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Landesrabbiner Rieger-Braunschweig (1918): Ein Vierteljahrhundert im Kampf um das Recht und die Zukunft der deutschen Juden

 

Aus Anlass von Hanau, im Gedenken an die Opfer von antisemitischen und allen anderen Anschlägen und Kampagnen erinnern wir an die Entstehung des organisierten Antisemitismus in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts.

Landesrabbiner Rieger-Braunschweig (1918)
Ein Vierteljahrhundert im Kampf um das Recht und die Zukunft der deutschen Juden.
Verlag des Centralvereins Deutscher Staatsbürger Jüdischen Glaubens, Berlin 1918.
[Übertrag mit angepasster Rechtschreibung Jobst Paul, DISS Duisburg]

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Vorwort.

Wer mir den Anspruch auf mein deutsches Vaterland bestreitet, der bestreitet mir das Recht auf meine Gedanken, meine Gefühle, auf die Sprache, die ich rede, auf die Luft, die ich atme. Darum muss ich mich gegen ihn wehren – wie gegen einen Mörder.“

Wenn dieses mannhafte Wort Gabriel Riessers die Losung der deutschen Juden geworden wäre, dann hätte der Antisemitismus in Deutschland nie die Macht gewinnen können, die er hier an sich gerissen. Das kämpfende Judentum hat noch stets seiner Gegner sich zu erwehren gewusst und auch dem Feinde Achtung abgetrotzt. Wo immer die Juden in Kämpferstellung wachsam und wehrhaft verharrten, blieb der Judenhass machtlos. Nur dadurch, dass diese Selbstwehrkraft im deutschen Judentum erlahmt war, dass es in gefährlicher Verblendung seine Verteidigung gegen die ersten Äußerungen der antisemitischen Bewegung fremden Waffen überließ, gelang es dem Antisemitismus, sich erfolgreich durchzusetzen.

Allerdings waren die deutschen Juden zum größten Teil seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts nach dem Wortlaut des Gesetzes gleichberechtigt. Aber man fand kleinliche Mittel, sie von neuem zu entrechten. Wohl ballten Tausende von ihnen in geheimem Ingrimm die Faust; wohl klang es oft wie ein Aufstöhnen verhaltenen Zornes von ihren Lippen. Aber es fehlte ihnen die Kraft der Entschließung. Keiner wagte das erlösende Wort, keiner die befreiende Tat.

Gewiss war es erhebend und tröstend zugleich, dass wiederholt hochsinnige christliche Männer gegen „die Schmach des Jahrhunderts“ leidenschaftlichen Einspruch erhoben. Aber dieser Einspruch enthob doch nicht die deutschen Juden ihrer Ehrenpflicht, selbst für ihr angegriffenes Recht einzutreten. Nur wer sich selbst (4) achtet, den achten die anderen. „Sein Schicksal schafft sich selbst der Mann.“

Diese an sich so schlicht natürliche, so selbstverständliche und doch so tiefsittliche Losung ist der Lebensgedanke des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens gewesen und geblieben. Er hat aus der leidenden eine kämpfende deutsche Judenheit gemacht, er hat in den Gleichgültigen das Selbstbewusstsein wachgestachelt, er hat Tausende an ihre vergessenen Ehrenpflichten ernst und eindringlich erinnert.

Schon um dieser Losung willen darf er den Ehrentitel für sich in Anspruch nehmen, nach dem frommen Weisheitswort ein Verband zu sein, in dem ein Ideal lebt, der in diesem Ideal Ewigkeitswert besitzt. Er leitet einen neuen Abschnitt in der Geschichte der deutschen Juden ein. Seine Geschichte darf auf weite Strecken hin als die Geschichte der deutschen Juden im letzten Vierteljahrhundert bezeichnet werden.

Von diesem Vierteljahrhundert im Kampf für das Recht und die Zukunft der deutschen Juden erzählen die folgenden Blätter. Sie rufen denen, die noch immer abseits stehen, das markige Bibelwort zu: ,,Stellt euch zum Kampfe, wehrt euch, denn das Schwert frisst rings um euch“. Sie sind eine Huldigung für die wehrhaften Kämpfer der Vorzeit, ein Mahnwort an die ringende Gegenwart, ein Weckruf für die kommenden Geschlechter, das Errungene zu behaupten, das Vorenthaltene zu erringen, dem Rechte zum Sieg zu verhelfen und so die Zukunft zu sichern.

(5) I. Kapitel.

Wie der Antisemitismus entstand.

Das Bundesgesetz vom 3. Juli 1869 hatte die Rechtsgleichheit aller deutschen Bürger in unzweideutigen Worten ausgesprochen. Was an innerer Gegensätzlichkeit in Deutschland noch zurückgeblieben war, hatte der französische Krieg beseitigt. Er hatte die Einigung aller deutschen Stämme und Stände herbeigeführt. Nord und Süd hatten ihren unglückseligen Hader begraben, die religiösen Bekenntnisse und die politischen Parteien ihre Gegensätze vergessen. Ein nach außen und innen geeinigtes Deutschland war auf den französischen Schlachtfeldern geboren worden.

Da weckte der Kulturkampf, der Streit der Staatsgewalt gegen den Ultramontanismus, die schlafenden Leidenschaften. Klerikale Kreise begannen in der „Voce della verità“ den Feldzug gegen das Judentum als den angeblichen Schutzhort des papstfeindlichen Liberalismus. Die französische und deutsche katholische Presse folgte ihrer Losung. Die altkatholische Bewegung wurde als das Werk der Juden verschrien. Als Antwort darauf erklärte Hermann von Scharff-Scharffenstein in seinem Buche „Das entlarvte Judentum der Neuzeit (Zürich 1871)“ weniger wahrhaft als boshaft die Schändlichkeit der Jesuiten aus der großen Anzahl ihrer jüdischen Ordensmitglieder. Der Judenhass ultramontaner Kreise flammte wild auf, als in Preußen am 8. Februar 1872 die Schulaufsicht in die Hand des Staates überging. Es war kein Geringerer als Papst Pius IX., der im Dezember 1872 den Kulturkampf als einen Angriff des Judentums gegen das Christentum hinstellte und damit die Judenfeindschaft zum Judenhasse steigerte.

Bald war die katholische Presse Europas in das judenfeindliche Lager übergegangen. Hand in Hand mit ihr begannen katholische Theologen eine Hetze gegen den Talmud, als die angebliche Quelle des Christenhasses der Juden. Man schuf die Schlag- (6) worte, die seitdem das Rüstzeug der judenfeindlichen Bewegung geblieben sind. Mit der Bezeichnung Judenpresse und Judenpolitik wurden alle Zeitungen und Regierungsmaßnahmen gebrandmarkt, die den klerikalen Kreisen nicht genehm waren. Man wandte die tückische Kampfesart an, Fehler und Verfehlungen des einzelnen Juden der jüdischen Gesamtheit zur Last zu legen.

Die protestantischen Kreise hielten sich von dieser Judenhetze so lange fern, bis die Regierung gesetzliche Verfügungen plante, durch die sich auch die protestantisch-pietistischen Kreise bedroht glaubten, und im Juni 1875 schlossen ultramontane und protestantische Eiferer ihren Bund gegen die Juden.

Der politische Niedergang des Liberalismus in Europa und der im gleichen Maße erfolgende Aufstieg des Junkertums, der Beamtenkreise und der positiven Kirchlichkeit hatten eine weitere Erstarkung der Judenfeindschaft zur Folge. Um den Judenhass zu verallgemeinern, hüllte sich die Judenfeindschaft in das Mäntelchen vaterländischer Gesinnung. Die Judengegner gebärdeten sich als die eigentlichen Vaterlandsfreunde, und die überreizte nationale Empfindsamkeit stellte die Juden als fremde unberechtigte Eindringlinge, als völkisch minderwertige Wesen hin. Man schuf eine eigene Afterwissenschaft, um die Gefahren der jüdischen Rasse greifbar darzustellen. Ihr Wortführer war Eugen Dühring, dessen Buch „Die Judenfrage als Frage der Rassenschädlichkeit (Berlin 1888)“ der Katechismus des Rassenantisemitismus wurde.

