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AUF TEUFEL KOMM RAUS

 

Die „schwarze Szene“ – eine Jugendsubkultur zwischen Medienklischees, neokonservativer ‚Wertekulturpolitik‘ und rechtsextremen Vereinnahmungsversuchen. Von Alfred Schobert, Zuerst erschienen in Deutsche Lehrer-Zeitung. Unabhängige Zeitung für Schule und Gesellschaft 19-20/1997, S. 9.

Wenn die Redaktion nicht glaubwürdig versichern würde, daß es sich um eine der Layout-Hektik geschuldeten Panne handelte, böte das DLZ-Special „Jugendkultur“ vom Januar 1997 ein treffendes Beispiel, wie eine jugendliche Subkultur im Mediendiskurs als Schreckgespenst aufgebaut wird. Ausgerechnet die Teile eines Textes, die dem interessierten Medienklischee von der „Gruftie-“ oder „schwarzen Szene“ als Hort gefährlicher satanistischer Umtriebe widersprachen, waren ersatzlos weggefallen. Die DLZ schien in den Chor derer einzustimmen, die Sitte, Anstand und das christliche Abendland bedroht sehen.

Derlei Stimmen prägen den Mediendiskurs zum Thema. Außer im Zusammenhang mit Satanismus sind die „Grufties“ Medien nicht der Rede wert. In der ersten Jahreshälfte 1996 hatte dieses Schauerthema Hochkonjunktur. Die Berichterstattung, ganz gleich ob in lokalen Tageszeitungen, im Spiegel, im Spiegel-TV oder in einer Report-Sendung des Bayrischen Rundfunks enthielt zumeist groben Unfug. Eine Kostprobe aus den Aachener Nachrichten (14.3.1996), stellvertretend für Regionalzeitungen: „Im schwarz-morbiden Punker-Outfit (!) zieht’s sie zu den abgelegenen Treffen bei Heavy-Metall-(sic) Rock (!), wo auch sado-masochistische Praktiken geübt werden.“

Nur knapp hinter dieser – im übrigen aus dem Stern abgeschrieben -journalistischen Meisterleistung, der so einiges durcheinandergerät, plazierte sich Der Spiegel. Das „Nachrichtenmagazin“ präsentierte am 29. April 1996 einen „Totes Huhn am Kruzifix“ überschriebenen reißerischen Sensationsartikel. Als Zentrum des okkulten und satanistischen Treibens wurde das Ruhrgebiet genannt. Dabei hatte man exakt eine Woche zuvor in einer dpa-Meldung noch den „Süden der neuen Länder“ als Hochburg für Grabschänder und schwarze Messen entdeckt.

Das Praktizieren satanistischer Rituale innerhalb einer kleinen Minderheit der Dark-Wave-Szene (wie auch in der Heavy-Metal-Szene) soll hier keineswegs verharmlost werden. In dem meisten Fällen beschränkt sich der vorgebliche Satanismus allerdings auf Lektüre, den Gebrauch einschlägiger Symbole (Pentagramm) und Motive (die Zahl 666 usw.) in Songtexten – jugendtypische und als solche zunächst einmal legitime Sinnsuche, allerdings in den tradierten (und literaturgeschichtlich zum Teil ‚ehrürdigen‘) Mustern der „schwarzen Romantik“.

Statt der eine näheren Überprüfung kaum standhaltenden Medienkonstruktion namens ‚Jugendsatanismus in der Gruftie-Szene‘ aufzusitzen und sie unbefragt in eilige „pädagogische Herausforderungen“ zu übersetzen, lohnt es zu fragen, wer zu welchem Zweck und auf Teufel komm raus an der diskursiven Konstruktion arbeitet.

Medienfunktionäre mögen in der Außendarstellung die Werte von Aufklärung und Information hochhalten. Das kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß alle Medien (inclusive der öffentlich-rechtlichen) Konkurrenten im Kampf um Kunden bzw. Zuschauer sind. Information wird daher (nur teilweise über öffentlich-rechtliche Regulierungen eingeschränkt) zur Ware, ihr Gehalt entsprechend austauschbar. Ihr Wert bestimmt sich durch den Sensationsgehalt und verwandte Quellen von Attraktivität. Jugend-Satanismus erfüllt diese Anforderungen in besonderer Weise: er garantiert das Außergewöhnliche und Nichtnormale, zudem mitleidserregende Schicksale und – bei der Schilderung sadistischer Rituale „für Satan“ – frisches Fleisch: in Lack, in Leder, nackt. So legitimiert der mahnende moralische Zeigefinger neue Varianten von sex & crime.

