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Arbeiter*innen und ihre Sympathien für die radikale Rechte

 

Dörre, Klaus 2020
In der Warteschlange
Arbeiter*innen und die radikale Rechte
Münster, Verlag Westfälisches Dampfboot
355 Seiten, 30 Euro
ISBN 978-3-89691-048-6

Rezension von Wolfgang Kastrup

Weshalb haben Arbeiter*innen Sympathien für die radikale Rechte? Dieser Frage geht Klaus Dörre, Professor für Arbeits-, Industrie- und Wirtschaftssoziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, in seinem Buch In der Warteschlange, erschienen 2020, nach. Dafür präsentiert er Ergebnisse, die aus mehr als drei Jahrzehnten empirischer Forschungen zu rechtspopulistischen und rechtsextremen Einstellungen unter Lohnabhängigen hervorgegangen sind. Die Analyse bezieht sich im Wesentlichen auf „Industrie- und Produktionsarbeiter aus dem verarbeitenden Gewerbe“, aber auch andere „Fraktionen lohnabhängiger Klassen“ geraten in den Blickwinkel. (13) Die Texte dokumentieren eine „allmähliche Radikalisierung einer Tiefengeschichte, die, jedenfalls in meinen Forschungen, im gewerkschaftsnahen Arbeitermilieu der alten Bundesrepublik beginnt und mit dem Aufstieg der AfD zur stärksten Oppositionspartei im Bundestag einen eigenständigen parteipolitischen Ausdruck erhalten hat.“ (Ebd.) Dies ist auch die These des Buches. Der Autor betont, dass er trotz Kritik an den Gewerkschaften eine „anteilnehmend[e] Grundhaltung“ zu ihnen hat.

Den Begriff „Tiefengeschichte“ („deep story“) hat Klaus Dörre von der US-Soziologin Arlie Hochschild übernommen. Noch vor dem Wahlsieg von Donald Trump 2016 veröffentlichte sie die Ergebnisse einer Feldforschung zu Lohnarbeiter*innen einer Kleinstadt Lake Charles im US Bundesstaat Lousiana, einer Hochburg der rechtspopulistischen Tea-Party-Bewegung. (Auf Deutsch: „Fremd in ihrem Land – Eine Reise ins Herz der amerikanischen Rechten“) Diese Menschen waren in der petrochemischen Industrie beschäftigt, nicht die Ärmsten der Gesellschaft, hatten allerdings seit zwei Jahrzehnten keine Lohnerhöhung erhalten, zudem sehr wenig Urlaub und litten unter der Naturzerstörung durch die Großkonzerne. Weshalb delegieren sie ihre Interessen ausgerechnet an rechtspopulistische und neoliberal bis libertär eingestellte politische Führer, die doch an diesen Verhältnissen Mitverantwortung tragen? „In der rechten Tiefengeschichte, die Hochschild rekonstruiert, stehen Menschen wie bei einer Pilgerfahrt in einer langen Schlange am Fuße eines Berges, der für sie den amerikanischen Traum symbolisiert. Ihre Füße sind müde, es geht nicht vorwärts. Doch in ihren Augen haben sie den amerikanischen Traum verdient.“ (18) Für diese Menschen, so jedenfalls ihre Wahrnehmung, werden migrantische Minderheiten bevorzugt, die aber wesentlich weniger als sie bisher geleistet hätten. Für Dörre hat sich an solchen Arbeiterschicksalen bisher wenig geändert. Da nach seiner Meinung Angebote der politischen Linken fehlen, suchen die in der Schlange Stehenden „Zuflucht beim Trumpismus“. „Klasseninteressen werden an einen Leader delegiert, der einfachen Leuten viel verspricht, ohne wirklich etwas mit ihnen gemeinsam zu haben. Es sind latente, verzerrte Klasseninteressen, die zur Wahl Trumps motivieren.“ (18) Auch für Dörre trägt die politische Linke durch fehlende Angebote eine Mitverantwortung an dem Aufstieg der Rechtspopulisten. Trotz der Unterschiede zu den USA sieht der Autor „eine rechte deep story auch bei bundesdeutschen Lohnabhängigen,“ da auch hier viele Menschen in der Warteschlange stehen, auf Gerechtigkeit und bessere Zeiten warten. Sie empfinden ihre Arbeit und ihre Lebensentwürfe durch die Gesellschaft nicht ausreichend gewürdigt und delegieren ihren Protest an die populistische oder die extreme Rechte. Die Auseinandersetzungen um Statuserhalt bzw. Statusverbesserungen werden dann mit „dem Mittel des Ressentiments ausgetragen“. (19) Meines Erachtens versäumt es Dörre hier, dass solche nationalistischen Ressentiments auch ihre Ursache in der national-staatlichen Unterteilung in In- und Ausländer hat und Nationalisten genau dies aufgreifen. Es sind enttäuschte Nationalisten der AfD und Pegida, die der herrschenden Politik vorwerfen, die Interessen des deutschen Volkes gröblich zu vernachlässigen.

