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Bemannte Rettungsboote

 

Mit Heldenmut gegen Dekadenz und „Mutterschiff“: Das IfS und die Tristesse Droite.
Von Tobias Wallmeyer. Erweiterte Fassung des Beitrags: „… diese warme Badewanne, in der unser Volk ertrinkt“, erschienen in DISS-Journal 33 (2017)

Anfang Juli 2015 geben Götz Kubitschek und seine Ehefrau Ellen Kositza im Verlag Antaios den Gesprächsband „Tristesse Droite. Die Abende von Schnellroda“ heraus. Wiedergegeben sind darin Gespräche die Ende Dezember 2013 zwischen sieben ‚Intellektuellen’ aus dem Umkreis des Instituts für Staatspolitik (IfS) und der neurechten Zeitschrift Sezession stattfanden. Neben den Herausgebern nahmen Nils Wegner, Martin Lichtmesz, Erik Lehnert, Thorsten Hinz und ‚Raskolnikow’ (Pseudonym) teil. Bemerkenswert ist Tristesse aus zwei Gründen. Einerseits ermöglichen die Gespräche einen Einblick in die Selbst- und Weltanschauung einiger sich als maßgeblich verstehenden Akteure der Neuen Rechten. Besonders auffällig sticht dabei ein bestimmtes Verfallsempfinden hervor, dass sich der von Kurt Lenk beschriebene Trias Dekadenz-Apokalypse-Heroismus zuordnen lässt.1 Andererseits eröffnen die Gespräche eine Binnenperspektive auf den metapolitischen Richtungsstreit im so genannten jungkonservativen Lager – zwischen der Jungen Freiheit (JF) und dem IfS. Tristesse Droite ist in diesem Rahmen eine Art Stellungnahme. Auf der Internetpräsenz der Sezession heißt es: „Wer nach der Lektüre noch dumme Fragen zu unserer Verortung stellt oder mangelhafte Differenzierung vermutet, will oder kann nicht lesen“.2 Zunächst werden in diesem Artikel die Verfalls-Motive aufgegriffen und erläutert. Im zweiten Teil soll darauf aufbauend die Binnenperspektive deutlich werden. Ziel dieses Artikels ist es unter anderem ein Gefühl für die moralische Selbst- und Weltinterpretation der Akteure zu vermitteln.

„… diese warme Badewanne, in der unser Volk ertrinkt

Laut Kubitschek soll mit Tristesse Droite „neurechter Geist in seiner ganzen Breite und Tiefe“ vorliegen. ( 183) Als integratives Element – gewissermaßen als Fluchtpunkt im Weltbild der Gesprächsteilnehmer – erscheint jedoch immer wieder ein altbekanntes Ideologem rechter Zeitauslegung: Der Verfall. Wie ein roter Faden zieht sich der Eindruck von „Niedergang“, „Abstieg“ und „Zersetzung“ durch die vier Gespräche. (53, 55, 61, 147, 150, 154, 158, 147) Die sprachlichen Etikettierungen reichen von Verhältnissen, die „einfach Scheiße“ sind, bis zur „zerfallende[n] Zivilisation“, sogar ein Vergleich mit dem Römischen Reich findet sich. ( 52, 69, vgl. 145.) Nach Kurt Lenk ist es eine Gemeinsamkeit in der Weltanschauung vieler Vordenker der Neuen Rechten, dass das gegenwärtige ‚moderne’ Weltgeschehen als Ausdruck einer historischen Abwärtsbewegung verstanden wird. Der Hauptbegriff entsprechender Zeitdiagnosen ist der der Dekadenz.

Auf lebensphilosophischer Ebene liegt diesen Ansichten meist eine Art Entfremdungserfahrung zugrunde. (Vgl. Lenk, Kurt/Meuter, Günter/Otten, Henrique Ricardo: Vordenker der Neuen Rechten. New York: 1997.)) In Tristesse Droite ist die Rede von einem „Gefühl der Leere“, vom Verlust der „Tiefe“ und der „Intensität eines Gefühls, und des Seins“. Besonders der „Auszug des Sakralen“ – m.a.W. die Entzauberung – „die Wüste um sich herum“ und die Trennung des Menschen von seiner Natur werden in diesem Zusammenhang diskutiert. (105, 42, 43, 160, 101 & vgl. 99ff.)

