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Den Kapitalismus verstehen

 

Søren Maus Stummer Zwang als „ökonomische Macht“ im Kapitalismus

Eine Rezension von Wolfgang Kastrup

Seit Kurzem liegt das Buch von Søren Mau Stummer Zwang. Eine marxistische Analyse der ökonomischen Macht im Kapitalismus in deutscher Übersetzung vor. Søren Mau ist Postdoc und Mitglied im Redaktionsbeirat der Zeitschrift Historical Materalism und des Beirats der Dänischen Gesellschaft für Marxistische Studien. Das vorliegende Buch ist die überarbeitete Erstausgabe seiner Promotionsschrift Mute Compulsion. A Theory of the Economic Power of Capital am Institut für Kulturstudien der Süddänischen Universität (SDU). Michael Heinrich, einer der prominentesten Vertreter der Neuen Marxlektüre, war nicht nur ein sehr wichtiger Gesprächspartner für Mau, sondern hat auch das Vorwort für dieses Buch geschrieben. Die Lektüre dieser Arbeit ist sicher „keine leichte Kost“, um Heinrich zu zitieren. Das Herausragende der Analyse für ihn wird in folgender Äußerung deutlich: „Allerdings wird schnell deutlich, dass die hier erforderliche Mühe des Begriffs gerade nicht im rein Begrifflichen stecken bleibt. Sie entfaltet genau jenes kritische Potenzial, das die notwendige Voraussetzung einer gesellschaftlichen Praxis bildet, die darauf abzielt, Herrschaft und Ausbeutung zu überwinden.“ (13)

Es geht Søren Mau zu Beginn seiner Arbeit um die dringliche Beantwortung der Frage, warum „inmitten von Krise und Unruhen […] das Kapital weiter expandieren [kann]“ und „wie […] es dem Kapital [gelingt], das gesellschaftliche Leben im Griff zu behalten?“ (15)

Der Autor macht deutlich, dass der Kapitalismus ohne Gewalt und Ideologie als Formen der Macht nicht denkbar ist. Hinzu kommt aber noch eine dritte Form, nämlich die ökonomische Macht, in Anlehnung an Karl Marx auch stummer Zwang genannt (vgl. MEW Bd. 23, Kapitel 24, Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation, Seite 765). Diese Form der Macht ist unpersönlich, abstrakt und anonym, „aber genauso brutal, unerbittlich und rücksichtslos […] wie offene Gewalt“ und „in den ökonomischen Prozessen selbst verankert.“ (16) Sie hat die Fähigkeit, „die materiellen Bedingungen der gesellschaftlichen Reproduktion umzugestalten“, wobei Mau den Begriff der „gesellschaftlichen Reproduktion“ sehr weit fasst im Sinne von Prozessen und Aktivitäten, die für das Fortbestehen des gesellschaftlichen Lebens notwendig sind. (17) Seine Absicht ist es zu erklären, weshalb die Wesensstruktur oder der „ideale Durchschnitt“ der kapitalistischen Produktionsweise die Form eines „stummen Zwangs der ökonomischen Verhältnisse“ annimmt. (18) Dies will er verstehen und somit den Kapitalismus verstehen, den er folgendermaßen als „eine Gesellschaft“ definiert, „in der die gesellschaftliche Reproduktion in erheblichem Maße von der Logik des Kapitals beherrscht wird.“ (28)

Macht als „fremde Macht“

Mau zufolge ist der Begriff der Macht bei Marx nicht eindeutig. Mal spricht er von Macht, dann u.a. von Herrschaft, Gewalt, Despotismus, Kontrolle. Der Gebrauch erfolgt also nicht systematisch. Deshalb, so Mau, muss die Verwendung des Begriffs der Macht „in einem recht weiten Sinne“ gesehen werden. (34) Bezüglich der Macht des Kapitals als „Herausbildung einer neuen Machtsphäre“, die „selbst ohne ideologische oder gewaltsame Herrschaftsformen wirksam sein kann“, ist das „gesellschaftliche Leben vor allem durch den stummen Zwang der Logik der Verwertung unterworfen.“ (30) Oder wie er an späterer Stelle schreibt, dass diese Machtverhältnisse des Kapitals als „die abstrakte und unpersönliche Beherrschung aller durch die Wertform“ zu begreifen sind. (189) Dabei greift Mau auf den oftmals von Marx verwendeten Ausdruck „fremde Macht“ zurück, „um gesellschaftliche Verhältnisse zu charakterisieren, die den Menschen als etwas Äußerliches gegenüberstehen.“ (34) Das bedeutet, sich von üblichen Theorien der Macht zu verabschieden, die nur Macht in Beziehung setzen zwischen „Subjekten“ oder „Akteuren“.