Empirische Befunde zeigen, so Dörre, dass rechtspopulistische Orientierungen in allen Beschäftigungsbereichen zu finden sind, nicht nur bei prekär Beschäftigten und Facharbeitern, sondern auch bei Hochqualifizierten im Bankenbereich wie in der IT-Industrie. „In ein bipolares Innen-Außen-Schema eingepasst, verwandelte sich alltägliche Sozialkritik in eine Legitimation für die Ausgrenzung Fremder, vermeintlich Leistungsunwilliger, kulturell angeblich nicht integrierbarer Gruppen. […] Dieser konservierende Rechtspopulismus entsprach exakt dem, was ich bereits bei jungen Gewerkschaftsmitgliedern der späten 1980er Jahre gefunden hatte.“ (21) Für die rechte deep story verstärkend wirkte, dass mit Milliarden während der Finanzkrise Banken gerettet wurden und ebenfalls Geld im Überfluss vorhanden war, um kriselnde Staatsfinanzen in Südeuropa zu stabilisieren und die über eine Million Geflüchteter in Deutschland zu versorgen. „Seither ist das Schlangestehen aus der Sicht (nicht nur) rechtsaffiner Arbeiter*innen sinnlos geworden.“ (23)

Demobilisierte Klassengesellschaft

Dörre zufolge ist diese Radikalisierung der rechten Tiefengeschichte eine Konsequenz gesellschaftlicher Verhältnisse, „die hier als Tendenz zu einer demobilisierten Klassengesellschaft“ beschrieben wird. (24) Ungleichheiten zwischen den sozialen Klassen sind stärker geworden, sie werden aber kaum öffentlich thematisiert, da die Gewerkschaften und andere Organisationen in dem Verhältnis von Arbeit und Kapital wegen ihrer diskursiven Schwäche dazu nicht in der Lage sind. Klassen und Klassenpolitik werden im politischen System geradezu systematisch dethematisiert. Daran ändern auch Streiks in Unternehmen nichts, da es nicht zu einer „politischen Verdichtung dieser Konflikte“ kommt und so die „politische Öffentlichkeit“ selten erreicht. Ursächlich dafür ist seiner Ansicht auch, dass die ökologischen Konflikte die sozialen in den Hintergrund gedrängt haben. (Ebd.)

Die Abwertung in der demobilisierten Klassengesellschaft zeigt sich im besonderen Maße bei Arbeiter*innen im Osten Deutschlands, wo deren lebensgeschichtliche Erfahrung deutlich macht, dass im Unterschied zur ehemaligen DDR heute in der Bundesrepublik zwischen Arbeiterschaft und sozialer Abwertung häufig ein Gleichheitszeichen stehen würde. Dies zeigt sich auch daran, dass Löhne, Arbeitszeit und Arbeitsbedingungen immer noch nicht das Westniveau erreicht haben. (25f.)