Damit das Dekadenz-Konzept sinnvoll erscheinen kann, muss nach Lenk stets von einem (imaginierten) Zustand ausgegangen werden, von dem wir ‚abfallen’ bzw. der als Bewertungsstandard gilt. Das Ideal, dass der Weltanschauung des IfS zugrunde liegt, deutet Kubitschek mit dem Verweis auf Preußen und die Wehrmacht an („eine ungeheure Höhe, von der wir runtergefallen sind“). Mehrfach schwärmt er in diesem Zusammenhang von einem „in Form gebrachten Volk“. Den entsprechenden Standard erklärt er später so: „Nur die in Form gebrachte Masse ist eine, mit der man leben will, eine Masse, die einfach geordnet ist auf bestimmte Art und Weise“. (148, 158, vgl. 147ff, 162.)

Es ist ein Verlust des Zaubers bei den „Symbolen der Rangordnung“, der den Anwesenden vor diesem Hintergrund als folgenreichstes Verfallselement erscheint. (60) Gemeint sind damit Unterscheidungskriterien, die im Stile des Ancien Régime eine soziale Hierarchie begründen. Strukturierende ethische Kategorie dieser idealen Ordnung wäre ein vor-moderner und anti-egalitärer Begriff der Ehre (honor), der nach dem Motto Ehre dem, dem Ehre gebührt im Widerspruch zum universellen Begriff der Menschenwürde (dignity) steht.3 Dem „konservative[n] Begriff vom Leben“, den Kubitschek gegen den Verfall verteidigen will, liegt ein „Begriff der Würde“ zugrunde, der in diesem Sinne anti-egalitär und inkompatibel mit dem „Jeder-Mensch-ist-wertvoll-Geschwätz“ ist. (43, 179 & vgl. 150.) Mit Carl Schmitt ließe sich sagen, dass alleine die Zugehörigkeit zur Gattung Mensch für Kubitschek noch kein würdevoller oder ehrwürdiger Verdienst ist.4

Als geschichtliche Triebkraft des Verfalls wird in diesem Zusammenhang die „Zugkraft des historischen Golfstroms nach links“ angeprangert.5 Kubitschek zufolge entwürdigt besonders der Egalitarismus dieses Ideal des ehrlichen Lebens. Die Gleichheitsideale der Aufklärung würden, mit Lichtmesz gesprochen „die Existenz objektiver Maßstäbe verleugnen“ (wie die „innere oder moralische Wahrheit“ der Ungleichheit der Menschen). Sie zersetzten im Grunde „[a]ll das, was ein Konservativer unterschreiben kann als notwendiges Sortierungskriterium innerhalb einer Gesellschaft“. (119, 43, vgl. 75ff.)

Ein solcher Verfall hat den Anwesenden zufolge fatale Folgen für das Volk. Ein Identitäts-Problem drohe, gehen die Anwesenden doch vom Menschen als ‚Mängelwesen’ (Arnold Gehlen) aus.6 Die Identität des Einzelnen stünde dieser Anthropologie zufolge in einer direkten Abhängigkeit zu übergeordneten Institutionen und Norm-Systemen – d.h. gesellschaftlichen Hierarchien, Autoritäten, ehrwürdigen prototypischen Verhaltensmuster, sozialen Rollen etc. Es ist dieser Anthropologie zufolge der Platz den das Individuum in den (organischen) Strukturen des Volkes einnimmt der seine Identität bestimmt, nicht etwa das besondere Verhalten oder die Selbst-Interpretation des je Einzelnen.

