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Politische Interventionen

 

Medien-Diskursanalyse als präventives Instrument des Konfliktmanagements in Katalonien. Von Xavier Giró.1 Erschienen in DISS-Journal 9 (2001)

Vom 23. Juni 2001 bis zum  26. Juni 2001 sollte in Barcelona ein internationales Gipfeltreffen der Weltbank stattfinden: Im Hinblick auf die zu erwartenden Proteste von Globalisierungsgegnern wurde eine wissenschaftliche Einrichtung ins Leben gerufen, das  “Observatorium” (Observatori de la Cobertura Mediàtica de Conflictes), welches sich zum Ziel gesetzt hatte, die Medienberichterstattung im Hinblick auf den Gipfel und die zu erwartenden Proteste zu sammeln, zu sichten, zu analysieren und sich aus einer kritischen Distanz in die entstehenden Konflikte mit konstruktiven Verbesserungsvorschlägen einzuschalten. Dabei sollte vor allem ein Diskussionsforum gebildet werden, welches dazu beitragen sollte, das Bewusstsein der Berichterstatter für einseitige und konfliktverschärfende Medienberichterstattung zu schärfen. Das Observatorium zur Medien-Berichterstattung im Rahmen von Konflikten fiel nicht vom Himmel, sondern hat – wie der Diskurs selbst – eine Vergangenheit, eine Gegenwart und eine Zukunft.

Die Vergangenheit

In Arbeitsgruppen unterschiedlicher Größe wurden verschiedene Untersuchungen der Medien im Rahmen unterschiedlicher Konflikte durchgeführt.

Zum Beispiel:

  • Eine Untersuchung der Einstellung von ca. 700 Immigranten, die gegen einen neuen Gesetzentwurf zum Ausländerrecht demonstrierten, zu der Medienberichterstattung über Einwanderer und deren Herkunftsländer.
  • Eine Untersuchung der Berichterstattung spanischer (und katalanischer) sowie einiger europäischer Medien über das ehemalige Jugoslawien sowie über Tschechien, China, Kuba, Algerien, Israel, Palästina und über die sogenannte Dritte Welt im allgemeinen
  • Eine Untersuchung der überregionalen und lokalen Berichterstattung über die „berüchtigte“ Gewalt von Jugendlichen vor dem Hintergrund der diskursiven Konstruktion des Jugendbildes.
  • Eine Untersuchung von TV- und Presseberichterstattung in Barcelona über rassistische Anschläge in der Nähe von Barcelona auf junge Leute marokkanischer Herkunft.
  • Eine Untersuchung der Berichterstattung über Zusammenstöße von Polizei und Mitgliedern der Hausbesetzerbewegung.

Die Ergebnisse warfen kein gutes Licht auf die Medien.

Nach den konfliktträchtigen Ereignissen in Prag anläßlich des Gipfels der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds und aufgrund der besorgniserregenden Medienberichterstattung haben wir uns im Hinblick auf das kommende Gipfeltreffen in Barcelona die Frage nach Interventionsmöglichkeiten gestellt. Die Presseberichte zu analysieren und erst nach einiger Zeit einen kritischen Bericht an die Öffentlichkeit zu bringen, erschien uns im Hinblick auf die aktuelle Dämonisierung der Antiglobalisierungsbewegung eine zu langfristig angelegte Strategie zu sein. Ziel sollte es sein, die negativen Wirkungen der Medienarbeit bereits im Entstehungsprozess zu reduzieren.

Folglich wurde eine präventive Strategie entwickelt. Dafür haben wir eine Tagung über kommunikative Strategien der vergangenen Gegengipfel und über neue Linien für zukünftige Gegengipfel veranstaltet. Das allgemeine Ziel der Tagung ist schon durch ihren Titel – Kommunikative Strategie der Gegengipfel – ziemlich klar. Trotzdem kann es interessant sein, die Unterziele zu nennen. Wir wollten feststellen:

  • Welche Instrumente benutzen die Medien, um die Protestbewegung zu dämonisieren?
  • Was sind die Kriterien für berichtenswerte Nachrichten?
  • Warum verhalten sich die Medien so?
  • Welche Interventionsmöglichkeiten haben wir?

Mit ‚wir‘ ist einerseits die Protestbewegung bzw. ihr Presseausschuss gemeint, und andererseits sind ‚wir‘ einige Leute von der Universität Autonoma Barcelona, die Veranstalter der Tagung, die auf diese Weise ein Teil der Bewegung wurden. Dabei taucht ein vielleicht theoretisches, vielleicht wissenschaftliches, vielleicht nur pragmatisches Problem auf: als Veranstalter einer solchen Tagung haben wir Stellung bezogen. Oder? Lassen wir hier dieses Problem für einen Moment beiseite.

Auf der Tagung fand eine offene Debatte statt, verbindliche Schlüsse wurden zwar nicht gezogen – das wollten wir auch nicht –, aber es kamen einige konstruktive Ideen bzw. Vorschläge auf den Tisch.