Globalisierung und Nationalstaat

Dörre sieht zutreffend, dass die grenzüberschreitenden Wirtschaftsaktivitäten auch auf die „veränderte organische Zusammensetzung des Kapitals“ zurückzuführen ist. Da die Aufwendungen für Technologie, Forschung und Entwicklung, für Werk- und Rohstoffe im Verhältnis zu den Lohnkosten ständig steigen, müssen große Unternehmungen immer neue Absatzmärkte außerhalb der eigenen Nationalökonomien suchen. Dabei unterliegen sie einem sich verschärfenden internationalen Konkurrenzverhältnis. Ziel ist es, „über Auslandsinvestitionen selbst zum Insider in fremden Märkten zu werden.“ (69f.) Dabei ist in den letzten zwanzig Jahren der Neoliberalismus national wie international politisch bestimmend gewesen. Doch der Neoliberalismus ist, Dörre zufolge, zwischen den Polen der Internationalisierung der Wirtschaft und der nationalen Politik in sich widersprüchlich. Das Staatsverständnis dieser Form des Kapitalismus besteht in einer Strategie der Entstaatlichung und der Streichung von Sozialausgaben einerseits und dem der Ordnungsmacht bei inneren und äußeren Angelegenheiten andererseits, was die Schutzfunktion nationaler Wirtschaftsinteressen einschließt. Staatliche Autorität wurde und wird „gezielt zur Liberalisierung und Internationalisierung der Märkte eingesetzt“. (80f.) Die sozialen Konsequenzen einer solchen Politik drohen zu einer stärker werdenden „Aufwertung repressiver Staatsfunktionen“ zu werden. Der Zusammenhang von Wirtschaftsliberalismus und Nationalismus kann leicht durch eine Zuspitzung für rechte Populisten genutzt werden. „Konstruktionen des Nationalen werden dann als ideologisches Bindeglied genutzt, um soziale Frustration in autoritäre, obrigkeitsstaatliche Orientierungen zu überführen.“ (81)

Unternehmerisches Selbst“: Wirkmächtige Fiktion

Dörre kritisiert gängige Subjektivierungsthesen, die seiner Meinung nach „die Historizität und Mehrschichtigkeit individueller Subjektivität“ theoretisch nicht hinreichend erfassen und deshalb Sicherheitsansprüche von Beschäftigten nicht berücksichtigen. Das Leitbild des „Arbeitskraftunternehmers“ (Pongratz/ Voß) oder des „unternehmerischen Selbst“ (Bröckling) von Arbeitslosen wie Beschäftigten gerät seiner Meinung deshalb in Konflikt mit den Lebenssituationen, weil, materiell wie kulturell, die Voraussetzungen, eines Handelns, das sich rational-kalkulierend auszeichnen soll, nicht vorhanden sind. (142f.) Leiderfahrungen der Arbeitswelt werden von den Subjektivierungstheorien ignoriert, sodass dadurch Entstehungsbedingungen für eine rebellische Subjektivität aus dem Blick geraten. „Das ‚unternehmerische Selbst‘ bleibt bei von uns befragten Stammbeschäftigten, Prekarisierten und Erwerbslosen weitgehend äußerlich. Es handelt sich um eine, allerdings wirkmächtige Fiktion.“ (143) Mit „wirkmächtig“ meint der Autor, dass dieses Leitbild eine neue Vorstellung von Kapitalismus beinhaltet, die ein „expansives Wettbewerbsprinzip“ legitimieren soll. Aufgrund leidvoller Erfahrungen bei der Arbeits- und Lebensqualität gehen persönliche Antriebskräfte verloren, die für die subjektive Aktivität Voraussetzung sind. Damit wird das Gegenteil erreicht, was das „aktivierende Arbeitsmarktregime“ an sich erzeugen will. Die strengen Zumutbarkeitsregeln eines expansiven Überwachungsapparates stehen dann im Widerspruch zu einer geforderten Aktivierung. (145) Die strengen Zumutbarkeitsregeln von Hartz IV – über die Definition des angemessenen Wohnraums bis zu Vorschriften für Bedarfsgemeinschaften – schrecken nicht nur Lohnabhängige in fester Anstellung ab, sie sind vor allem ein Disziplinierungsmittel. (152)

Aufstieg der neuen Rechten

Mit der Bundestagswahl 2017 hat die „populistische Revolte“ mit der AfD eine parlamentarische Vertretung im Bundestag. (163) Aus der Wahl- und Umfrageforschung ist für Dörre zu entnehmen, dass der völkische Nationalismus auch in Deutschland in allen Bevölkerungsgruppen Zuspruch findet. Dabei gilt es jedoch zu bedenken, dass dieser völkische Nationalismus überdurchschnittliche Resonanz bei Arbeitern, Gewerkschaftsmitgliedern und Erwerbslosen findet. 12,6 % der Stimmen hat die AfD 2017 erhalten, wobei 19 % der Arbeiter und 15 % der Gewerkschaftsmitglieder (14 % West, 22 % Ost) dieser Partei ihre Stimmen gaben. Frauen als Wählerinnen sind deutlich unterrepräsentiert, ebenso Akademiker*innen. Besonderen Zulauf fand die AfD in ländlichen und strukturschwachen Gebieten. (164)

