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Ein ganz normaler Tag in Neukölln

 

Von Semra Çelik. Erschienen in DISS-Journal 15 (2007)

Das Besondere liegt im Detail – wie wahr. Die Besonderheit des jetzigen Moments ergibt sich dann auch für mich aus folgenden kleinen Details: Heute ist ein warmer Oktobertag, morgen ist Samstag, vor mir duftet ein frisch zubereiteter Latte-Macchiato, das Bio-Croissant sieht vorzüglich aus und die Leute um mich herum scheinen gut gelaunt. Wir alle genießen gemeinsam den Spätsommer in meiner französischen Stamm-Bäckerei in Berlin-Neukölln. Der Sommer verlief dieses Jahr in Berlin sehr heiß, aus meteorologischer, sportlicher und politischer Sicht. Letzteres ist heute und hier in dieser Ecke von Neukölln so gar kein Thema, obwohl sich nur 500 Meter südöstlich ein Ort befindet, von dem eine kleine Lawine im medio-politischen Diskurs ins Rollen gebracht wurde. Der Hilferuf aus der Rütli-Schule Anfang des Jahres brachte altbekannte Schlagwörter wie ethnisches Ghetto, islamischer Patriarchalismus, Gewalt von Migranten resp. Ehrenmord – kurz das Thema Integration wieder auf die politische Tagesordnung.

In diesen Tagen verfolgte ich mit einigem Interesse, wie über meinen Stadtteil berichtet wurde und stellte fest, dass weder in der Dramaturgie der Erzählung noch im Gebrauch der Stereotypen viel Neues zu erkennen war. Das Problem der Integration schien dasselbe. Oder? Etwas änderte sich dann aber doch. Auf medio-politischer Ebene wurden immer mehr Stimmen laut, die nach einem Dialog mit Vertreterinnen ethnischer Gruppierungen fragten und – nun kommt der entscheidende Punkt – die Bundesregierung reagierte auf diese Anfragen und Frau Merkel persönlich lud nun zu einem Integrationsgipfel ein. Knapp ein Drittel der geladenen Gäste waren Repräsentanten von Minderheitenorganisationen. Und obwohl man sowohl die Wahl der Gäste als auch die Auswahl der Themen hier und da kritisieren kann, gilt es doch die symbolische Bedeutung dieses Schritts in den Vordergrund zu stellen: Sechs Jahre nach dem Bekenntnis, ein Einwanderungsland zu sein, setzt sich die konservative Regierung mit Migrantenvertreterinnen an einen Tisch, um einen Masterplan zur Integration zu schmieden. Mit diesem diskursiven Ereignis wird einmal mehr unterstrichen, dass Migration zur alltäglichen Realität der Bundesrepublik gehört.

Mit diesem Schritt bewegen sich die Mehrheits- und Minderheitengesellschaft etwas mehr aufeinander zu. Das mag sich für manch eine(n) als zu optimistisch anhören. Doch bin ich der Meinung, dass dem bundesdeutschen Einwanderungsdiskurs etwas mehr Optimismus gut tut. Viel zu oft wird im hegemoniale Diskurs darauf hingewiesen, dass kulturelle Differenzen unüberbrückbar und daher das Projekt Migration eigentlich zum Scheitern verurteilt ist. Eine beliebte Strategie, die zur Untermauerung dieser Argumente dient, ist die Verallgemeinerung. Immer wieder wird in den Medien von den Türken, den Muslimen, den Arabern oder schlicht den Ausländern gesprochen. Solcherart Beschreibungen wecken den Eindruck, es lebe eine homogene Minderheitengruppe in der BRD. Dass dieser Eindruck ein bleibender ist, zeigt sich darin, dass dieselben Begrifflichkeiten auch im politischen und sozialen Spektrum zu finden sind. Das hat wiederum zur Folge, dass die auf dieser Idee aufbauenden politischen und sozialen Maßnahmen ineffektiv bleiben – da sie nicht den in sich sehr differenten Minderheitengruppen gerecht werden. Ähnlich erfolglos bliebe ja auch der Versuch, allen Kindern Ballet beizubringen, in der Annahme, junge Knochen liessen sich am besten formen. Es gibt Kinder, die gerne tanzen, was aber nicht heißt, dass sie gerne Ballet tanzen, noch dass sie wirklich gut tanzen. Das heißt, die aus dem Integrationsgipfel heraus entstandenen Arbeitsgruppen müssen – wollen sie erfolgreich sein – endlich die facettenreichen internen Differenzen ethnischer Communities sehen und berücksichtigen. Es besteht also die Bereitschaft, seitens der Mehrheits- und Minderheitsgesellschaft sich zusammenzusetzen und über die gemeinsame Zukunft zu diskutieren. Das ist ein guter Ausgangspunkt. Schöner wäre es jedoch, wenn beide Gruppen auch die Bereitschaft mit sich brächten, zuzuhören, um gemeinsam etwas zu verändern. Das ist kein einfacher Weg, aber das Miteinander – sei es zwischen einzelnen Individuen oder Gruppen – ist noch nie ein Leichtes gewesen. Man braucht den Mut, sich als ebenbürtig anzuerkennen, offen zu reden und Fehler einzugestehen. Erst wenn alle Teilnehmerinnen des Gipfels ihr Gegenüber als gleichermaßen zugehörig zur Gesellschaft akzeptieren, macht die Suche nach Eckpfeilern für die gemeinsame Zukunft Sinn. Auf dieser Basis der Anerkennung kann und sollte dann auch über eigene Vorurteile gesprochen werden. Und ich meine hier nicht nur Vorurteile der Mehrheitsgesellschaft, denn auch in ethnischen Communities herrschen Vorurteile – Vorurteile über die Mehrheitsgesellschaft, aber auch über die eigene Community. Wie könnte es denn auch anders sein? Tagtäglich im bundesdeutschen Diskurskontext involviert, nehmen alle Teilnehmer des Gipfels stereotype Anschauungen des hegemonialen Einwanderungsdiskurses wahr und reproduzieren diese mal mehr, mal weniger. Eine selbstkritische Auseinandersetzung aller Beteiligten würde die Entwicklung des Integrationsdiskurses nachhaltig positiv beeinflussen. Wie gesagt, ich bin optimistisch, selbst wenn die über 40jährige Einwanderungspolitik von vielen, vielen Fehlern geprägt ist. Ich bin optimistisch, denn ich erlebe jeden Tag an bestimmten Orten in bestimmten Momenten – wie hier bei meinem Bäcker in Neukölln –, dass Deutschland ein Einwanderungsland mit vielversprechenden positiven Details ist.

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