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Eine Analyse der Beziehungen zwischen Aussagen am Beispiel des Fluchtdiskurses um Carola Rackete und Moria

 

Von Anna-Maria Mayer, Benno Nothardt, Milan Slat, Judith Friede, Louis Kalchschmidt, Fabian Marx & Christian Sydow

In unserer Kritischen Diskursanalyse (KDA) des Fluchtdiskurses um Carola Rackete und Moria haben wir nicht nur die Aussagen, sondern auch das Netz ihrer Beziehungen untersucht. Unsere Erfahrungen damit stellen wir in diesem Artikel dar. Dazu werden wir im ersten Teil den Begriff der Aussage erklären. Im zweiten Teil werden wir das Kippen einer ganzen Kette von Aussagen im Fluchtdiskurs 2015/16 in Erinnerung rufen. Im dritten Teil werden Beziehungen von Aussagen am Beispiel eines kurzen Zeitungskommentars genauer dargestellt und abschließend im vierten Teil die Aussagenbeziehungen im medialen Diskurs um Carola Rackete visualisiert und erläutert.

1. Aussagen vs. Äußerungen

Der Aussagenbegriff der KDA ist an Michel Foucaults Begriff orientiert, jedoch nicht mit diesem identisch. Aussagen sind der „inhaltlich gemeinsame Nenner“ (Jäger 2015, S. 95) von mehreren Äußerungen. Oder andersherum: Äußerungen sind wahrnehmbare Sprache und beziehen sich auf das in Aussagen enthaltene Wissen. Zum Beispiel verweist die Äußerung: „Auf dem Meer überwacht Frontex die Fluchtrouten, jedoch nicht um der Menschenleben willen“ (Daniél Kretschmar, taz, 01.07.2019), auf die Aussage Leid der Geflüchteten, da die mit dem „jedoch“ eingeleitete Kontrastierung erst durch ein Wissen um das Leid von Geflüchteten im Migrations- und Fluchtdiskurs verständlich wird. Aussagen sind nicht an der Textoberfläche zu finden, sondern erst durch die Analyse des für eine Menge an Äußerungen relevanten Wissens identifizierbar. Damit stellt die spezifische Formung von Aussagen in der empirischen Analyse eine analytische Konstruktion dar, die sich an der Problemstellung auszurichten hat.1

Aus dieser Unterscheidung zwischen Äußerung und Aussage folgt auch, dass eine Aussage in der KDA nicht als Aussage über etwas zu verstehen ist, die wahr oder falsch sein kann. Sowohl Affirmation als auch Negation eines Sachverhalts verweisen auf mindestens eine identische Aussage, weil in beiden Fällen auf das gleiche Wissen Bezug genommen werden muss, um den Sinn dieser Bejahung und Verneinung überhaupt zu verstehen. So verweisen sowohl die Äußerung „An der eigenen Südgrenze [der EU] aber weht der Hauch des Todes übers Mittelmeer“ (Daniel Kretschmar, taz, 01.07.2019), als auch ihre Verneinung „Es ist nicht der Fall, dass an der Südgrenze der EU der Hauch des Todes über das Mittelmeer weht“ (fiktives Beispiel) auf die Aussage Leid der Geflüchteten.

Gleichzeitig ruft die Äußerung auch ein Wissen darüber auf, von welchem Meer hier gesprochen wird und was Frontex ist. Folglich ist die Analyse von Aussagen nur in ihrem Zusammenhang mit anderen Aussagen sinnvoll. Um diese Zusammenhänge stärker sichtbar zu machen, werden im Folgenden einige Beispiele für die Veränderung von Aussagenbeziehungen erläutert.

2. Beispiel: Kippen von Aussagenbeziehungen im Fluchtdiskurs 2015/16

Die Studie „Von der Willkommenskultur zur Notstandstimmung“ (Jäger & Wamper, 2016) des DISS zeigt, dass das Kippen im Fluchtdiskurs im Herbst 2015 mit einer „massiven Verschiebungen des Sagbarkeitsfeldes“ (S. 114) einherging. Man kann dabei das zeitgleiche Kippen mehrerer Aussagen auch als das Kippen einer Folge von Aussagen auffassen:

Willkommenskultur: Not der Geflüchteten Notwendigkeit des Schutzes der Geflüchteten Aussetzung von Dublin II und ‚gerechte‘ Verteilung der Geflüchteten in Europa Verurteilung des Rassismus und Lob der Helfenden.

Notstandstimmung: Not der Staaten wegen der Geflüchteten Schutz vor den Geflüchteten Aussetzung des Menschenrechts auf Asyl und Vorverlagerung des Migrationsregimes Indienstnahme des Rassismus und Diskreditierung der Helfenden als ‚Gutmenschen‘.