Für die empirischen Befunde in sächsischen Regionen 2017/2018, wozu auch als Teilprojekt eine „Tiefenbohrung“ gehört, haben Dörre und sein Forscherteam bewusst rechte Arbeiter gesucht und befragt. Unter „Tiefenbohrung“ wird eine Forschung verstanden, die sich „Schritt für Schritt an ihren Gegenstand herantastet.“ (168) Interviews von Befragten mit Sympathien für Pegida und AfD erwiesen sich, wie Dörre schreibt, als „Herausforderung“. „Wie soll man beispielsweise mit einem Gewerkschafter umgehen, der dafür plädiert, wegen der Fluchtmigration das Lager Buchenwald wieder zu eröffnen? Wir haben uns bemüht, die Fassung zu wahren, das Interview fortgesetzt und uns am Schluss höflich per Handschlag verabschiedet.“ (169)

Ethnisierung sozialer Verwerfungen

Erstens, so Dörre, zeigt der Befund eine ernst zu nehmende national-soziale Gefahr. „Der ‚Saatboden für einen neuen Faschismus‘ (Jürgen Habermas) existiert tatsächlich.“ (191) Die von der völkischen Rechten betriebene Ethnisierung von sozialen Verwerfungen gelingt als Mobilisierungsstrategie auch unter aktiven Gewerkschaftlern und Betriebsräten.

Zweitens stehen Pegida und AfD für Bewegungen, die anstelle von Ausbeutung Kausalmechanismen wie „Umvolkung“ oder „Einwanderung in die Sozialsysteme“ benutzen. Grundlegend für die Sichtweise der Befragten ist das Empfinden, „am gesellschaftlichen Wohlstand nicht angemessen beteiligt zu sein – materiell wie kulturell.“ (193) Da die Befragten deutlich machten, dass die politische Linke als ernst zu nehmende Kraft in keiner Weise in Betracht gezogen wird und die Gewerkschaften nur begrenzte Durchsetzungskraft hätten, ist der Raum für die völkische Rechte vorhanden, sich als Adressatin für verletztes Gerechtigkeitsempfinden zu empfehlen. (194)

Drittens kann, Dörre zufolge, dem Erfolg der völkischen Rechten Einhalt geboten werden. Das hängt davon ab, inwieweit es gelingt, „die alltagsweltliche Attraktivität des völkischen Abwertungsmechanismus zu erschüttern“. (195) Soziale Protestmotive von rechts eingestellten Arbeiter*innen sind das Eine, das Andere ist ein Weltbild, das durch Konkurrenz und kollektiver Abwertung geprägt ist. „Arbeiter werten sich selbst auf, indem sie alte und neue, ethnisch geprägte gefährliche Klassen abwerten. […] ‚Hartz IV‘ hat die Schwelle gesellschaftlicher Respektabilität nahe an die aktiven lohnabhängigen Klassen herangerückt.“ (196)

Viertens sollte, um die Integrationskraft rechtspopulistischen Blocks zu schwächen, rechten Arbeitern nicht pauschal Gerechtigkeits- und Demokratisierungsmotive abgesprochen werden. Es ist sinnvoll, „dem rationalen Kern populistischer Anschauungen größere Aufmerksamkeit zu widmen.“ (197) Eine kritische Soziologie müsste hierzu die Klassenvergessenheit der öffentlichen Diskurse und damit die Ausbeutung zum Thema machen. Wenn, Dörre zufolge, Gerechtigkeits- und Demokratisierungsmotive den rationalen Kern im Weltbild rechter Arbeiter bilden (eine m.E. schon fragwürdige These) und die Klassenvergessenheit wieder zum Thema gemacht werden soll, wie passt das zu seiner ersten Aussage, dass die von den völkischen Rechten betriebene Ethnisierung sozialer Verwerfungen mit Erfolg verbunden ist? Ein gefestigter oder relativ gefestigter Rassismus und Nationalismus soll zurückgedrängt oder sogar fallen gelassen werden zugunsten der Klassen- und Ausbeutungsverhältnissen? Dies widerspricht m.E. auch der zweiten Aussage.