Leben Medien vom Warenwert austauschbarer Sensationen, so haben konservative klerikale und politische Kreise ein Interesse an Gefahren- und Feindbildern, an denen sich christlicher Fundamentalismus schärfen kann. Auch diese sind austauschbar: mal ist es die ‚islamische Bedrohung‘, mal der Sittenverfall durch Jugendweihe oder LER, um von der panischen Reaktion auf das Kruzifix-Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das Katholiken mit der antifaschistischen Parole „Wehret den Anfängen“ und Vergleichen mit SA-Maßnahmen kommentierten, zu schweigen. Und immer wieder ist es – neben Scientology, deren Gründer Ron L. Hubbard übrigens im satanistischen Ordo Templi Orientis eine Lehrzeit absolvierte, als vor allem auf Eliten zielender Sekte – eben der (Jugend-)Satanismus. (Hier ist wohlgemerkt nicht von denjenigen kirchlichen Sektenbeauftragten und anderen kirchlichen Aktiven die Rede, die ernsthaft mit Betroffenen arbeiten und dort unschätzbare Hilfe leisten; viele von ihnen dürften selbst nicht recht glücklich sein über die Kreuzzugs-Propagandisten in den eigenen Reihen.)

Bei der Er- und Bearbeitung dieser Feindbilder geht um rechtfertigende Anlässe für eine neokonservative ‚Wertekulturpolitik‘. Deren leicht verklausulierte, damit konsens- und hegemoniefähige Artikulation liefert Wolfgang Schäuble, der in seinem Buch „Und der Zukunft zugewandt“ den kurzen Weg vom Reich Gottes zur „nationalen Gemeinschaft“ als Belegschaft der Firma Deutschland beschreitet. Als „völkischer Idealist“ (Helmut Kellershohn) setzt Schäuble auf christliche Religion (und ersatzweise die nach religiösen Vorbild modellierte Nation), weil sie dem Staatsganzen zugute kommende kostenlose Leistungen verspricht: Ein- und Unterordnung bis hin zur Opferbereitschaft.

Seit der deutschen Einigung und im Zuge der damit verbundenen Radikalisierung des neokonservativen Projekts haben sich die konservativen Rechristianisierungs-Tendenzen verschärft. Mit Blick auf’s Beitrittsgebiet kalauerte Bischof Johannes Dyba in einer Talkshow mit Elke Heidenreich: „Noch wie war Deutschland so heidenreich.“ „Das Land der Reformation“, assistiert ihm Uwe Wolff in seinem Beitrag zum „Neue“ Rechte und Christkonservative versammelnden Bekenntnis-Band „Die selbstbewußte Nation“ (1994) sei „bereits Missionsland geworden“. Wolff warnt: „Ein Volk ohne religiöse Werte und Normen geht zugrunde.“ Womit das vorrangige Interesse seines Übermuts zur Erziehung (Wolff ist in der Lehrerausbildung tätig) klar wird: das deutsche „Volk“.

Deutlich wird bei der Lektüre jener Streiter für die christliche Volkwerdung der Deutschen auch, wem die Teufelei überhaupt zu verdanken ist: So streitet Uwe Wolff in seiner Dämonologie für die Existenz des Teufels, der dann – auch mit Hilfe von Engeln, deren Existenz Wolff beschwört – christlich bekämpft wird. Ganz treffend zitierte der Literaturwissenschaftler Mario Praz in seiner motivgeschichtlichen Studie „Liebe, Tod und Teufel. Die schwarze Romantik“ Joris-Karl Huysmanns‘ Diktum, der Satanismus sei ein „Bastard des Katholizismus“.

Manche christlichen Satanismus-Experten versteigen sich im Eifer des Gefechts zu einem roll back gegen satanische Verse, dem ein Gutteil der modernen Literatur zum Opfer fallen müßte, angefangen bei der Urschrift der poetischen Moderne, die wegen Satanismus ein Fall für die Justiz wurde: Charles Baudelaires „Die Blumen des Bösen“. Verlängert man dies bis zur Gegenwartsliteratur, wäre Elfriede Jelineks Roman „Die Kinder der Toten“ zu nennen, ein um literarische Erinnerungsarbeit ringendes Textmassiv, in dem es auf 666 (!) Seiten von satanistischen Motiven wimmelt. Kein Zufall, daß die kulturpolitischen Angriffe der neuerdings um ein Bündnis mit konservativen Klerikern bemühten Freiheitlichen Jörg Haiders auch namentlich auf Jelinek zielten.

