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Rassismus und „Flüchtlingskrise“

 

Von Ursula Kreft und Hans Uske. Erschienen in DISS-Journal 31 (2016)

Der Verlauf der öffentlichen Debatten über die „Flüchtlingskrise“ zeigt eine Aktivierung und Aktualisierung vorhandener rassistischer Stereotype. Dabei geht es im Wesentlichen nicht um den Hardcore-Rassismus am rechten Rand, der Deutschland arisieren möchte und in jedem fremden Gesicht den zu beseitigenden Feind erblickt. Diesen Rassismus gibt es und wahrscheinlich breitet er sich aktuell aus, befeuert durch diskursive Ereignisse wie Terroranschläge. Aber er ist in Deutschland zurzeit zum Glück nicht hegemonial. Wahrscheinlich wird der Hardcore-Rassismus auch nicht hegemonial werden, wenn die oben geschilderte Normalisierung gelingt. Das ist das Perfide an der Normalisierung im flexiblen Normalismus: Man lernt zu hoffen, dass der „normale“ Alltagsrassismus erhalten bleibt.

Der alltägliche Rassismus ist eingebettet in ein Konglomerat unterschiedlicher Stereotype. Einerseits empört sich der Alltagsrassist über sexhungrige junge Männer aus dem Maghreb oder über Kindergeld abgreifende „Zigeuner“ aus Osteuropa. Andererseits entwickelt er Mitleid und Empathie gegenüber „echten“ Kriegsflüchtlingen aus Syrien, insbesondere wenn diese durch weinende Mütter und Kinder verkörpert werden, die den Islamisten und den Bomben gerade noch entkommen sind.

Flüchtlingsfamilien, die Anpassungsbereitschaft zeigen, werden im Alltagsrassismus akzeptiert. Jeder weiß: Wir brauchen Zuwanderer, aber es müssen die richtigen sein. Sie können ruhig in Richtung Mekka beten, aber bitte nach deutscher Art, am besten in unserer Sprache und ohne Kopftuch. Der Alltagsrassismus hat auch „nette“ Seiten: Für eine ausländische Familie im Mietshaus kann eine korrekte Mülltrennung nach deutscher Sitte schon ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Akzeptanz im Alltagsrassismus sein. Wer Müll trennt, ist schon ein bisschen deutsch.

Die meisten Menschen finden es, anders als vor 30 Jahren, nicht mehr unbedingt bedenklich, dass „Wir“ ein Einwanderungsland sind. Es dürfen nur nicht zu viele und es dürfen nicht die Falschen sein. Einwanderer sollen keine Probleme bereiten, sondern Lösungen generieren, z.B. bezogen auf den demografischen Wandel, den Fachkräftemangel und die Fußball-Europameisterschaft. Gegen den hart arbeitenden Bäckerlehrling aus dem „sicheren Drittland“ Albanien hat kaum jemand etwas einzuwenden. Seine Abschiebung stößt auf Unverständnis bei der Kundschaft. Zwar ist man protonormalistisch dafür, alle abzuschieben, die kein Recht haben, hier zu sein. Die Abschiebungsquote muss erhöht werden. Aber der Bäckermeister bleibt nun in Folge des Fachkräftemangels ohne Lehrling. Keine Brötchen mehr. Wahrscheinlich muss der Bäcker dichtmachen. Müsste die Behörde in diesem Fall nicht etwas flexibler sein? Solche Stories in den Zeitungen funktionieren immer noch – trotz Silvester in Köln.

Zum Glück haben wir es nicht, wie hin und wieder vermutet wird, mit dem Beginn eines Bürgerkriegs zu tun. Die normalisierenden Praxen werden einen Bürgerkrieg höchstwahrscheinlich verhindern. Für viele Flüchtlinge bedeutet das trotzdem nichts Gutes. Es wird von Seiten der Rechten weiter Anschläge geben, Misshandlungen und vielleicht auch Tote. Viele werden abgeschoben werden. Damit die Genfer Flüchtlingskonvention respektiert wird und die Flüchtlinge aus dem Nahen Osten befristet bleiben können, werden andere noch stärker als bisher unter Druck gesetzt und abtransportiert werden, zuerst jene Menschen aus Afrika und vom West-Balkan, die bereits als „falsche“ Flüchtlinge und damit als „Betrüger“ markiert sind, entweder weil sie kollektiv als „gefährlich“ gelten oder weil sie „nur“ vor unerträglicher Armut und Perspektivlosigkeit fliehen. Pegida und die AfD werden möglicherweise lauter und stärker werden. Für Fremde, Eingewanderte und Flüchtlinge bleibt das Leben in Deutschland ungemütlich – also normal rassistisch.

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