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Der „kleine Mann“ und sein großer Auftritt – mal wieder

 

Von Wolfgang Kastrup. Erschienen in DISS-Journal 33 (2017)

Es sind Wahlkampfzeiten und die Politik entdeckt mal wieder den „kleinen Mann“ bzw. die „kleinen Leute“, um korrekt geschlechtsneutral und im Plural zu reden. So Martin Schulz, SPD Kanzlerkandidat und neuer Hoffnungsträger für die sozialdemokratische Seele. Er fordert Respekt für die „kleinen Leute“, die er bei den Busfahrern, Krankenschwestern, Kellnern und Polizisten zu finden glaubt. Wenn man mit Milliarden Banken gerettet habe, müsse man nun mit Milliarden Familien entlasten. (vgl. WAZ v. 02.03.17) Anscheinend, so muss man schlussfolgern, hat es bisher an diesem Respekt gefehlt. Und das, obwohl die Parteigenossen doch seit etlichen Jahren in der Regierung mit Verantwortung tragen.

Aber augenscheinlich galt der politische und ökonomische Respekt, so muss man weiter folgern, bisher nur der Rettung der Banken. Schulz lässt sich feiern und kokettiert damit, dass er, „Sohn einfacher Leute“, zu seiner Herkunft stehe und deshalb wisse, wie „einfache Leute“ denken und welche Sorgen und Probleme der Alltag mit sich bringe. Den Bezug auf den „kleinen Mann“ oder die „kleinen Leute“ benutzt nicht nur die SPD, sondern auch die anderen Parteien greifen darauf zurück.

„Der kleine Mann ist – und bleibt – eine der wirkungsmächtigen Sozialfiguren, die das 20. Jahrhundert hervorgebracht hat. Ein Vorführmodell und ein Phantom. Eine Phrase, die immer dann Konjunktur hat, wenn es im gesellschaftlichen Gebälk knirscht. Die Rentendebatte, die Diskussionen um TTIP, die sogenannte Flüchtlingskrise: Eifrig wie lange nicht mehr konkurrieren derzeit die selbsternannten Anwälte des kleinen Mannes wieder mal um dessen Mandat.“ (Markwardt, Nils: Kleiner Mann, warum? In: der Freitag v. 19.05.2016)

Wenn so häufig über ihn gesprochen wird, stellt sich die Frage: Wer ist das überhaupt, der „kleine Mann“ und wofür steht er? Klar ist, dass seine Wirkungsmacht gesellschaftlich äußerst begrenzt ist, d.h., er ist wenig einflussreich und braucht deshalb auch starke Fürsprecher*innen. Dies impliziert, dass er finanziell nicht auf Rosen gebettet ist, ein Durchschnittsverdiener eben, vielfach auch als ‚schweigende Mehrheit‘ bezeichnet. Für das Einfordern seiner Interessen gegen ‚die da oben‘, gegen die politische und ökonomische Elite, geht er selten auf die Straße. Und sowieso weiß er, dass bei Fehlverhalten ‚die Großen‘ laufen gelassen werden, während der ‚kleine Mann‘ gehängt werde. Er hat die ‚Zeche zu zahlen‘, denn ‚mit ihm kann man es ja machen‘. Auch in der Literaturgeschichte ist das Kollektivsubjekt „kleiner Mann“ vielfach Thema gewesen, so z.B. in Hans Falladas Roman Kleiner Mann – was nun? Nils Markwardt (vgl. oben) verortet ihn soziologisch als Sammelbegriff „irgendwo zwischen oberer unterer Mittelschicht und unterer oberer Unterschicht“.

Schichtmodelle ignorieren aber oftmals die kapitalistischen Produktionsverhältnisse als Ausdruck sachlicher Verwertungslogik. In dem Begriff „kleiner Mann“ drückt sich ein Klassenverhältnis aus, das auf ein Herrschaftsverhältnis verweist. Auch wenn die heutige gesellschaftliche Sozialstruktur feiner differenziert ist, als Klassenstruktur wird sie weiterhin über die kapitalistischen Produktionsverhältnisse bestimmt. Die Lebenschancen des „kleinen Mannes“, der „kleinen Leute“ sind so klassenstrukturell bedingt, trotz neuerer Differenzierungsformen in Form von Geschlecht, Milieu, Lebensweisen und transnationalen Veränderungen. Die kapitalistischen Eigentums- und Produktionsverhältnisse, die für die gesellschaftliche Verteilung des Reichtums bestimmend sind, entscheiden über die klassenspezifischen Lebenschancen. Und noch immer bestimmt der „stumme Zwang der ökonomischen Verhältnisse“ (Marx) über die Nachfrage nach Arbeit und damit den Arbeitslohn. Die Reproduktionskosten der Ware Arbeitskraft sind entscheidend für deren Wert. Das schließt auch die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt ein, wo trotz gewerkschaftlicher, oft aber nur halbherziger Gegenwehr, ein Ausspielen zwischen Stammbelegschaften, prekär Beschäftigten und scheinselbstständigen Arbeitskräften stattfindet.