Der neokonservative Kreuzzug für die „nationale Gemeinschaft“ ist bedrohlicher als ein umgekehrtes Kreuz in einem Jugendzimmer. Den Betroffenen, die in die Fänge satanistischer Zirkel geraten sind, hilft dieser Kreuzzug ebensowenig wie die schlampig recherchierte journalistische Ausschlachtung dieser Schicksale als kritisch-aufklärerische Warnung dienlich ist. Zudem ist eine gewisse Heuchelei bei der konservativen Empörung über die „Grufties“ als satanistische Bedrohung nicht zu übersehen. Genau jene Kreise, die mit fragwürdigen Argumenten Musikveranstaltungen der „schwarzen Szene“ auf administrativem Wege be- und verhindern, sehen gerne darüber hinweg, was sich in den eigenen Reihen abspielt. Bisher war kein Aufschrei der christlichen Sittenwächter darüber vernehmbar, daß ausgerechnet ein Stipendiat der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung und früherer Funktionsträger des Christlich-Konservativen Deutschland Forums, Roland Bubik, in der rechtsextremen Wochenzeitung Junge Freiheit die Instrumentalisierung der Dark-Wave-Szene betreibt. Daß der junge Recke dabei denkbar Unchristliches hochleben läßt, bringt die dem Bündnisprojekt Junge Freiheit verbundenen christlichen Fundamentalisten (so bspw. die Redakteure und Herausgeber des katholischen Jugendkalenders Komm mit) nicht aus der Fassung.

Die rechtsextreme Infiltrationsstrategie kann durchaus einige Erfolge vorweisen. So konnte sich Peter Boßdorf, Stammautor der Jungen Freiheit, im weitverbreiteten Szene-Magazin Zillo als ständiger Mitarbeiter etablieren. Etliche Bands treiben ein fragwürdiges Spiel mit faschistischer Symbolik und berauschen sich an faschistischer Monumentalästhetik, einige propagieren Ideologeme aus der esoterischen und okkulten Nazitradition, und manche kooperieren eng mit rechtsextremen Kadern. Auch sind eindeutig dem Rechtsextremismus zuzuordnende Fan-Publikationen (Fanzines) entstanden: So steuert das in Dresden erscheinende Blättchen Sigill einen heidnisch-faschistischem Kurs und bekennt sich zum italienischen Faschisten Julius Evola; das in Berlin erscheinende Fanzine Europakreuz wirbt in seinem Veranstaltungskalender für die (verbotene) Mai-Demonstration der JN in Leipzig und verbreitet die Rufnummern neonazistischer „Nationaler Infotelefone“.

Entgegen der Gewichtigung im Mediendiskurs, wo – abgesehen von der Musikzeitschrift Spex, der taz und der jungen Welt – der rechtsextreme Vereinnahmungsversuch der Dark-Wave-Szene bisher nicht Thema war, besteht auf diesem Gebiet weit eher schulischer Handlungsbedarf, denn in Sachen Satanismus. Dies schon auf einer ganz simplen Ebene historischer Aufklärung: Die verbreitete Unwissenheit über esoterische Seiten des Nazismus hat die erschreckende Folge, daß die „Neue“ Rechte kaum auf informierte Widerworte trifft, wenn sie Teile der Nazi-Ideologie als positive Seiten des Nazismus darstellt, an die es anzuknüpfen gelte. Das gilt für Otto Rahns Gralssuche, germanische Mythologie im SS-Ahnenerbe, Karl Maria Willigut, den Kult um die Wewelsburg in Ostwestfalen, die Himmler als „Mitte der Welt“ auszubauen plante, Runen usw. – alles Motive, die in Teilen der „schwarzen Szene“ naiv und uninformiert rezipiert werden. Ähnlich gilt dies für nichtnazistische Ausprägungen des Faschismus (bspw. die rumänischen Eiserne Garden Codreanus).

Allerdings ist dieses Revival von Nazi- bzw. faschistischen Ideologemen längst nicht auf Teile der Dark-Wave-Szene beschränkt, sondern findet ebenfalls in der Esoterik-Szene statt. Und zur bevorzugten Esoterik-Klientel gehören, so lehrt zumindest in Westdeutschland die Erfahrung, gerade auch LehrerInnen. Bevor diese also Alarm über die ach so fürchterlichen „Grufties“ schlagen, sollten sie erst einmal vor der eigenen Türe kehren.

Im übrigen haben Interventionen von oben bisher – zum Glück! – bei keiner Jugendsubkultur gefruchtet. Wenn, dann entwickelt sich der Konflikt um das Eindringen rechtsextremer Tendenzen in die Dark-Wave-Szene aus den vielfältig miteinander verwobenen Musikszenen heraus weiter. Anzeichen einer solchen positiven Entwicklung gibt es viele, auch wenn die Debatte nur zäh vorankommt. Gerade einige MusikerInnen nehmen ihre Verantwortung für die jugendlichen Fans sehr ernst. Die Schulpraxis kann und sollte dies begleiten, und – Vorgaben neokonservativer ‚Wertekulturolitik‘ widerstehend – Aufklärungsimpulse und Informationen in den Prozeß einspeisen.

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