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Der Problembär im deutschen Wald

 

Eine Rezension von Rolf van Raden. Erschienen in DISS-Journal 28 (2014)

Sommer 2006: Deutschland diskutiert über die Gesundheitsreform und die Fußball-Weltmeisterschaft im eigenen Land. Doch oh Wunder: Ein weiteres Thema kann sich in diesen Tagen durchsetzen: „Bruno, der Problembär“ betritt bayrischen Boden und wird schließlich erschossen. In einer unterhaltsamen wie erkenntnisreichen kleinen Buchveröffentlichung hat David Freydank den Fall diskursanalytisch unter die Lupe genommen und kommt zu erstaunlichen Ergebnissen.

Den Einstieg in die Untersucheung liefert eine vormals geheime US-Depesche, die von Wikileaks 2010 veröffentlicht wurde. In ihr wundern sich die Beobachter*innen der US-amerikanischen Botschaft, dass der Fall Bruno in Deutschland so eine herausragende Rolle spielte, und stellen fest: „The incident also offers a snippet of insight into German attitudes toward environment.“ Diese Spur nimmt David Freydank dankbar auf.

Worum es geht? Im Sommer 2006 wanderte ein junger Braunbär mit der Bezeichnung JJ1 aus Italien über Österreich in die bayrischen Alpen ein. Zunächst wurde er vom bayrischen Umweltminister Schnappauf offiziell willkommen geheißen. Doch weil er Schafe und Hühner riss, schwenkte die Meinung des Ministeriums um, und der Bär sollte abgeschossen werden. Dagegen gab es breiten Protest von Tier- und Naturschutzgruppen.

Freydank untersucht, wie der Bär nach einer unfreiwillig komischen Pressekonferenz-Auftritt von Edmund Stoiber zum „Problembär“ wurde. Als sich im Juni 2006 dann der Eigenname Bruno durchsetzte, nahm die Berichterstattung eine weitere Wendung. Als Bruno auf Anweisung des bayrischen Innenministeriums erschossen wurde, folgte eine Welle der Entrüstung: Spiegel Online verglich Brunos Tod mit dem von John Lennon und Lady Di. Die Boulevardzeitung tz forderte dazu auf, Protestbriefe zu schicken, und Bild schlug gar ein Staatsbegräbnis vor.

Freydank will mit seiner Analyse nicht nur klären, wieso das Schicksal des Bären so viele Menschen bewegt hat. Er untersucht präzise und stellenweise mit viel Humor, wie die Debatte um den „Problembären“ mit fundamentalen gesellschaftlichen Diskursen verknüpft wurde. In dem nur hundert Seiten dünnen Büchlein verfolgt der Autor den Weg des Bären aus einem italienischen Bärenaufzuchtprogramm bis in die Glasvitrine des  Museums für Mensch und Natur.

Ein Grund für Brunos Popularität ist laut Freydank, „dass die Rede über den Bären […] den harten binären Reduktionsmus von Mensch und Tier in Frage stellt“ (S.16). Der Bär nehme die Rolle des Grenzgängers nicht nur zwischen den Alpenländern, sondern auch zwischen Mensch und Tier ein. Weil der hierarchisierende Mensch-Tier-Dualismus ein zentrales Deutungsfundament sei, gerate die Rede über Bruno in Konflikt mit hegemonialem Wissen.

Freydank gibt den lustigen Episoden um Bruno ausreichend Raum, wobei es ihm aber um viel mehr geht: Er zeigt, dass Humor eine brutale Diskursstrategie sein kann. So weist Freydank nach, dass die Medien teilweise eine rassistisch konnotierte Verschränkung der Bruno-Debatte mit Migrationsdiskursen vornahmen. Ein Paradebeispiel dafür sei die Berichterstattung der Welt und der Welt am Sonntag: In den Zeitungen wurde augenzwinkernd über „Abschuss oder Bleiberecht“ diskutiert, und es wurde gefragt, ob dieses „Ungetüm“ denn gar keine „Leitkultur“ habe (Welt am Sonntag 28.05.06). Bruno tauchte in einer antimuslimischen Satire auf (Welt 23.05.06), und es wurde festgestellt: „Stärkeren Sanktionen“ könne Bruno „nur durch freiwillige Rückkehr in die Heimat entgehen“, denn: „Deutschland kann nicht Auffangbecken für alle Problembären dieser Welt sein.“ (Welt, 31.05.06) Freydank zeigt, dass Humor hier keineswegs dazu diente, um sich über die deutsche Flüchtlingspolitik lustig zu machen. Vielmehr seien rassistische Vorurteile reproduziert und verstärkt worden.

In einer „kleinen Genialogie des Bären“ widmet sich Freydank dem Bären als Kollektivsymbol von der Antike bis zur Gegenwart. Der Bär steht demnach für Stärke und Wildheit, aber auch für Bedächtigkeit. In der europäischen Fauna wird er als das dem Menschen ähnlichste Tier wahrgenommen. Im 19. Jahrhundert sei der Bär aus dem deutschen Wald verschwunden und zunehmend als Teddybär ins bürgerliche Kinderzimmer gewandert. Unter anderem über den Wandel der Rezeption von Märchen erklärt Freydank die Nähe des Kollektivsymbols Bär zu Vorstellungen von Kindheit.

Daran anknüpfende Muster der Vermenschlichung sorgten schließlich dafür, dass der Fall Bruno zu einem „Mordfall“ wurde, in dem der Bär einerseits als Psychopath und Serientäter auftauchte, andererseits aber auch als Opfer. Durch Bärenmanagement-Pläne des Umweltministeriums werde versucht, Bären zu normalisieren, was im Fall Bruno nicht gelungen sei. In den Plänen, so Freydank, spiegle sich eine moderne Form von Herrschaft wider, was er auf Grundlage von Foucaults Biomacht-Begriff erläutert.

Das alles klingt ambitioniert, bleibt aber stets nachvollziehbar und plausibel. Daher ist Freydanks Problembär-Studie ein hervorragendes Beispiel dafür, wie die Verfahren der Kritischen Diskursanalyse kreativ und höchst ertragreich zur Untersuchung von diskursiven Ereignissen eingesetzt werden können. Prädikat: Für die kurze Lektüre zwischendurch unbedingt empfehlenswert.

David Freydank
Ein Problembär im deutschen Wald
Eine Diskursanalyse des Falls „Bruno der Problembär“ im Kontext gesellschaftlicher Naturverhältnisse
Aachen: Shaker Verlag 2014
106 Seiten, 24,80 Euro.

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