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»Deutschland – aber normal« (AfD)

 

Was heißt hier »aber«?

von Jürgen Link

In Corona-Zeiten, in denen eine Massenstimmung geradezu erschütternder ›Sehnsucht nach Normalität‹ weit verbreitet zu sein scheint, versucht die AfD, dieser Massenstimmung mit ihrer Wahlkampfparole eine eindeutige Richtung zu geben. Diese Richtung steckt offenbar in dem alles andere als ›deutschen Klartext‹ redenden Wörtchen »aber«. Schaut man in dem sehr umfangreichen Programm nach, so findet man »normal« fast gar nicht – außer in Zeile 304 des Entwurfs, wo die AfD verspricht, die deutsche »Volkswirtschaft auf einen normalen Entwicklungspfad zurückzuführen«. Das ist der eine von zwei kleinsten gemeinsamen Nennern jedes Normalismus: die Basiskurve des Normalwachstums (neben der der Normalverteilung). Normalwachstum wollen selbstverständlich alle (außer dissidenten Wachstumskritikern). Das »aber« muss sich also suggestiv auf Forderungen beziehen, die sich bloß implizit als »normal« präsentieren. Das wiederum bedeutet, dass »normal« als beliebig füllbare Sprechblase, als »leerer Signifikant«, als ›diskursiver Dollar‹ aufgegriffen wird – so wie der hegemoniale mediopolitische Diskurs ihn täglich verwendet – aufgegriffen, um ihn dann »aber« in spezifischer Weise zu drehen und ›festzuklopfen‹.

Nebenbei und vordergründig ist die Parole auch als Provokation gegen die »Altparteien« lesbar: Werden sie etwa so blöd sein, sich pauschal gegen »Normalität« zu erklären, weil sich die AfD für »Normalität« erklärt? Das werden sie selbstverständlich nicht, vielmehr werden sie behaupten, nicht die AfD, sondern sie selbst wären Garanten der wahren Normalität. Auf dieser Ebene liefe es also auf ein Schattenboxen mit Sprechblasen hinaus, so wie um »Freiheit« oder »Verantwortung« (beide natürlich auch im Programm der AfD prominent, so wie in dem aller Parteien). Gegen ein ideologiekritisches simples Abhaken des Falls spricht aber die eingangs erwähnte ins Existentiell-Pathetische gehende sehnsüchtige Massenstimmung: »Gebt uns unsere Normalität zurück!« Hier ist mehr als eine Sprechblase verloren gegangen – das grenzt an die Sehnsucht eines traditionalen Kollektivs, dem man seine Religion genommen hat. Religionen organisieren in vormodernen Gesellschaften minimale Lebensrhythmen auch über oft harte Klassengrenzen hinweg: Rhythmen der Arbeit und der Feste, der Familienbildung und der Generationen, des Schlafens, Wohnens und Essens, der Wir- und der Ich-Bildung. Genau diese basalen Rhythmen sind nun durch die Corona-Notstände radikal gestört. Nur Minderheiten reagieren noch religiös darauf – die Mehrheit normalistisch. Die Eurhythmie (minimale gute Lebensrhythmen) moderner Massen heißt offenbar »Normalität«, und es ist zu fragen, auf welche Weise sie ein funktionales Äquivalent von Eurhythmie gewährleisten kann.