Christian Lassen hatte als erster in seiner „Indischen Altertumskunde (Bonn 1847)“ eine Darstellung der Rassencharaktere versucht, in der die Arier den Semiten gegenübergestellt und vorgezogen wurden. Ernst Renan machte sich Lassens Anschauung bewusst oder unbewusst in seiner „Allgemeinen Geschichte der semitischen Sprachen (Paris 1855)“ zu eigen. Allerdings warnte er davor, sein Urteil über die Semiten auf die Juden der Gegenwart zu übertragen, da er das Nochvorhandensein einer jüdischen Rasse rundweg verneinte (Das Judentum als Rasse und Religion, 1883). Seine Erklärung verhütete es aber nicht, dass seine Schilderung der semitischen Rasseneigenart in ihren Folgerungen unbedenklich auf die Juden der Gegenwart übertragen worden ist. Der Ethnologe Friedrich von Hellwald machte sich in einem in der (7) Zeitschrift „Das Ausland“ 1872 veröffentlichten Aufsatz „Zur Charakteristik des jüdischen Volkes“ die Übertragung der Renan‘schen Schilderung auf die Juden der Gegenwart zu eigen und schuf damit die Grundsätze, die Eugen Dühring mit zäher Leidenschaftlichkeit vertrat.

[Bibliographische Hinweise: Das Ausland: Wochenschrift für Länder- u. Völkerkunde. Erschienen in Stuttgart etc. (Cotta) 1.1828 – 66.1893. Der Sohn des Militärhistorikers Friedrich Jakob Heller von Hellwald (1789-1864) trat 1858 in den Militärdienst ein, quittierte ihn aber 1864, um sich ganz seinen populärwissenschaftlichen Studien widmen zu können. Nachdem er am Krieg von 1866 teilgenommen hatte, trat er der Redaktion der ‚Österreichischen Militärischen Zeitschrift’ in Wien bei, übernahm 1872 die Schriftleitung des Stuttgarter Wochenblatts ‚Das Ausland’ und ging nach Cannstatt. U. a. seines Eintretens für Darwins Evolutionstheorie wegen musste er 1881 die Redaktion abgeben. Als Verfasser zahlreicher Werke behandelte er auf vielfache Weise kulturhistorische, anthropologische, geographische und ethnographische Themen (u. a. ‚Die Naturgeschichte des Menschen’, 1882-84, und ‚Kulturbilder’, 1894).]

Dieser politische und wissenschaftliche Antisemitismus wäre ohne den wirtschaftlichen wirkungslos gewesen. Der wirtschaftliche Aufschwung der Juden wurde der eigentliche Grund dafür, dass der Judenhass in den breiten Massen volkstümlich wurde. Die Schuld an den schweren Schädigungen der Gründerzeit wurde einseitig und wider besseres Wissen den Juden aufgelastet, und bald galten in Deutschland alle Juden als die Wucherer und Ausbeuter, welche Europa durch die Börse beherrschten.

Als sich schließlich Bismarck mit den Ultramontanen und Konservativen zum Kampf gegen den Liberalismus und seine Forderungen verbündete und zu diesem Zweck die Juden den Grundbesitzern, den Kleingewerbetreibenden und Beamten als gefährliche Mitbewerber darstellen ließ, war der Judenhass zu einer offiziellen Parteilosung geworden. Der politische Antisemitismus mit allen seinen Begleiterscheinungen war geschaffen. Fast gleichzeitig mit dem Siege der konservativen Partei bei der Reichstagswahl vom 30. Juli 1878 erfolgte die Begründung der Christlich-sozialen Partei, die in Hofprediger Stöcker einen gewandten, skrupellosen Führer gewann.

Die Regierung liebäugelte mit den Judengegnern. Die Rechtsprechung zeigte eine auffallende Milde in der Beurteilung der schwersten Kränkungen der Juden und ermunterte so zu neuen Schmähungen, die einen glänzenden Erfolg versprachen und im schlimmsten Falle mit einer kleinen Geldstrafe geahndet wurden.

Nur wenige Juden ahnten die Größe des aufsteigenden Unwetters. Einzelne charaktervolle Juden traten allerdings in der Presse den Verhetzungen entschlossen entgegen. Moritz Lazarus verteidigte in seiner Streitschrift „Was heißt national?“ die Zugehörigkeit der deutschen Juden zum deutschen Volke, indem er den Begriff der Nationalität als die auf gleichem Volksbewusstsein und gemeinsamer Sprache beruhende geistige Gemeinschaft bestimmte. Vornehme Christen, wie der strenggläubige Franz Delitzsch in Leipzig und der treffliche Dr. Wünsche in Dresden,

[Bibliographische Hinweise: A Franz Delitzsch was a German Lutheran theologian and orientalist of Jewish descent. He was appointed professor ordinarius of theology at Erlangen in 1850 and in 1867 he accepted a call to Leipzig. He was greatly interested in the Jews and acquired such a mastery of post-biblical, rabbinic and talmudic literature that he has been called the Christian Talmudist.= @ (Encyclopædia Britannica, VII, p. 964.)

Delitzsch war Prof. in Rostock, Erlangen und Leipzig und lehnte als heilsgeschichtlich orientierter Theologe die historisch-kritische Forschung weitgehend ab. Er gründete 1886 das Institutum Judaicum in Leipzig und förderte die Judenmission u. a. durch seine weitverbreitete Übersetzung des Neuen Testaments ins Hebräische. Vgl. Delitzsch, Franz: Sind die Juden wirklich das auserwählte Volk? Ein Beitr. zur Lichtung der Judenfrage. (Schriften d. Inst. Judaicum, 22) (1889); und: Delitzsch, Franz: Ernste Fragen an die Gebildeten jüdischer Religion. Leipzig (Faber) 1888.]

bekämpften (8) mit Entrüstung die Schamlosigkeit der neuen Bewegung und widerlegten ihre Verleumdungen. Aber ihre Stimme verhallte ebenso wirkungslos wie der empörte Einspruch gegen den Antisemitismus durch die Kaiserin Augusta und den preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm.

Selbst die Erklärung von 75 hochangesehenen Christen vom 12. November 1880, unter ihnen der Berliner Oberbürgermeister Forckenbeck, die Geschichtsschreiber Mommsen und von Sybel, der Elektrotechniker Werner Siemens, der Staatsrechtslehrer Gneist, denen sich eine lange Reihe der besten deutschen Männer anschloss, blieb ohne alle Wirkung, zumal nachdem die orthodoxe protestantische Geistlichkeit die Führung der Bewegung in ihre Hand genommen hatte. Sie verstand es, die studentischen Kreise durch die Begründung der „Vereine deutscher Studenten“ in die Gefolgschaft der Judengegner hinüberzuziehen. Geistliche und nichtgeistliche Hetzapostel zogen von Ort zu Ort, um das Gift des Hasses überallhin auszustreuen. Bittschriften, die eine gesetzliche Entrechtung der Juden forderten, fanden leidenschaftlich erregte Zustimmung, und bald war der Kleinbürger- und Bauernstand vom Antisemitismus, dem „Sozialismus der Dummen“, durchseucht.