  • Es gibt Journalisten, die einen Spielraum haben und mit dem Protest sympathisieren: wir müssen ihnen helfen, ihr Kritikpotential auszuschöpfen.
  • Es gibt Journalisten, die einen Spielraum haben und einen Anstoß brauchen, um die Trivialisierung oder Dämonisierung des Protests zu vermeiden.
  • Es gibt Protestaktionen, die kontraproduktiv wirken und die die Diskreditierung des Protestes erleichtern. Solche Aktionen gilt es, zu vermeiden. Hier kam die Debatte über Gewalt, gewalttätigen Protest, Sachbeschädigung usw. in Gang.
  • Es gibt wichtige Medien, die Angst haben, ihren guten Ruf zu verlieren. Und weil ihr Ruf auf ihrer Glaubwürdigkeit basiert, sind sie empfindlich Kritik gegenüber, weil sie wissen (oder glauben), dass diese Kritik ausführlich verbreitet werden kann.

Die kommunikative Strategie sollte deswegen vielfältig sein und auf verschiedenen Ebenen entwickelt werden: von den Militanten; von den PressesprecherInnen; von den Presseausschüssen der Protestbewegung; von den engagierten JournalistInnen; von Kritikern, deren Kritik aufgrund ihres Rufs ernst genommen wird.

Die Gegenwart der Adhoc-Intervention

Unter diesen Umständen wurden zwei Aktionen durch die Universitätsakteure durchgeführt:

  • Leute, die mit der Logik der Medien vertraut waren, wurden in die Presseausschüsse geschickt.
  • Ein „Ad-hoc-Observatorium“ für vier Tage – die vorgesehenen Protesttage– wurde eingerichtet mit Leuten, die mit der Logik der Kritischen Diskursanalyse vertraut waren.

Obwohl die Mitglieder des Observatoriums genügend Erfahrungen mit KDA hatten, um eine umfassende Analyse der Tagesberichterstattung herzustellen, haben wir uns aus pragmatischen Gründen lediglich folgende Fragen gestellt:

  • Wie werden die Akteure betrachtet?
  • Wie werden die Taten beschrieben?
  • Welche Quellen verwenden die JournalistInnen?

Das Konzept war für weitere Fragen, die sich aus dem Kontext ergaben, offen. Wir gingen folgendermaßen vor: Zunächst einmal ließen wir alle Medien wissen, dass das „Ad-hoc-Observatorium“ der Universität existiert. Wir waren auch bei den Protestveranstaltungen, um sie zu beobachten. Je ein kleines Team für jedes Massenmedium hatte den Auftrag, die Nachrichten aufzuzeichnen bzw. mitzuschneiden. In einer täglichen Besprechung legte jedes Team ein Konzept für seine Analyse vor. Diejenigen, die sich mit Rundfunk oder Fernsehen beschäftigten, bereiteten eine Transkription des Textes und eine Beschreibung der Bilder vor. Nach Diskussion der verschiedenen Konzepte hat jedes Team seine eigene Analyse erstellt, die von einem Dozenten redigiert wurde, des weiteren wurde eine kurze zusammenfassende Analyse erarbeitet. Schließlich wurden die Analyseergebnisse den Journalisten der Medien übermittelt und ins Internet gestellt.

Insgesamt haben wir haben den Eindruck, dass die Antiglobalisierungsbewegung bei diesem Anti-Gipfel – das eigentlich geplante Gipfeltreffen war abgesagt worden – von den Medien nicht verteufelt wurde und ihre Ziele dem Publikum erläutert wurden. Die Polizei wurde wegen ihrer Angriffe auf Demonstranten diskreditiert. Dennoch trägt die Sachbeschädigung von einigen Gruppen von Demonstranten weiterhin zu dem schlechten Ruf dieser speziellen Gruppe bei. Einige Medien reproduzierten allerdings Graffiti dieser Demonstranten-Gruppe, die sehr politisch waren – umstritten, aber politisch.

Und die Zukunft?

Unsere Absicht ist, zuerst eine Tagung mit JournalistInnen, die sich mit diesem Thema beschäftigen, zu veranstalten. Zweitens möchten wir das Observatorium ausbauen in ein Observatorium, das sowohl langfristige Analysen als auch Ad-hoc-Analysen auszuführen vermag.

Ich komme auf das bereits angesprochene Problem zurück: Als Teil der Protestbewegung versuchen wir eine nicht tendenziöse Analyse durchzuführen. Aber werden nicht alle Analysen aus ideologischen Gründen durchgeführt? Dessen jedenfalls müssen wir uns bewusst sein.

Zweitens, bei uns – als Gruppe – fehlte eine Diskussion über und ein deutlicher Begriff der Politik der Weltbank und mögliche Alternativen. Dieses sollte den Analysen eigentlich vorangehen. Vielleicht war dies ein Fehler, der aber in diesem Moment und in diesem Zusammenhang wahrscheinlich eine Kleinigkeit war, und den wir ebenfalls bei einer anderen Gelegenheit diskutieren können.

  1. Dr. Xavier Giró ist Journalist und Dozent an der Universitat Autònoma de Barcelona. Im Winter-Semester 2001-2002 verbringt er einen Forschungsaufenthalt über Medien und Immigration im DISS mit einem Stipendium des Spanischen Erziehungsministeriums. Für seine Doktorarbeit ”Analisi Crítica del Discurs sobre nacionalisme i identitat en els editorials de la premsa diària a Catalunya (1977-1996)” wurde er vergangenes Jahr mit dem Forschungspreis des Rats für audiovisuelle Medien der Generalitat de Catalunya ausgezeichnet. In Barcelona leitet er einen Postgraduierten-Kurs über „Die Kommunikation der Konflikte und des Friedens”. []

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