Fünftens sieht Dörre die Gewerkschaften in einer „Schlüsselrolle“, da nur sie noch in der Lage sind, Arbeiter mit Sympathien für die populistische Rechte“ zu erreichen. (199) Dabei ergeben sich zwei Strategien für eine antipopulistische Politik: Einmal die der „klaren Kante“ mit Ausschlussverfahren, andererseits die Kritik an solchen Ausschlussverfahren, um damit nicht die repräsentierten Belegschaften den Einflüssen durch Pegida und AfD zu überlassen. Zwischen beiden Linien muss für den Autor ein Weg gefunden werden. (Ebd.)

Ökonomisch-ökologische Zangenkrise

Die zeitgenössische radikale Rechte inszeniert sich als politische Antwort auf eine zeithistorische Konstellation, die ich als ökonomisch-ökologische Zangenkrise bezeichne.“ (253) Der Begriff ist der ökosozialistischen Diskussion entlehnt und bedeutet bei Dörre, dass Wirtschaftswachstum als grundlegendes Kriterium des Kapitalismus zur Überwindung von Wirtschaftskrisen automatisch verbunden ist mit hohem Emissionsausstoß, fossilem Energieverbrauch und dem unersättlichen Verlangen nach Ressourcen, was zu einer Zerstörung von Lebensgrundlagen und zur Destabilisierung des globalen Ökosystems führt. Da kapitalistische Systeme notwendigerweise akkumulieren müssen, also expandieren müssen, um zu existieren, geraten sie in Widerspruch zu den sozialen und natürlichen Ressourcen, ohne die sie nicht überleben können. Die Reaktion des Rechtspopulismus und Rechtsradikalismus auf die Zangenkrise ist rückwärtsgewandt und stellt eine autoritäre politische Verarbeitungsform dar. „Auf die repulsive Globalisierung antwortet die radikale Rechte mit Nationalismus, auf zunehmende Ungleichheit mit einer Ethnisierung der sozialen Frage, auf die ökologische Krise und den Klimawandel mit Leugnung oder Relativierung der Bedrohungen, auf die Fluchtmigration mit Abschottung und Abschiebung und auf die Ausbreitung liberal-libertärer Werte mit Antifeminismus, Rückbesinnung auf ein sozialdarwinistisch gewendetes Leistungsethos und eine exkludierende Nationalkultur.“ (267) Dieses Zitat von Dörre fasst die autoritäre politische Verarbeitungsform in überzeugender Weise zusammen.

Demokratische Klassenpolitik

Eine demokratische Klassenpolitik muss „popular-demokratisch“ sein, nicht jedoch „populistisch“. Sie verzichtet auf binäre Codes und bipolare Denkmuster und Antagonismen im politischen Raum. Dörre definiert dies folgendermaßen: „Demokratische Klassenpolitik zersetzt hingegen jegliche Vorstellung homogener nationaler Gemeinschaften. Sie fordert zu kollektiver Selbsttätigkeit auf, und sie verbindet die von Löhnen direkt oder indirekt abhängigen Klassen(fraktionen), weil sie nur über ethnische, nationale und Geschlechtergrenzen hinweg erfolgreich praktiziert werden kann.“ (292) Es muss seiner Ansicht nach wieder wissenschaftlich und politisch über Ausbeutung und Klassenverhältnisse gesprochen werden, um die Anziehungskraft, insbesondere auf Lohnabhängige, durch den Rechtsblock zu reduzieren. Da Klasse und Ausbeutung analytische Begriffe sind, taugen sie aber nicht für die politische Mobilisierung. Mit „Emotionen und Leidenschaft“ müssen „klassenpolitische[n] Themen“ hegemonial werden und mit ökologischen Nachhaltigkeitszielen verbunden werden. (298) Diese Darstellung des Autors verwundert, denn seine Forderung nach einer wissenschaftlichen wie öffentlichen Debatte über Ausbeutung und Klassen als Gegengewicht zu dem Rechtsblock steht dann aber im Widerspruch zu dem Argument, dass beide Begriffe nicht zur Mobilisierung taugen. Dass beide analytische Begriffe sind, und nicht alleine eine Rolle spielen können ist einsichtig. Klassenpolitische Themen haben aber notwendigerweise immer direkt wie indirekt mit Ausbeutung und Klassenverhältnissen zu tun (Produktions- und Arbeitsverhältnisse, Lohn- und Lohnnebenkosten, Wohnungsbaupolitik und Mietverhältnisse, Gesundheitswesen und Gesundheitspolitik, soziale und ökologische nationale wie globale Naturzerstörung usw.).