Diese Bittschriften wirkten wie ein Alarmzeichen. Sie zeigten den deutschen Juden die ernste Gefahr, in der sie lebten. Sollten sie sich wehr- und widerstandslos ächten lassen? Am 1. Dezember 1880 bildete sich – es war der erste Versuch der Gegenwehr des Judentums gegen die neue Bewegung – auf Anregung von Professor Lazarus das sogenannte Dezember-Komitee. Ihm gehörten Berthold Auerbach, Julius Bleichröder, Professor Hirschfeld, Geheimrat Kristeller, Reichstagsabgeordneter Ludwig Loewe, Professor Mendel, Professor Steinthal, Stadtverordnetenvorsteher Dr. Straßmann und andere führende Männer der Berliner Gemeinde an. Das Komitee entfaltete eine rege Wirksamkeit. Es veranlasste einige öffentliche Versammlungen, beschränkte sich aber sonst auf eine nichtöffentliche Tätigkeit.

[Berthold Auerbach, eigentlich Moyses Baruch (Pseudonym: Theobald Chauber) wurde am 28.2.1812 in Nordstetten/Schwarzwald geboren. Er stammt aus einer kinderreichen, verarmten jüdischen Familie, besuchte 1824 die Talmudschule in Hechingen, 1827 die Rabbinerschule in Karlsruhe zum israelitisch-theologischen Studium. 1832 begann er das Studium der Jura, danach der Philosophie in Tübingen, ab 1833 in München. Als Radikal-Liberaler und Mitglied der verfolgten Burschenschaften wurde er von der Universität verwiesen und verbüßte eine zweimonatige Haft auf dem Hohenasperg. Er schloss sein Studium in Heidelberg ab. Auerbach war mit Gutzkow bekannt und wurde nur aus Not Schriftsteller. Er arbeitete als freier Schriftsteller in Weimar, Leipzig, Dresden, Berlin, Breslau und Wien. Auerbach starb am 8.2.1882 in Cannes.]

[Univ. Prof. Dr. phil. Otto Hirschfeld (1843 – 1922) (Epigraphiker) Das Wiener Institut für Alte Geschichte, Altertumskunde und Epigraphik ist aus dem „Archäologisch-Epigraphischen Seminar“ hervorgegangen, das 1876 begründet wurde. Auf Antrag der „K. K. Zentralkommission für Erforschung und Erhaltung der Kunst- und historischen Denkmale“ wurde 1876 der Prager Professor Otto Hirschfeld (1843-1922) auf die neu geschaffene Professur für Alte Geschichte, Altertumskunde und Epigraphik berufen, die sich vor allem der Erforschung der römischen Inschriften im Bereich der österreichisch-ungarischen Monarchie annehmen sollte. Als Hirschfeld 1885 als Nachfolger Theodor Mommsens nach Berlin ging, wurde dessen Schüler und Mitarbeiter Eugen Bormann (1842-1917) nach Wien verpflichtet. Vgl. Theodor Mommsen. Reden und Aufsätze, hrsg. von Otto Hirschfeld, Berlin 1905]

[Loewe, Ludwig (1837 -1886) Industrieller. Er eröffnete 1858 in Berlin ein Wollwarenkommissions-Geschäft. 1869 gründete er in der Luisenstädter Hollmannstraße 32 die Ludw. Loewe & Co. Commanditgesellschaft auf Actien zur Fabrikation von Nähmaschinen, aus der die Werkzeugmaschinenfabrik, die 1898 in die Huttenstraße 17B20 (Ludwig Loewe Maschinenfabrik) zog, und 1896 die Deutsche Waffen- und Munitionsfabrik AG, Kaiserin-Augusta-Allee 14B24, hervorgingen. L. gehörte der Berliner Stadtverordnetenversammlung an und war seit 1877 Mitglied des Preußischen Abgeordnetenhauses und seit 1878 Mitglied des Deutschen Reichstages. Beigesetzt wurde er auf dem Friedhof der Jüdischen Gemeinde zu Berlin (Prenzlauer Berg).]

[Strassmann, Paul Ferdinand (1838 -1931) Berlin, Mediziner, Kommunalpolitiker. S. studierte von 1858 bis 1862 Medizin an der Friedrich-Wilhelms-Universität (heute Humboldt-Universität) und praktizierte ab 1863 als niedergelassener Arzt in Berlin. Er erwarb sich 1866 besondere Verdienste bei der Bekämpfung der Choleraepidemie und wirkte 1870 als leitender Arzt eines Barackenlazaretts in Berlin. 1900 gründete er eine Privatklinik, die 1908/09 ein neues Gebäude erhielt (Privatklinik Prof. Strassmann). Von 1884 bis 1889 war er Bürgerdeputierter in der Berliner Schuldeputation und wirkte als unbesoldeter Dezernent des städtischen Gesundheitswesens. Seit 1889 als unbesoldeter Stadtrat im Magistrat tätig, erwarb er sich besondere Verdienste beim Ausbau der öffentlichen Gesundheitseinrichtungen, bei der medizinischen und sozialen Betreuung von Geisteskranken und bei der Neugestaltung des Rettungswesens in Berlin. 1915 wurde er Ehrenbürger von Berlin. Beigesetzt ist er in einem Ehrengrab auf dem Friedhof der Jüdischen Gemeinde (Weißensee).]

[Emanuel Mendel (1839-1907). Gemeindevertreter, Kreistags- und Reichstagsabgeordneter für Pankow. Er regte u.a. den Bau des Krankenhauses in der Galenusstraße an und stellte ein Terrain für das notwendig gewordene Wasserwerk zur Verfügung. 1866 gründete er eine eigene Anstalt für Nerven- und Geisteskranke in der Breiten Straße 18. Privatdozent für Psychiatrie an der Universität Berlin; seit 1884 außerordentlicher Professor für Psychiatrie an der Universität Berlin, sowie Leiter seiner eigenen privaten Poliklinik. Herausgeber von Wiener Klinische Rundschau und Begründer (1882) von Das Neurologische Centralblatt.]

[STEINTHAL, HEYMANN (1823-1899), German philosopher and philologist, was born at Grobzig in Anhalt on the 16th of May 1823. He read philosophy and philology at the university of Berlin, where he graduated in 1850. From 1852 to 1855 he studied Chinese (language and literature) in Paris, and in 1863 became extraordinary professor of philology at Berlin. In his philosophic theories he sympathized with Moritz Lazarus, in conjunction with whom he founded in 1859 the Zeitschrift für Volkerpsychologie und Sprachwissenschaft. Like Lazarus and the Herbartian school in general, he attached supreme value to psychology, and especially to the psychology of society, the study of which, combined with comparative philology, alone could give trustworthy results. In philology he was an admirer and disciple of Wilhelm von Humboldt, on whose methods he wrote several books. His principal works are Der Ursprung der Sprache im Zusammenhang mit den letzten Fragen alles Wissens (1851; 4th ed., 1888); Klassification der Sprachen (1850); Charakteristik der hauptsachlichen Typen des Sprachbaues (1860); Die Entwickelung der Schrift (1852); Grammatik, Logik, Psychologie, ihre Prinzipien, &c. (1885); Geschichte der Sprachwissenschaft bei den Griechen und Römern (1863; 2nd ed., 1889-1891); Die Mande-Negersprachen, psychologisch und phonetisch betrachtet (1867); Abriss der Sprachwissenschaft (2nd ed., 1881); Allgemeine Ethik (1880); Zu Bibel und Religionsphilosophie (1890 and 1895). His books on von Humboldt appeared in 1848, 1864 and 1867, and in 1884 he published an edition of his works.]

Das Allerschwerste stand zu befürchten. Wenn es schließlich doch nicht zu den befürchteten Ausschreitungen gegen die Juden kam, so war das der entschiedenen Ablehnung des Antisemitismus durch die Arbeiterkreise zu danken. Ihre Führer hielten alle anti- (9) semitischen Regungen mit fester Entschlossenheit nieder. Aber auch sonst begann sich ein leises Schamgefühl über die widerlichen Verhetzungen da und dort schüchtern zu regen. Die Regierung scheute sich, offen in die Gefolgschaft der Antisemiten einzutreten.

