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Machos sind immer die Anderen

 

Männlichkeit in Biographien inhaftierter Jugendlicher mit Migrationshintergrund. Von Susanne Spindler. Erschienen in DISS-Journal 14 (2005)

Gewalttätigkeit und Kriminalität von Jugendlichen mit Migrationshintergrund werden häufig mit dem Schlagwort des „türkischen Machismo“ erklärt. Die Jugendlichen seien geprägt von familiär bedingten, patriarchalen Männlichkeitsvorstellungen. Gewalt und ein gewalttätiges Geschlechterverhältnis seien ihre Normalität. Gleichberechtigte Verhältnisse in der BRD brächten den Kulturkonflikt deutlich zum Tragen – und damit die Jugendlichen in ein Dilemma, das sie durch Gewalt verarbeiten würden.

Biographische Interviews, die mit Jugendlichen mit Migrationshintergrund aus verschiedenen Haftanstalten geführt, und entlang derer ihre Lebensgeschichten rekonstruiert wurden, konnten zeigen, dass das Geschlecht für die Jugendlichen handlungsleitend ist, wie sie in eine Spirale gewalttätiger Männlichkeit gelangen, deren Schlusspunkt nicht nur die Haft ist. Es zeigt sich nämlich auch der Ausschluss aus gouvernementalen Machtformen mit allen Konsequenzen.1

Strukturelle Gewalt als übergeordneter Lebenszusammenhang

Oft kontinuierlich bis in das Gefängnis hinein bewegen sich die Jugendlichen in gewalttätigen strukturellen Zusammenhängen. Neben traumatischen Erfahrungen als Flüchtlinge, die jahrelang in einer unsicheren und provisorischen Situation leben, berichten alle Jugendlichen von Diskriminierungen und Benachteiligungen z.B. in Schulen und stigmatisierten Quartieren. In einigen Biographien zeigen sich Erfahrungen sexualisierter Gewalt auch außerfamiliär in pädosexuellen Milieus.

Geschlecht als widerspruchsvoller Prozess

Männlichkeit wird für die Jugendlichen zum widerspruchsvollen Prozess: Als eine von wenigen Ressourcen dient sie einmal der Orientierung und leitet ihre Handlungen (z.B. in Cliquen). Doch sie kann auch zur Falle werden. Die Jugendlichen geraten in eine Spirale, in der immer gewalttätigere Formen von Männlichkeit zum Einsatz kommen – personale und strukturelle Gewalt. Es ist zwar richtig, dass sich in den Biographien viele Stereotype von Männlichkeit finden, die jedoch aber Konsequenz ihrer Lebensbedingungen zu bewerten sind, zumal ihnen „anerkannte“ Formen von Männlichkeit z.B. in beruflicher Hinsicht oder auch im medialen Diskurs verweigert werden.

Verlorene Kämpfe

Oft schließen sich die Jugendlichen männerbündisch in Cliquen zusammen, definieren Geschlecht und ihre Herkunft zum konstitutiven Merkmal der Zugehörigkeit. Es geht dabei jedoch weniger um kulturelle Merkmale als verbindendes Element als vielmehr um einen Solidaritätsverbund von den als „Ausländern“ Bezeichneten, die sich durch „doing gender” und „doing ethnicity“ in auffälligen Formen präsentieren und inszenieren. So führen die Jugendlichen Auseinandersetzungen gegen Repräsentanten hegemonialer Männlichkeit und staatlicher Macht, wie z.B. der Polizei. Indem sie jedoch versuchen, sich in diesen Kämpfen einer überlegenen Männlichkeit anzunähern, entfernen sie sich immer weiter davon und werden zu Verlierern prädestiniert.

Der Körper als Ausweg

Wenn eine „männliche“ Ausstattung des Körpers zur Notwendigkeit wird, weil sie die einzige Perspektive ist, dann hat dies Konsequenzen: Die Jugendlichen müssen mit diesem Körper arbeiten, ihn bearbeiten. Dadurch wird er zur Gefahr für andere, die ihn auch dann als Bedrohung wahrnehmen, wenn er nicht als solche eingesetzt wird. Die Betonung des Körpers verleiht den Jugendlichen den Anschein eines archaischen Verhaltens, das diese Gesellschaft längst überwunden glaubt; er wird zum „demonstrativen Geschlechtszeichen“.2

Rückgriffe anderer auf die Körper

Aber nicht nur für die Jugendlichen wird ihr Körper immer wichtiger. Durch sexualisierte Gewalt erfahren sie von außen eine Überschreitung ihrer Körpergrenzen, die sie zugleich eingrenzt. Der Zugriff auf den Körper macht ihn gefügig. Während die Gewalttäter hegemoniale Männlichkeit produzieren, legen sie im Gegenzug die Jugendlichen auf eine subordinierte Männlichkeit fest, die sich in deren Körper einschreibt.

