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Ein deutscher Mythos am Stiel: Hochfeld besenrein

 

Ein Artikel von Bente Gießelmann, erschienen im DISS-Journal 25 (2013).

Besen gelten gemeinhin als Alltagsgegenstände, denen bis auf ihren Gebrauchswert keine weitere Aufmerksamkeit zukommt. Am 1. Februar bemerkten Bewohner_innen in Duisburg-Hochfeld allerdings einen Reisigbesen in einem Bekleidungsgeschäft in der Wanheimer Straße, der wohl weder zum Gebrauch noch zum Verkauf bereit stand. Er war mit einem kleinen Haken versehen und von innen mit dem Stiel nach unten an die Tür gekettet. Zehn Tage später tauchte ein zweiter Besen in einem Lebensmittelgeschäft im gleichen Stadtteil auf, ebenfalls in Türnähe umgekehrt in eine Holzkiste gesteckt und zusätzlich mit Knoblauch dekoriert.

Auf Nachfrage war bis auf „Das ist Dekoration!“ und „Das wollte der Chef so!“ erst einmal nichts weiter zu erfahren. Dass diese Besen jedoch in einem Stadtteil auftauchen, in dem seit Monaten eine Zuwanderung vor allem aus Rumänien und Bulgarien stattfindet und diese sowohl von den Medien wie auch von Anwohner_innen mit antiziganistischen Ressentiments begleitet wird, lässt allerdings aufmerken. Denn der umgekehrte Besen kann und muss als antiziganistisches Symbol gedeutet werden.

Antiziganistische Symbolik

Dass Besen umgekehrt in die Tür von Geschäften und auch privaten Häusern gestellt werden, beruht auf einer antiziganistischen Symbolik und hat Tradition.
„Er stammt aus dem mittelalterlichen Hexen- und Teufelsglauben, wonach Hexen vom Teufel die Fähigkeit hätten, auf Besen durch die Lüfte zu reiten, um sich dann auf dem Blocksberg mit dem Teufel zu paaren. Genau wie man Vampire mit Kruzifixen in Schach hält, wollten die guten norddeutschen Kaufleute die Sinti und Roma mit dem teuflischen Besen-Symbol abschrecken.“ (Wippermann 1998, S. 39) Inwiefern dabei der Besen das Teuflisch-Böse symbolisiert und dadurch abschrecken soll, oder ob umgekehrt der Besen das ‚Böse‘ oder die ‚Bösen‘ fernhalten soll, ist in den Lesarten zumindest uneindeutig; es tut der rassistischen Aussage aber keinen Abbruch.

Bis heute tauchen in unterschiedlichen Kontexten umgekehrte Besen in Türen auf, etwa von Geschäften, auf Campingplätzen oder auch auf Ämtern. (Vgl. etwa Winckel 2002) Dabei stammen die Mehrzahl der dokumentierten Besen aus den 1990er Jahren. Das ist deshalb alarmierend, da es sich um einen Zeitraum handelt, in dem die rassistische und antiziganistische Stimmung in Deutschland auf einem Höhepunkt war und in Übergriffe und Pogrome gegen Flüchtlinge und Asylbewerber_innen mündete. Wochen vor dem tagelangen Pogrom in Rostock-Lichtenhagen stellten Kaufleute in der Rostocker Innenstadt Reisigbesen in ihre Türen (Vgl. Wippermann 2011). Dies stand im Kontext einer verbreiteten antiziganistischen Stimmung, in der die Medien vielfach das rassistische Bild der „Zigeunerkriminalität“ aufwärmten und die katastrophalen Zustände der Flüchtlingsunterbringung als „Roma-Kultur“ ethnisierten (vgl. Geelhaar/Marz/Prenzel 2013).

Keineswegs ist der Besen als antiziganistisches Symbol also allein ein Relikt aus dem vorletzten Jahrhundert, sondern es wird insbesondere im Kontext rassistischer Stimmungen, umgesetzt. Das Wissen, das dieser Praxis zugrunde liegt, existiert offenbar in breiten Schichten der Mehrheitsgesellschaft.

