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Kampf um Kobanê

 

– Kampf um den Nahen Osten

Von Ismail Küpeli, erschienen in DISS-Journal 30 (2015)

Am 28. September 2014 begann der Islamische Staat (IS) den Angriff auf die kleine Grenzstadt Kobanê in Rojava/Nordsyrien. Angesichts der vorhergehenden IS-Siege im Irak und in Syrien, in denen Millionenstädte wie Mossul innerhalb weniger Tage erobert wurden, schien die Schlacht um Kobanê keine große Bedeutung zu haben. Kaum ein_e westliche_r Beobachter_in hätte im Vorfeld erwartet, dass ein paar hundert kurdische Kämpfer_innen die Stadt über vier Monate halten könnten und der IS hier seine erste große Niederlage einstecken würde.

Nachdem aber Kobanê entgegen der Erwartungen nicht in kurzer Zeit fiel und die PKK-nahen kurdischen Kämpfer_innen die Stadt halten konnten, wurde die Weltöffentlichkeit auf den Konflikt aufmerksam. Einige Wochen lang wurde hastig berichtet, emotional bewegende Bilder wurden eingefangen und herumgereicht – nur um sich nach kurzer Zeit dem nächsten Konfliktherd zuzuwenden.

Die Befreiung der Stadt Ende Januar 2015 schaffte es noch einmal kurz in die Schlagzeilen. Inzwischen ist nicht nur die Stadt, sondern etwa ein Drittel des gesamten Kobanê-Kantons wieder unter der Kontrolle der kurdischen YPG. Durch die Niederlage in Kobanê ist der IS wohl nachhaltig geschwächt und könnte in absehbarer Zeit weitere Rückschläge erleiden.

In der Region selbst war der Kampf um Kobanê eine zentrale Auseinandersetzung, in der alle relevanten Akteure in der einen oder anderen Weise involviert waren. Über die staatlichen Akteure wurde viel berichtet. So ist etwa die Rolle der Türkei und der arabischen Golfstaaten beim Aufbau des IS inzwischen bekannt. Andere Aspekte sind aber nach wie vor kaum beachtet worden, so etwa der Charakter der kurdischen Selbstverwaltungseinheiten in Rojava/Nordsyrien.

Ebenso ist wenig über die Ausstrahlungskraft des Konflikts um Kobanê bekannt. Viele Linke in der Türkei – unabhängig von einer ethnischen Zuordnung – hat der Kampf um Kobanê dazu bewegt, die Verteidigung der Stadt als die Verteidigung eines linken und emanzipatorischen Projekts gegen Jihadist_innen anzusehen. Sie haben sich engagiert, sei es durch Spendenkampagnen und Öffentlichkeitsarbeit oder dadurch, dass sie in Kobanê an der Seite der kurdischen YPG gekämpft haben.

Auch in den nächsten Monaten wird die Situation in Rojava prägend sein für die politischen Ereignisse in der Türkei und in Syrien. Die Kämpfe gehen weiter und könnten sich sogar ausweiten. Inzwischen kam es zu ersten Gefechten zwischen kurdischen YPG-Einheiten und der syrischen Armee in Nordostsyrien. Es ist nicht auszuschließen, dass im syrischen Bürgerkrieg eine neue Frontlinie entsteht.

Insbesondere im Kontext der Kämpfe und Verhandlungen zwischen dem türkischen Staat und der PKK, einschließlich ihr nahestehender Organisationen, spielt der Konflikt um Kobanê weiterhin eine wichtige Rolle. Beide Seiten wetteifern um die Sympathien der Weltöffentlichkeit, wobei die PKK durch den Kampf gegen den IS enorm aufgewertet wurde. Die türkische Regierung versucht hingegen recht erfolglos die türkische Unterstützung für die Jihadisten in Syrien und Irak zu leugnen.

Im Sommer 2015 kehrten Kobanê und Rojava wieder in den Fokus der Weltöffentlichkeit. Am 20. Juli verübte der IS einen Selbstmordanschlag in der türkischen Grenzstadt Suruc auf Kobane-Wiederaufbauhelfer_innen. Bei dem Anschlag starben 32 Menschen. Insbesondere durch die bisherige Politik des türkischen Staates war es naheliegend, hier eine Beteiligung des türkischen Geheimdienstes zu vermuten. Diese Einschätzung führte bei einigen PKK-nahen Akteur_innen dazu, Racheaktionen gegen vermeintliche IS-Mitglieder in der Türkei durchzuführen, bei denen zwei Polizisten und zwei Zivilisten getötet wurden. Diese Attentate dienten wiederum der türkischen Regierung als Grund dafür, umfangreiche Luftangriffe gegen PKK-Strukturen im Nordirak zu befehligen. Bei diesen Luftangriffen starben viele PKK-Kämpfer_innen. Seitdem dauern die Angriffe und Gefechte an, in dessen Verlauf zahlreiche türkische Polizisten, Soldaten und PKK-Kämpfer_innen getötet wurden. Die AKP-Regierung nutzt die Eskalation dazu, gegen die PKK und mit ihr verbündete Kräfte militärisch vorzugehen. Selbst ein Verbot der prokurdischen und linken Partei HDP wird derzeit von der türkischen Justiz angestrebt.

Der Krieg zwischen der Türkei und der PKK hat auch für Rojava unmittelbare Folgen. Es kam bereits zu ersten kleineren Angriffen der türkischen Armee auf YPG- und FSA-Stellungen. Des Weiteren werden die türkischen Pläne in Nordsyrien eine Pufferzone zu errichten, wieder aufgewärmt. Eine solche Pufferzone wäre gegen die PKK-nahen Kräfte, wie etwa die PYD und die YPG, gerichtet und stellt so eine Vorstufe zu einem offenen Krieg gegen Rojava insgesamt dar.

(Stand: Ende September 2015)

Ismail Küpeli ist Politikwissenschaftler und freier Jorunalist.

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