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Ostbelgien im Visier des deutschen Rechtsextremismus (Teil 1)

 

Von Alfred Schobert. In: Krautgarten. Forum für junge Literatur (St. Vith, Belgien) H. 28 (Juni 1996), S. 62-63

Ostbelgien ist kein zentrales Thema des deutschen Rechtsextremismus; diesbezügliche Artikel in der rechtsextremen Presse fallen zunächst im Vergleich zu solchen über sogenannte „deutsche Ostgebiete“ kaum auf. In der Rechtsextremismus-Forschung wird der rechtsextreme Zugriff auf Ostbelgien kaum behandelt. Auch der Verfasser stieß erst anläßlich der Niermann-Affaire darauf, mit welcher Intensität gewisse Kreise des deutschen Rechtsextremismus Ostbelgien ins Visier nehmen und dafür vor Ort Ansprechpartner finden. Einmal dafür sensibilisiert, wird man indes laufend fündig, trifft auf kleine und größere Spuren, die weiterzuverfolgen häufig zwangsläufig bedeutet, ins Umfeld der Hermann-Niermann-Stiftung zu stoßen.

Aus einem unvollständigen Puzzle, dessen Gesamtumriß längst noch nicht abzusehen ist, sollen Teil-Figurationen vorgestellt werden. Der erste Teil widmet sich den publizistischen und organisatorischen Aktivitäten Ilse-Carola Salms. Der zweite Teil stellt die Belgien thematisierenden Ausgaben des nationalrevolutionären, am „Solidarismus“ oder auch „Deutschen Sozialismus“ Otto Strassers orientierten Periodikums Junges Forum vor.

I.

Eine Spinne im Netz deutscher und (deutschsprachiger wie flämischer) belgischer Rechtsextremisten ist die Starnbergerin Ilse-Carola Salm, seit neuestem laut Witiko-Brief (2/96) auch Mitglied des Witiko-Bundes. In ihrer Publizistik hält Salm, abgesehen von stramm antiliberalistischen und antiamerikanischen Beiträgen (NE 3/93, S. 61-64 u. JF 7/94, S. 19) und Huldigungen an nazistische Kunst (EV H. 14, April 91, S. 20f.), die deutschen Rechtsextremisten über Belgien auf dem Laufenden, beklagt das Schicksal flämischer Kollaborateure und informiert über den flämischen Nationalismus und Separatismus. Der flämische Rechtsextremismus genießt als Bündnispartner bei der Zerschlagung des belgischen Staatsverbandes (nebst Anschluß Ostbelgiens an Deutschland) große Sympathien, und für manche gilt der Vlaams Blok wegen seiner Wahlerfolge als Strategie-Vorbild.

Salm publiziert strömungsintegrierend in zugleich konkurrierenden wie kooperierenden rechtsextremistischen Organen. In Nation und Europa (NE) porträtierte sie Altstars der flämischen Rechten; Sie feierte den als Kollaborateur verurteilten Bert van Boghouts (1937 Gründer der Diets Opvoedkundige Beweging und der Zeitschrift Diestopvoedkundige Tijdschrift) (NE 5/91, S. 44f.) ebenso wie den Vlaamse oudstrijder Ward Hermans, nach dem Krieg zunächst zum Tode verurteilt, dann zu lebenslänglich und schließlich 1955 aus dem Gefängnis entlassen (NE 2/87, S. 58f. u. 1/93, S. 68f.).

Auch die der REP-Abspaltung Deutsche Liga nahestehende Zeitschrift Europa vorn (EV) versorgt Salm mit Belgien-Artikeln. Hier verfaßt sie neben Buchbesprechungen vor allem Werbung für den Vlaams Blok (EV 85, Mai 95, S. 18; vgl. auch Heft 3, S. 16f. der später mit EV fusionierten rechtsextremen Zeitschrift Badischer Landbote). Auch glänzte sie in Europa Vorn (H. 15, Mai 1991, S. 23f.) mit einer enthusiastischen Reportage vom Flämisch-nationalen Sangesfest.

Seit 1972 nimmt Salm an der Ijzerbedevaart, der „Wallfahrt an die Ijzer“ (NE 5/91, S. 44) teil. Sie schafft über die von ihr veranstalteten „Flandernfahrten“ Gelegenheit zu persönlichen Kontakten. Wenn Diksmuide in den letzten Jahren ein beliebtes Reiseziel europäischer Rechtsextremisten geworden ist, so ist das auf der deutschen Seite sicher ein ‚Verdienst‘ Salms. 1994 sicherte Salm ihren Elogen auf den flämischen Nationalismus und Separatismus ein größeres Publikum, indem sie ihre Texte in der rechtsextremen Wochenzeitschrift Junge Freiheit (JF) unterbrachte (JF 22/94, S. 6 u. 37/94, S. 8). Mit dem Erfolg, dort eine Nachfolgerin zu finden. Über die Ijzerbedevaart 1995 erschien ein Artikel der Nachwuchsjournalistin Ellen Kositza; sie beklagte sich bitter über ihre Festnahme bei den heftigen Krawallen in Diksmuide (JF 36/95, S. 5).

