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„Faschos sind doof“, die Nation ist normal!

 

Über ein altes und beliebtes Narrativ zur Erklärung von Rechtsextremismus

Von Robin Heun. Erschienen in DISS-Journal 33 (2017)

In meinem Jugendzimmer hing an einer Pinnwand eine Gratispostkarte mit der Aufschrift: „Faschos sind doof und haben kleine Schniepel“. Ich fand den Spruch und die Grafik damals saulustig. Je länger ich mich jedoch mit dem Nationalsozialismus und Nachkriegsrechtsextremismus beschäftige, desto unlustiger finde ich solche Witze über Rechtsextremist/innen. Warum aber ist die Erzählung vom doofen Nazi problematisch? Welche Funktion erfüllt sie und wie hängt das Konzept der Nation und des Nationalstaats mit extrem rechter Politik zusammen?

Die Kernaussage des Narrativs vom „dummen Nazi“ ist simpel: Nazis/Rechtsextremisten (meistens männlich) seien ungebildet beziehungsweise dumm – sie hätten nichts aus der Geschichte gelernt. Ihr Weltbild und ihre Handlungen, zum Beispiel rassistische Anschläge, seien deshalb ein Resultat ihrer Dummheit. Manchmal wird diese Erzählung um weitere Faktoren angereichert, mit dem sie sich erklären lässt: Arbeitslosigkeit, Alkoholismus, schwere Kindheit etc. Diese Erzählung begegnet uns häufig im Alltags- und Mediendiskurs. Besonders bekannt sind die im Fernsehen ausgestrahlten Satire- und Kabarett-Beiträge von Carolin Kebekus („Wie blöd Du bist…“), Dieter Nuhr oder die des NDR Satiremagazins Extra 3, die anschließend bei YouTube zum Teil Millionen Klicks einfahren. Häufig werden lächerliche Aktionen von Rechtsexremisten/innen gezeigt, wie z.B. das bei Facebook tausendfach geteilte Video der Trierer NPD mit dem Aufruf zu einem Fackelmarsch. In der ZDF Dramedy-Serie „Familie Braun“ müssen sich zwei Neonazis plötzlich um die sechsjährige schwarze Tochter des einen Neonazis kümmern. Hier wird das Narrativ vom dummen Nazi auf die Spitze getrieben. Einer der Top-Kommentare bei YouTube bewertet das erste Kapitel der Serie so: „Mega geil geworden. Komischerweise empfinde ich sogar für die Typen aus der NaziWG eine Sympathie und ein bisschen Mitleid wegen ihrer Dummheit…“.1

Das Narrativ vom dummen (und alkoholisierten) Nazi hat durchaus eine lange Tradition. Der Duisburger Holzschneider Heinz Kiwitz (1910-1938) hat in einem seiner antifaschistischen Werke um 1937 zwei uniformierte Corps-Studenten geschnitten, die anstelle eines Kopfes einen Bierkrug mit Hakenkreuz besitzen.2 In den 1990er Jahren erlebte das Narrativ dann ein Revival. Vor dem Hintergrund der rassistischen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen veröffentlichten Die Toten Hosen und die Fun-Punk Band Die Ärzte jeweils einen Song, in dem es ine zentrale Rolle spielte. „Sascha …ein aufrechter Deutscher“ von den Toten Hosen (1992) wie auch „Schrei nach Liebe“ von den Ärzten (1993) gelangten in die Top Ten der deutschen Singlecharts und bewirkten eine weitere Popularisierung des Narrativs. Der Ärzte-Song beginnt wie folgt:

„Du bist wirklich saudumm, darum gehts dir gut. Hass ist deine Attitüde, ständig kocht dein Blut. alles muss man dir erklären, weil du wirklich gar nichts weißt – höchstwahrscheinlich nicht einmal, was Attitüde heißt!“

Die Erzählung vom dummen Nazi wird dann in weiteren Strophen mit der ebenfalls häufigen Annahme abgerundet, dass der Hass und die Gewaltbereitschaft eines Neonazis mit Mangel an Liebe seitens der Eltern/Freundin und den daraus resultierenden „Selbsthass“ zu erklären sei. Nachdem die Initiative Aktion Arschloch 2015 für den Song öffentlichkeitswirksam Werbung gemacht hat, gelangte er sogar auf Platz 1 der deutschen Charts. Vor dem Hintergrund der Übergriffe auf Flüchtlingsunterkünfte hatte ein Musiklehrer diese Initiative ins Leben gerufen. Dass diese Lieder in die Charts gelangten, drückt zum einen die Ablehnung und Verurteilung rechtsextremer Gewalt durch din Hörer_innen aus. Zugleich verweist es darauf, wie populär und akzeptiert das Narrativ ist. Denn weder Die Toten Hosen noch Die Ärzte haben das Narrativ erfunden. Da die meisten Menschen aus den Medien etwas über die extreme Rechte erfahren, dürfte der Mediendiskurs eine wichtige Rolle bei der Verbreitung solcher Narrative spielen. In ihren Berichten über tagesaktuelle Ereignisse werden diese häufig mit dem Bild eines glatzköpfigen Mannes mit Springerstiefeln illustriert, was zur Tradierung eines längst veralteten Bildes beiträgt. Gewiss gelangen auch Informationen aus der Wissenschaft in den Mediendiskurs. Die Annahme, nach dem Rechtsextremist/innen dumm seien, stützt sich zum Teil auch auf Erkenntnisse der Sozialforschung. Auch wenn die empirische Einstellungsforschung nachweisen kann, dass Personen mit Abitur deutlich seltener rechtsextremen Aussagen zustimmen,3 kann dieser Befund nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich einzelne Aspekte eines rechtsextremen Weltbildes auch bei gebildeten Personen wiederfinden lassen. So stimmten z.B. im Jahr 2016 bei einer repräsentativen Umfrage 49,9 % der Befragten der Aussage zu, „Sinti und Roma sollten aus den Innenstädten verbannt werden“.4