Die Pfeile sollen dabei die Beziehungen der Aussagen zeigen: Wird beispielsweise in einem Text auf die Not der Geflüchteten verwiesen, so wird häufig auch auf die Notwendigkeit von deren Schutz verwiesen. Entsprechend wird in Texten, in denen die Not der Staaten wegen der Geflüchteten betont wird, häufig auch auf das Wissen über die Notwendigkeit des Schutzes vor den Geflüchteten Bezug genommen.

In Anbetracht dieses Kippens, kann der vorschnelle Eindruck entstehen, es gebe jeweils eine dauerhaft feste Folge von humanen und von inhumanen Aussagen, von denen je nach Situation oder Diskursposition eine dominant ist. Daraus könnte als linke Interventionsstrategie abgeleitet werden, dass man das Leid der Geflüchteten betonen muss, um humane Aussagen zurück ins Sagbarkeitsfeld zu bringen. Das ist zwar sinnvoll, aber ein Blick auf das sich wandelnde Netz der Aussagenbeziehungen zeigt ein weitaus komplexeres Bild.

Als Carola Rackete im Juni 2019 mit dem Seenotrettungsschiff „Sea-Watch 3“, trotz eines Dekrets des italienischen Innenmisters Matteo Salvini, Geflüchtete im Hafen von Lampedusa an Land bringt, tauchen beispielsweise wieder verstärkt geflüchtetenfreundliche Aussagen auf. Aber der Fluchtdiskurs kippt nicht einfach zurück in die Willkommenskultur, sondern es bilden sich neue Beziehungen zwischen Aussagen.

3. Beispiel: „Völlige moralische Verkommenheit“

In einer Strukturanalyse von 94 Kommentaren aus FAZ, SZ und taz von Juni & Juli 2019 konnten wir im Wesentlichen zwölf Aussagen herausarbeiten, von denen sich einige in folgendem gekürzten Kommentar mit dem Titel „Völlige moralische Verkommenheit“ finden:

Das vorläufige Ende der neuerlichen Odyssee der ‚Sea-Watch 3‘ am Samstag im Hafen von Lampedusa, inklusive Verhaftung der Kapitänin Carola Rackete, ist ein weiterer trauriger Beleg der völligen moralischen Verkommenheit der Friedensnobelpreisträgerin EU. Die blauen Fahnen der Freiheit, Demokratie und Menschenrechte werden gern geschwenkt in Wahlkämpfen und natürlich in Abgrenzung zum Rest der Welt, beherrscht von brutalen Despoten und irren Präsidenten. An der eigenen Südgrenze aber weht der Hauch des Todes übers Mittelmeer. Seit 2014 sind dort mehr als 17.000 Menschen bei dem Versuch ertrunken, Europa in Booten zu erreichen.

Statt diese Menschen zu retten, versucht die EU, sie bereits in Afrika abzufangen. Wenn nötig, werden dabei Sklaverei und Folter vor Ort billigend in Kauf genommen. Auf dem Meer überwacht Frontex die Fluchtrouten, jedoch nicht um der Menschenleben willen. Dass in dieser Situation private Organisationen die zivilisatorisch vornehme Aufgabe der Seenotrettung übernehmen, nein, übernehmen müssen, ist ein Skandal allererster Güte. Die wiederholte Kriminalisierung der Retter*innen unterstreicht nur das absichtsvolle, menschenverachtende Kalkül hinter der über Jahre unterlassenen Hilfeleistung der EU-Staaten. […]“ (Daniél Kretschmar, taz, 01.07.2019)

Schritt 1: Aussagen

In diesem Textauszug lassen sich drei zentrale Aussagen finden. Die wichtigste Aussage ist (1) Politikkritik. Auf sie beziehen sich in diesem Diskursfragment jene Äußerungen, die ein Versagen der Politik postulieren oder der Politik mit ihren Akteur*innen vorwerfen, heuchlerisch oder unmoralisch zu sein. Die Aussage wird dann deutlich, wenn beispielsweise auf die „völlige moralische Verkommenheit der Friedensnobelpreisträgerin EU“ eingegangen wird. Ebenso relevant ist die Aussage (2) Leid der Geflüchteten für den Textauszug. Sie zeigt sich in Äußerungen, die sich auf Leidenserfahrungen von Geflüchteten beziehen, unter anderem an folgender Stelle: „Statt diese Menschen zu retten, versucht die EU, sie bereits in Afrika abzufangen. Wenn nötig, werden dabei Sklaverei und Folter vor Ort billig in Kauf genommen“. (3) Kriminalisierung von Seenotrettung ist die letzte zentrale Aussage. Sie beinhaltet sowohl die Kriminalisierung als auch die Kritik an der Kriminalisierung von Seenotrettung und ihren Akteur*innen und zeigt sich, wenn zum Beispiel geäußert wird: „Die wiederholte Kriminalisierung der Retter*innen unterstreicht nur das absichtsvolle, menschenverachtende Kalkül hinter der über Jahre unterlassenen Hilfeleistung der EU-Staaten“. Weitere Aussagen, die in dem Text zumindest kurz angesprochen werden, sind Zivilgesellschaft ist unmoralisch und die gemeinsame europäische Lösung.