Der Machtbegriff muss Mau zufolge weiter gefasst werden und zwar „als Fähigkeit, etwas zu tun, und als solche muss sie nicht zwangsläufig mit der Beherrschung von anderen Lebewesen verbunden sein.“ (54f.) Für die „Macht des Kapitals“ heißt das „die Fähigkeit des Kapitals, dem gesellschaftlichen Leben seine Logik aufzuzwingen.“ (55) Der Vorteil einer solchen Definition liegt für Mau darin, dass sie auch Beziehungen zwischen Akteuren wie zwischen Kapitalisten und Proletariern beinhaltet, ohne allerdings auf diese Beziehungen „reduziert“ zu werden. (Ebd.) Wenn der Autor, wie oben erwähnt, die „fremde Macht“ auf „gesellschaftliche Verhältnisse“ bezieht, dann muss er auch den Begriff „gesellschaftliche Verhältnisse“ sehr weit fassen, denn einige Kapitel weiter schreibt er unter Verweis auf Marx „dass den Arbeiterinnen unter kapitalistischen Verhältnissen die Produktionsbedingungen als eine ‚fremde Macht‘ gegenübertreten.“ (95) Folglich sieht er die Produktionsbedingungen als Teil der kapitalistischen Verhältnisse.

Staatstheorien, ideologische Macht und Wertformtheorie

Hinsichtlich der kontroversen Debatte um Staatstheorien stimmt der Autor mit Max Weber, Nicos Poulantzas, Joachim Hirsch und anderen darin überein, dass „Gewalt die für den Staat charakteristische Form der Macht ist.“ (67) Um die gesellschaftliche Reproduktion der Verwertung des Werts zu organisieren, ist eine Institution vorausgesetzt, die getrennt von der unmittelbaren gesellschaftlichen Produktion die Menschen zwingen kann, sich bestimmten Regeln zu unterwerfen. Zentral ist dieser Gedanke deshalb, weil er zeigt, dass für den stummen Zwang des Kapitals „die unmittelbare Gewalt des Staates“ vorausgesetzt ist. (Ebd.) Deutlich wird hier die Anlehnung von Søren Mau an Nicos Poulantzas und dessen Theorie der relativen Trennung von Staat und ökonomischem Raum, d.h. der Akkumulation des Kapitals und der Mehrwertproduktion, als institutionelle Grundlage des kapitalistischen Staates.

Die Ideologietheorien, hier bezieht sich der Autor auf Lukács, Korsch, Gramsci und Adorno, zeigen einen entscheidenden Fortschritt gegenüber den „staatszentrierten Machtvorstellungen im klassischen Marxismus“ (73), da sie deutlich machen, dass für die Reproduktion der kapitalistischen Produktionsverhältnisse eine ideologische Macht notwendig ist. Aufgenommen werden auch zum Teil Erkenntnisse der Marxschen Studien zur politischen Ökonomie, aber, so Mau einschränkend, sagen sie „uns nicht viel über den stummen Zwang der ökonomischen Verhältnisse.“ (Ebd.) Das ist ja genau das, was Mau will, nämlich die ökonomische Macht des Kapitals sichtbar zu machen, d.h. in den Vordergrund zu rücken.

Positiv bezieht sich der Autor auf die Wertformtheorie, angestoßen von Hans-Georg Backhaus und Helmut Reichelt und damit der Neuen Marx-Lektüre. Er hebt hervor, dass durch diese Neuinterpretation der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie es gelungen ist, „eine qualitative Theorie sozialer Formen“ zu entwickeln, „mit der sich die der kapitalistischen Produktionsweise zugrunde liegenden gesellschaftlichen Verhältnisse enthüllen und kritisieren lassen.“ Diese gesellschaftlichen Verhältnisse zwingen dem gesellschaftlichen Leben „eine unpersönliche Macht“ auf. (75) Mau bezieht sich im Besonderen auf Michael Heinrich. Da diese Neue Marx-Lektüre in ihrer Analyse nicht unumstritten ist, wäre ein Kommentar von Mau diesbezüglich m.E. schon notwendig gewesen.