Aberglauben und Popkultur

Interessant sind hierbei zwei Prozesse: die Projektion des Aberglaubens und die Verbindung des Symbols mit populären fiktionalen Texten.

Im Gespräch mit Verkäufer_innen und Kund_innen der beiden Geschäfte in Hochfeld wurde deutlich, dass der Besen in seiner antiziganistischen Bedeutung durchaus intendiert war. „Die Rumänen und Bulgaren“, als neuzugewanderte Menschen, die als Roma gelesen wurden, sollten abgeschreckt und in antiziganistischer Deutungsweise mit Kriminalität verbunden werden. Sie würden in großen Gruppen den Laden betreten, und man könne gar nicht so schnell schauen, wie sie Dinge stehlen. Und da „die dahinten“ in Rumänien abergläubisch seien und beim Anblick des Besens das Böse sähen, trauten sie sich nicht mehr ins Geschäft. So die Logik! Aufgeklärte deutsche Geschäftsleute stellen somit strategisch einen Besen in die Tür, um die abergläubischen Rumänen und Bulgaren abzuschrecken und vom Klauen abzuhalten. Dass die adressierten Zugewanderten mit dem Besen sehr oft überhaupt nichts anfangen können oder diesen nicht als Symbol des Bösen, sondern als antiziganistisches Zeichen einordnen, mag dabei den Akteur_innen klar sein oder auch nicht. Wichtig ist, dass mit der Verortung von Aberglaube bei den Anderen die eigene Position als aufgeklärt, rational, aktiv und ordnungschaffend gilt. Das meinten Horkheimer und Adorno, als sie in den 1960ern feststellten: „Aufklärung schlägt in Mythologie zurück“ (Horkheimer/ Adorno 1988, 6).

Welch obskure Verbindungen das „Wissen“ über die Anderen erzeugt, zeigt die Dekoration der Besen mit Knoblauch: Aus einer Assoziationskette mit Rumänen, Rumänien, Transsylvanien, Vampiren, Dracula und Knoblauch (und immer bezugnehmend auf den Aberglauben der Anderen) entsteht die Idee, man könne die Wirkung des Besens durch Knoblauch noch erhöhen. „Dracula“ ist dabei wahrscheinlich durch die Verfilmungen seit den 1920er und 1930er Jahren bekannt.  Diese Filma und ihre Vorlage, Bram Stokers Roman von 1897, haben das westliche Rumänien-Bilde negativ beeinflusst.  Dessen rassistische Dimension wird den Akteur_innen wohl nicht bewusst sein.

Der Besen als antiziganistisches Symbol ist offensichtlich in antiziganistischen Praktiken relevant. Er gewinnt aber auch in einer weiteren symbolischen Verwendung an Bedeutung, wenn er auf das Sprichwort „Mit dem eisernen Besen kehren“ anspielt. In Verbindung mit der Zuwanderung von Personen aus Südosteuropa ist z.B. in Dortmund davon die Rede. Die Stadt Dortmund sieht sich vor die „Problematik Zuwanderung aus Südosteuropa“ gestellt und ergreift Maßnahmen: „Man gründete eine Taskforce aus Polizei, diversen städtischen Ämtern und Wohlfahrtsverbänden, schloss den Straßenstrich sowie die sogenannten Ekelhäuser, die völlig überbelegten Behausungen, und kehrte mit eisernem Besen – wohl auch die Zuwanderer aus der Stadt.“ (WAZ, 16.12.2011, Hervorhebung B.G.). In dieser Ausdrucksweise werden die Zuwanderer mit Schmutz oder Dreck verbunden, der aus der Stadt gekehrt werden muss – die Verknüpfung von Migrant_innen und Dreck oder Müll ist eine bekannte Strategie, um Menschen zu dehumanisieren und ihnen die Legitimität des Aufenthaltes abzusprechen.