Auch der Blick in die Vergangenheit verdeutlicht, dass die Erzählung vom doofen Nazi so nicht stimmen kann. Insbesondere, wenn man berücksichtigt, dass sich auch Intellektuelle und gebildete Personen für den Nationalsozialismus begeistert haben – der Philosoph Martin Heidegger oder der Staatsrechtler Carl Schmitt sind hier nur prominente Beispiele.

Rechtsextreme Publizistik

Doch sicherlich sind die Medien für die Verbreitung des Narrativs vom doofen Nazis entscheidend, wenn sie z.B. über große Neonazi-Demonstrationen berichten. Selten wird allerdings über die rechtsextreme Publizistik berichtet, die jedoch wichtige Funktionen für die extreme Rechte erfüllt: Hier wird Ideologie produziert und weiter entwickelt; hier werden Strategiediskussionen geführt und Netzwerke gepflegt; hier vergewissert sich die extreme Rechte selbst und – natürlich – hier wird auch Geld verdient. Im Blätterwald der extremen Rechten finden sich sehr unterschiedliche Qualitätsstufen, vom billig produzierten Neonazi-Fanzine bis hin zum Hochglanzmagazin, wie z.B. dem COMPACT-Magazin. In vielen dieser Zeitschriften sind die Beiträge zwar nicht auf einem intellektuell hohen Niveau; im Gegenteil, viele sind hetzend und pseudowissenschaftlich. Es wäre aber fatal zu glauben, dass alle Akteure der extremen Rechten – insbesondere im publizistischen Bereich – doof und ungebildet seien. Es gibt zahlreiche Beiträge von Autor/innen mit akademischen Abschlüssen. Björn Höcke oder die Herausgeber der Wochenzeitung Junge Freiheit sind keine ungebildeten Menschen, sie sind vielmehr Anhänger eines politischen Projektes. Vielleicht glauben ja viele Menschen, dass Anhänger der extremen Rechten dumm seien, weil sie sich einem menschenfeindlichen Projekt verschrieben haben, das die Gleichwertigkeit aller Menschen negiert. Wer aber die dort vertretenden politischen Positionen als richtig erachtet, ist schlicht ein Anhänger und Verfechter des Völkischen Nationalismus (VN) und damit einer Weltanschauung, die im ausgehenden 19. Jahrhundert entstand und im 20. Jahrhundert weiterentwickelt wurde. Beim VN handelt es sich um ein politisches Projekt, das auch auf irrationale, pseudowissenschaftliche (z.B. Rassentheorien) und ahistorische Annahmen (z.B. Vorstellung eines homogenen Volkes) beruht, dessen Theoretiker, und Verfechter_innen allerdings nicht quer durch die Bank doof oder ungebildet sind. Und dieses Konzept des VN weist eine Reihe Anknüpfungspunkte zu politischen Konzepten auf, die nicht nur in Deutschland hegemonial sind.

Die Logik rechtsextremer Forderungen im Kontext des Nationalstaats

Trotz zunehmender Supranationalisierung scheint für die europäische Bevölkerungen auch im 21. Jahrhundert weiterhin der Nationalstaat die primäre Legitimationsquelle für die Ordnung des Gemeinwesens zu sein. Der Nationalstaat und ‚die Nation‘ sind als Ordnungskonzepte hegemonial akzeptiert und werden kaum hinterfragt. Bereits in den 1980er Jahren schrieb der Politikwissenschaftler Benedict Anderson in seiner Studie: „Das Nation-Sein ist vielmehr der am universellsten legitimierte Wert im politischen Leben unserer Zeit.“ 5 Ein Ende des Nationalismus ist – ungeachtet faktischer Transnationalisierung – nicht in Sicht. Und exakt diese Erkenntnis lassen ultranationalistische, extrem rechte Forderungen für manche Menschen folgerichtig erscheinen. Warum sollte die Forderung nach einer verstärkt „national“ ausgerichteten Politik, wie sie die AfD fordert, per se falsch sein? Wie kann der Nationalstaat der ‚eigenen‘ Nation dienen, wenn zahlreiche Entscheidungen auf supranationaler Ebene getroffen werden? Die extreme Rechte macht sich diese Diskrepanz zu Nutze und fordert eine Renationalisierung, in dem sie gesellschaftliche Probleme aus einer völkisch-rassistischen Perspektive heraus deutet und gegen Entwicklungen wettert, die eine nationalstaatliche Politikgestaltung konterkarieren und die idealisierte „nationale Souveränität“ und „nationale Identität“ in Frage stellen: Europäisierung, Globalisierung, Supranationalisierung, Transnationalisierung.