Im gesamtgesellschaftlichen Kontext wird der Verfall in Tristesse deshalb auch synonym zur Individualisierung besprochen. So heißt es, dass das Volk mit dem Aufweichen der konservativen Institutionen zur Bevölkerung „eingekocht“ werde. Wir stünden wie Kierkegaard da, erklärt Wegner, „das unsichtbare Band, […] das alles irgendwie zusammengehalten hat, das haben wir zerschnitten und jetzt glaubt keiner mehr dran“. (154, 59   )

Besonders emanzipatorische Politik erscheint so als Problem. Die erhoffte Befreiung des Individuums sei den Anwesenden zufolge nicht nur illusorisch, realgeschichtlich sei sie in ihr Gegenteil umgeschlagen. Aus den Institutionen des Volkes herausgelöst werde der Einzelnen nicht befreit, sondern lediglich den „Effizienzkategorien des stahlharten Gehäuses“ überlassen. Der „Staatsfeminismus“ arbeite beispielsweise bloß daran, dass auch die Frau in eine kapitalistische Verwertungslogik („ins Getriebe“) eingeordnet wird. (58) Zugrunde liegt hier offenbar die Überzeugung, dass der Begriff des ehrlichen Lebens der einzig gültige und mögliche sei. (Vgl.  46f.) Die Ablehnung von Sortierungskriterien würde bedeuten, dass ‚wir’ den Menschen „der Moderne ausliefern“, in deren kapitalistischen Strukturen er geradewegs zum „Kunstprodukt“ werde. Statt Pluralisierung beobachten die Anwesenden deshalb auch eine Einebnung von Unterschieden. Mit dem kulturindustriellen Muster „Küblböck neben Goethe“ finde im Verfall eine Art „Gleichschaltung“ statt. Im Anschluss an die anthropologischen Grundannahmen sind es schließlich die „Traditionen und Strukturen, die die Menschen voneinander unterscheiden“. (41ff, 60)

All das münde letztlich in einen Zustand beispielhafter Dekadenz. Mit der Entzauberung der Ehre als maßgebendem Motiv kommen wir hier zu Nietzsches „letzten Menschen“: Da laut Lichtmesz mit den ‚Symbolen der Rangordnung’ auch die „Intensität“ und der „Sinn“ des Lebens ausgehöhlt würden, herrsche gegenwärtig das „Mittelmaß“. (55, 58f.) Ein „Massenmensch“ habe sich ausgebreitet, der in der gleichschaltenden Verwertungslogik der „Massenmaschine“ zufrieden sei, solange er nur qua „Selbstprostitution“ in relativem Wohlstand leben könne – und den wir Lehnert zufolge deshalb auch „minderwertig“ nennen dürften. Hinz spricht von „Massentierhaltung“ und Kubitschek sieht eine „warme Badewanne, in der unser Volk ertrinkt“. (22, 149, 161, 41, 61

Auch die „Macht dieser Leute, die diesem Apparat“ des politischen Systems vorsitzen, reiche nicht aus, um aufhaltend einzugreifen. Das „stahlharte Gehäuse“ mit seinen „Verhaltensregeln“ und „Existenzgesetzen“ würde die Verwaltung und „Versorgung“ zur „Hauptaufgabe“ der Politik machen. Die „Handlungsfreiheit von Politikern“ sei damit zu stark eingeschränkt; sie müssten sich „brav an die Regeln halten“ meint Hinz, so dass über das Parlament höchstens „minimal verändernd“ eingegriffen werden könne. Mit den schwerwiegenden Problemen der Nation (die beiläufig mit „Eurokrise“ und „extremem [sic] Ausländeranteil“ umschrieben werden) könne man so überhaupt nicht umgehen. „Vision“ und ein „überschießendes Moment“ gäbe es leider in diesem „System“ nicht mehr. (14, 19, 21.)

Revision der „Traditionskompanie“

Verfalls- und Dekadenzdiagnosen gelten als Schlüsselelemente in den Gedankengebäuden eben jener konservativ-revolutionärer Geistesgrößen, mit denen sich Kubitschek & Co. in Tristesse offenbar in eine Kontinuitätslinie stellen wollen. Die Dekadenz ist, so könnte man sagen, die Prämisse schlechthin für die Konservative Revolution. Wo es traditionell das zentrale Anliegen eines Konservativen ist, gewisse Bestände zu ‚bewahren’, ist dem revolutionären Konservativen bewusst, dass angesichts des Verfalls ein gewissermaßen vorwärtsstrebendes, wieder- oder neubelebendes Moment notwendig sei. Mit einem Begriff Armin Mohlers, den die Gesprächsteilnehmer übernehmen gelte es gegenwärtig nicht zu konservieren, sondern zu „setzen“. Die Idee ist dabei, an „eine (verschüttete) Konstante“ anzuschließen, an etwas „ewig“ Gültiges und nicht am Bestehenden.7

