausschlussbereitschaft von Personen, die sich selbst nach der Befragung des Jahres 2018 im unteren, mittleren oder oberen Segment der Gesellschaft einstufen, zwischen 57,2%, 38,2% und 17,2% in der jeweiligen Gruppe.2 Die unterschiedlichen Lebenslagen und Handlungsspielräume in den einzelnen Bevölkerungsgruppen sind in diesem Zusammenhang von Bedeutung. Mit den ungleich verteilten Chancen werden zugleich divergierende Deutungs- und Dramatisierungsmuster wirksam, die gerade unter den bestehenden ökonomischen Konkurrenzbedingungen als diffuse Bedrohung und als Aufforderung zu aktiven wie passiven Reaktionen aktivierbar sind. Derartige Befürchtungen können politisch instrumentalisiert werden, so wie dies etwa bei der Vorstellung vom Bestehen einer Leitkultur geschieht.3 In diesem Sinne wirken Deutungen als Auslöser, über den ein Ausschluss von Nicht-Zugehörigen erfolgt und legitimiert wird.4 In der Folge ist davon auszugehen, dass unter hoher Unsicherheit, wie sie besonders in benachteiligten Lebenslagen zu erwarten ist, auch eine starke Ausschließung gegenüber der ausländischen Bevölkerung auftritt.

Die Tabelle 1 zeigt hierzu den Zusammenhang zwischen dem Ausmaß sozialer Schließung gegenüber der nicht deutschen Bevölkerung in Abhängigkeit von der Intensität der eigenen Unsicherheit unter ungleichen Lebensbedingungen an.5 Sie veranschaulicht dabei zugleich das unterschiedliche Ausmaß, zu dem die persönliche Lage in dieser Situation als unsicher beschrieben wird. Unter den Befragten, die sich in der sozialen Hierarchie eher im unteren Teil einstufen, fühlt sich nur ein Fünftel eher sicher, aber mehr als ein Drittel besonders unsicher. Im oberen Teil geben demgegenüber knapp zwei Drittel bzw. 238 der 368 befragten Personen dieser Gruppe an, dass sie sich eher sicher fühlen.

Die Bereitschaft, nicht deutsche Bevölkerungsteile auszuschließen, ist sowohl bei Befragten, die sich im unteren (72,8%), wie im oberen Teil der ungleichen Gesellschaft einstufen (45,5%), ganz durchgehend und in außerordentlich starkem Maße mit einer unsicheren Lebenssituation der Person verbunden. Die Schließungstendenz ist weniger ausgeprägt, wenn Konfliktpunkte etwa im Wohnumfeld oder vielen anderen Teilen des Lebensalltags weniger häufig oder intensiv auftreten. Unter den eher sicheren Befragten sinkt darüber der Anteil, der sich gegenüber der nicht deutschen Wohnbevölkerung abschotten will, von 31,4% auf 12,2%.

2. Unsicherheit und nationale Zugehörigkeit

Der Ausschluss von Bevölkerungsgruppen wird auf verschiedene Weise gerechtfertigt. Immer geht es dabei darum, gute Gründe für das Herstellen von Differenz vorzubringen und die nicht dazugehörende Position des Anderen zu demonstrieren. Die Schließungsformen reichen von subtilen sprachlichen Zuschreibungen bis hin zu massiven Vertreibungen. In diesem Zusammenhang bildet die nationale Zugehörigkeit zunächst nur einen offenen Rahmen, der unterschiedlich aufgegriffen wird. Er wird nicht nur äußerlich über den Personalausweis repräsentiert, sondern zugleich als persönliches Nationalgefühl exklusiv interpretiert und kann so als soziales Ausschließungskriterium etwa über den Abbruch von Kommunikation, über diskriminierende Parolen bis hin zu Übergriffen soziale Bedeutsamkeit erhalten.6

Die Analyse bestätigt dazu, dass auch die individuelle Koppelung von Unsicherheit und Nationalgefühl als Abgrenzungsmerkmal instrumentalisiert wird. Bei ausgeprägtem Nationalgefühl steigt daher auch die Schließung nach außen deutlich an.

Besonders deutlich fallen die Differenzen bei Extremgruppen aus, wie die Angaben in der Tabelle 2 zeigen. Bei hoher Unsicherheit und Stolz auf die eigene Nation stehen knapp drei Viertel (73,4%) der Befragten für eine ausschließende Distanz gegenüber der nicht deutschen Bevölkerung. Bei geringer Unsicherheit und geringem Nationalgefühl liegt dieser Wert lediglich bei 11,9%. Insgesamt verstärkt der Bezug auf die Nation durchgängig die Abschließung nach außen, die durch einen als unsicher wahrgenommenen Alltag ausgelöst wird.