Der Eingang der seit Monaten vorbereiteten Bittschrift – sie hatte unter den 10 Millionen deutscher Wähler eine Viertelmillion Unterschriften gefunden – wurde vom Reichskanzleramt kurz bestätigt, hatte sonst aber keinen Erfolg. Die Gleichstellung der Juden vor Gesetz und Verfassung blieb wenigstens auf dem Papiere unangetastet. Der Buchstabe der Verfassung wurde nicht verletzt.

Dafür wurden die Juden auf dem Verwaltungswege langsam völlig entrechtet. Während die Rechtsprechung gegen die Sozialdemokraten eine äußerst strenge war, wurden antisemitische Ausschreitungen von der Staatsanwaltschaft mit offenkundlicher Nachsicht beurteilt. Polizei und Gerichte, Beamtenstand und militärische Kreise begünstigten die neue Partei. Eine bedenkliche Verwirrung der Rechtsbegriffe übte ihre zersetzende Wirkung, und die wüsten Ausschreitungen des verhetzten Pöbels im Juli 1881 im östlichen Brandenburg, in Hinterpommern und Westpreußen waren die nur zu natürliche Folge.

Diese Gewalttaten öffneten endlich der Regierung die Augen für die Gefährdung der öffentlichen Ordnung durch die „Bewegung“. Die Plünderer wurden schwer bestraft, die Stadtgemeinden zu vollem Ersatze der entstandenen Schädigungen streng angehalten. Es hatte tatsächlich den Anschein, als ob die antisemitische Bewegung ihren Höhepunkt überschritten. Bei den Berliner Stadtverordnetenwahlen im Oktober 1883 und bei den Reichstagswahlen im Herbst 1884 erlitten die Antisemiten entscheidende Niederlagen. Das Zentrum rückte von ihnen ab. Man durfte hoffen, dass die Zeit der schweren Prüfung für die Juden überstanden war.

Diese Hoffnung erwies sich nur zu bald als irrig. Den Anfang zu der neuen antisemitischen Bewegung bildete das Wahlbündnis der Judenfeinde mit den Konservativen und den Nationalliberalen anlässlich der preußischen Landtagswahlen im Herbst 1885. Gleichzeitig setzte ein neuer Feldzug der Regierung gegen die Juden auf dem Gebiete der Verwaltungspraxis ein. Allmählich wurde den Juden in allen deutschen Staaten die Ausübung jeder Betätigung im Verwaltungsdienste wie auf dem Gebiete der (10) Rechtspflege und des Lehrberufs verschlossen. Die unglücklichen jüdischen Flüchtlinge aus Russland wurden überall als lästige Ausländer ausgewiesen. Paul de Lagarde und Adolf Wahrmundt überboten einander, um die Gefährlichkeit der Juden „wissenschaftlich“ nachzuweisen. Böckel und Liebermann von Sonnenberg sorgten für das Neuaufleben des Radauantisemitismus und riefen neidischen Ehrgeiz in Stöcker wach, der sich einige Jahre zurückgehalten und sich jetzt wieder aus dem Dunkel hervordrängte.

Der sterbenskranke Kaiser Friedrich III. hatte inzwischen im März 1888 den Thron bestiegen. Man wusste, dass er ein entschiedener Gegner der Judenhetze war, und „die königstreuen Antisemiten“ scheuten sich nicht, in widerlicher Weise gegen den kranken Herrscher aufzutreten. Sie erwarteten in Kaiser Wilhelm II. den ersten antisemitischen Kaiser. Der junge Kaiser begann aber seine Regierung mit einem Erlasse, in dem er – deutlich genug – „allen Religionsbekenntnissen“ seinen Schutz verhieß. Bei den Stadtverordnetenwahlen in Berlin im November 1889 und bei den Reichstagswahlen im Beginn des Jahres 1890 unterlagen die Antisemiten. Es schien wieder eine kurze Zeit lang, als ob der Antisemitismus überwunden sei.

Politische Erfolge blieben ihm vorerst versagt. Dafür suchte er sich auf dem Gebiete der persönlichen und wirtschaftlichen Verhetzung schadlos zu halten. Bald stand der Antisemitismus der Gasse wie der des Salons in neuer Blüte. Vereine, welche Juden und Judensprösslinge, d. h. getaufte Juden und deren Nachkommen von der Mitgliedschaft ausschlossen, wurden überall begründet. Lehrer trugen die Verhetzung in die Schulen. Die Beamten stimmten bei den Wahlen zum preußischen Abgeordnetenhaus überwiegend antisemitisch. Die Giftsaat hatte überall tiefe Wurzeln geschlagen.

Die wiederholten freisinnigen Anfragen im preußischen Abgeordnetenhaus über die Stellung der Regierung gegenüber den antisemitischen Ausschreitungen und die entschiedene Ablehnung des Antisemitismus seitens der Arbeiterkreise und später durch die Sozialdemokratie bewiesen, dass immerhin noch große Kreise des deutschen Volkes von der Ansteckung durch den Antisemitismus frei geblieben waren. Seine verschärften Angriffe verlangten aber entschlossene Gegenwehr. Sie fand ihren Ausdruck in dem (11) Verein zur Abwehr des Antisemitismus. Im Januar 1891 erschien der von 500 angesehenen Christen unterzeichnete Aufruf zur Begründung des Vereins, der bereits im ersten Jahre eine Anhängerschaft von 12 000 Mitgliedern gewann. Der Staatsrechtslehrer Rudolf von Gneist war sein Vorsitzender. Neben ihm standen Dubois-Reymond, Theodor Mommsen, Heinrich Rickert und Georg von Bunsen. Der Abwehrverein begann sogleich seine Gegenarbeit gegen die Verhetzung der Massen. In Flugschriften und in einer eigenen Zeitschrift, in öffentlichen Versammlungen und Vorträgen trat er für die Sache der beleidigten Menschlichkeit und Glaubensfreiheit ein. Und die deutschen Juden erhofften mit neuem Mute die endliche Anerkennung ihres Rechtes.

Da verstand es die antisemitische Bewegung, den Mord an einem fünfjährigen Knaben, dessen Leiche am 29. Juni 1891 in Xanten gefunden war, mit gewohnter Gewissenlosigkeit zu einer Ritualmordanklage gegen die Juden auszubeuten. Die antisemitische Partei und ihre Vertreter im Abgeordnetenhause entblödeten sich nicht, die richterlichen Behörden der Rechtsbeugung im Interesse der Juden zu beschuldigen.

Der Xantener Prozess und seine traurigen Begleiterscheinungen zwangen die Regierung, sich unzweideutig von dem Antisemitismus zu lösen. Die Regierungspresse verurteilte die Bewegung unumwunden. Gegen die Verhetzungen durch die antisemitische Schmutzliteratur wurde streng eingeschritten.

