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Dead Man Working

 

Eine Rezension von Wolfgang Kastrup, erschienen im DISS-Journal 25 (2013).

Carl Cederström/ Peter Fleming
Dead Man Working
Die schöne neue Welt der toten Arbeit
Berlin 2013: Edition Tiamat
13.00 Euro. 141 S.

„Die schöne neue Welt der toten Arbeit“- so Titel und Untertitel des Anfang des Jahres erschienenen Buches von Carl Cederström und Peter Fleming. Es geht um die neoliberale Arbeitsgesellschaft, der man sich nicht entziehen kann. Etwas überraschend beginnen die Autoren: „Selbst seine glühendsten Verfechter geben zu, dass der Kapitalismus irgendwann in den 1970er Jahren starb. Alle Versuche, ihn wiederzubeleben, scheiterten. Doch merkwürdigerweise ist er nun, da er tot ist, das Einzige, was zählt, mächtiger und einflussreicher als je zuvor. Dieses Buch handelt davon, was es bedeutet, in einer toten Welt zu leben und zu arbeiten.“ (9) Der kapitalistische Verwertungsprozess durchdringt die ganze Gesellschaft, wird zum Credo für alle Aspekte des Lebens. Auf den Fordismus, der Wochenenden und Freizeit der Menschen noch weitgehend als freie Zeit geachtet hatte, folgte mit dem Neoliberalismus nicht nur eine Neustrukturierung der Arbeitswelt, sondern der „24-Stunden-Kapitalismus“, der seinen Einfluss über Fabrik und Dienstleistung ausdehnt, alle Momente der Reproduktion der Menschen einschließt. „Wenn wir alle ´Humankapital` werden, haben wir nicht nur einen Job oder verrichten einen Job. Wir sind der Job (Hervorh. durch d. Verf., W.K.). Selbst wenn der Arbeitstag zu Ende zu sein scheint.“ (19) Und so ist das Produkt der „Dead Man Working“, der arbeitende Untote, „das Auftauchen eines neuen Typus kapitalistischer Ideologie…“. (45) Konsequenz dieser Durchdringung aller Arbeits- und Lebensbereiche ist das, was die beiden Autoren „Befreiungsmanagement“ (47) nennen. Deutlich wird dabei, „wie Emanzipation, Selbstentfaltung und Anti- Autoritarismus vom modernen Management – Diskurs vereinnahmt wurden“ . (46) Alle Energien der Beschäftigten sollen entdeckt und für das Unternehmen/ den Betrieb verfügbar gemacht werden. Und so richtet das „Befreiungsmanagement“ Maßnahmen ein, sog. „Teambildungsmaßnahmen“, in denen man „authentisch“ zu sein hat, Gefühle zeigen soll, um deutlich zu machen, wer man ist. Befreiende Gefühle als Form einer Beichte, das, was bisher nicht ausgesprochen wurde, soll ans Licht kommen. Selbst sich gegenseitig zu verprügeln gehört zu Stressminderung, so die „Wall Street Fight Clubs“ (109), in denen Banker nach getaner Arbeit die Fäuste fliegen lassen. Und doch funktioniert es nicht, dass Arbeit Leben und Leben Arbeit ist. Dies zeigen schon die vielen psychischen Erkrankungen, die Arbeitsausfälle zur Folge haben, die hohe Einnahme von Psychopharmaka, um doch noch die Arbeitskraft zu erhalten, „Fluchtversuche in betäubende Drogen und Selbsthass“, Depressionen bis hin zum Suizid. Cederström und Fleming verweisen auf vermutlich über sechzig Mitarbeiter von France Télécom, die Selbstmord begangen haben.(111) Seit der Privatisierung dieses Konzerns 1998 sind 40000 Arbeitsplätze abgebaut worden; die übriggebliebenen Beschäftigten unterliegen vermehrten Druck und Stress. (112)

Die beherrschende Frage des Buches ist: „Wie können wir uns dem Kapitalismus widersetzen, wenn er unser gesamtes gesellschaftliches Sein durchdrungen hat?“ (20) Eine schwierige Frage – natürlich. Aber nach der Lektüre des Buches erstaunt es nicht, dass die beiden Autoren radikal antworten: „Eine sinnvolle Arbeitsplatzpolitik sollte nicht faire, bessere, weniger oder mehr Arbeit fordern, sondern das Ende von Arbeit“ (Hervorh. durch d. Verf., W.K.) (20). Und man könnte hinzufügen: Von wertschaffender, abstrakter Arbeit. Aber das wäre das Ende des Kapitalismus. Und das macht die Sache schwierig. Vielleicht ist deshalb das Buch – trotz einiger Überzeichnungen – so faszinierend.

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