Sozio-ontologische Voraussetzungen

Die Marxsche Analyse der grundlegenden Struktur des Kapitalismus geht, so formuliert Mau schon in der Einleitung, „von zwei voneinander unabhängigen Voraussetzungen“ aus, „einerseits sozio-ontologischen Voraussetzungen, die allen Gesellschaftsformen gemeinsam sind, und andererseits einer historischen Tatsache, der Verallgemeinerung der Warenform.“ (27) Die soziale Ontologie befasst sich mit der Untersuchung „einer besonderen Art des Seins, nämlich des gesellschaftlichen Seins,“ (79) d.h. überhistorischer Merkmale, die für alle Gesellschaften Gültigkeit haben. „Einer sozialen Ontologie der ökonomischen Macht geht es also darum, die Möglichkeit von ökonomischer Macht auf das Wesen der gesellschaftlichen Realität zurückzuführen […].“ (Ebd.) Er stellt heraus, dass Marx 1845 „mit einer bestimmten Form des humanistischen Denkens gebrochen hatte und dass dieser Bruch ein wichtiger Schritt nach vorn war.“ (86) Mau meint hier die vier Formen der Entfremdung, die Marx in Ökonomisch-philosophischen Manuskripte (1844) dargelegt hat, die eine kontroverse Diskussion ausgelöst haben und in der unterschiedlichen Einschätzung der Bedeutung des frühen im Unterschied zum späten Marx mündeten. Ohne diesen Disput hier näher zu erörtern, sei nur so viel gesagt, dass z.B. Herbert Marcuse und Henri Lefèbvre sich positiv auf diesen Begriff beziehen, während Louis Althusser und Michael Heinrich ihn als Ausdruck des frühen Marx kritisieren, der mit dem Entfremdungsbegriff anthropologisch argumentiere und deshalb getrennt werden müsse von dem späten Marx als Autor des Kapitals. Mau kritisiert diesen Entfremdungsbegriff als „romantische Kritik“. (89) Mau will aber klarstellen: „Die „bürgerliche Gesellschaft entfremdet das Wesen des Menschen, sie schafft es nicht ab. Dieses Wesen existiert also weiter, auch wenn es durch bestimmte gesellschaftliche Verhältnisse an seiner Entfaltung gehindert und verzerrt wird.“ (Ebd.) Mau zufolge spielt für Marx der „Begriff des Wesens eine zentrale Rolle als Grundlage seiner Kritik.“ (90) Da auch der späte Marx in seinen Werken den Entfremdungsbegriff verwendet, sieht Mau folgenden Klärungsbedarf: „Nach dem Bruch mit dem romantischen Humanismus beziehen sich diese Begriffe und Ausdrücke [Mau meint damit „Entfremdung“, „Mystifikation“ und „verkehrte“ oder „auf den Kopf gestellte Welt“, W.K.] jedoch nicht mehr auf die menschliche Natur; es sind vielmehr die gesellschaftlichen Verhältnisse, die den Proletariern als eine fremde Macht gegenüberstehen.“ (95) Der Begriff der menschlichen Natur, Mau spricht diesbezüglich von etwas Überhistorischem (125), kann nicht mit einer bestimmten Produktionsweise in Verbindung gebracht werden; er ist aber für die Marxsche Sozialontologie zentral. „Die körperliche Organisation des Menschen ist ein entscheidender Teil der Erklärung dafür, warum die menschliche soziale Reproduktion so viele verschiedene Formen annehmen kann.“ (126)