Salm hat auch Kontakte zur militanten, terroristischen Naziszene. Die Zeitschrift Recht und Wahrheit. Stimme des parteiunabhängigen freien Deutschen, das Organ der altnazistischen Deutschen Freiheitsbewegung e.V., führte Ilse-Carola Salm auf der Liste der prominenten TeilnehmerInnen beim „Lesertreffen 1993“ (RuW 9-10/93, S. 17). Sie war dabei in allerbester Gesellschaft: Als weitere prominente Teilnehmer wurden u.a. genannt: die bekannten Neonazis Christian Worch, der „handverlesene junge Kameraden“ (ebd., S. 16) als Schlägertruppe zum Schutz der Veranstaltung aufbot, und Meinolf Schönborn sowie der Auschwitzleugner Udo Walendy.

Wie ein Artikel in der Jungen Freiheit (13/95) bewies, verfügt Salm über auffällig intime Kenntnis der ostbelgischen (Presse-)Landschaft. Nachdem die JF früher bereits für die Niermann-Stiftung eine Lanze gebrochen hatte (JF 47/94, S. 4), ließ man Salm zum Beschuß ostbelgischer Niermann-KritikerInnen übergehen. Ausgiebig schilderte sie die Geschichte der ostbelgischen deutschsprachigen Presse. Besonders würdigte sie den Wegweiser, bei dem Hubert Funk (Kuratoriumsmitglied der Niermann-Stiftung von 1980 bis 1987) federführend tätig war: „Der Wegweiser zeigte einen guten, jedoch keinen bequemen Weg. (…) Zu verdanken ist es u.a. diesem Wegweiser, daß ein Wiederaufleben des deutschen Volksbewußtsein in dieser Region möglich wurde.“ Auch die heutige, auf ihr Unbescholtensein so bedachte Stiftungsspitze erfährt indirekt ein Lob. Nach Einstellung des Wegweiser gab es „glücklicherweise (…) noch das gut geschriebene, illustrierte und auf gutem Papier herausgegebene Blatt Informationen und Meinungen (I & M). (…) Jedoch – auch dies Liedchen ist ausgesungen. I & M erscheint nun (…) gleichfalls nicht mehr. Den offiziellen Grund kennen wir nicht, den wirklichen sehr wohl: die Hermann-Niermann-Stiftung wurde von belgisch-patriotischen und auch opportunistischen deutschsprachigen Kreisen seit 1987 derart infam angegriffen, daß sie schließlich ihre Hilfen an die deutschen Landsleute (…) strich.“ Damit sei „hinter der belgischen Grenze (…) die letzte authentische deutsche Stimme erloschen“.

Solche Artikel sind in der Jungen Freiheit kein Zufall, sondern haben System: Dazu gehört fortlaufende Propaganda für den durch etliche Skandale in Bedrängnis geratenen Verein für das Deutschtum im Ausland (VDA) (JF 1/95, S. 8 u. 48/95, S. 8 ) ebenso wie Insiderberichte über Aktivitäten der – im Dickicht pangermanistisch ausgerichteter Organisationen auffällig umtriebigen – deutschsprachigen Minderheit in Dänemark (JF 3/96, S. 7). Zu dieser systematischen publizistischen Unterstützung völkisch-nationalistisch orientierter Minderheitenorganisationen gehört des weiteren, daß die vom nordrhein-westfälischen Verfassungsschutz im Frühjahr 1995 (und unlängst erneut) als rechtsextremistisch eingestufte JF Papiere der ach so honorigen, in Personalunion mit VDA und Niermann-Stiftung agierenden Föderation der europäischen Volksgruppen (FUEV) „mit freundlicher Genehmigung“ (!) als Artikel publiziert (JF 43/95, S. 8).

Es gibt also ein Zusammenspiel von nur vordergründig honorigen Minderheitenorganisationen und der rechtsextremen Organisationen und Zeitschriften. Und das ist alles andere als das Ergebnis zufälliger Versehen. Diese Kooperation beruht auf gegenseitigem Interesse und mehr oder minder weitreichender Interessenüberschneidung. (Das gilt im übrigen auch für Elsaß- Lothringen: So ist der Direktor der noch 1989, also nach der angeblichen „Säuberung“, von der Niermann-Stiftung mit 8.700 DM geförderten Zeitschrift Rot un Wiss, Gabriel Andres, auch als Autor in JF 49/94, S. 8 u. 42/95, S. 8 hervorgetreten. Auch dem Elsässer Gustav Woytt, Autor im Wegweiser, wurde in JF 6/93 mit einem Nachruf gehuldigt.)

Für das Zielgebiet Ostbelgien und den gesamten Operationsbereich Belgien ist Ilse-Carola Salm jedenfalls eine herausragende Figur im Zusammenspiel von Rechtsextremismus und staatlich gefördertem organisiertem Pangermanismus. Woher sie ihre ostbelgischen Ortskenntnisse genau hat, ist unbekannt. Bezeichnend ist jedoch eine Annonce Salms in Nation und Europa (5/91, S. 76): „Flandernfahrt (mit Besuch der Deutschen in ‚Ostbelgien‘ – Eupen/St. Vieth [sic]) in der Zeit vom 22. Aug. – 4. Sept. 1991“. Wen man da wohl besucht hat?

 

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