Die Verwilderung war aber schon zu weit gediehen. Man hatte sie allzu lange durch stilles Zusehen gefördert. Die Regierung war nicht mehr imstande, ihr Halt zu gebieten. Dazu hatte die antisemitische Bewegung inzwischen dadurch an Kraft und Ansehen wesentlich gewonnen, dass sich die konservative Partei ihr auffallend näherte. Bereits bei den im Herbst 1892 stattfindenden Reichstagswahlen unterstützte sie meist im geheimen die antisemitischen Kandidaten, bis sie vor den preußischen Landtagswahlen im Oktober 1893 ein offenes Wahlbündnis mit den Antisemiten schloss. Ihr führendes Organ, die ,,Kreuzzeitung“, forderte geradezu die Aufhebung der bürgerlichen Gleichberechtigung der Juden. Bis in die Kreise der „Nationalliberalen Korrespondenz“ drang die antisemitische Verhetzung vor. Der „Norddeutsche Antisemiten- (12) Tag“ forderte in Berlin am 18. September 1893 unter anderem die staatliche Einziehung des Vermögens der Juden. Es war so weit in Deutschland gekommen, dass die Juden den ungeheuerlichsten Beschimpfungen ihres Glaubens, der schamlosen Verdächtigung ihrer Ehrenhaftigkeit, den schwersten Ehrenkränkungen und Zurücksetzungen preisgegeben waren. Ihre Rechtsstellung war zu einer Redeform ohne Inhalt, ihre Gleichberechtigung zu einer politischen Phrase geworden. Der Sturmwind packte das Geäst des Judentums und schüttelte es unbarmherzig. Er wirbelte die fahlen Blätter, die morschen Zweige vom Lebensbaum des Judentums. Eine kurze Taufepidemie forderte schwere Opfer. Das deutsche Judentum fühlte sich gegenüber der anwachsenden judenfeindlichen Bewegung wehrlos.

Zahlreiche Juden empfanden, dass ihre Stellung im deutschen Reiche mit ihrem Ehrgefühl unvereinbar war. Zähneknirschend sahen sie, dass ihnen ihre Gleichberechtigung geraubt war. In ihrem Kreise entstand am 30. Juni 1892 auf Veranlassung des Kommerzienrats Julius Isaac ein Ausschuss von 25 angesehenen Männern, das ,,Komitee zur Abwehr antisemitischer Angriffe“, das unter der tatkräftigen Leitung des Rechtsanwalts Dr. Friedemann, Dr. Paul Nathan=s, Adolf Ginsberg’s und James Simon’s eine ernste Tätigkeit zu entfalten begann. Bei der Begründung sprach schon das dunkle Gefühl mit, dass die Juden die Verteidigung ihrer Rechte doch nicht allein ihren christlichen Freunden überlassen dürften.

Das erlösende Wort und den befreienden Weg zu finden, blieb aber einem vorerst kleinen Kreis junger jüdischer Studenten vorbehalten. Am 23. Oktober 1886 entstand in Breslau die erste jüdische akademische Verbindung ,,Viadrina“, die sich die Selbstwehr, die Verteidigung des Väterglaubens in offenem, selbstbewussten Bekenntnis zum Judentum zur Aufgabe wählte. Ähnliche Gründungen in Heidelberg, Berlin, München, Freiburg, Bonn und Darmstadt folgten. Sie schlossen sich ein Jahrzehnt später zum Kartell-Convent zusammen. Ihr Leitspruch war das alte trotzige „Nemo me impune lacessit“.

Leider hielt es die die Mehrzahl der Juden für das Richtigste, sich in den Schmollwinkel zu flüchten. Man hatte sie beleidigt und sie warteten, bis man käme, sich bei ihnen zu entschul- (13) digen. Sie hielten es für weise und vornehm, bei allen Beleidigungen zu schweigen und alle Ehrenkränkungen still entgegenzunehmen im Vertrauen darauf, dass sich ihr Beleidiger besinnen und sein Unrecht selbst gutmachen werde. Ein anderer Teil war schwach genug, sich nach irgendeinem Ausweg umzuschauen, um sich unbemerkt aus dem Zusammenhang der Beleidigten hinwegzuschleichen. Sie glaubten durch ihren Übertritt zur Landeskirche oder durch die Taufe ihrer Kinder die Judenfeindschaft wenigstens von sich und den Ihrigen abwenden zu müssen. Innerlich standen sie der Staatsreligion ablehnend gegenüber, aber sie erachteten den Übertritt zu ihr als ein politisches Zugeständnis; sie brachten das Gewissensopfer, angeblich um restlos im Deutschtum aufzugehen. Die Mehrzahl der deutschen Juden hatte sich so sehr an abwartende Bescheidenheit gewöhnt, dass sie jeden lauten Mahner ängstlich zur Ruhe wies. Im besten Falle beschränkten sie sich auf wissenschaftliche Abwehr und erwarteten Rettung von schönstilisierten Erklärungen. Dass die deutschen Juden ihr Recht selbst verteidigen, dass sie sich zur Wehr gegen den gehässigen Gegner setzen müssten, war ein Gedanke, den man vorerst nicht zu Ende zu denken wagte.

II. Kapitel.

Schutzjuden oder Staatsbürger?

Die Verhetzung war auf dem Höhepunkt angelangt. Angstgerüchte aller Art schwirrten durch die Luft. Im Vorstand der jüdischen Gemeinde Berlin wurde der Plan erörtert, eine Abordnung an den Kaiser zu entsenden und ihn um Schutz gegen den Antisemitismus zu bitten.

Da erschien – die Vorrede ist vom Neujahrstage 1893 datiert – in Berlin im Verlage von Schweitzer & Mohr eine kleine Flugschrift ,,Schutzjuden oder Staatsbürger? von einem jüdischen Staatsbürger“, die in edlem Zorn gegen dieses geplante Bittgesuch Einspruch einlegte.

So hat die Angst diesen Herren die Köpfe verwirrt, dass sie nicht mehr unterscheiden können zwischen Gleichberechtigung und Vorrecht. Kann das gewichtige Wort des Monarchen in dieser Richtung etwas fördern? Die Bitte um Schutz hat aber auch ihre moralische Bedeutung. Um Schutz fleht, wer keine Rechte genießt, oder wem seine Rechte geschmälert werden. Wir aber sind im Vollbesitze der Bürgerrechte, und der lärmende Haufe (14) der Antisemiten hat keine Macht, sie uns zu schmälern. Jede Meinung aber darf sich in einem freien Staatswesen frei aussprechen; wer sie bekämpfen will, trete mit den Waffen des Geistes in die Schranken und rufe nicht von außen seine Hilfe herbei. Wenn wir mehr tun, erniedrigen wir uns. Dann verzichten wir schweigend auf die Mittel, die unsere Rechte uns gewähren, und fallen zurück in das mittelalterliche Elend, das unsere Ahnen zu Schutzjuden machte.“

Wieder wollen unberufene Vertreter in bester Absicht einen Schritt tun, der uns nur Unehre und Schaden bringen kann. Lassen wir es nicht dahin kommen, protestieren wir einmütig gegen ein Bittgesuch an den Monarchen! Helfen wir uns aus eigener Kraft! Nicht Schutzjuden wollen wir sein, sondern Staatsbürger. Dazu aber gehört zweierlei. Wir müssen mit aller Kraft die Gleichberechtigung, die uns nur auf dem Papiere gewährleistet ist, auch in der Praxis des Lebens erstreben, und wir müssen diese Gleichberechtigung durch eine fortgesetzte Arbeit der Selbsterziehung verdienen.“

Neben diesem selbstbewussten, offenen Eintreten für das Recht verlangte die Streitschrift als eine Forderung „der Wahrheit und des Mutes“ eine offene, unzweideutige Absage an die Orthodoxie, „die weder den Geist der Zeit noch unsere Stellung im Staate begriffen hat“.

Als Anhang zu seinem Schriftchen fasste der Verfasser die Anschauungen der Mehrheit der jüdischen Staatsbürger“ in sechs Leitsätze zusammen:

1. Wir sind nicht deutsche Juden, sondern deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens.

2. Wir brauchen und fordern als Staatsbürger keinen anderen Schutz, als den der verfassungsmäßigen Rechte.

3. Wir gehören als Juden keiner politischen Partei an. Die politische Anschauung ist wie die religiöse, die Sache des einzelnen.

4. Wir stehen fest auf dem Boden der deutschen Nationalität. Wir haben mit den Juden anderer Länder keine andere Gemeinschaft, als die Katholiken und Protestanten Deutschlands mit den Katholiken und Protestanten anderer Länder.