Schritt 2: Beziehungen

Bei der genaueren Untersuchung eines einzelnen Textes, wie im Rahmen einer Feinanalyse, kann man die Beziehungen der Aussagen herausarbeiten. Hierfür sind vor allem jene Textstellen interessant, an denen eine Aussage auf eine andere Aussage folgt, zum Beispiel, wenn auf Politikkritik das Leid der Geflüchteten folgt.

Statt diese Menschen zu retten, versucht die EU, sie bereits in Afrika abzufangen. Wenn nötig, werden dabei Sklaverei und Folter vor Ort billigend in Kauf genommen.“

Für eine mögliche Beziehung muss die konkrete inhaltliche Ebene betrachtet werden. Die Politik unterlasse eine wünschenswerte Handlung und trage dadurch zu Sklaverei und Folter bei. In Aussagen gesprochen, ist Politikkritik ursächlich für das Leid der Geflüchteten.

Auch Kriminalisierung von Seenotrettung steht in einer Beziehung zu Politikkritik:

Die wiederholte Kriminalisierung der Retter*innen unterstreicht nur das absichtsvolle, menschenverachtende Kalkül hinter der über Jahre unterlassenen Hilfeleistung der EU-Staaten“.

An dieser Stelle dokumentiert sich, statt einer kausalen Beziehung, eine zweiseitige Beziehung zwischen Politikkritik und Kriminalisierung von Seenotrettung. Bildlich gesprochen, sind beide Aussagen zwei Seiten einer Medaille. Seenotretter*innen werden kriminalisiert, da die Politik Hilfeleistungen unterlässt, zugleich ist die Politik durch diese Kriminalisierung zu kritisieren. Die Beziehung zwischen zwei Aussagen kann also auch bidirektional sein.

4. Visualisierung der Aussagenbeziehungen und Erläuterung

Im Rahmen einer Feinanalyse kann eine vollständige Untersuchung aller Aussagenbeziehungen innerhalb eines einzelnen Textes sinnvoll sein. Aber auch innerhalb einer Strukturanalyse oder eines größeren Forschungsprojektes kann eine Untersuchung von Aussagenbeziehungen interessante Ergebnisse liefern. Um dies zu illustrieren, haben wir das komplexe Netz von Beziehungen im gesamten Dossier unserer Studie über den Fluchtdiskurs um Carola Rackete visualisiert (siehe Grafik).

Das Innere des Kreises zeigt das Sagbarkeitsfeld im Juni & Juli 2019. Pfeile zeigen, welche Aussagen welche maßgeblich stützen oder hervorbringen.

Die Aussage Leid der Geflüchteten ist wieder wie während der Willkommenskultur 2015 dominant im Sagbarkeitsfeld. Sie wird jetzt aber besonders eng verbunden mit einer Politikkritik, die die Unfähigkeit der institutionalisierten Politik als Ursache des Leides der Geflüchteten auffasst und so nahelegt, das Leid ließe sich durch eine effizientere Verwaltung von Flucht beheben. Diese verkürzte Vorstellung beeinflusst auch die Forderung nach einer gemeinsamen europäischen Lösung. Es bleibt dabei völlig unbestimmt, ob eine ‚gerechte‘ Verteilung von Geflüchteten wie 2015 gemeint ist oder gar eine EU ohne Grenzen für Geflüchtete oder aber eine gemeinsam koordinierte Abschottungspolitik.

Zudem ist die Aussage Leid der Aufnahmebevölkerung, anders als in der Willkommenskultur 2015, nicht vollständig durch das Leid der Geflüchteten verdrängt worden. Vor allem in der FAZ werden beide Aussagen gegeneinander aufgewogen. Außerdem wird dort das Leid der Aufnahmebevölkerung in einer gegenseitigen Beziehung zu einer Polarisierung der Gesellschaft durch Migration angesprochen, von der aus wiederum Politikkritik geübt und eine gemeinsame europäische Lösung gefordert wird, von der zumindest in einem Artikel impliziert wird, dass sie das Einsperren in Lagern einschließen soll (vgl. Philip Eppelsheim, FAZ, 05.07.2019). Der weite Weg der FAZ von der Aussage Leid der Aufnahmebevölkerung bis zur Forderung einer gemeinsamen europäischen Lösung macht deutlich, dass die FAZ einen hohen Argumentationsaufwand betreiben muss, um ihre restriktive Diskursposition mit einem Sagbarkeitsfeld kohärent zu machen, in dem das Leid der Geflüchteten von großer Bedeutung ist. Ein Jahr später, nach dem Lagerbrand in Moria 2020, wird die FAZ dann das Leid der Geflüchteten mit der Aussage, die liberale Migrationspolitik sei eine Fluchtursache, verbinden, um so das Leid in Moria als gewollte Abschreckung zu begrüßen und die gemeinsame europäische Lösung als koordinierte Abwehr von Geflüchteten zu konkretisieren. Taz und SZ greifen dann dieselben Aussagen auf, allerdings in kritischer Absicht.