Die Ansichten, das Bewusstsein des „kleinen Mannes“, der „kleinen Leute“ sind weder per se emanzipatorisch oder gar revolutionär. Geprägt sind sie eher als Forderungen an den Staat, für Gerechtigkeit und einen sozialen Ausgleich zu sorgen. Die Grundlagen kapitalistischer Eigentums- und Produktionsverhältnisse werden quasi als naturwüchsig akzeptiert. Der Staat, angeblich eine neutrale Instanz, wird für die Kritik in Anspruch genommen, nicht das zu bekommen, was einem im Namen der Gerechtigkeit zusteht. Dies kann sich auf die Höhe der Löhne und der Renten beziehen, aber auch auf Probleme der Sicherheit, der Kriminalitätsbekämpfung, der Höhe der Mieten oder der zu hohen Managergehälter. Gerechtigkeit wird dabei als eine übergeordnete Norm anerkannt, die es einzuhalten gelte, die aber je nach dem eigenen Interesse interpretiert wird. Die Klagen an die Adresse des Staates werden von diesem allerdings nicht als ungerechtfertigter Angriff gewertet oder als unzulässige Kritik an der staatlichen Regierungsweise, sondern Gerechtigkeit als Norm wird anerkannt und selbst als Ausdruck des Handelns in Anspruch genommen. Staatliche Herrschaft soll gerecht sein. Und so wird, gerade zu Wahlkampfzeiten, Gerechtigkeit zu einem Dauerbrenner und zu einem Konkurrenzmittel zwischen den Parteien. Gerecht soll es zugehen auf der Grundlage einer marktwirtschaftlichen Ordnung, die selbst nicht in Frage gestellt wird. Deshalb gehört Gerechtigkeit konstitutiv zu einer gesellschaftlichen Ideologie, die immer wieder den „Naturgesetzen der Produktion“ (Marx) angepasst werden muss.

Die Sozialfigur des „kleinen Mannes“ ist jedoch ambivalent. Die Abgrenzung von ‚denen da oben‘, von der Elite, von den Mächtigen einerseits korrespondiert auch mit einem völkischen Denken andererseits, mit einem Nationalismus, der ohne einen Rassismus nicht zu haben ist. Es ist das berüchtigte Treten nach unten, gegen die, die angeblich sozial noch ‚tiefer stehen‘, gegen unerwünschte Zuwander*innen, gegen Muslime, gegen sogenannte Sozialschmarotzer*innen. Unterstellt wird eine politische und kulturelle Homogenität des Volkes und als solches habe man das Recht, die Regierenden an ihre Pflicht gegenüber dem deutschen Volk zu erinnern. Es geht also nicht um die Ursachen der materiellen Lebensbedingungen im Konkurrenzkapitalismus, sondern es geht um die Sortierung in Deutsche und unerwünschte Ausländer*innen. Wenn die Ausgrenzung und Abschottung nicht konsequent genug umgesetzt wird, steigert sich die Kritik zu Wut und Hass und brennenden Flüchtlingsheimen.

Abschließend dazu einige Bemerkungen des Psychoanalytikers Wilhelm Reich (1897-1957), in den 1960er und 1970er Jahren der Studentenbewegung heftig und kontrovers diskutiert, der 1946 bezüglich des „kleinen Mannes“ Folgendes verfasste:

„Du stattest Mächtige mit mehr Macht oder Ohnmächtige mit bösem Willen aus, um dich zu vertreten. Zu spät entdeckst du, daß du immer wieder der Betrogene bist.“ […] Du bist ein ‚kleiner, gemeiner Mann‘. Versteh den Doppelsinn dieser Worte: ‚klein‘ und ‚gemein‘….“ […] Deine Befreier sagen dir, daß deine Unterdrücker Wilhelm, Nikolaus, Papst Gregor der 28., Morgan, Krupp, Ford heißen. Deine ‚Befreier‘ heißen Mussolini, Napoleon, Hitler, Stalin. Ich sage dir: Dein Befreier kannst nur du sein!“ (Reich, Wilhelm 2013: Rede an den kleinen Mann, zuerst 1948, Frankfurt/ M., 14/17).

Wolfgang Kastrup ist Mitarbeiter des DISS.

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