Für eine zeitgemäße Klassentheorie ist nach Dörre der analytische Begriff der ‚Klasse‘ absolut notwendig, nicht jedoch, wenn es um die Beschreibung sozialer Ungleichheiten geht. Um vertikale Ungleichheiten genau zu kennzeichnen sind „Schichtmodelle, Habituskonzepte oder Milieustudien wahrscheinlich leistungsfähiger als eine an Marx angelehnte Klassentheorie“. (307) Um den sozialen Wandel zu erklären, ist jedoch eine klassentheoretische Analyse unabdingbar. Auch wenn es den subalternen Klassen an Klassenbewusstsein fehlt, sind dennoch Klassenverhältnisse vorhanden. (Ebd.) Für Dörre kann von einer großen Klasse von Lohnabhängigen, wenngleich fragmentiert, in den kapitalistischen Zentren nicht mehr gesprochen werden. Ausbeutungsformen und Ungleichheitsachsen müssen in ihrer Pluralität gesehen werden. Die Lohnabhängigen und ihre Familien, also die große Mehrzahl der Bevölkerung, müssen bezüglich der Teilnahme an Machtressourcen und Sozialeigentum, der Stellung in Unternehmenshierarchien und gesellschaftlicher Arbeitsteilung und der darüber vermittelten Chancen auf dem Arbeitsmarkt in mindestens drei Klassen aufgeteilt werden. Eine Charakterisierung dieser Unterteilung kann hier nur in Kurzform erfolgen: Eine Großgruppe stellen Arbeiter*innen und kleine Angestellte mit überwiegend mittleren Qualifikationen in „kommandierten Arbeitstätigkeiten“ dar. „Angehörige dieser konventionellen Arbeiterklasse, die häufig das Gefühl haben, in einer dynamischen Gesellschaft festzustecken, tendieren teilweise dazu, Konkurrenzen mit dem Mittel des Ressentiments auszutragen, ohne das dies als naturwüchsiges, unumkehrbares Verhaltensmuster zu interpretieren wäre.“ (309) Eine weitere Klasse der Lohnabhängigen bildet die der akademisch gebildeten Personen. Diese wachsende Klasse hat Positionen am Arbeitsmarkt und im Produktions- und Reproduktionsprozess inne, die von der alltäglichen Sorge um Einkommen und Beschäftigung entlasten. (Ebd.) Davon zu unterscheiden ist eine dritte Klasse, die die Angehörigen der neuen Unterklasse umfasst. Hier sind keine Machtressourcen vorhanden, um kollektive Aktionen durchzuführen. Hierzu zählen prekär und informell Beschäftigte, Langzeitarbeitslose, illegale Migrant*innen, Obdachlose und weitere Außenseiter. Für alle gilt, dass sie sich „in sozialer Nähe zu einem Fürsorgestatus bewegen […]“. Charakteristisch ist hier die Enteignung von Sozialeigentum, sozialer Ausschluss und systematische Abwertung der sozialen Position und des räumlichen Umfelds. (310) Demokratische Klassenpolitik, so Dörre in seinem Schlussteil, darf sich nicht auf einen Teil der Lohnabhängigen, wie z.B. die Industriearbeiterschaft, stützen, sondern muss sich zur Aufgabe machen, dass „kollektive Selbstbewusstsein aller Lohnabhängigen zu stärken“. Neben den Arbeiter*innen, die aktive Gewerkschaftsarbeit gegen rechte Weltbilder leisten und die immer noch die Mehrheit bilden, geht es um solche Arbeiter*innen, die noch nicht völlig festgelegt sind. Dafür ist es notwendig, die Klassenpolitik mit den „Konfliktachsen Natur, Ethnie/Nationalität und Geschlecht“ zu verbinden. (324)