Zwei Begriffe spielen in diesem Zusammenhang eine besondere Rolle. Einerseits verstehen die Anwesenden sich als katechontische Kraft, d.h. als geschichtliche Aufhalter die mit der ‚Wahrheit’ in der Hand gegen den Verfall und die drohende Apokalypse Stellung beziehen. (Vgl. S. 26, 63, 101.) Andererseits schließt an diese Position eine metapolitische Strategie an, die mit dem Begriff der Traditionskompanie’ beschrieben wurde.

Karlheinz Weißmann, bis April 2014 wissenschaftlicher Leiter des IfS und Redakteur der Sezession, schrieb in einem Artikel 2006 diese Kompanie bezeichnend von „einer kleinen Gruppe, die in der Lage ist, das Volksbewusstsein zu verbreiten“. Diese Elite soll „Identitätselemente“ sammeln die ein „Zusammengehörigkeitsgefühl“ begründen würden. Mit Hinblick auf die Mängelwesen-Anthropologie sind diese identitätsstiftenden Elemente etwa die Institutionen und Normen einer Ehrenethik. Kubitscheks Berufung auf das Preußentum ist in diesem Zusammenhang als ein Verweis auf das ‚Ewige’ zu verstehen, das entsprechend der konservativ-revolutionären Idee der Dekadenz entgegengesetzt werden müsse. Übersetzt wird dieser Gedanke in die metapolitische Mission, das „Volksbewusstsein“ ein „größeres soziales Ganzes zu sein“ pädagogisch zu reaktivieren.8

Mit Kubitscheks Worten soll also die „deutsche Seele“ gegen die Dekadenz und den Verfall eingesetzt werden. Sich auf diesen Begriff Weißmanns beziehend spricht er in Tristesse auch vom „Klebstoff“, der das eigene Lager zusammenhalte. (26, 37)

Gemeint ist hier das so genannte jungkonservative Lager der neuen Rechten, das neben dem IfS insbesondere die Wochenzeitung Junge Freiheit mit einschließt. Geeint sind diese beiden Projekte in ihrem ideengeschichtlichen Bezug zur Konservativen Revolution. So finden sich im „Leitbild“ der JF und in einem Artikel Dieter Steins (Chefredakteur der JF) über das „konservative Minimum“ Selbstbezeichnungen, Ideale und Verfallsdiagnosen die mit denen in Tristesse übereinstimmen: Der „entscheidende Ordnungsfaktor und Identitätsstiftende Rahmen“ sei die Nation; entgegen einer „Gleichheitsutopie“ werde von einem „realistischen, skeptischen Menschenbild“ ausgegangen; und es gehe nun darum in der „Position des Katechon“ die „Kräfte des Fortschritts und der Dekadenz“ zu bändigen. IfS und JF wurden ursprünglich auch als ein arbeitsteiliges metapolitisches Projekt im Sinne der „Traditionskompanie“ gedacht: das IfS als Kaderschmiede der Elite und die JF als publizistischer ‚Verbreiter’ der völkischen Geistes.9

Trotz dieser Parallelen entwickelte sich schon einige Zeit vor Tristesse Droite ein lagerinterner Konflikt, der insbesondere mit der 2013 aufkommenden Alternative für Deutschland  (AfD) zusammenhängt.10 Kubitschek spricht in den Gesprächen von einer „Zäsur“ hinsichtlich der Frage, „wie man sich jetzt eigentlich metapolitisch positioniert“. (114, 18)

