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Radikaler Antisemitismus

 

Wo Luhmann und Adorno sich gute Nacht sagen. Eine Rezension von Felix Kronau.

Erschienen in DISS-Journal 27 (2014)

In ihrer Promotionsschrift von 2009 begibt sich Claudia Globisch auf die Suche nach der Semantik des Antisemitismus im radikal linken und rechten Spektrum. Sie eröffnet diese mit einem Zitat aus Elemente des Antisemitismus und dem adornitischen Postulat, das Fortleben des Faschismus in der Demokratie sei weitaus gefährlicher als dessen Wirken gegen die Demokratie.

Ausgangspunkt ihrer Analyse ist jedoch nicht die Kritische Theorie der Frankfurter Schule, sondern eine an Klaus Holz anschließende Kritik der aktuellen Antisemitismusforschung. Diese nimmt folgende Defizite in den Blick:  Der Antisemitismusbegriff variiere erheblich, eine spezifische Analyse entlang politischer Spektren sowie des systematischen Selbst- und Fremdbilds abseits von Stereotypkonstruktionen werde vernachlässigt und das Phänomen Antisemitismus werde als eine rassistische Reaktion oder eine Anhäufung von Bildern verstanden und nicht als eine stabile Weltanschauung, ein Grundaxiom moderner Gesellschaft. (Vgl. 19-20) Antisemitismus müsse jedoch im Rahmen einer Analyse moderner Gesellschaften als eine Semantik, als Kommunikation in sinnstiftender Funktion wahrgenommen werden, wie es die wissenssoziologische Konzeption Holz‘ eines nationalen Antisemitismus tut. Holz sieht die Herabwürdigung ‚der Juden‘ begründet in der Konstitution der Nation als politische und soziale Handlungseinheit von Gruppen, die sich selbst als Völker definieren. Als solche, so argumentiert Globisch mit Koselleck, seien Nationen auf ein Konzept angewiesen, mittels dessen sie durch Ausgrenzung ihre eigene Identität eingrenzen, also sich selbst definieren und signifikant werden können. (Vgl. 35) Hierzu reiche die Abgrenzung zwischen Nationen voneinander allerdings nicht aus. Da „die ‚Juden‘ nicht nur dem eigenen, sondern allen ‚Völkern‘ entgegengesetzt werden“, so Holz, nähmen sie die Position eines Dritten, einer Negation der Nation selbst ein.1 Die nationale Differenz sei somit eine symmetrische, während die Figur des Dritten asymmetrisch sei.

Der nationale Antisemitismus ist daher jene Form der Judenfeindschaft, die durch die Abgrenzung von dem, was als jüdisch verstanden wird, das nationale Selbstverständnis konturiert (Vgl. 15-16). Die nationale Semantik ist dann der kulturelle Wissensvorrat, in dem sich dieses Verständnis kommunikativ realisiert. Mit Luhmann sieht Globisch den nationalen Antisemitismus als das funktionale Element, das die Logik des Nationalen abrundet. Der Ursprung der Semantik ist daher weniger in historischen oder genealogischen Transformationsprozessen zu suchen, als vielmehr innerhalb der systemkonstituierenden Kommunikation, die Globisch wiederum um handlungstheoretische Elemente aus der „pragmatischen Lebenswelttheorie“ erweitert. (124 ff.) Semantik als sinnkonstituierender Mechanismus umfasst Globisch zufolge eine Komposition aus symbolischen Elementen, wie  Momente des „Bewusstseins, der Leiblichkeit und des Handelns“. (130)

Inwieweit sich diese Elemente  in den Texten des linken und rechten politisch radikalen Spektrums nachweisen lassen, soll in Radikaler Antisemitismus gezeigt werden. Hierzu bedient sich Globisch einer Auswahl von Printmedien, die unterschiedliche Milieus und Strömungen in beiden Feldern umfassen. Ihnen sollen mittels einer hermeneutischen Sequenzanalyse sowie einer darauf aufbauenden qualitativen Inhaltsanalyse ihrer sinnkonstruierenden Struktur,  mutmaßlich ein Moment antisemitischer Semantik, abgerungen werden.

Im empirischen Teil ihrer Arbeit berücksichtigt Globisch ein umfangreiches Archiv an Texten. Dieses reicht von anti-imperialistischen über globalisierungskritische bis hin zu neurechten Publikationen sowie Zeitschriften aus dem Umfeldneonazistischer ‚Freier Kameradschaften‘ und  umspannt einen Zeitraum von 1989 bis 2009. (167-174 und 175-185) Aus den 13 unterschiedlichen Zeitschriften werden jeweils fünf Artikel berücksichtigt, deren Inhalt durch einen zuvor per Sequenzanalyse hergestellten Codierplan interpretativ analysiert wird. (158-159)

Was bleibt?