»Normalismus« soll die Spezifik moderner Normalitäten (gegenüber Lebens-und Alltagsrhythmen allgemein) bezeichnen. Eine Normalismustheorie ist natürlich komplex – aber die Corona-Krise erlaubt die verkürzte Verwendung, weil sie auch hierbei wie ein Mikroskop wirkt. Erstens: Noch in keiner modernen Krise hat sich derartig alles um statistische Kurven gedreht wie jetzt – bis hin zur Ausstattung statistischer Normalitätsgrenzen (Dezimalsystem!) mit Gesetzeskraft. Das entspricht der normalismustheoretischen Einsicht: Voraussetzung für moderne Normalitäten sind verdatete Gesellschaften. Verdatete Gesellschaften sind solche, die ihre Massenprozesse flächendeckend und routinemäßig statistisch transparent machen. Zweitens: Verdatung ist die Basis für Normalismus – es muss aber noch ein Wille zur Normalisierung hinzukommen. Dieser Wille zielt auf Herstellung von Massenverteilungen mittels Um-Verteilung nach Maßgabe grob angenäherter Normalverteilungen (Schaffung breiter »Mitten« und Ausdünnung von »Extremen«, Mainstreaming von Abweichungen aller Art). In der Coronakrise gehören dazu alle finanziellen Kompensationen für drohende ›Abstürze‹ und ›Abhängungen‹ aus der normalen Mitte-Zone. Drittens: Normalwachstum und Normalverteilung bilden bloß den Kern einer ausgedehnten ›Kurvenlandschaft‹ aus Tausenden statistischer Kurven, durch die die verschiedenen Teilsysteme und Teilzyklen der hoch spezialisierten modernen Gesellschaft kartiert und dann normalistisch gemanagt werden können. Auch dafür bildet die Corona-Krise ein Lehrstück: Hier geht es darum, vor allem die gesundheitsbezogenen Kurven mit den ökonomischen, sozialen und ökologischen zu kombinieren. Viertens: Die Kurvenlandschaft insgesamt soll also die reale Basis des jeweiligen Normalitätsgrades der Gesellschaft abbilden. Diese Kurvenlandschaft ist mit einer riesigen Kuppel zu vergleichen, die wie ein künstlicher Himmel über der Gesellschaft schwebt und die den normalisierten modernen Massen eben jenes Gefühl minimaler Sicherheit und Eurhythmie verschafft, das in vormodernen Zeiten die Religionen lieferten.

Fünftens: Sämtliche Kurven tendieren spontan zu Abweichungen nach unten oder nach oben vom ›Gleichgewicht‹ der idealen Basiskurven. Deshalb gehören ständige Kurven-Prognosen sowie »Warnungen« und insbesondere »Frühwarnungen« zum alltäglichen Normalismus. Solche Abweichungen von der Normalität sollen »Denormalisierungen« (Verlust von Normalität) heißen. Normal ist es, dass die kleinen Denormalisierungen routinemäßig normalisiert werden. Eine ernsthafte Krise beruht auf eher seltenen großen Denormalisierungen – bis hin zum Kollaps (»Crash«) wesentlicher Kurven. In der Corona-Krise sind ganze Kurvenfächer kollabiert. Die von den Entscheidungseliten verfügten Kompensationen haben die Schuldenkurve ›exponentiell‹ gesteilt (eine exponentielle Tendenz signalisiert extreme Denormalisierung), ohne dass die entsprechenden ökonomischen und sozialen Kurven wieder »selbsttragend« wären. Sechstens: Eine große Denormalisierung wie die durch Corona zwingt die Entscheidungseliten zu Notstandsmaßnahmen. Auch Notstandsmaßnahmen werden im Normalismus mit der Kurvenlandschaft begründet. Man zeigt an der Denormaliserung der Gesundheitskurven die »Notwendigkeit« der Maßnahmen.

Dieser theoretische Exkurs war notwendig, um die aktuelle Massenstimmung im Frühjahr 2021 (und dann auch die Intervention der AfD in den Normalismus) zu begreifen. Diese Massenstimmung einer bereits die Panik streifenden Sehnsucht nach »Rückkehr zur Normalität« um jeden Preis beruht auf zwei Faktoren: Zum einen auf der Sorge, dass die Denormalisierung existentiell wichtiger Kurven lange andauern könnte – zum anderen auf dem wachsenden Verdacht, dass die Entscheidungseliten selbst ›nicht durchblickten‹, und dass ihre Auswahl von Basiskurven, vor allem die absolute Privilegierung der Kurve der Wocheninzidenz, möglicherweise den realen Prozess der Pandemie nicht belastbar spiegele und also auch ein Großteil der Maßnahmen kontraproduktiv sei.