(15) 5. Wir haben keine andere Moral als unsere andersgläubigen Mitbürger.

6. Wir verdammen die unsittliche Handlung des einzelnen, wes Glaubens er sei; wir lehnen jede Verantwortung für die Handlung des einzelnen Juden ab und verwahren uns gegen die Verallgemeinerung, mit der fahrlässige oder böswillige Beurteiler die Handlung des einzelnen Juden der Gesamtheit der jüdischen Staatsbürger zur Last legen.

In einer Schlussbemerkung wurden schließlich „Berliner Bürger jüdischen Glaubens, die den Wunsch zu mündlichem Meinungsaustausch über diese Sätze haben“, aufgefordert, dies dem Verfasser der Broschüre unter der Adresse der Verlagshandlung mitzuteilen.

Der Erfolg der kleinen Schrift war über Erwarten groß. Am 9. Januar erschien sie bereits in dritter Auflage. Sie weckte in der Presse lebhafte Auseinandersetzungen. Schon am Tage des Erscheinens beschäftigen sich die „Volkszeitung“ und die „Nationalzeitung“ mit ihrem Inhalt. Aus der ,,Nationalzeitung“ übernahmen die ,,Münchener Neuesten Nachrichten“, das ,,Leipziger Tageblatt“ und andere Zeitungen die Inhaltsangabe des Schriftchens. Ausführlicher behandelte die „Berliner Zeitung“ seinen Inhalt. Die ,,Germania“, die „Schlesische Zeitung“ und die „Kreuzzeitung“ benützten die Besprechung der Broschüre zu einem Ausfall auf die jüdische Sittenlehre.

Bedeutsamer aber als die Stimmen der Presse waren die Zuschriften, die dem Verfasser aus seinem Leserkreise zugingen. Aus allen sprach begeisterte Zustimmung. „Tausende und aber Tausende werden sich freuen, Gelegenheit zu finden, an Ihren Bestrebungen teilnehmen zu dürfen.“ „Ich bin überzeugt, dass Tausende Ihnen begeistert zustimmen werden.“ „Ich bin insbesondere zugleich der Ansicht, dass es Zeit ist, höchste Zeit, dass die Gleichgesinnten sich zusammentun.“ „Wir müssen offen und ehrlich erklären, dass wir von dem alten Schlendrian ablassen müssen.“ So und ähnlich äußerten sich aufrechte Juden aus allen Teilen Deutschlands.

Allerdings hatten nicht alle Darlegungen des Verfassers der Flugschrift ungeteilte Zustimmung gefunden. Eine heftige Wider- (16) legung ihrer unberechtigten und ungerechtfertigten Angriffe auf die Orthodoxie erschien in einem besonderen Schriftchen „Volks- oder Salonjudentum? (Berlin 1893, Verlag von Hugo Schildberger)“. Die sechs Leitsätze aber waren aus der Seele und dem Gewissen der deutschen Juden gesprochen und warben bereits in wenigen Tagen eine begeisterte Gemeinschaft, die entschlossen war, den offenen Kampf für ihre gefährdete Rechtsstellung mannhaft aufzunehmen.

Fast gleichzeitig mit der Broschüre „Schutzjuden oder Staatsbürger?“ erschien in den letzten Januartagen des Jahres 1893 im Kommissionsverlag der Centralbuchhandlung S. Fischer, Berlin NW., eine von F. Simon verfasste Streitschrift „Wehrt Euch! ein Mahnruf an die Juden“. In leidenschaftlichen Worten mahnte hier ein bisher Unbekannter die deutschen Juden an die schmachvoll verabsäumte Pflicht der tatkräftigen Abwehr. Keine Geringere als die edle Vorkämpferin der Friedensbewegung, Bertha von Suttner, schickte dem Kampfruf ein Geleitwort voraus, das in die stürmische Mahnung ausklang: „Wehrt Euch!“

Sie dankt dem Verfasser, dass er „endlich, ja endlich“ das warnende und mahnende Wort, sich zu wehren, seiner Glaubensgemeinschaft zuruft. „Es ist wahrlich an der Zeit, dass auch das Abwehrwort zum Abwehrschrei sich erhebe, dass überall offen, ehrlich, mutig im Privat- und im öffentlichen Verkehr, in der Presse, von der Volksvertretung und vor dem Throne das beleidigte Menschenrecht sich geltend mache.“

Wie soll man hintreten und sagen: Solche Behandlung ist empörend, ist nicht länger mit anzusehen, wenn der Misshandelte eine gleichgültige Miene bewahrt? Nein, ein entschlossen zorniges „Ich duld’ es nicht!“, ein Zurverantwortungziehen bei jeder, auch der geringsten Rechtsverletzung bis zur letzten und bis zur höchsten Instanz ist, wenn irgendwo, hier zwingende Notwendigkeit. Noch bietet das Gesetz ausgiebigen Schutz. Die Verfolger und die Verfolgten aber handeln so, als wäre die von den ersteren angestrebte Rechtlosigkeit der Juden schon eine Tatsache. So kann sie es werden: ein Paragraph, der nicht benutzt wird, stirbt ab, und einreißender Brauch verlangt und erreicht seine Eintragung in das Gesetzbuch.“

(17) Schon um dieses Briefes willen verdiente und fand die Schrift weite Verbreitung. Sie schilderte mit beißendem Spott die antisemitische Bewegung und ihre Anhänger und dann die Mittel und Wege zu ihrer Bekämpfung. Simon empfiehlt den Juden die Kenntnis ihrer Geschichte als geistiges Rüstzeug für den Kampf. „Wer die Geschichte der Juden kennt, wird gegenüber allen Angriffen auf das Judentum gewappnet sein. Wer sie nicht kennt, wird wie ein schwankendes Rohr im Winde sein.“ Vor allem aber wird es sich für alle Juden darum handeln, die Würde der Persönlichkeit zu wahren und nichts, was ihre Ehre anzutasten geeignet ist, ungeahndet zu lassen. Schlagfertig, d. h. zu schneidiger Abwehr jedes Angriffs bereit, das soll und muss unsere Parole sein. Das banale Wort „sich nichts gefallen lassen“ wächst angesichts der Umstände, die uns umdrängen, zu einer Lebensnotwendigkeit empor. Gerade diejenigen, die sich Arier und Christen nennen, üben ja selber nicht die Vorschrift der christlichen Sittenlehre, wenn du einen Schlag auf die rechte Wange bekommst, reiche auch die linke hin“. Im Gegenteil. Sie kennen kein höheres Gesetz als die brutale Gewalt.“ Wer sich von einem Antisemiten eine Beschimpfung seiner Person als Jude gefallen lässt, ohne sie sofort zu ahnden, begeht ein Unrecht an der Würde seiner Person und der gesamten Judenheit. Es ist tausend gegen eins zu wetten, dass die Achtung vor den Juden sich in antisemitischen Kreisen steigern wird, wenn sich in der Öffentlichkeit die Erkenntnis Bahn gebrochen haben wird, dass der einzelne Jude sich keine Verunglimpfungen gefallen lässt. Also: Vermeidung jedes Angriffs wider das Antisemitentum, aber rücksichtslose energische Abwehr mit allen Mitteln, die das Gesetz und der Anstand gestatten, wider freche Ehrverletzung oder brutalen körperlichen Angriff. Wehrt Euch! Die Juden sind keine Schutz- und Kammerknechte mehr, sondern Staatsbürger.

