Home » Autorinnen und Autoren » Dieluweit, Dirk » Politische Bewegungsbilder im Social Web

 

Politische Bewegungsbilder im Social Web

 

Jens Eder, Britta Hartmann & Chris Tedjasukmana: Bewegungsbilder. Politische Videos in Sozialen Medien, Berlin: Bertz+Fischer 2020, 128 S., 10,00 Euro. ISBN: 978-3-86505-750-1

Rezension von Dirk Dieluweit

Internetvideos sind inzwischen ein bedeutendes Mittel der politischen Kommunikation. Bürger, NGOs und soziale Bewegungen produzieren Videos, um auf Probleme aufmerksam zu machen oder zum Handeln zu motivieren. Deshalb wollen die AutorInnen zeigen, auf welche ästhetischen Formen und medialen Strukturen Aktivisten zurückgreifen, wenn Sie ihre Anliegen in Videoformaten präsentieren. Obwohl sich die öffentliche Aufmerksamkeit bisher auf Videos von Islamisten oder Neonazis richtete, soll der Schwerpunkt dieses Buches auf den Videos zivilgesellschaftlicher Aktivisten liegen, die sich unabhängig von Regierungsinstitutionen oder Großkonzernen für gesellschaftlichen Wandel engagieren.

Im zweiten Kapitel beschreiben die AutorInnen Politik als Streit um gesellschaftliche Entscheidungen, der Kommunikation voraussetzt. Aufgrund ihres Realitätsdrucks und ihrer symbolischen Dichte können Videos auf vier Arten als Katalysatoren politischen Handelns dienen. Zum einen haben sie eine epistemische Funktion, indem Sie Wissen über Missstände verbreiten. Zweitens können sie zum Handeln auffordern und damit appellativ wirken. Auf einer affektiven Ebene schüren sie Emotionen und eine performative Wirkung erzielen sie, wenn die Anwesenheit von Kameras politisches Handeln beeinflusst. Da solche Videos günstig produziert werden können, bieten sie Gruppen, die über wenig Ressourcen verfügen, eine Möglichkeit, auf Missstände aufmerksam zu machen. Unter-Fünfzigjährige informieren sich inzwischen hauptsächlich per Internet über das Tagesgeschehen. Deshalb können solche Videos dabei helfen, eine Gegenöffentlichkeit aufzubauen.

Die AutorInnen unterscheiden fünf Arten politischer Videos voneinander. Erstens erwähnen sie Zeugenvideos, die gesellschaftliche Missstände dokumentieren. Da vernetzte Smartphone-Kameras inzwischen allgegenwärtig sind, ist die Zahl solcher Videos in den letzten Jahren stark gestiegen. Ein besonders prominentes Beispiel hierfür ist die Aufnahme, die zeigt, wie der Afroamerikaner George Floyd durch Polizeigewalt ums Leben kam. Auch wenn solche Videos selten gerichtsfeste Beweismittel liefern, verschaffen sie sozialen Missständen mediale Aufmerksamkeit. Dagegen orientieren sich Webdocs oder Dokumentationsvideos an Kinodokumentationen und am Fernseh-Journalismus. Jedoch versuchen diese Produktionen Themen anzusprechen, die in Massenmedien wenig präsent sind. Vlogs oder Video-Blogs stellen im Gegensatz zu den vorherigen Videos eine Form des politischen Kommentars dar. Solche Formate kommentieren politische Themen und bieten den Zuschauern zusätzlich die Möglichkeit, eigene Kommentare zu hinterlassen. Dies erweckt den Anschein, direkt mit den Produzenten kommunizieren zu können. Zuletzt erwähnen die AutorInnen Mobilisierungs- und Kampagnenvideos, die Zuschauer zum Handeln bewegen sollen. Solche Videos greifen häufig auf Strategien aus dem Online-Marketing zurück und sind dementsprechend kurz und emotional aufgeladen. Dagegen wollen Videos, die Konzepte der Kommunikationsguerilla verwenden, etablierte Zeichen und Medienformate neu interpretieren. Ein Beispiel hierfür sind Filme, die Imagevideos von Großkonzernen parodieren.

Auch wenn es schon vor dem Durchbruch sozialer Medien Camcorder und 8mm-Kameras gab, entstand die heutige Form des Video-Aktivismus erst mit dem Web 2.0. Unter Web 2.0 versteht man, dass Internetnutzer selbstproduzierte Inhalte verbreiten. Allerdings stellen Großkonzerne die Plattformen bereit, die dies allererst ermöglichen. Auf der Ebene der Aktivisten bevorzugt dies Praktiken der flexiblen Selbstorganisation gegenüber dauerhaften Organisationen.