Fazit

Empirische Befunde aus drei Jahrzehnten bilden die Zeitachse in dem Buch von Klaus Dörre. Trotz einiger Wiederholungen wird dabei in überzeugender Weise eine „rechte Tiefengeschichte“ von Arbeiter*innen aufgezeigt, die sich im Laufe der Zeit radikalisiert hat. Deshalb sind Sympathien für rechte Weltbilder grundsätzlich kein neues Phänomen. Der Begriff der „Warteschlange“, von der US-Soziologin Arlie Hochschild übernommen, verdeutlicht die Problemlage. Es geht nicht vorwärts am Fuße des Berges der Gerechtigkeit. Da die Politik so wahrgenommen wird, dass sie am Alltag der Arbeiter*innen völlig desinteressiert ist, fühlen sie sich durch die Politik nicht mehr repräsentiert. Großereignisse wie z.B. die Wirtschafts- und Finanzkrise, die große Anzahl von Geflüchteten und die Eurokrise zeigen immer wieder, dass dafür genügend Geld vorhanden ist. Während dessen ziehen andere Menschen an der Warteschlange angeblich vorbei, die bisher nichts geleistet haben; so jedenfalls in dieser Bewusstseinslage. Diese Kränkung ist verbunden mit einer Selbstaufwertung und einer kollektiven Abwertung von Migrant*innen und Geflüchteten. Hinzu kommt noch in besonders strukturschwachen Gebieten, und hier sind die AfD und rechte Bewegungen vor allem im Osten besonders stark, die Problematik, dass Geschäfte und Kneipen schließen, Arztpraxen abwandern, Schulen und Kitas fehlen und zusätzlich Buslinien wegfallen. Dörre schildert dies in anschaulicher und nachvollziehbarer Weise. Dies macht das Buch in besonderer Weise lesenswert. Positiv ist ebenfalls zu bewerten, dass Dörre in der Beschreibung rechter Parteien und Bewegungen in ihrer Ablehnung des demokratischen Systems nationalistische und rassistische Inhalte rechter Argumentationen nicht zur Nebensache erklärt. Allerdings hätten die Notlagen der Bevölkerung aufgrund der Verschlechterung der Lebensverhältnisse noch umfassender erklärt werden können, d.h. woher diese Notlagen im Kapitalismus kommen.

Dass es keinen automatischen Übergang von Arbeitslosigkeit, prekären Arbeits- und Lebensverhältnissen und der Ablehnung demokratischer Systeme zu rechtspopulistischen und rechtsradikalen Einstellungen und Gewalt gibt, hätte m.E. zudem von dem Autor noch deutlicher herausgestellt werden können. Denn nationalistisch eingestellte Menschen beanspruchen im Beruf, im Verdienst, in der Wohnungssuche und in alltäglichen Angelegenheiten als Deutsche eine Bevorzugung als ihr gutes Recht. Dazu ist ihrer Meinung nach der Staat verpflichtet. Allerdings kommt dieser diesem nationalen Anspruchsdenken in gröblicher Weise nicht nach, woraus dann ein enttäuschter Nationalismus resultiert. Denn der Grund für den Nationalismus und Rassismus ist nicht ihre prekäre Lage, sondern die nationalistische und rassistische Interpretation ihrer sozialen Lage. Dieser Zusammenhang hätte m.E. in dem vorliegenden Buch bei der Analyse der Ethnisierung sozialer Verwerfungen noch stärker herausgestellt werden können.

Trotz dieser kritischen Anmerkungen ist das Buch In der Warteschlange von Klaus Dörre bezüglich der Darlegungen zur Radikalisierung einer Tiefengeschichte, der demobilisierten Klassengesellschaft, dem unternehmerischen Selbst als wirkmächtige Fiktion und der ökonomisch-ökologischen Zangenkrise sehr erhellend und deshalb unbedingt lesenswert.

Wolfgang Kastrup ist Mitglied der Redaktion und im AK Kritische Gesellschaftstheorie

 

 

Dieser Artikel stammt aus dem DISS-Journal 42 vom November 2021. Die vollständige Ausgabe als PDF finden Sie hier.

 

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