In einem Schlusskapitel mahnte der Verfasser die Juden, von dem Vorgehen ihrer Gegner zu lernen und ihre Arbeitsweise nachzuahmen. Zweigvereine in den Provinzen sollten mit einem Mutterverein in der Hauptstadt in engste Fühlung treten. Wanderredner sollten für die gerechte Sache der Juden überall wirken. Kurz, eine starke Abwehrorganisation sollte die Verteidigung plan- (18) mäßig überall durchführen. „Wir wollen Deutsche sein und Juden bleiben, des neuen Reiches treue Bürger, des alten Gottes ehrfürchtige Bekenner.“

Simons Mahnruf wurde in der Presse anerkennend beurteilt. Seine Pläne und Anregungen, die in so auffallender Weise die in der Streitschrift „Schutzjude oder Staatsbürger?“ geäußerten ergänzten, sollten sich sehr bald zum Heil der deutschen Juden verwirklichen.

III. Kapitel.

Die Begründung des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens.

Inzwischen hatte der Verfasser der Streitschrift „Schutzjuden oder Staatsbürger?“ – es war Dr. Raphael Löwenfeld – einen kleinen Kreis wackerer Gesinnungsgenossen gewonnen. Er hatte alle, die seinem Verleger ihre Zustimmung zu den Grundgedanken seiner Schrift mitgeteilt, zu einer Besprechung eingeladen. Zu ihnen gehörte der Nervenarzt Professor Emanuel Mendel, der Chirurg Prof. Julius Wolff, die Privatdozenten der Medizin Dr. Martin Mendelsohn und Dr. Hugo Preuß, die Rechtsanwälte Dr. Eugen Fuchs und Hermann Stern, der praktische Arzt Dr. Curt Pariser und der Oberlehrer Dr. Julius Schneider. In wiederholten Vorbesprechungen im Hause Löwenfelds und später bei Julius Isaac wurden die Vorschläge zur Verwirklichung der neuen Gedanken durchberaten. Die Leitung aller vorbereitenden Schritte hatte Prof. Mendel übernommen.

Er nahm vorerst mit dem Komitee zur Abwehr antisemitischer Angriffe Fühlung. Bereits am 5. Februar 1893 hatten sich etwa 200 angesehene Berliner Juden in der Wohnung Julius Isaacs, eines Mitgliedes des Komitees, zusammengefunden. Medizinalrat Dr. Senator und Dr. Pariser verstanden es hier, durch ihre eindringlichen Darlegungen die Versammelten für den neuen Gedanken der Selbstverteidigung im Lichte der Öffentlichkeit zu begeistern. Sie gingen von dem Gedanken aus, dass es sich ermöglichen lassen würde, den geplanten neuen Abwehrverein mit dem Komitee zu verbinden, vielleicht sogar beide zu einer neuen Einheit zu verschmelzen Sie hofften dadurch jede Zersplitterung der Kräfte zu vermeiden. Die lebhafte Aussprache ergab aber, dass es (19) nicht wünschenswert war, die stille Tätigkeit des Komitees aufzugeben, dessen Unentbehrlichkeit alle Beteiligten nachdrücklich betonten. Man einigte sich deshalb nach einer mehrstündigen Beratung auf die Gründung eines eigenen Vereins, der neben dem Komitee und dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus das Gebiet der Selbstwehr pflegen sollte. In diesem neuen Verein sollte der Mittelpunkt geschaffen werden, von dem aus die Verteidigung der staatsbürgerlichen Rechte der Juden geleitet und im Lichte der Öffentlichkeit geübt werden sollte. Von diesem Verbande sollte jeder, dem um seines Judentums willen Unrecht widerfahren, Rat und Hilfe erhalten.

Am Sonntag, den 26. März 1893, tagte das am 5. Februar gewählte Komitee im Vereinshause in der Wilhelmstraße bereits als die konstituierende Versammlung des neuen Vereins. Die Einladungen zu dieser Versammlung hatten Dr. J. Ginsberg, Rechtsanwalt Dr. Grelling, Stadtverordneter L. Kalisch, Dr. Raphael Löwenfeld, Prof. Dr. Mendel, Dr. Martin Mendelsohn, Sanitätsrat Dr. Oldendorff, Potocky-Nelken, Privatdozent Preuß, Adolf Salomon, Rechtsanwalt Dr. Hermann Stern und Maurermeister Weile erlassen. Dem neuen Verein wurde der Name „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ gegeben, da er Juden aller religiösen und politischen Parteien zusammenschließen und so der Mittelpunkt aller Abwehrkämpfe der deutschen Juden werden wollte. Der Namenszusatz „jüdischen Glaubens“ wurde deshalb gewählt, weil er die staatliche Kategorie bezeichnet, in welche das Judentum in Deutschland eingeordnet ist; es ist ein staatspolitischer, aber kein religiöser Ausdruck.

Da Prof. Mendel beruflich außerstande war, die Leitung des Vereins wirkungsvoll weiterzuführen, beschloss die Versammlung, neben Dr. Martin Mendelsohn den Rechtsanwalt beim Kammergericht Dr. Eugen Fuchs und Dr. Heinrich Meyer-Cohn in den Vorstand des neuen Vereins zu wählen. Sie ernannte Dr. Löwenfeld und Oberlehrer Dr. Schneider zu Schriftführern; Adolf Herzfeld übernahm das Amt des Schatzmeisters. Der 26. März 1893 ist der Gründungstag des Centralvereins.

Am Dienstag, den 4. April, fand die zweite Sitzung des Vereins im Hause Adolf Salomons statt. Diesmal gehörten zu (20) den Einladenden außer der Mehrheit der Genannten Rechtsanwalt Leopold Dorn, Handelsrichter Julius Martin Friedländer, Sanitätsrat Dr. S. Kristeller, Dr. Pariser, Prof. Senator, Dr. W. Sklarek und Prof. Julius Wolff. Der Versammlung wurde bereits ein Entwurf der Satzungen vorgelegt, nach dem der Verein sich die Aufgabe stellte, „die deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens ohne Unterschied der religiösen und politischen Richtung zu sammeln, um sie in der tatkräftigen Wahrung ihrer staatsbürgerlichen und gesellschaftlichen Gleichstellung und in der unbeirrten Pflege deutscher Gesinnung zu bestärken“.

Ein von Dr. Löwenfeld in Gemeinschaft mit Dr. Fuchs und Hermann Stern entworfener Aufruf „An die deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens“ erschien im Mai 1893 als die erste öffentliche Äußerung des neuen Vereins.

In diesem Aufruf hieß es: „Wir folgen nur der Pflicht, unsere Stellung im Vaterlande durch eigene Kraft zu wahren, und sind überzeugt, dass einer solchen Haltung die Achtung unserer Mitbürger nicht fehlen wird. Der Verein will alle Kräfte zur Selbstverteidigung aufrufen, in dem einzelnen das Bewusstsein unserer unbedingten Gleichberechtigung stärken und in ihm das Gefühl unserer Zusammengehörigkeit mit dem deutschen Volke durch die Anfeindungen unserer Gegner nicht verkümmern lassen. Durch Wort und Schrift, durch öffentliche Versammlungen und Vorträge will der Verein den einzelnen mit den Waffen ausrüsten, die ihn befähigen, den angedrungenen Kampf im Geiste der Wahrheit zu bestehen, damit an der Besserung nach innen und außen alle mitarbeiten, die aus der Not der Zeit die Pflicht der Selbstverteidigung erkannt haben. Wir treten nicht in Gegensatz zu bestehenden Organisationen, die ähnlichen Zielen nachstreben; wir wollen neben und mit ihnen wirken – auf dem Wege der Selbsthilfe, im Lichte der Öffentlichkeit.“

Dieser Weckruf zündete. Hunderte und aber Hunderte erklärten ihren Beitritt zu dem Verein und damit ihr freudiges Einverständnis mit den Grundgedanken des Aufrufs und der Satzungen.