Es zeigt sich also, dass selbst die Aussage Leid der Geflüchteten nicht automatisch zu einer migrationsfreundlichen Politik führt, sondern in Abhängigkeit davon, mit welchen Aussagen sie wie in Bezug gesetzt wird auch zum Gegenteil führen kann. Diskursinterventionen für eine flüchtlingsfreundliche Politik sollten solche Fallstricke beachten. Entsprechend könnte versucht werden, die Aussage Leid der Geflüchteten zum einen in Beziehung zu Fluchtursachen wie Klimawandel, Kolonialismus und Kapitalismus zu setzen und so Antagonismen (grundlegende Widersprüche)2 wieder sagbar zu machen. Zum anderen könnten Beziehungen zu Aussagen wie Rechte der Geflüchteten und Lösung durch Geflüchtete als Akteur*innen hergestellt und auf die Utopie einer Welt ohne Grenzen ausgerichtet werden. Solch eine Diskursintervention würde das Sagbarkeitsfeld durch neue Aussagen und Beziehungen erweitern, die mit einer neuen Logik verbunden sind: Reiche Industriestaaten wie Deutschland würden nicht mehr als großzügige Retter*innen angesprochen, sondern als Teil des Problems benannt, während Geflüchtete als Menschen mit Subjektstatus betrachtet würden, also mit Rechten, Forderungen und Problemlösekompetenz. Dadurch würde sich auch das Verständnis der Aussage Leid der Geflüchteten verändern: Sie würde nicht mehr auf das Wissen von hilflosem Leid verweisen, das paternalistischen Mitleid weckt, sondern auf das Wissen über Ungerechtigkeit, die empörten Widerspruch weckt.

Spannend wäre, genauer zu untersuchen, wie sich die Aussagenbeziehung in Zusammenhang mit der Flucht vor dem russischen Krieg gegen die Ukraine 2022 verändern. Interessant wäre hier beispielsweise die Frage, welche Aussagenbeziehungen es ermöglichen, das Leid der Geflüchteten zu betonen und dabei rassistische Grenzen zwischen erwünschten und unerwünschten Geflüchteten zu ziehen.

Neben einer Erklärung des Unterschieds zwischen Äußerung und Aussagen sollten die Beispiele in diesem Artikel zeigen, dass eine Aussage erst in Zusammenhang mit ihren Beziehungen richtig verstanden werden kann. Diese erschließen sich erst bei einer genaueren Untersuchung einzelner Texte und können uni- und bidirektional sein. Dabei bestimmen die Beziehungen, in welche Logik die Aussagen eingebunden sind, und verändern damit auch das Wissen, auf das diese verweisen. Die Visualisierung in einem Aussagengraph soll zeigen, dass das Netz der Beziehungen genauso zum Sagbarkeitsfeld gehört, wie die Aussagen selbst.

Die Autor*innen arbeiten seit mehr als zwei Jahren in einem Team im DISS an der Untersuchung des Fluchtdiskurses. Siehe auch DISS-Journal #41 (S. 39–41) und #39 (S. 14–16).

Dieser Artikel stammt aus dem DISS-Journal 43 vom Mai 2022. Die vollständige Ausgabe als PDF finden Sie hier.

Literaturverzeichnis

Friede, Judith u.a. (2022): Deutsche Rettung? Eine kritische Diskursanalyse des Fluchtdiskurses um Carola Rackete und Moria, Münster: Unrast.

Jäger, Margarete & Wamper, Regina (Hg.)(2017): Von der Willkommenskultur zur Notstandsstimmung, online, siehe Anzeige S.60 in diesem Heft.

Jäger, Siegfried (2015): Kritische Diskursanalyse. Eine Einführung. 7. Auflage, Unrast.

1 In einem zukünftigen Aufsatz wird der Aussagenbegriff der KDA vor allem in seiner Abgrenzung zu dem Foucaultschen Aussagenbegriff noch genauer bestimmt werden.

2 zur Bedeutung von Antagonismen: Jürgen Link (2018): Normalismus und Antagonismus in der Postmoderne

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