Diesen Verdacht greift die AfD auf und radikalisiert ihn, indem sie die gesundheitliche Denormalisierung leugnet und deshalb die Notstandsmaßnamen ablehnt, um angeblich die normale Demokratie zu verteidigen. Das ist ein dreistes Täuschungmanöver, was schnell klar wird, wenn man sich die im Programm konnotativ beschriebene »Normalität« näher anschaut: Das sind die insgesamt ausführlichsten Kapitel über »Migration«, »Islam«, »Energie«, »Familie«, »Leitkultur« usw. Darin wird eine enge, rigide, disziplinäre und autoritäre Spielart von »Normalität« als Rezept gegen die Krise propagiert. Diese Spielart ist durch eine relativ schmale »normale Mitte« und durch breite Zonen von »Anormalitäten« gekennzeichnet. Die Normalitätsgrenzen zwischen Mitte und Anormalität sind hart und abschreckend – sie stigmatisieren die »Anormalen« (»rassischer«, nationaler, sexueller, bildungsmäßiger Art). Solche engen Stigmagrenzen waren für den Normalismus des 19. Jahrhunderts typisch (weshalb man von »Protonormalismus« sprechen kann). Demgegenüber hat sich bei uns seit dem Zweiten Weltkrieg und endgültig seit der 68er Zeit eine neue Spielart von Normalismus durchgesetzt, der »flexible Normalismus«, der die normale Mitte-Zone möglichst ausdehnt und die Normalitätsgrenzen möglichst entstigmatisiert und porös handhabt. Damit sollen die Minderheiten (die im Fall der Frauen die Mehrheit waren) inkludiert, integriert und so normalisiert werden.

Der Sinn des »aber« ist damit klar: Die AfD lehnt den flexiblen Normalismus radikal ab und plädiert ebenso radikal für die »Rückkehr« zum rigide-disziplinären Protonormalismus. Wie passt dazu aber die Ablehnung der Corona-Notstände? Es gehört zu den Ambiguitäten jedes und also gerade auch des flexiblen Normalismus, dass Notstände die Normalität zeitweise (Brüning) oder ganz (Hitler) aufheben und dass sie, soweit überhaupt noch normalistisch, ausschließlich protonormalistisch gemanagt werden können. Die Spahnschen Ermächtigungen (vergleichbar natürlich nicht mit den hiltlerschen, wohl aber durchaus mit den brüningschen) gefährden also tatsächlich nicht nur die Demokratie, sondern auch den flexiblen Normalismus. Die AfD ist also die letzte, deren Ablehnung glaubhaft ist. Aus den Minderheiten-Abschnitten des Programms atmet eine regelrechte Notstandsgeilheit, die aber (faschistisch im Wortsinne) zunächst auf Subjekte setzt, die aus eigenem Antrieb »die Straße« (heute vor allem auch die mediale Öffentlichkeit) von allen »Anormalen« ›säubern‹ wollen. Typisch sind die Drohungen gegen Flüchtlingshelferinnen und andere Minderheiteninitiativen.

Gegen dieses unmissverständliche »Aber« der AfD gilt es den flexiblen Normalismus zu verteidigen. Doch sollte man nicht meinen, damit wäre es getan. Das eigentliche Problem wird die ominöse »neue Normalität« (new normal) nach Normalisierung der Gesundheitslage sein. Es wird dann um die neue Kopplung der ökonomischen, sozialen und ökologischen Kurven gehen. Eine einflussreiche Kapitalfraktion fordert ›Durchstarten‹ und verspricht ein Superwachstum (an den Börsen schon vorweggenommen). Sie fordert dazu »radikale Disruption«, z.B. durch Wegfall des Büro- und Pendelsegments der Dienstleister (»Digital first!«), will das aber wegen der Schuldenkurve nicht weiter kompensieren. Diese Disruptionstendenz inszeniert sich extrem flexibel-normalistisch – bis hin zu neuen CDOs (Chief Diversity Officers) in den Konzernvorständen. Was aber, wenn die drohenden ökologischen Krisen so nicht wegzumanagen sind oder aber sogar die versprochenen Exponentialkurven (sie sind nicht normal!) kollabieren? Dann braucht es eventuell transnormalistische Alternativen – aber das ist ein anderes, eigenes Kapitel.

Jürgen Link ist Literatur-, Kultur- und Diskurswissenschaftler und steht dem DISS seit vielen Jahren nahe. Er hat die Konzeption der Kritischen Diskursanalyse (KDA) in vielfältiger Weise inspiriert und intellektuell bereichert.

 

Dieser Artikel stammt aus dem DISS-Journal 41 vom Juni 2021. Die vollständige Ausgabe als PDF finden Sie hier.

 

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