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Genealogie als Kritik

 

Eine Skizze für eine Erweiterung Kritischer Diskursanalyse
Von Siegfried Jäger. Erschienen in DISS-Journal 32 (2016)

Das Konzept der Genealogie stützt sich einmal auf Karl Marx und seinen Text „Der 28. Brumaire des Louis Napoleon“ (MEW 8, 115ff.). Dort heißt es gleich zu Beginn: „Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbst gewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen gegebenen und überlieferten Umständen. Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden.“ (115) (usw.)

Zum anderen stützt sich das Konzept auf Nietzsche, der den Text „Zur Genealogie der Moral“ verfasst hat. Dieser Text ist eine Dekonstruktion der christlichen Moral seiner und weitgehend unserer Zeit. Sein Diktum „Gott ist tot“ war auch für Nietzsche selbst ein großes Problem, da für sein Selbstverständnis die Tatsache eines lebendigen Gottes fundamental war. Dies erklärt auch seine eigene wütende Auseinandersetzung mit denjenigen, die ihn deshalb radikal angriffen, verfälschten und diffamierten.
Auf Nietzsche wiederum stützt sich Michel Foucault in seinem Text „Nietzsche, die Genealogie, die Historie“ (Kleine Schriften Band 2, 166-191) Foucaults Text ist mit Marx und Nietzsches Äußerungen absolut kompatibel. Foucault orientierte sich eindeutig an Nietzsche und als hervorragender Kenner der Marxschen Schriften höchstwahrscheinlich auch an dem Brumaire-Text. Sein Bezug zu Nietzsche besteht darin, dass er dessen und Marx‘ Gedanken aufgriff und seine eigene Fassung der Genealogie daran orientierte, ohne diesen Gedanken platt zu übernehmen. Eine prinzipielle aktuelle Auseinandersetzung mit dem Konzept der Genealogie als Kritik bei Foucault und Nietzsche ist die Habilitationsschrift von Martin Saar mit dem Titel „Genealogie als Kritik“.1 Im Übrigen ist das Verhältnis von Foucault und Marx vielfach diskutiert und bei dem französischen Intellektuellen Etienne Balibar wohl am besten charakterisiert in dem Text: „Foucault und Marx. Der Einsatz des Nominalismus“.

Balibar bescheinigt Foucault, dass er sich an den Werken von Marx sein Leben lang ständig abgearbeitet hat. Die Kritik an Foucault wegen seiner angeblichen Affinität zu Nietzsche scheint daher völlig haltlos. Zum Thema Genealogie und Kritik siehe auch die interessanten Ausführungen von Ulrich Brieler in seinem Aufsatz „‚Erfahrungstiere‘ und ‚Industriesoldaten‘. Marx und Foucault über das historische Denken“.

Das bisherige Problem meiner Kritischen Diskursanalyse (KDA) war das Problem der Kritik, das Foucault anhand von Genealogie und dem philosophischen Problem der objektiven und/oder nur jeweils gültigen Wahrheit angegangen ist. Objektive Wahrheit gab es für Foucault nicht, daher auch keine Begründung für eine objektive Kritik. Dieses Problem versuchte Foucault eben mit der Genealogie anzugehen, die als solche kritisch sei, ohne sich auf einen objektiven Wahrheitsbegriff stützen zu müssen. Dies war in der bisherigen KDA bisher unterbelichtet und wird in der geplanten Neuauflage entsprechend berücksichtigt werden.

Zentral ist dabei natürlich Foucaults grundlegender Artikel. Dieser ist ein ziemlicher Hammer, (wie Nietzsche auch) und sein kritisches Potential  ist nicht so leicht zu fassen wie Marxens  Alp der toten Geschlechter. Für unsere Zwecke aber sind seine Ausführungen von besonderer Wichtigkeit.

Nicht zu vergessen ist Martin Saar‘s „Genealogie als Kritik, Geschichte und Theorie des Subjekts nach Nietzsche und Foucault“, (Frankfurt: Campus, 2007). Meine Rezension im DISS-Journal greift da noch etwas zu kurz. Wichtig für das Konzept der Kritik sind zusätzliche Möglichkeiten der Kritik, die sich auf Verletzungen zeitweilig gültiger Wahrheiten stützen, etwa Grundgesetz, Menschenrechte, Verträge, hochgehaltene Moralen ( „abendländische Werte“, Heucheleien), etc. beziehen.

Einige Überlegungen zur Materialbeschaffung für ein genealogisches Projekt

Dafür gibt es meines Wissens bisher keine „Gebrauchsanweisung“.2 Genealogische Analysen von Foucault selbst sind z.B. „Überwachen und Strafen“ sowie „Sexualität und Wahrheit“. Auch die Foucault-Biographie von Didier Eribon ist interessant, wo dieser beschreibt, wie Foucault stundenlang in Archiven herumgekrochen ist und verborgene Schätze suchte, die in der traditionellen Geschichtsschreibung kaum beachtet worden sind. Eine genealogische Diskursanalyse sollte sich in einem ersten Schritt auf eine Analyse der Gegenwart stützen, wie sie in den bisherigen Auflagen der KDA entwickelt wurde. Schwieriger ist allerdings die Beschaffung der Materialgrundlagen für die Analyse des historischen Hintergrundes. Diese kann sich jedoch zusätzlich auf die traditionelle Geschichtsschreibung stützen, die allerdings sehr präzise auf ihre Vollständigkeit hin befragt werden sollte. Interessante Materialien ergeben sich hier auch bei der Untersuchung historischer diskursiver Ereignisse, da diese die weitere Entwicklung ganzer Diskurse bis hinein in die Gegenwart prägen. Es empfiehlt sich zudem genealogische Analysen Foucaults daraufhin zu überprüfen, wie er selbst bei der Materialbeschaffung verfahren ist. Ein bisschen Phantasie und Experimentierfreudigkeit sind dabei, wie immer bei Diskursanalysen, zusätzlich gefragt.

  1. Siehe meine Rezension im DISS-Journal 28 Siehe meine Rezension im DISS-Journal 28 http://www.diss-duisburg.de/2014/11/diskurstheorie-und-kritik/ []
  2. Allerdings gibt es erste Ideen, so etwa bei Wolfgang Kastrup in seinem Artikel zur Genealogie bei Marx. im DISS-Journal 29. (Vgl. auch die dort angegebene Literatur.) http://www.diss-duisburg.de/2015/07/die-kritik-der-politischen-oekonomie-von-karl-marx/ []

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