Fegen als diskursive Praxis?

Dem verbreiteten Wissen über die Praxis des Besen-Rausstellens steht eine kaum existente wissenschaftliche Beschäftigung mit Praxis, Akteur_innen und Tradierung dieses antiziganistischen Wissens entgegen: Dabei wäre eine Antwort auf die Fragen, woher die Akteur_innen das Wissen um die antiziganistische Praxis schöpfen und wie sie diese verstehen, deuten und legitimieren, für die Antiziganismus-Forschung sicherlich von großem Interesse. Klar ist, dass der Besen kein stummer Holzstiel ist, sondern wie ein Schild mitteilt: „Zigeuner dürfen hier nicht rein“. Damit werden sowohl Menschen, die den Besen als antiziganistisches Symbol deuten und von diesen Ressentiments betroffen sind, verletzt, als auch antiziganistische Bilder und Diskurse im Stadtteil befeuert. Es gibt kein Schild, und niemand sagt es offen, aber der Besen funktioniert dennoch wie eine diskursive Aussage beziehungsweise eine nichtsprachliche diskursive Praxis, die antiziganistisches Wissen reproduziert und dabei soziale Ausschlüsse forciert. Man kann den Besen als albernen Aberglauben westdeutscher Geschäftsleute abtun oder ihn in seiner gesellschaftlichen und diskursiven Relevanz ernstnehmen. Symbole wie der umgekehrte Besen transportieren und reproduzieren antiziganistisches Wissen und besitzen eindeutig eine Handlungsrelevanz im alltäglichen Handeln.

 

Literatur

Geelhaar, Stephan/Ulrike Marz/Thomas Prenzel 2013: „…und du wirst sehen, die Leute, die hier wohnen, werden aus den Fenstern schauen und Beifall klatschen“. Rostock-Lichtenhagen als antiziganistisches Pogrom und konformistische Revolte, in: Bartels, Alexandra / Tobias von Borcke / Markus End / Anna Friedrich (Hg.): Antiziganistische Zustände 2. Kritische Positionen gegen gewaltvolle Verhältnisse, Münster.
Horkheimer, Max / Adorno, Theodor W. 1988: Dialektik der Aufklärung, Frankfurt/M.
Winckel, Änneke 2002: Antiziganismus. Rassismus gegen Roma und Sinti im vereinigten Deutschland, Münster.
Wippermann Wolfgang 1998: Antiziganismus – Entstehung und Entwicklung der wichtigsten Vorurteile, in: Landeszentrale für politische Bildung / Verband deutscher Sinti und Roma (Hg.): „Zwischen Romantisierung und Rassismus“, Sinti und Roma. 600 Jahre in Deutschland, Stuttgart, 37-46
Wippermann, Wolfgang 2011: Antiziganistische Symbollehre: Der Besen vor der Tür, unter: http://antizig.blogsport.de/2011/04/27/antiziganistische-symbollehre-der-besen-vor-der-tuer/ (Zugriff: 3.6.2013)

P.S. Zum Thema Antiziganismus in Duisburg sind auf der Website des DISS mehrere Online-Broschüren kostenlos abrufbar:

AK Antiziganismus im DISS (HG.): Stimmungsmache. Extreme Rechte und antiziganistische Stimmungsmache. Analyse und Gefahreneinschätzung am Beispiel Duisburg. Veröffentlicht als kostenlose Online-Broschüre im März 2015.

Martin Dietzsch, Bente Giesselmann und Iris Tonks: Spurensuche zur Verfolgungsgeschichte der Sinti und Roma in Duisburg. Eine Handreichung für die politische Bildung. Veröffentlicht als kostenlose Online-Broschüre im Juni 2014.

Bente Gießelmann: Differenzproduktion und Rassismus. Diskursive Muster und narrative Strategien in Alltagsdiskursen um Zuwanderung am Beispiel Duisburg-Hochfeld. Bachelorarbeit, veröffentlicht im August 2013.

 

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