Der Begriff der Klasse

Mau sieht die Klassenherrschaft schon in der Warenform angelegt, da die Warenproduktion laut Marx sich der gesamten Gesellschaft aufzwingt. (131) Wichtig ist es dem Autor zufolge zu verstehen, dass die „Kernstruktur der kapitalistischen Produktionsweise“ die Klassenstruktur voraussetzt. (132) Das bedeutet für ihn, dass die Form der Klassenherrschaft dem Ausbeutungsverhältnis, für das Kapital das Entscheidende, vorgelagert ist. Deshalb schlussfolgert er, dass sich die Klassenherrschaft auf das Verhältnis bezieht, „zwischen denen, die die Bedingungen der gesellschaftlichen Reproduktion kontrollieren, und denen, die vom direkten Zugang zu ihnen ausgeschlossen sind.“ (133) Daraus ergibt sich die Bestimmung des Klassenbegriffs als ein Verhältnis der Menschen zu „den Bedingungen der gesellschaftlichen Reproduktion. (Ebd.) Die herrschende Klasse ist nach Marx die Klasse, deren Bedingungen die Bedingungen der gesamten Gesellschaft sind. Der Kapitalismus stützt sich auf dieses Machtverhältnis. Dieser Klassenbegriff beinhaltet für Mau den Vorteil, die Auffassung vom Klassenkampf zu erweitern und zu erkennen, wie Kämpfe in der Gesellschaft unter das politische Projekt „der Befreiung der Lebensbedingungen aus dem Griff des Kapitals“ zu begreifen sind. (134) Entscheidend für die Lage der Arbeiterklasse ist also die Trennung zwischen dem Leben der Menschen und seinen Bedingungen. Von diesen objektiven Bedingungen ist die Mehrzahl der Menschen abgeschnitten. Die Menschen werden nicht automatisch zu Arbeiter*innen, sondern sie werden dazu gemacht, d.h., „weil“, Mau zitiert hier Marx, „der freie Arbeiter seine Lebensbedürfnisse nur befriedigen kann, sofern er seine Arbeit verkauft; also durch sein eignes Interesse gezwungen ist, nicht durch äußeren Zwang.“ (MEW Bd. 43, 186) Mau zufolge ist dies „die grundlegendste Ebene der ökonomischen Macht des Kapitals,“ (136) einer Macht, die die Reproduktion des Kapitals in ein Verhältnis setzt zu der Reproduktion des nackten Lebens der Arbeiter*innen. Bevor Kauf und Verkauf der Ware Arbeitskraft auf dem Arbeitsmarkt erfolgen kann, ist diesem Verhältnis das Verhältnis Kapitalist und Arbeiter*in vorausgesetzt. „Die Arbeiterin ist, mit anderen Worten, bereits dem Kapital unterworfen, bevor sie auf den Markt geht, um ihre Arbeitskraft zu verkaufen. Aber die Arbeitskraft ist eine eigentümliche Ware; sie kann nicht von ihrem Träger (dem Arbeiter) getrennt werden, und deshalb muss ihr Käufer den Arbeiter unterwerfen, um ihren Gebrauchswert zu konsumieren.“ (176) Der stumme Zwang der ökonomischen Macht funktioniert, weil die Menschen leben wollen. Søren Mau gelingt es, diese grundlegende und erhellende Analyse zur Klassenherrschaft zum Ausdruck zu bringen.

Werttheorie, Markt und Fetischismus

Im Folgenden beschäftigt sich Mau mit der Marxschen Werttheorie. Diese zeigt, „wie die widersprüchliche Einheit von gesellschaftlicher und privater Arbeit im Kapitalismus zu einer eigentümlichen Form der ‚nachträglichen Vergesellschaftung‘ (Heinrich) führt, die alle, unabhängig von ihrem Klassenstatus, der abstrakten und unpersönlichen Macht des Wertgesetzes unterwirft.“ (178f.) Die Werttheorie ist als „Theorie der gesellschaftlichen Form der Arbeit“ zu begreifen. (182) Das heißt, dass die individuelle Arbeitsverausgabung eine gesellschaftliche Anerkennung erfährt und in ein gesellschaftliches Produktionsverhältnis integriert wird. Sie ist Mau zufolge „eine Theorie der gesellschaftlichen Verflechtungen zwischen den Produktionseinheiten in der kapitalistischen Produktionsweise.“ (183) Ziel ist die Verwertung des Werts.

Über den Markt erfolgt der Zugang zu den Existenzbedingungen der abhängigen Produzenten. Seine Existenz ist das Ergebnis von Klassenherrschaft. Aus der Theorie des Werts ergibt sich nach Mau, dass der Markt „nicht nur Herrschaftsverhältnisse vermittelt (und verbirgt) – er ist selbst die Ausübung einer willkürlichen Macht.“ (187) Mau bezieht sich mit diesem Zitat auf William Clare Roberts. Aufgrund dieser Ausführungen kann also gefolgert werden: Der Wert wird zum Markt, der Markt wird zur Macht. Für Mau wird diese Macht zu einer fremden Macht, indem er schreibt: „Obwohl er [der Markt, W.K.] in letzter Instanz nichts anderes als eine Totalität von Beziehungen zwischen Menschen ist, löst er sich bis zu einem gewissen Grad von diesen Menschen und stellt sich ihnen als ‚fremde Macht‘ gegenüber, um einen von Marx‘ Lieblingsausdrücken zu verwenden.“ (189)

