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Sklavenhandel: Eine Fallstudie

 

Eine Rezension von Jobst Paul1. Erschienen in DISS-Journal 34 (2017)

Sean M. Kelley, The Voyage of the Slave Ship Hare: A Journey into Captivity from Sierra Leone to South Carolina. Chapel Hill: University of North Carolina Press, 2016. 304 pp. $30.00 (cloth), ISBN 978-1-4696-2768-7

Sean M. Kelley (Universität Essex) hat mit The Voyage of the Slave Ship Hare: A Journey into Captivity from Sierra Leone to South Carolina eine Fallstudie versucht, die stofflich zwar mikro-historisch vorgeht. Mit Blick auf die Akteure, die Institutionen und die versklavten Bevölkerungen handelt es sich jedoch zugleich um eine Makro-Geschichte des Sklavenhandels zwischen dem amerikanischen und dem afrikanischen Kontinent zwischen dem 16ten und 19ten Jahrhundert geliefert.

Kelley zeigt das Räderwerk, in dem Mitte des 18ten Jahrhunderts unzählige einzelne Akteure aus unterschiedlichsten sozioökonomischen und geographischen Kontexten heraus zusammenwirkten, etwa zwischen Rhode Island, Sierra Leone, Barbados und South Carolina.

Kelley konnte Borddokumente, Soldlisten der Crew und Briefe des Kapitäns auswerten, ebenso Listen von Sklavenverkäufern an der nördlichen Küste von Guinea, aber auch – anhand der Unterlagen des Sklavenhändlers Gabriel Manigault – von den amerikanischen Käufern.

Auch wenn die Namen der 72 westafrikanischen Opfer auf der Hare, deren Geschichte aufarbeitet wird, unbekannt bleiben, gelingt es Kelley, eine genaue Chronologie der Tragödie zu rekonstruieren. Sie beginnt bei den kaufmännischen Planungen der Schiffseigner in Newport, Rhode Island, und geht dann über zu ihren taktischen Überlegungen. So lud die Hare in Rhode Island destillierten Rum als Zahlungsmittel zum Kauf der Gefangenen in Sierra Leone.

Dort angekommen, traf man auf eine stetig wachsende Anzahl indigener und britisch-europäischer Sklavenhändler, wobei letztere mit den besseren Tauschwaren aufwarten konnten als die amerikanischen Kapitäne. Besonders makaber – der geladene Rum führte angesichts der mehrheitlich muslimischen Struktur von Sierra Leone kaum zum Erfolg, so dass der Kapitän der Hare 24 unterschiedliche Händler kontaktierte, um 72 Gefangene zu kaufen. Da die indigenen muslimischen Händler ihrerseits versuchten, möglichst nicht-muslimische Gefangene zu verkaufen, fanden sich auf den Schiffen Menschen mit unterschiedlichsten kulturellen und sprachlichen Voraussetzungen deportiert.

Deshalb interessiert sich Kelley im Schlussteil der Arbeit für die kulturellen Prozesse innerhalb der Gemeinschaft der nach Amerika Deportierten (slave ethnogenesis). Diese Prozesse scheinen sich dort zuallererst über sprachliche Anpassungen vollzogen zu haben. So etablierte sich unter ihnen zunächst – wie an der westafrikanischen Küste auch – ein an den Mande-Sprachen orientierter Sprach-Code (Mandingization), zu dem später Elemente anderer afrikanischer Sprachen hinzukamen. Die Bedeutung einer früheren ethnischen Identität trat so zurück. Kelley betrachtet damit den Prozess einer gemeinsamen Identitätsfindung aus der Perspektive der Deportierten und unterstreicht so ihre außergewöhnliche kulturelle Kraft. Aus dieser Perspektive drängt sich das ganze Ausmaß des weißen Rassismus und des Sarkasmus der weißen Geschichtsschreibung auf, die nicht nur über die Deportation der Betroffenen zur Tagesordnung übergingen, sondern auch noch ihre ‚Vermischung‘ als dekadent verachteten.

  1. Ich referiere hier die wichtigsten Aspekte der Rezension von D. Andrew Johnson (Rice University, Houston, History Department), einsehbar unter http://www.h-net.org/reviews/showrev.php?id=46966. []

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