Es bleibt abzuwarten, ob es den europäischen Nationalisten gelingt, gesellschaftliche Missstände, wie die EU-Schuldenkrise und eine hohe Jugendarbeitslosigkeit, aber auch die sogenannte „Flüchtlingskrise“ politisch durch eine Renationalisierung zu beantworten und vermeintliche innere und äußere Feinde – wie ‚den Islam‘ oder ‚die Flüchtlinge‘ – gesellschaftsfähig zu etablieren. Wie ausgrenzend sich die europäischen Nationskonzepte entwickeln, wird auch davon abhängen, ob die Nation abstammungsorientiert (ethnic conception of the nation) oder republikanisch-freiheitlich (civic model of the nation) gedacht wird. 6 Es ist davon auszugehen, dass solange der Nationalstaat als zentraler Referenzrahmen für Politikgestaltung gesetzt wird, sich Menschen für politische Projekte interessieren und begeistern werden, die den Nationalstaat wieder zum Dreh- und Angelpunkt aller gesellschaftlichen oder besser gesagt „nationalen“ Fragen erheben.

Warum ist es also attraktiv, Nazis für doof zu erklären?

Die Gründe sind banal. Wir können über ‚sie‘ lachen. Sie haben nichts aus der Geschichte gelernt! Sie sind die dummen Anderen. Wir müssen uns nicht mit der ideengeschichtlichen Grundlage des Völkischen Nationalismus und den unterschiedlichen Strömungen innerhalb der Szenen beschäftigen. Wir müssen uns auch nicht mit dem eigenen Verhältnis zum Nationskonzept, dem die Herstellung „Fremder“ immanent ist, auseinandersetzen. Für Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft – also deutsche Staatsbürger – eine Selbstverständlichkeit, die mit all ihren (rechtlichen) Privilegien nicht immer reflektiert wird. Auch kann die Beschäftigung mit dem (eigenen) Antiziganismus, Antisemitismus, Rassismus und Sexismus – alles Fragmente extrem rechter Weltanschauung – ausbleiben.

Unterm Strich lässt sich das komplexe Problem des Rechtsextremismus auf eine einfache und verharmlosende Formel verkürzen. Auch wenn es bekanntermaßen „Bierzeltnazis“ und verlachende Aktionen – falsch gemalte Hakenkreuze, peinliche Rechtsschreibfehler, Nazi-Reggae, Döneressende NPD-Funktionäre und vieles mehr – gibt, sagt eine solche Aussage letztlich mehr über den eigenen Standpunkt aus. Sie stellt keine inhaltliche Auseinandersetzung mit völkischem Denken dar und verkennt, dass die extreme Rechte kein hermetisch abgeriegelter, monolithischer Kosmos der Gesellschaft ist, sondern ein Zusammenspiel verschiedener demokratiefeindlicher und menschenverachtender Diskurse und Praktiken, politischer Strömungen und Projekte. Diese aber lassen sich nicht pauschal als dumm oder ewiggestrig abtun. Davon zeugt übrigens auch die umfangreiche Sammlung rechtsextremer Publizistik im DISS-Archiv. Und ja, natürlich können wir auch über Nazis lachen, wenn das Problem des Rechtsextremismus auch inhaltlich bearbeitet wird.

  1. https://www.youtube.com/watch?v=rmjTTKw2RJs []
  2. Vgl. http://www.rp-online.de/nrw/staedte/kleve/fuer-die-kunst-und-die-freiheit-aid-1.2953748 []
  3. Oliver Decker, Johannes Kiess, Elmar Brähler (Hg.) Die enthemmte Mitte. Autoritäre und rechtsextreme Einstellung in Deutschland, 2016, S. 38 []
  4. Ebd., S. 50. []
  5. Anderson, Benedict R: Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts, 2 Aufl., Frankfurt am Main 2005. S. 11-54, S. 12-13. []
  6. Vgl. Salzborn, Samuel: Nation und Nationalismus im 21. Jahrhundert (Einleitung), in: Ders. (Hrsg.): Staat und Nation: Die Theorien der Nationalismusforschung in der Diskussion, Stuttgart 2011, S. 9-13. []

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