Deutlich werden die Bruchlinien und Spannungen besonders dadurch, dass Kubitscheks Weißmanns Begriff der ‚Traditionskompanie’ zur Diskussion stellt. (Vgl. 26 & 30ff.) Angesichts der Tatsache dass Karlheinz Weißmann sich schon im Vorfeld der Gespräche von Kubitschek und dem IfS abwandte, um sich im April 2014 endgültig der Linie der JF anzuschließen, scheinen diese Auseinandersetzungen nicht ohne Kalkül stattzufinden.11

Hauptkritikpunkt ist dabei das Engagement der JF für die damalige AfD. In den Augen der Anwesenden entfernen Weißmann und Stein sich vom „metapolitischen Maximalziel“ indem sie mit der JF als „publizistische[m] Organ“ der AfD bloß auf einer realpolitischen Ebene des „Machbaren“ eingreifen wollen. Grundsätzlich scheinen die Anwesenden das für ein Abrücken vom „Minimalkonsens“ der konservativ-revolutionären Idee zu halten. So heißt es, dass die JF sich von dem eigenen Lager abwende, „deren Mutterschiff sie eigentlich“ sei. (126f, vgl. 159) Mit Lichtmesz‘ Worten schwebt das Verdikt der „unauthentischen Rechten“ im Raum und Kubitschek deutet an: „Sie heißt zwar noch Junge Freiheit, aber […]“. (104, 120)

Aufgrund der Annäherung an die Realpolitik fehlt in ihren Augen der für die konservative Revolution notwendige Bruch mit dem Bestehenden. Dadurch, dass die JF „modern und moderat“ Anschluss an den „Menschenverstand […] der Mitte“ suche, ordne sie sich in eben das ‚System’ ein, das die Anwesenden in ihren Gesprächen so vehement kritisieren. (127, 19) Auch die AfD, an die sich die JF anbiedere sei laut Wegner „systemstabilisierend und völlig, wirklich völlig irrelevant für die eigentlichen Probleme“. (15) Ginge es nach Raskolnikow sei es bereits ein Fehler, „die vom Gegner gewünschte Grundannahme über das Funktionieren der liberalen Gesellschaft“ zu übernehmen, d.h. mit Kubitscheks Worten „die Grundannahme, daß in einer Demokratie das Wort etwas wert ist und daß unsere Gesellschaft eine vernünftige“ sei. (120, 45) Die Dekadenzdiagnose und das Verfallsempfinden, dem sie in Tristesse Droite so nachdrücklich Ausdruck verleihen konterkarieren diese Annahmen. Vieldeutig schließt er an: „Ich kenne Leute, die immer noch davon ausgehen, daß es so ist. Ich glaube das mittlerweile nicht mehr“. (Ebd.) Sogar Hinz, der immerhin Redakteur der JF ist, erklärt: „Das hieße ja, ans Irrenhaus anschlußfähig zu werden“. (129)

Aus dieser Auseinandersetzung mit der JF und Weißmanns Begriff der Traditionskompanie entwickeln die Anwesenden ein positives Bild ihres Standpunktes. Zwar hegt Kubitschek Sympathien für den „volkspädagogische[n] Anspruch“ der ‚Traditionskompanie’ – er befürwortet eigentlich, dass das Volk „erzogen, gehoben, geordnet“ wird, aber seiner Ansicht zufolge seien die Voraussetzungen dafür in der gegenwärtigen „Massengesellschaft“ kaum mehr gegeben. (146, 22 & vgl. 32Ff, 71.) Dem Verfall und der Ausbreitung des letzten Menschen sei mit entsprechend seichten pädagogischen Mitteln nichts entgegenzusetzen. Kubitschek trifft so letztlich die Aussage: „Die Traditionskompanie ist nicht der Leitbegriff“.12

Anstelle der Anschlussfähigkeit an das Gegebene stünden sie – das IfS und die Sezession – dagegen für eine „antiutopistische Realbindung ans Leben“, für „expressive Loslösung“ und eine metapolitische Strategie die „radikal entlarvend“ ist. (135, 104, 18 & vgl. S. 132ff.) Sie stünden trotz oder gerade wegen der  Dekadenz für die „Form“ und die „Haltung“ der Konservativen Revolution – und somit letztlich für die „Setzung statt für die Debatte“. 13