Die in sozialen Netzen verbreiteten Kurzvideos schauen sich viele Nutzer beiläufig auf mobilen Endgeräten an. Auch wenn solche Videos nicht so intensiv wie Fernseh- oder Kinoformate rezipiert werden, sind sie durchaus handlungsleitend und bedeutungsvoll. Da Aktivistenvideos geteilt und kommentiert werden, helfen sie dabei, Gruppenidentitäten zu festigen, und tragen so dazu bei, dass Meinungen gebildet werden.

Wie sich Videos in sozialen Netzwerken verbreiten, hängt von den dort verwendeten Algorithmen ab. So werten soziale Netzwerke aus, welche Inhalte die Nutzer konsumieren, um ihnen hierzu passende Angebote vorzuschlagen. Da die jeweiligen sozialen Netzwerke unterschiedliche Algorithmen verwenden, unterscheiden sich die Netzwerke hinsichtlich der dort bevorzugten Videoformate voneinander. Während für Youtube Vlogs und längere Dokumentationen charakteristisch sind, finden sich bei Facebook überwiegend kurze Mobilisierungs- und Kampagnenvideos, die aufgrund der verwendeten Texttafeln auch bei abgestelltem Ton angeschaut werden können.

In sozialen Netzwerken werden effekthascherische und meinungsstarke Botschaften bevorzugt. Dies führt dazu, dass die politische Öffentlichkeit in Meinungslager zerfällt und politische Debatten emotionalisiert werden. Zudem erwähnen die AutorInnen, dass Großkonzerne, die Videoplattformen betreiben, die Videoaktivisten für ihre eigenen Zwecke benutzen. Deshalb wird die Infrastruktur, auf die Videoaktivisten angewiesen sind, nicht demokratisch kontrolliert. Zwar können Aktivisten dort unabhängig von staatlichen Institutionen Inhalte verbreiten. Auf der anderen Seite geben sie dadurch jedoch Gestaltungsspielräume preis.

Im dritten Kapitel geben die AutorInnen einen Überblick über die Geschichte des Film- und Videoaktivismus. Ab den 70iger Jahren entstanden in Deutschland erste Videoinitiativen und Filmwerkstätten. Hier wurden lokale Themen wie Wohnungsnot oder die Alltagssorgen von MigrantInnen aufgegriffen. Mit der Verbreitung von Camcordern in 1980er Jahren entstanden neue Möglichkeiten für Videoaktivisten. So wurden in den USA erste Gruppen gegründet, die Videos produzierten, in denen Diskriminierungserfahrungen von Homosexuellen angesprochen oder Polizeigewalt gegen Afroamerikaner gefilmt wurde. Videoaktivismus in seiner heutigen Form wurde jedoch erst möglich, als Computer und Digitalkameras für jedermann verfügbar waren. Seit Mitte der 2000er Jahre betreiben zivilgesellschaftliche Initiativen zahlreiche Kanäle auf Video-Plattformen. In Ländern mit starker Zensur sind selbstproduzierte Videos oft die einzige Möglichkeit, mit der Aktivisten auf Missstände aufmerksam machen können. Die Zeit zwischen 2009 und 2015 bildet laut den AutorInnen den Höhepunkt des Videoaktivismus. Damals eigneten sich Aktivisten die Möglichkeiten sozialer Medien schneller an, als die Machthaber in totalitären Regimen diese kontrollieren konnten.

Im vierten Kapitel sprechen die AutorInnen Internet-Videos durchaus das Potential zu, öffentliche Debatten auf bestimmte Themen zu lenken, Ursachen zu benennen und Lösungsvorschläge anzubieten. Allerdings schaffen es einzelne Bilder selten, Identitäten und Werte langfristig zu verändern. Dies gelingt nur, wenn einzelne Bilder ‚Bildschwärme‘ auslösen. Internetvideos stehen in einer Aufmerksamkeitsökonomie in Konkurrenz zu Millionen von Kurzfilmen und Unterhaltungsangeboten. Diese ständige Konkurrenz um Aufmerksamkeit erschwert es zivilgesellschaftlichen Aktivisten, sich gegen demokratiefeindliche Angebote durchzusetzen.

Politik hat nach Meinung der AutorInnen immer eine emotionale Dimension, weshalb sich emotionale und inhaltliche Zuspitzungen in den Videos politischer Aktivisten nicht vermeiden lassen. Allerdings kann dies dazu führen, dass kontroverse Themen nicht mehr sachlich dargestellt werden. Dieses Spannungsverhältnis zwischen sachlicher Darstellung und emotionaler Zuspitzung möchten die AutorInnen durch einen Pluralismus ästhetischer Formen auflösen. Hier fordern die AutorInnen, dass Videos, die zeigen, erzählen, argumentieren und symbolisieren, als gleichwertig angesehen werden.

Damit Videos wirksam sein können, sind effektive Verbreitungsstrategien notwendig. Hier schlagen die AutorInnen vor, Videos mit entsprechenden Selbstdarstellungspotentialen zu produzieren und die Hilfe von Influencern und Multiplikatoren in Anspruch zu nehmen.

