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Islambilder zwischen Kulturalismus und Grundlagenkritik

 

Rezension von Hannah Schultes. Erschienen in DISS-Journal 20 (2010)

Fast 60 Wissenschaftlerinnen haben sich in zwei Sammelbänden mit den Titeln „Islamfeindlichkeit“ und „Islamverherrlichung“ mit antimuslimischem Rassismus, aber auch mit theologischen und alltagspraktischen Fragen muslimischen Lebens in Deutschland auseinandergesetzt.

Der erste Band „Islamfeindlichkeit. Wenn die Grenzen der Kritik verschwimmen“ konzentriert sich auf die möglichen Ursprünge gegenwärtiger Vorurteilsstrukturen. Die Autorinnen nehmen zunächst eine Analyse des Feindbildes Islam in Kirche, Literatur, Geschichtsschreibung, Medien und in den internationalen Beziehungen vor und liefern damit einen Überblick über das historische und disziplinäre Spektrum von Islamfeindlichkeit in Europa. Im zweiten Kapitel des Bandes werden antimuslimische Einstellungen in der deutschen Bevölkerung empirisch belegt und aktuelle Fälle wie Islam-Bashing im Internet (Markus Gerhold) oder der Umgang mit orthodoxen Positionen und Alltagskonflikten in Schulen (Yasemin Karakaşoğlu) thematisiert. Dabei wird die Konstruktion von Islambildern auf verschiedenen Diskursebenen nachgezeichnet und punktuell auf mögliche Diskursverschränkungen verwiesen. So legt Siegfried Jägers diskursanalytische Untersuchung der Medienberichterstattung zum Karikaturenstreit von 2006 nahe, dass das medial vermittelte negative Bild von Muslimen in diesem Fall auch eine „rassistische Unterfütterung des Einwanderungsdiskurses“ (321) darstellt.

Das dritte Kapitel beinhaltet exemplarische Darstellungen von Fällen institutionalisierter Islamfeindlichkeit. Mohammed Shakush beleuchtet darin die Rolle von CDU und CSU u.a. bei der Durchsetzung von Kopftuchverboten und der Einführung des sogenannten Gesinnungstests. Das gegenwärtige Verhältnis der katholischen und evangelischen Kirche zum Islam ist ebenfalls nicht frei von islamfeindlichen Haltungen; dies zeigen Jobst Paul mit einer Analyse der Regensburger Rede von Papst Benedikt XVI. und Wolf-Dieter Just anhand der 2006 erschienenen Handreichung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland. Das letzte Kapitel „Personelle Islamfeindlichkeit“ legt antimuslimische Argumentationsmuster von Alice Schwarzer bis Ralph Giordano offen. Dazu gehören, wie Herausgeber Thorsten Gerald Schneiders anführt, Techniken wie die Aneinanderreihung von Negativbeispielen und Alarmismus, aber auch gezielte Desinformation und Aufrufe zum Nationalstolz.

Der zweite Band „Islamverherrlichung. Wenn die Kritik zum Tabu wird“ will „vernünftige Islamkritik“ frei von Pauschalisierung, Populismus und Polemik leisten und stellt einen Versuch von wissenschaftlicher Seite dar, den Anspruch einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Islam nicht selbsternannten „Islamkritikern“ zu überlassen.

Im ersten Kapitel findet Grundlagenkritik in Form einer theologischen Auseinandersetzung mit islamischen Quellen und Konzepten statt. Die Denkanstöße der Autorinnen veranschaulichen jedoch auch die Heterogenität inner-islamischer Debatten. Aussagen wie die der  Soziologin Necla Kelek „Der Islam kennt keine Theologie“  sowie Vorwürfe eines dem Islam inhärenten Anti-Individualismus und fehlender historisch-kritischer Koranauslegung werden dadurch ihrer Grundlage beraubt.

Der Essentialisierung von Sexismus stehen in diesem Band zwei Beiträge gegenüber. Im ersten Kapitel leistet Lamya Kaddor eine hermeneutische Untersuchung islamischer Quellen im Hinblick auf das Kopftuch. Das zweite Kapitel umfasst hauptsächlich kritische Beiträge zum Quellenverständnis. Rabeya Müller beleuchtet darin theologisch und historisch begründbare Möglichkeiten für und muslimische und nichtmuslimische Widerstände gegen eine geschlechtergerechte Koranexegese.

Das letzte Kapitel konzentriert sich auf Einzelpersonen und Institutionen und fragt u. a. danach, in welchem Zusammenhang muslimisches Leben in Deutschland mit Phänomenen in den Herkunftsländern steht. Kemal Bozay erläutert, wie sich analog zur türkisch-nationalistischen Idee einer türkisch-islamischen Synthese auch Vereinigungen in Deutschland dieses Konzeptes bedienen und von der „Negativspirale“ (325) der Fremd- und Selbstethnisierung profitieren.

Die Autorinnen arbeiten größtenteils mit den Begriffen „Islamophobie“ und „Islamfeindlichkeit“, seltener mit „Rassismus“, bzw. „antimuslimischer Rassismus“. Dieses Nebeneinander verweist darauf, dass in der wissenschaftlichen Diskussion die Begriffe noch sehr unscharf sind. Außerdem lässt sich in einigen Beiträgen eine Tendenz zur Psychologisierung von Rassismus feststellen. Die Konzeption der Sammelbände suggeriert zudem, dass die Skandalisierung von antimuslimischem Rassismus zwangsläufig mit einer Auseinandersetzung mit theologischen Fragen und der Thematisierung muslimischer Alltagspraxis einher gehen sollte. Die Nahelegung nach der Logik „Zwei Seiten einer Medaille“ sollte kritisch reflektiert werden; an der Qualität der Beiträge ändert dies jedoch nichts.

Thorsten Gerald Schneiders (Hg.)
Islamfeindlichkeit. Wenn die Grenzen der Kritik verschwimmen
2009 Wiesbaden: VS Verlag
ISBN 978-3-531-16257-7
483 S.,
zweite aktualisierte und erweiterte Auflage
2010 Wiesbaden: VS Verlag
ISBN 978-3-531-17440-2
498 S., 49,95 €

Thorsten Gerald Schneiders (Hg.)
Islamverherrlichung. Wenn die Kritik zum Tabu wird.
2010 Wiesbaden: VS Verlag
ISBN 978-3-531-16258-4
410 S., 39,95 €

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