Im Hintergrund wird darüber zugleich ein markanter Bruch in der Gesellschaft angezeigt, der sich nach den Erhebungsdaten in den letzten 10 Jahren deutlich ausgeweitet hat und auf eine zunehmende ökonomische wie auch soziale Spaltung im Alltag der einzelnen Bevölkerungsgruppen hinweist.7 Personen mit hoher Qualifikation und recht hohem Lebensstandard stehen auf der einen Seite. Ihnen stehen eben jene sicherheitsgenerierenden Teilnahmemöglichkeiten zur Verfügung, die anderen verschlossen bleiben.

3. Soziale Ausschließung und politische Integration

Die gesellschaftliche Bedeutung der Einstellungen gegenüber der nicht deutschen Bevölkerung tritt auch in politischen Präferenzen hervor, über die die unterschiedlichen Einstellungen sozial integriert werden können. Die hier zugrunde gelegte Studie hat dazu nach dem Wahlverhalten sowie nach der Parteipräferenz gefragt. Bei dem zweiten Merkmal fällt zunächst auf, dass sich nur etwa die Hälfte der Befragten und damit weniger als bei der Frage nach der Wahlentscheidung an eine der Parteien gebunden fühlt. Die bestehenden Präferenzen sind zudem ungleich verteilt. In der Gruppe, die sich für ein ausgeprägtes Nationalgefühl wie auch den Ausschluss der nicht deutschen Bevölkerung einsetzt, benennen lediglich 53,4% der Befragten eine Vorliebe für eine der politischen Parteien. Dieser Personenkreis neigt aber, wie die folgende Auswertung zeigt, eher einer radikalen Partei zu. Im Unterschied dazu geben Personen, die sich weder als nationalbewusst verstehen, dennoch aber Nicht- Deutsche ausschließen wollen, zu 68,5% eine Parteipräferenz an. In der 10 Jahre zuvor durchgeführten Befragung lag dieser Anteil noch bei knapp 60%, was auf eine asymmetrische Politisierung hindeutet, die wohl unter dem Eindruck der Zuwanderungen in diesem Zeitraum erfolgt ist.

Ich will die unterschiedliche Integration in das Parteiensystem wieder an zwei Kontrastgruppen veranschaulichen. Die eine setzt sich aus Personen zusammen, die sich sicher fühlen, kein oder ein geringes Nationalgefühl aufweisen und ein offenes Verhältnis zur nicht deutschen Wohnbevölkerung angeben. Ihr gegenüber steht eine Gruppe, die sich als unsicher einstuft, stolz auf ihre deutsche Nationalität ist und ausgeprägte Barrieren gegenüber der nicht deutschen Bevölkerung aufbaut. Für beide Gruppen zeigt die folgende Tabelle 3 markante Unterschiede in der Parteipräferenz. Zugleich verweist sie in der Gegenüberstellung der Daten aus den Jahren 2008 und 2018 auf deutliche Veränderungen im letzten Jahrzehnt.

In der „liberalen“ Gruppe mit den geringen Merkmalsausprägungen besteht nach der Erhebung des Jahres 2018 die größte Nähe zur Partei der Grünen (33,0%). Die Präferenz zu den Linken erreicht mit 15,8% fast das Niveau der CDU/CSU. Diese Partei wird in der Gruppe mit hohen Merkmalsausprägungen hingegen am häufigsten genannt. Ihr Zugang zu den Grünen mit lediglich 1,4% ist hingegen fast bedeutungslos. Besonders auffällig ist mit 20,1% vor allem die Präferenz für die AFD, die in dieser Befragtengruppe in Ostdeutschland mit 33,3% erheblich stärker als im Westen vertreten ist. Im Zeitverlauf konnte die AFD vor allem die Stimmenverluste der CDU/CSU und im Osten auch durch Verluste bei den Linken für sich verbuchen.

Die Unterschiede in der Parteipräferenz veranschaulichen zugleich die oben angesprochene asymmetrische Politisierung. Hierfür spricht auch, dass sich die Zahl der Personen, die der ersten Gruppe zuzuordnen sind, zwischen 2008 und 2018 von 125 auf 297 Personen mehr als verdoppelt hat. In der zweiten Gruppe ist die Zahl der Personen hingegen leicht rückläufig.

Einer zunehmenden Integrationsbereitschaft steht eine zunehmende Präferenz für die AFD gegenüber, die nunmehr nicht nur als persönliche Haltung, sondern parteigebunden als Organisation für den wachsenden Ausschluss der nicht deutschen Bevölkerung eintritt. Die Unterstützung dieser Partei ist aber auch deshalb von besonderem Interesse, weil sie auf eine neue und vermutlich nachhaltige Integrationsfähigkeit hinweist. Denn die vergleichsweise hohen Bindungswerte wurden für die ebenfalls zur rechten Szene zählenden Republikaner und NPD weder für das Jahr 2008 noch für weiter zurückliegende Zeitpunkte erreicht, selbst wenn zuvor unter dem Stichwort Protestwahl eine in diesem Punkt vergleichbare Entwicklung, aber eher kurzfristig und auf geringem Niveau beobachtet werden konnte.