Im fünften Kapitel wird untersucht, wie sich Internetvideos auf die Öffentlichkeit beziehen und welche Bedeutung sie in pluralen Demokratien haben. An dieser Stelle wird abermals erwähnt, dass Internetvideos marginalisierten Gruppen Gehör verschaffen können, allerdings auch dazu genutzt werden, um Fake-News zu verbreiten. Hier loben die AutorInnen Videos der Black-Live-Matter-Bewegung, der es gelungen sei, eine Gegenerzählung zu den „Zero-Tolerance“-Diskursen zu schaffen. Allerdings weisen sie auf die Gefahr hin, dass dies zur Entstehung von Echokammern führt. Um Empathie für die Opfer von Diskriminierung und Polizeigewalt zu erwecken, sprechen sich die AutorInnen abermals für eine emotionalisierende Erzählweise aus, die die Perspektive der Opfer darstellt.

Im sechsten und abschließenden Kapitel fordern die AutorInnen erneut, dass mehrere Formate von Aktivistenvideos nebeneinander bestehen sollten, da so sichergestellt werde, dass möglichst viele Perspektiven und Erzählweisen berücksichtigt werden. Um gegen Fake-News vorzugehen, möchten sie zudem die Medienkompetenz der Bevölkerung stärken und entschiedener gegen Hetze und falsche Behaupten in sozialen Netzwerken vorgehen.

Auch wenn es dem Buch gelingt einen knappen Überblick über Aktivistenvideos und deren Verbreitung im Internet zu bieten, bleibt die Argumentation der AutorInnen in mancher Hinsicht lückenhaft und oberflächlich. So wäre zu diskutieren, inwiefern die Funktionsweise sozialer Netzwerke mit den Mobilisierungsstrategien und politischen Inhalten zivilgesellschaftlicher Aktivisten vereinbar ist. So hat sich durch soziale Netzwerke eine Aufmerksamkeitsökonomie etabliert, die darauf beruht, politische Inhalte zu emotionalisieren und zuzuspitzen.

Da die Neue Rechte behauptet, durch überspitzte und emotionalisierte Argumente eine Alternative zur durchrationalisierten und funktional differenzierten Moderne zu bieten, kommt die Funktionsweise sozialer Netzwerke den Mobilisierungsstrategien der Neuen Rechten sehr entgegen. Angela Nagle zeigt in ihrem Buch Die Digitale Gegenrevolution (transcript 2018) denn auch überzeugend, dass die Alt-Right Ausdrucksformen einsetzte, mit denen zuvor linke Aktivisten Inhalte überspitzt darstellten. Um dem entgegenzuwirken, ist es erforderlich, deutlich herauszuarbeiten, in welchem Verhältnis Inhalte und Mobilisierungsstrategien zueinanderstehen. Leider beschränken sich die AutorInnen hierzu nur auf den Hinweis, dass rechte Agitatoren mit Fake-News arbeiten.

Hätten die AutorInnen die Medienanalysen Bourdieus oder Virilios hinzugezogen, hätte man zeigen können, wie Zeugenvideos die Mechanismen, die rassistische Polizeigewalt produzieren, verschleiern und dazu beitragen, Rassismus als individuelles Fehlverhalten zu deuten. Darüber hinaus sollte man in diesem Zusammenhang diskutieren, inwiefern Internet- und Videoaktivismus postdemokratischen Protestformen Vorschub leistet. So weist Colin Crouch darauf hin, dass im Zeitalter der Postdemokratie anlassbezogene Initiativen an die Stelle ausformulierter politischer Programme treten. Dies begünstigt wiederum eine Perspektive, die soziale Missstände auf individuelles Fehlverhalten zurückführt und die Bedeutung sozialer Institutionen ausblendet.

Auch wenn die AutorInnen durchaus im Blick haben, dass soziale Netzwerke dazu beitragen, die politische Öffentlichkeit zu spalten, halten sie dem nur Allgemeinsätze wie „Medienkompetenz stärken“ entgegen. Hier hätten die AutorInnen herausarbeiten können, durch welche pädagogischen Formate dies umgesetzt werden kann.

Dieses Buch bietet zwar einen ersten Überblick über Probleme und Potentiale des Videoaktivismus, liefert allerdings nur begrenzt neue Erkenntnisse und weist zudem Redundanzen und Lücken auf. Deshalb kann dieses Buch allenfalls als Einstieg in das Thema dienen.

Dirk Dieluweit ist Sozialwissenschaftler, lebt in Darmstadt und forscht zu sozialer Ungleichheit, Ethnizität und Migration

 

 

Dieser Artikel stammt aus dem DISS-Journal 41 vom Juni 2021. Die vollständige Ausgabe als PDF finden Sie hier.

 

Drucken Drucken

Comments are closed

Sorry, but you cannot leave a comment for this post.