Von der universellen Macht des Werts gelangt Mau zum Begriff des Fetischismus, den er als eine „Form der Ideologie“ bezeichnet. Er will damit nicht behaupten, dass „Ideologie eine willkürliche Illusion oder ein falsches Bewusstsein“ (191) impliziert und als Manipulationsinstrument der Kapitalisten verstanden werden kann, sondern der Wert erscheint als „natürliche Eigenschaft, die die Arbeitsprodukte unabhängig von ihrem gesellschaftlichen Kontext besitzen – und das ist es, was den Fetischismus ausmacht.“ (192) Damit ist bezüglich der trinitarischen Formel (Zusammenfassung der drei Fetischformen) von Marx (MEW Bd. 25) gemeint, dass Kapital, Grundeigentum und Arbeit den Kapitalisten, den Grundeigentümern und den Arbeitskräften, dem Alltagsverstand wie der herrschenden volkswirtschaftlichen Lehrmeinung als selbstständige Quellen von Wert erscheint. Mau stützt sich bezüglich des Fetischismusbegriffs auf mehrere Stellen im Marxschen Werk, wo ihm zufolge deutlich wird, dass für Marx „der Fetischismus eine ideologische Naturalisierung der gesellschaftlichen Formen ist.“ (193) Dem Fetischismus sind alle Gesellschaftsmitglieder unterworfen, er ist keine Manipulationsstrategie der herrschenden Klasse und entspringt nicht einer geistigen Verwirrung, sondern ist „in der alltäglichen gesellschaftlichen Praxis der kapitalistischen Gesellschaft verankert“ […] und zwar als „eine ideologische Verkehrung einer realen Verkehrung.“ (194f.)

Konkurrenz

Die horizontalen Beziehungen zwischen den Marktakteuren, also zwischen den Kapitalisten und zwischen den Proletariern, fasst Mau begrifflich als Konkurrenz. Mit Bezug auf Marx führt sie die Bewegungsgesetze des Kapitals „in Form des ‚wechselseitigen Zwangs‘“ aus. (213) Als „klasseninterne Beziehung“ (216) existiert sie zwischen Kapitalisten und zwischen Arbeiter*innen und auch als „brancheninterne Konkurrenz“ (214). Konkurrenz ist universell zu betrachten, sie übermittelt Zwänge ausgedrückt in Preisen. (216) Wenn kapitalistische Konkurrenten sich gegenüberstehen, stehen sie ihrem eigenen Wesen gegenüber, „verkleidet als ein anderes einzelnes Kapital.“ (217) Als Form der Herrschaft ist Konkurrenz Mau zufolge universell, abstrakt und unpersönlich; alle sind ihr unterworfen. (219) Klassenherrschaft ist nicht nur vorausgesetzt, die Konkurrenz „verstärkt und intensiviert“ sie, indem das Kapital gezwungen ist, die Arbeiter*innen in der Produktion „zu disziplinieren und zu unterjochen.“ (220)

