Home » DISS-Journal » Umkämpfte Räume

 

Umkämpfte Räume

 

Eine Rezension von Siegfried Jäger. Erschienen in DISS-Journal 24 (2012)

Das Doppelheft befasst sich mit Räumen der Dritten Welt und wartet mit einer Fülle von Einzelfallanalysen auf, mit „umkämpften Räumen“ in Afghanistan, Indien, dem Norden Finnlands, Juba (Südsudan), Kolumbien, der Somali- und der Puntlandregion (Äthiopien), den Städten der EU, sowie im transnationalen Raum zwischen Michoacán (Mexiko) und Chicago (USA). Das Thema zwingt gleichsam dazu, sich auf die vielfältigen sog. spatial turns zu beziehen, die, von radikalen Geographen der USA ausgehend, seit den späten 80er Jahren die Kulturwissenschaften bewegen und sich auf Carl Schmitt bis Foucault und besonders Agamben beziehen. Ausgangspunkt des voluminösen Heftes: Alle reden vom Raum, und Räume sind umkämpft.

Benedict Korf und Conrad Schetter vergleichen die Konzepte des Raumphilosophen und theologischen Apokalyptikers Carl Schmitt, in dessen Denken ausführlich eingeführt wird, mit Giorgio Agambens Analysen des Ausnahmezustandes und diskutieren auf diesem Hintergrund die Kämpfe in Äthiopien und Afghanistan. Sie konstatieren – mit Carl Schmitt – ein Verschwimmen der globalen Raumordnungen, die nicht mehr mit der Aufrechterhaltung einer politischen Ordnung einhergehen, sondern eine Weltunordnung zur Folge hätten, in der (nach Agamben) alle Menschen überall auf der Welt zum homo sacer avancieren würden. Netterweise geben sie zu, dass es sich bei einer solchen Schlussfolgerung um „spekulatives Schmitt´sches Gedankengut“ handelt.

Nikolai Rosskamm diskutiert das „Reden vom Raum“ (Levébvre, Soja, Foucault) und konstatiert, dass der Raumdiskurs in „theoretischen Sackgassen“ stecke; er postuliert, dass der Einbezug raumsoziologischer Kategorien (zentral Natur und Gesellschaft) als ein Ausweg aus diesen Sackgassen dienen könne. Damit spricht er ein Problem an, das in den postmodernen Kultur- und Sozialwissenschaften insgesamt heftig diskutiert wird und ein Zusammendenken von sprachlich-gedanklichen, Handlungs- und Gegenständlichkeitsdiskursen ermöglicht, also eine dispositivtheoretische Herangehensweise erforderlich macht.

Theoretische Ansprüche stellt auch das Peripherie-Stichwort (Wolfgang Hein) zum Thema Raum. Es vergleicht die traditionelle Container-Vostellung von Raum mit dem Ansatz der sozialen Konstruiertheit der Räume (Levébvre) und kommt zu dem Ergebnis, dass „Die Herrschaft des Kapitals … den Charakter eines ökologischen Imperialismus (annehme), der eine auf Basis von Finanz- und Warenmärkten gesteuerte Nutzung des globalen Umweltraumes verteidig(e)“.

Markus V. Höhne beschreibt Somalia und Puntland als Beispiele umkämpfter Länder, die durchaus Stabilitäten aufweisen, die „besser“ für Leben und Wohlstand der Bewohner seien als das, was mittels politischer und militärischer Interventionen von außen erreicht wurde. Zentralstaatliche Ansätze der internationalen Gemeinschaften erwiesen sich als wenig tauglich.

Der Band enthält zudem eine kritische Diskussion zum Themenfeld Migration in den Städten der EU, in der neue Pfade hin zur freien Mobilität und zu vollem Zugang zu substantiellen Rechten auf der Grundlage des Wohnortes für alle MigrantInnen erkämpft werden müssten. Außerdem enthält der Band eine Vielzahl von Rezensionen zum Thema, worauf wir gerne hinweisen möchten.

Umkämpfte Räume
Peripherie: Zeitschrift für Politik und Ökonomie in der dritten Welt
126/127 32. Jg. 2012:  Münster, Westfälisches Dampfboot,
S. 143-392, 24 €

 

Tags: , , ,

Drucken Drucken
 

No Comments

  1. […] der arabische Frühling kläglich gescheitert? Was hat die Entkolonialisierung afrikanischer Länder1 gebracht außer Korruption und Kriegen? Hat die Krise neoliberaler Alternativlosigkeiten einen […]

Post a Comment