Es scheint also, dass sich die Anwesenden, um auf Kurt Lenks Trias zurückzukommen, der Apokalypse bereits so nahe fühlen, dass sie sich zu einem Heldenmut aufgerufen fühlen der sie über die pädagogische und realpolitische ‚Mutterschiff’-Strategie hinausträgt. Kubitscheks Vorstellung der Rolle, die IfS und Sezession zu spielen haben entspräche deshalb einem anderen Begriff als dem der ‚Traditionskompanie’: „Es ist gleichzeitig ein heroischer und hoffnungsloser Begriff: der verlorene Posten […] der kleine, schlagkräftige Trupp, der nicht dem Erscheinungsbild der regulären Truppe entspricht, der selbständig operiert und den Auftrag nie aus den Augen verliert“.14

Fazit

Als Kernelement aus der Weltanschauung in die uns Tristesse Droite einen Einblick gibt scheint bei näherem Hinsehen das pessimistische Menschenbild hervorzutreten. Es ist die Prämisse des Mängelwesens, die den Anwesenden eine ‚ehrliche’ anti-egalitär geordnete Lebenswelt unentbehrlich erscheinen lässt. Das Ideal, von dem sie hier auf den Verfall und die Dekadenz herabschauen, ist eines, das sich an Preußen und der Wehrmacht orientiert und an das in Form gebrachte Volk. Nachdrücklich machen sie ihrer Überzeugung Luft, dass das Gegenwärtige dieser „eigentlichen Substanz des Volkes“ nicht würdig sei. (26 & vgl. 172.)

Mit dem, was ist, anschlussfähig in einen Dialog oder eine Debatte zu treten, erscheint ihnen sinnlos. Systemimmanent sei dem Untergang des Volkes nichts mehr entgegenzusetzen. Eine Diagnose die zentral für die katechontische Haltung der konservativen Revolution ist und letztlich die Binnenperspektive auf den lagerinternen Konflikt deutlich macht. Die realpolitische Strategie der JF bedeutet den Anwesenden, dass der notwendige Bruch mit dem Bestehenden fehle. Die daran anschließende Ablehnung von Weißmanns Begriff der ‚Traditionskompanie’ zeigt außerdem das Bestreben der Anwesenden, sich einer Art Eigenständigkeit und Integrität unabhängig vom „Mutterschiff“ zu vergewissern.

Der Unterschied und respektive die Fronten zwischen JF und IfS sollten jedoch nicht überschätzt werden. Unabhängig von den Grundsätzen der Konservativen Revolution sind es vielleicht nur Selbstbild und Strategie, die sich zwischen den beiden Projekten gegenüberstehen. Tristesse Droite macht zumindest deutlich, dass die „Truppe“ um Kubitschek sich im Kontrast zur JF als wirklich authentische Rechte versteht und dass sie sich deshalb folgerichtig legitimiert sieht, ihre katechontische Haltung offener und rücksichtsloser zu äußern als Weißmann und Stein das täten. Lichtmesz bringt den Gesamtkomplex von Innen- und Binnenperspektive mit all seinen Implikationen von Größenwahn und ideologischer Besessenheit auf den Punkt, indem er Joachim Fernau (Ehemaliger Frontberichterstatter der Waffen-SS) zitiert: „Handeln Sie so, als ob Ihre eigene Integrität den Zerfall der Welt, das Chaos aufhalten könnte“. (100f.)

Wie konsistent solche Selbstwahrnehmungen und das reale Verhalten der Akteure sind ist eine andere Frage. Es darf aber nach Meinung des Autors angenommen werden, dass hier der Ton schon die ‚Musik‘ macht und dass diese ethische Selbst- und Weltinterpretation einen nicht unbedeutenden Hintergrund für das Verständnis politischer Handlungsmotive im Allgemeinen abgeben. Man denke hier an Kubitschek, der am 16.10.2016 bei PEGIDA den Spaziergängern einreden will, dass ihnen eigentlich ein Denkmal zustehe („Der Osten hält stand!“ heißt es mehrfach).15 Auch die aktuellen Flügelkämpfe in der AfD und die gezielten Provokationen einiger (in die Reihen des IfS vernetzter) Parteiakteure erscheinen vor diesem Hintergrund möglicherweise etwas einleuchtender.