4. Fazit

Der Blick auf die dargestellten Schließungsmuster anhand der Merkmale Unsicherheit, Nationalgefühl und politischer Integration bleibt unvollständig, wenn er Verhältnisse ausblendet, die die Grundlage für diese Ausschließungsformen legen und zunehmend Brüche in der Gesellschaft erzeugen. Hinter den vorgestellten Daten stehen damit im Besonderen auseinanderdriftende soziale und ökonomische Verhältnisse. Ein nennenswerter Teil der Bevölkerung mit reduzierten Teilhabechancen sieht sich Konkurrenzformen ausgesetzt, in denen er kein Vertrauen darin hat sich in seiner Lebenslage zu behaupten. In dieser Situation bietet die kulturelle Schließung über die Betonung der eigenen Nationalität einen Artikulationsraum und darüber scheinbar die Möglichkeit, die eigene Autonomie zu wahren.8 Bemerkenswert, wenn auch unter den aktuellen Marktbedingungen nicht überraschend, ist die Koppelung, über das persönliche Nationalgefühl auf die für den Anderen gerade nicht gegebene gemeinschaftliche Verankerung zu verweisen. Diese Koppelung ist nicht allein Grundlage persönlicher Distanzierung.9 Sie ist zugleich die Voraussetzung dafür, Ausschließungen gegenüber dem „Fremden“ als Partei zu organisieren.

Literatur

Pierre Bourdieu, Die feinen Unterschiede, Frankfurt 1987.

Max Horkheimer, Zur Kritik der instrumentellen Vernunft, in: Max Horkheimer, Gesammelte Schriften, Band 6, Frankfurt 1991.

Raymund Murphy, Social Closure. The Theory of Monopolization and Exclusion, Oxford 1988.

Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, Tübingen 1964.

Dr. Peter Höhmann, Oberkirchenrat i.R., ist Mitglied im AK Kritische Gesellschaftstheorie im DISS.

1 Vgl. zu der Systematik von Ausgrenzungen in der Gegenwartsgesellschaft Max Horkheimer 1991, S. 43. Die unterschiedlichen Ausgrenzungsformen mit den dabei auftretenden Konflikten wurden an vielfältigen Fallbeispielen im Rahmen des so genannten Labeling-Ansatzes ausgearbeitet.

2 Bei der erfragten Selbsteinstufung der Befragten im System sozialer Schichtung wurden die in der Studie dokumentierten Antworten zur Selbsteinstufung als „Unterschicht und Arbeiterschicht“, „Mittelschicht“ sowie „obere Mittelschicht und Oberschicht“ zu drei Gruppen zusammengefasst.

3 Diese Dramatisierung durch die Erfindung besonderer Etikette wurde anhand verschiedener Beispiele beschrieben und ist als Auslöser genereller Distanz im Umgang mit Fremden und Außenseitern besonders sichtbar.

4 Vgl. hierzu etwa Raymund Murphy 1988, Teil III, The Rationalization of Exclusion and Monopolization.

5 Für die Schließung gegenüber der nicht deutschen Bevölkerung habe ich mich auf die Zustimmung oder Ablehnung der Aussage bezogen, Deutschland sei gefährlich überfremdet. Das Merkmal Unsicherheit verknüpft die Antworten zum Vertrauen in Mitmenschen, zum Desinteresse von Politikern an der persönlichen Situation sowie zur Angabe, die soziale Lage habe sich für einfache Leute verschlechtert.

6 Diese Ausweitung ist jedoch nicht zwingend. So betonte auch Weber in seiner Analyse verschiedener Ausprägungen des Nationalgefühls, „daß die mit dem Sammelnamen ‚national‘ bezeichneten Gemeinschaftsgefühle nichts Eindeutiges sind.“ (Max Weber 1964, S. 316).

7 So ist etwa die Möglichkeit ein Hochschulstudium aufzunehmen im 10-Jahreszeitraum in der einen Gruppe von 42,4% auf 51,0% gestiegen und in der zweiten von 8,7% auf 11,3%. Auch die Angaben über die jeweilige wirtschaftliche Lage belegen den sozialen Bruch zwischen den beiden Gruppen.

8 Die Bedeutung kultureller Selbstdarstellungs- und Schließungsformen in der Konkurrenz und als Mechanismus, Autonomie aufrechtzuerhalten, wird vor allem bei Pierre Bourdieu besonders hervorgehoben. Vgl. dazu etwa Pierre Bourdieu 1987, Abschnitt 2, Der Sozialraum und seine Transformationen.

9 Das angesprochene Muster als Grundlage für einen markanten Bruch in der Gesellschaft findet sich in den entwickelten westlichen Gesellschaften in unterschiedlicher Schärfe, wie europäische Studien, wie etwa der European Social Survey 2018 zeigen.

 

Dieser Artikel stammt aus dem DISS-Journal 42 vom November 2021. Die vollständige Ausgabe als PDF finden Sie hier.

 

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