Globisch analysiert in Radikaler Antisemitismus detailliert und unter korrekter Verwendung einer hochkomplexen Methode diverse kommunikative Elemente antisemitischer Herabwürdigung. Sie stellt detailliert dar, welcher identitätsstiftende Charakter dem Ressentiment gegenüber ‚den Juden‘ in der Konstruktion linker und rechter Weltanschauung zukommt und wie sich dies in ihrem Material widerspiegelt. (309-312 / 252-256) So verdeutlicht sie z.B., wie in beiden Sphären eine Umkehr der Täter-Opfer-Konstruktion, wahlweise zugunsten der Wir-Gruppe (explizit) beziehungsweise über eine Referenzgruppe (implizit) vollführt wird. (23) Sie zeigt zudem, wie tief eingewoben das Ressentiment gegenüber ‚den Juden‘ in das zeitgenössische Denken ist. Leistet Globischs Arbeit somit eine kritische Auseinandersetzung mit ihrem Gegenstand?

Der Vorwurf, sie bediene mit ihrer Analyse von linken und rechten Quellen die Extremismustheorie, scheint zu kurz gegriffen und polemisch. Die von ihr dargestellten Parallelen sind wohlbegründet, und Globisch ist nicht die erste, die die Analogie des Antisemitismus in der radikalen Rechten und Linken thematisiert. Doch gerade weil sie die nationale Semantik als ein universales Prinzip identifizieren möchte, stellt sich die Frage, warum sie gerade dieses Forschungsfeld wählt. Wenn sie die Herabwürdigung der Juden als fundamentales Moment der modernen Gesellschaft begreift, warum untersucht sie Gruppen, die gegen die Umstände dieser Gesellschaft opponieren? Erblindet eine vergleichende Analyse entlang der Rechts-Links-Achse nicht in Bezug auf eine wie auch immer geartete Mitte? Ja, formuliert die Autorin ihren Text nicht notwendigerweise aus der Perspektive dieser Mitte heraus? Und warum wird der besondere deutsche Kontext ignoriert, wenn nur deutschsprachige Quellen berücksichtigt werden?

Globisch betont, sie wolle mit ihrer Auswahl die Kontextabhängigkeit der von ihr thematisierten Semantik prüfen (32ff). Und natürlich erweisen sich infolge ihrer Analyse die untersuchten Argumentationen als nicht minder bürgerlich als die bürgerliche Gesellschaft selbst. Gerade weil aber in der Empirie ein Bezug auf den Mainstream fehlt, scheint die von Globisch zu Tage geförderte Semantik doch nur an den vermeintlichen Rändern der Gesellschaft in Erscheinung zu treten und nicht in Form der universellen Mantelung, die sie zuvor ausgiebig thematisiert.2  Hier aber offenbart sich ein weiterer kritischer bzw. unkritischer Aspekt der Arbeit, und zwar in der Holz‘schen Identifikation ‚der Juden‘ als Negation der Nation im Allgemeinen – in ihrer Rolle als Dritte.

Wie Holz in Paradoxie der Normalisierung argumentiert, ist eine Antisemitismusforschung, die auf ein allgemeines Moment verzichtet, defizitär und verbannt ihren Gegenstand in den Bereich psychologischer Befindlichkeiten. (116-117) Damit könnte etwa eine These gemeint sein wie diejenige, dass der deutsche Antisemitismus auf das Scheitern Hitlers an der Wiener Kunstakademie zurückzuführen wäre. Doch gerade hinter der nationalen Semantik scheinen das totgesagte Subjekt und die Psychologie in die Analyse zurückzukehren.

Das Subjekt steht am Rande der Gesellschaft und die Herabwürdigung der Juden wohnt ihm offenbar notwendigerweise inne. Hier legt sich der ‚Geruch‘ Freuds still und heimlich über den Sinn für die Genealogie des Antisemitismus als Tragik des Unvermeidlichen. Dass Globisch letztlich hinter das in ihrem hoch differenzierten Theorieteil offensichtliche, kritische Potenzial zurückfällt, kann nicht dadurch verdeckt werden, dass sie auch mit Adorno schließt. Was ermittelt die Untersuchung Radikaler Antisemitismus nun? Die antisemitische Herabwürdigung existiert und sie richtet sich gegen ‚die Juden‘.

Claudia Globisch
Radikaler Antisemitismus
Inklusions- und Exklusionssemantiken von links und rechts in Deutschland
Wiesbaden 2013: VS-Verlag
422 S., EUR 49,99

  1. Holz, Klaus 2001: Nationaler Antisemitismus: Wissenssoziologie einer Weltanschauung; Hamburg: Hamburger Edition, 99 []
  2. Vgl. Holz, Klaus 2009: Paradoxie der Normalität. Drei Gegensatzpaare des Antisemitismus vor und nach Auschwitz. In: Holz, Klaus / Kauffmann, Heiko / Paul, Jobst (Hg.): Die Verneinung des Judentums. Antisemitismus als religiöse und säkulare Waffe, Münster: Unrast Edition DISS, 108-109. []

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