Krisen

Krisen, so Mau, entstehen aus den inneren Widersprüchen der kapitalistischen Produktion. (297) Er bezieht sich dabei auf das berühmte Zitat von Marx: „Die wahre Schranke der kapitalistischen Produktion ist das Kapital selbst […].“ (MEW Bd. 25, 260) Um dies zu erläutern und zu einer kohärenten marxistischen Krisentheorie zu gelangen, verwirft er die Unterkonsumtionstheorie, die Disproportionalitätstheorie, letztlich auch mit Einschränkungen das Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate, um dann als Krisenursache die „Tendenz zur Überproduktion“ aus der Kapitalform abzuleiten. (299) Diese erklärt Mau folgendermaßen: Ziel der kapitalistischen Produktion ist der Profit und dieses Ziel wird dem Einzel- wie dem Gesamtkapital durch die Konkurrenz aufgezwungen. Um mehr Profit zu erzielen, weitet das Einzelkapital durch neue und produktivere Methoden seine Produktion aus, um seine Kosten unter die seiner Konkurrenten zu senken, sie also zu unterbieten und ihre Marktanteile zu übernehmen. Der Markt wird ausgeweitet. Dies führt dann die gesamte Volkswirtschaft betreffend zu einer „allgemeinen Überproduktion“. Aus der Sicht des Einzelkapitals ist dies rational, aus der Sicht des gesamten kapitalistischen Systems ebenfalls. Aus diesem Widerspruch entsteht eine Krise. (299) Dieser immanente Widerspruch im Kapitalismus leitet sich ab aus dem Widerspruch zwischen Gebrauchswert und Wert. Denn in der kapitalistischen Produktionsweise ist die Produktion von nützlichen Gebrauchsgütern der Verwertung von Wert untergeordnet. Der „stumme Zwang der Konkurrenz zwingt die einzelnen Kapitale, ohne Rücksicht auf die Grenzen des Marktes zu produzieren […].“ (300) Die Akkumulation wird durch eine Krise unterbrochen, aber es bieten sich danach wieder neue Möglichkeiten für weitere Akkumulationen, u.a. infolge Entwertung und sinkender Löhne. Periodische Krisen der Überproduktion ergeben sich notwendigerweise. Bezüglich der unmittelbaren Ursache der Krise schränkt Mau jedoch ein, indem er schreibt: „Während wir die ultimative oder zugrunde liegende Ursache in der Überproduktion finden können, lassen sich die unmittelbaren oder näheren Ursachen konkreter Krisen nicht ausmachen, ohne die spezifischen und kontingenten Details der Situation zu berücksichtigen.“ (301) Zuzustimmen ist Mau sicherlich mit der Bemerkung, dass „Krisen […] vielleicht das beste Beispiel [sind] für den unpersönlichen Charakter der ökonomischen Macht des Kapitals.“ (308)

Fazit

Wie gelingt es dem Kapital, das gesellschaftliche Leben im Griff zu behalten? Wie ist es überhaupt möglich, dass eine Gesellschaftsordnung, die dermaßen krisenanfällig und lebensfeindlich ist, über Jahrhunderte hinweg bestehen konnte? Warum ist der Kapitalismus nicht schon längst zusammengebrochen?“ (15) Diese Fragen von Søren Mau zu Anfang seiner Analyse führen ihn zur ökonomischen Macht des Kapitals, wie er den „stummen Zwang“ von Marx umschreibt. Er arbeitet in sehr stringenter und scharfsinniger Weise diese ökonomische Macht des Kapitals als einen „komplexe[n] Herrschaftsapparat“ (318) heraus, dessen Mechanismen auf allen Feldern der kapitalistischen Produktionsweise wirken. Auch wenn der Kapitalismus ohne Gewalt und Ideologie als Formen der Macht nicht denkbar ist, gelingt es Mau in einer tiefgehenden und überzeugenden Analyse der ökonomischen Macht des Kapitals, diese als spezifische Macht inhaltlich zu erarbeiten und sie systematisch von Gewalt und Ideologie zu unterscheiden. Als Zusammenfassung kann hier das folgende Zitat von Mau in besonderer Weise dienen: „Der stumme Zwang des Kapitals ist also das Resultat einer Reihe von gesellschaftlichen Verhältnissen und bestimmten Dynamiken, die von diesen Verhältnissen in Gang gesetzt werden. Zusammengenommen erklärt sich aus ihnen, warum die kapitalistische Gesellschaft von einer expansiven Verwertungslogik beherrscht wird, die sich der Gesellschaft nicht nur durch Gewalt und Ideologie aufdrängt, sondern auch dadurch, dass sie sich in die materielle Zusammensetzung der gesellschaftlichen Reproduktion einschreibt.“ (318) Diese umfangreiche materialistische Analyse ist sicherlich „keine leichte Kost“ (Heinrich) und deshalb kein Einführungswerk. Søren Mau gelingt eine Pionierleistung und er setzt Standards mit seiner Analyse über den „stummen Zwang“ der ökonomischen Macht im Kapitalismus, der als „stummer Zwang“ zwar schon häufig zitiert, aber noch nie systematisch erforscht wurde.

Wolfgang Kastrup ist Mitglied der Redaktion und im AK Kritische Gesellschaftstheorie

Dieser Artikel stammt aus dem DISS-Journal 43 vom Mai 2022. Die vollständige Ausgabe als PDF finden Sie hier.

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