In ähnlicher Weise erzählen ihre Lebensgeschichten von Rassismus. Die Jugendlichen werden nicht als Personen mit individuellen Geschichten wahrgenommen, sie sind nur Defizitträger mit Blick auf das, was anormal ist, was ihnen fehlt und was sie falsch machen. Gesellschaftlich dient die Definition des „Anderen“ der Betonung von Differenz, um sich der hegemonialen Dynamik zurechnen zu können. Geschlechterungleichheiten werden so auf die Jugendlichen verlagert, während sich der Rest der Gesellschaft in Abgrenzung dazu definiert und sich so vom „Machismo“ freisprechen kann. Ihre Männlichkeit wird auf wenige ausschließlich negative Attribute reduziert: „gewalttätig“, „aggressiv“, „unproduktiv“ und immer wieder: „verantwortungslos“. Auch wenn für die Jugendlichen ihre Geschlechtskonstruktionen durchaus mit gesellschaftlich legitimierten Männlichkeitskonstruktionen korrespondieren, und auch wenn ihre Deutung innerhalb dessen liegt, was sie von der Gesellschaft kennen – und dazu gehören Gewalterfahrungen -, so steht das Urteil fest: Diese Jugendlichen bewegen sich nicht im Rahmen des Legitimen. Die Haft wird für sie zum endlich „richtigen“ Ort, hier müssen, ja dürfen sie keine Verantwortung für sich übernehmen.

Konsequenzen der „Verantwortungslosigkeit“

Die Haft kennzeichnet somit den Endpunkt marginalisierter Männlichkeit. Ordnungen von über- und unterlegener Männlichkeit scheinen unverrückbar. Individuelle Ausformulierungen von Geschlecht werden immer belangloser, Aufbegehren macht immer weniger Sinn. Wenn selbst das Geschlecht nicht mehr wichtig sein darf, führt das in letzter Konsequenz zur Ent-Männlichung, manifestiert in der Abschiebung, die das Individuum entfernt. Darin zeigt sich ein völliger Entzug von Eigenverantwortung und Selbstbestimmung – Begriffe, die für den Rest der Gesellschaft immer wichtiger werden, handelt es sich doch um die Eigenschaften, derer das Individuum im Neoliberalismus bedarf. Die inhaftierten Jugendlich werden damit von Herrschaftstechnik ausgeschlossen, in deren Zentrum die Subjektivität steht.

Prozesse der Subjektivierung kennzeichnen die Mechanismen gouvernementaler Führung (Foucault). Selbsttechnologien vermitteln zwischen Macht und Subjektivität und ermöglichen dem Individuum, sich selbst, seinen Körper und seine Lebensformen funktional zu halten: Das Subjekt internalisiert die Regeln so, dass es sich selber lenkt. Dabei bedeutet Subjektivierung nicht die Beseitigung von Unterwerfung oder Unterdrückung, und Selbstverantwortung ist nicht mit Freiheit des Subjekts gleichzusetzen – im Gegenteil macht genau das widersprüchliche Spannungsfeld der Verhaftetheit zwischen Zwang und Wille zur Selbstverantwortung, zwischen Eigeninitiative und neuen Zumutungen den Kern der Problematik von Macht und Subjekt aus.

Durch den Entzug von Eigenverantwortung wird an den inhaftierten Jugendlichen einmal mehr der Andere als Gegenbild kreiert, der, dem diese Form der Subjektivität und Verantwortungsübernahme nicht zuzutrauen ist. Es manifestiert sich eine Form des Ausschlusses, gegen den die Jugendlichen vorher kämpften und der dann in der Abschiebung exekutiert wird. Gleichzeitig erlangt der Begriff der Selbstverantwortung eine Aufwertung: Er dient zur Unterscheidung derer, die zur Übernahme dieser Selbstverantwortung nicht in der Lage waren und daher offensichtlich gesellschaftlich versagt haben (denn sonst wären sie nicht um Gefängnis) von denen, die eben in der Lage sind, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Diese simple Binarität überdeckt das Spannungsfeld von Selbstverantwortung und Zumutung, in dem die Gesellschaft sich alltäglich bewegt.

  1. Vgl. dazu auch ausführlich Spindler 2006 (i.E.). Corpus Delicti. Männlichkeit, Rassismus und Kriminalisierung im Alltag jugendlicher Migranten, Münster. Vgl. darüber hinaus Wolf-Dietrich Bukow / Klaus Jünschke / Susanne Spindler / Ugur Tekin (2003): Ausgegrenzt, eingesperrt und abgeschoben. Migration und Jugendkriminalität. Opladen. []
  2. Meuser, Michael (1999): Männer ohne Körper? Wissenssoziologische Anmerkungen zum Verhältnis von Geschlecht und Körper. In: Zeitschrift für Politische Psychologie. 7. Jg., Sonderheft‚ Sozialisation und Identitäten, S. 31. []

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