Tobias Wallmeyer studiert in Bielefeld Politikwissenschaft, Literaturwissenschaft und Ethik.

  1. Vgl. Lenk, Kurt: Das Problem der Dekadenz seit Georges Sorel. In: Heiko Kauffmann/Helmut Kellershohn/Jobst Paul (Hg.), Völkische Bande. Dekadenz und Wiedergeburt – Analysen rechter Ideologie, Münster: 2005, S. 49 – 63. []
  2. Kubitschek, Götz: Der Film des Instituts für Staatspolitik zur den Akademien in Schnellroda, Sezession im Netz (SiN), v. 03.07.2015, http://sezession.de/49949. []
  3. Vgl. Berger, Peter: On the Obsolescence of the Concept of Honor. In: Hauerwas, Stanley/MacIntyre Alasdair (Hg.), Revisions: Changing Perspectives in Moral Philosophy. Notre Dame: 1983, 172 – 181. []
  4. Vgl. Lenk, Kurt/Meuter, Günter/Otten, Henrique Ricardo: a.a.O. [Fußnote 6], 87. []
  5. Der Begriff des historischen Golfstroms taucht immer wieder auf, 35, 40, 41, 145, 163. []
  6. Vgl. 21. Lehnert äußert sich später auch explizit in Abgrenzung zu Rousseaus Anthropologie (vgl. S. 154f.) []
  7. 9, 27. Der jungkonservative Albrecht Erich Günther wird im Paratext zitiert: „Konservativ sein ist nicht ein Leben aus dem, was gestern war, sondern ein Leben aus dem, was ewig gilt“. []
  8. Weißmann, Karlheinz: Biblische Lektion. SiN v. 01.04.2006, http://sezession.de/5701/. Weißmann spricht in seinem Artikel auch von „Volkwerdung“. []
  9. Leitbild der JF. In: Junge Freiheit: Der Freiheit eine Gasse. 25 Jahre Junge Freiheit. Eine deutsche Zeitungsgeschichte. Berlin 2011, 6; Stein, Dieter: Das konservative Minimum. In: Junge Freiheit 29/2017, 1 (Der Bezugspunkt des Artikels ist ein gleichnamiges Büchlein von Karlheinz Weißmann); Zur arbeitsteiligen Strategie vgl. Kellershohn, Helmut: Strategische Optionen des Jungkonservatismus. In: Regina Wamper/Helmut Kellershohn/Martin Dietzsch (Hg.), Rechte Diskurspiraterien. Strategien der Aneignung linker Codes, Symbole und Aktionsformen, Münster: 2010, 13-31, 16. []
  10. Vgl. Kellershohn, Helmut: Die AfD als „Staubsauger“ und „Kantenschere“. Turbulenzen im jungkonservativen Lager, http://www.diss-duisburg.de/2014/06/die-afd-als-staubsauger-und-kantenschere/.) []
  11. In einem Interview in der JF nennt Weißmann als Grund dafür, dass er das IfS und schon „einige Zeit vorher“ die Redaktion der Sezession verlassen hat, persönliche Differenzen und die Ablehnung die der AfD in Kubitscheks Reihen entgegengebracht wurde. Weißmann, Karlheinz: „Sonst endet die AfD als ‚Lega Ost’“. Junge Freiheit Online v. 21.12.2015, https://jungefreiheit.de/debatte/interview/2015/sonst-endet-die-afd-als-lega-ost/. []
  12. 34, Kubitschek erklärt dort unter anderem: „Das Wort Traditionskompanie verweist auf meinen pädagogischen Anteil, und der ist nicht besonders groß […]“. []
  13. 135 & vgl. 58. Die JF nennt sich im Untertitel Zeitschrift für Debatte. []
  14. 38ff & vgl. 115f. Dort ist unter anderem von einem „unappetitlichen Stoßtrupp“ die Rede. []
  15. Abrufbar ist die Rede auf YouTube, https://www.youtube.com/watch?v=D7RHqx8LWN0. []

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