Am 29. Juni fand die erste öffentliche Versammlung des Vereins in der Singakademie statt. Dr. Mendelsohn sprach über die Entstehung und die Grundlagen des Vereins. Dr. Löwenfeld (21) entwarf ein Bild seiner Aufgaben und forderte besonders eine Unterstellung des gesamten Kultuslebens der Juden unter die Ministerien der Einzelstaaten und die Durchführung des Pflichtreligionsunterrichtes für alle jüdischen Kinder. Er schloss: „Lassen wir uns durch eine Partei, deren Führer so traurig in der Öffentlichkeit gekennzeichnet sind, nicht verbittern. Lassen wir uns in der Freudigkeit unserer Pflichterfüllung nicht erschüttern.“ Als dritter Redner des Abends sprach der zweite Vorsitzende, Dr. Fuchs, über die Bedeutung des Rechtsschutzes, den er als „die mächtigste Form der Abwehr aller Angriffe auf unsere Gleichberechtigung im Staate“ bezeichnete. „Was der einzelne nicht vermag, wird eine starke große Gesamtheit können. Behörden werden der Stimme einer großen Vereinigung Gehör schenken.“ Eine lebhafte und angeregte Aussprache schloss sich an diese Reden an. Sie bewies, dass der Gedanke des Vereins bereits weithin Widerhall gefunden.

In der zweiten Versammlung, die am 27. September im Saale der Gesellschaft der Freunde stattfand, sprach Rechtsanwalt Emil Lehmann aus Dresden begeistert und begeisternd über das Wesen und die Ziele des Vereins. Er schloss seine Rede mit dem Ausdruck der Freude, zu einer Versammlung von Männern zu sprechen, die gleich entflammt sind von Liebe zum deutschen Vaterlande wie von Begeisterung für den sittlichen Wert des Judentums.

Die Versammlung nahm schließlich in engster Anlehnung an die Grundsätze der Streitschrift Löwenfelds die folgenden Leitsätze an, die seitdem die Grundlage des Centralvereins gebildet haben:

1. Wir deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens stehen fest auf dem Boden der deutschen Nationalität. Unsere Gemeinschaft mit den Juden anderer Länder ist keine andere als die Gemeinschaft der Katholiken und Protestanten Deutschlands mit den Katholiken und Protestanten anderer Länder. Wir erfüllen als Staatsbürger freudig unsere Pflicht und halten fest an unseren verfassungsmäßigen Rechten.

2. Wir gehören als Juden zu keiner politischen Partei. Die politische Meinung ist wie die religiöse Sache des einzelnen.

3. Wir haben keine andere Moral als unsere andersgläubigen Mitbürger. Wir verdammen die unsittliche Handlung des einzelnen, wes Glaubens er sei.

(22) 4. Wir verwahren uns gegen die leichtfertige oder böswillige Verallgemeinerung, mit der Vergehen einzelner Juden der jüdischen Gesamtheit zur Last gelegt werden.

In diesen Leitsätzen war die Gedankenwelt des Vereins scharf umrissen. Die Erörterung religiöser Fragen war mit ihnen ausgeschlossen. Der Verein sollte die freiestdenkenden wie die strenggläubigen Juden zur Verteidigung ihrer staatsbürgerlichen Rechte zusammenfassen. Von diesen Grundsätzen ist er niemals abgegangen.

Am 19. November veröffentlichte der Verein in der „Vossischen Zeitung“ einen Aufruf, in dem er zum ersten Mal an alle diejenigen deutschen Juden herantrat, „die aus der Not der Zeit die Erkenntnis geschöpft haben, dass es Pflicht sei, endlich im Lichte der Öffentlichkeit Selbstverteidigung zu üben. Der Aufruf schilderte die Aufgaben des Vereins: ,,Er will gegenüber den Anfeindungen, denen die deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens ausgesetzt sind, die staatsbürgerliche Stellung der Juden wahren und in den Juden selbst das Gefühl der Zusammengehörigkeit mit dem deutschen Volke trotz aller Verhetzungen nicht verkümmern lassen. Durch Wort und Schrift, durch öffentliche Versammlungen und Vorträge . . . und durch alle Mittel der Öffentlichkeit will er Freund und Feind über das Wesen des Judentums, über das Denken und Empfinden der Juden im deutschen Reiche aufklären. Der Verein unterhält insbesondere ein ständiges Bureau, das für alle Abwehrbestrebungen den notwendigen Mittelpunkt bilden soll. Dieses Rechtsschutzbureau soll überall, wo Juden um ihres Judentums willen Beeinträchtigung oder Zurücksetzung erfahren, mit allen gesetzlichen Mitteln – Vorstellungen, Klagen, Strafanträgen, Petitionen usw. – dem bedrohten oder verletzten Rechte zu Hilfe kommen. Mit der Verteidigung unserer Gleichberechtigung kämpfen wir für das höchste Gut der Menschheit, für die heiligsten Interessen unseres deutschen Vaterlandes.“

Am 30. Dezember 1893 fand die erste Generalversammlung des Vereins statt. In ihr erstattete Dr. Mendelsohn Bericht über die bisher geleistete Arbeit, ein Bericht, der unter dem Titel „Die Pflicht der Selbstverteidigung“ weite Verbreitung fand und die erste Werbeschrift für den Verein wurde. Mendelsohn rühmte in ihr die bisher geübte Verteidigung des angegriffenen Judentums (23) durch andere und würdigte die Tätigkeit des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus. ,,Aber was uns unterscheidet, nicht trennt, ist das Prinzip der Selbsthilfe, dass es eines jeden anständigen Menschen Pflicht ist, sich selber zu verteidigen und nicht allein andere für sich eintreten zu lassen. Keine Logik der Welt kann wegdisputieren, dass dieser Grundsatz, der sonst immer und überall Geltung hat, auch für uns zutrifft.“

Er würdigte die Verdienste des Komitees zur Abwehr. „So wertvolle Dienste es im Einzelnen auch leisten mag, ihm fehlt das, was das Grundprinzip unseres Vereins ausmacht: Der Zusammenschluss einer großen Zahl, womöglich aller Deutschen jüdischen Glaubens in einer imposanten Organisation und deren Hinaustreten in die breite Öffentlichkeit.“ Durch ihre tatenlose Schweigsamkeit und ihre übertriebene Zurückhaltung haben es die deutschen Juden verschuldet, dass das Bild, das sich die Umwelt von den deutschen Juden entworfen hat, ein Zerrbild geworden ist. Die Juden dürfen bei den Behörden nicht die Anschauung aufkommen lassen, dass sie es gar nicht besser haben wollen. „Darum müssen wir gegen jede Zurücksetzung und Rechtskränkung Einspruch erheben und immer wieder Einspruch erheben, in allen Fällen aufs neue und bis an die letzte Stelle hin.“ Er sah dabei voraus, dass solchen Bemühungen der Erfolg oft versagt bleiben würde. Aber er sprach es damals bereits mit klarem Blick in die Zukunft aus: ,,Mit der Zeit werden wir auch dahin gelangen, praktische Resultate zu erzielen.“ Er erwartete als voraussichtliche Einwirkung des Abwehrkampfes auf die Juden „die Wiederkehr des Selbstbewusstseins unter uns Juden, das Verschwinden der jetzt leider noch so allgemeinen Scheu, offen zu bekennen, dass man Jude sei“, eine Erwartung, die sich glänzend verwirklicht hat. Nach dem Muster der bis jetzt in Berlin veranstalteten Versammlungen sollte der Vereinsgedanke durch häufige öffentliche Versammlungen verbreitet und zugleich vertieft werden. In ihnen sollten die Massen zur Selbstwehr geweckt werden, in ihnen die Kämpfer für die Gedanken des Vereins geworben werden. Aus ihnen sollten Anregungen in die Kreise der gleichgültig abseits Stehenden getragen werden. Eine geplante, regelmäßig erscheinende Vereinszeitschrift sollte den Zusammenhang zwischen den Mitgliedern festigen.

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