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Globalization, Discourse, Media

 

Eine Rezension von Siegfried Jäger. Erschienen in DISS-Journal 19 (2010)

Varianten Kritischer Diskursanalyse bestimmen zunehmend auch die kulturwissenschaftliche Diskussion in Polen.1 In dem vorliegenden Band werden dazu 23 Texte, teils in englischer, teils in deutscher Sprache versammelt, die 2008 auf einer internationalen Konferenz in Warschau referiert worden sind. Die Beiträgerinnen stammen überwiegend aus Polen, aber auch aus Deutschland, Österreich, Italien, Griechenland, Spanien, Australien und Kanada.

Das knapp 1 Kilogramm schwere und 610 Seiten lange Buch eignet sich nicht für die Lektüre im Liegen, sondern zwingt die Leserin, sich an den Schreibtisch zu setzen und Seite um Seite sorgfältig und behutsam umzuwenden. Der Rezensent, dem nur begrenzter Platz zur Verfügung steht, sieht sich darüber hinaus genötigt, eine gedankliche Auswahl der zu besprechenden Artikel und Gedanken vorzunehmen, die dazu dienen mag, den an Kritischer Diskursanalyse Interessierten die Lektüre schmackhaft zu machen. Theoretische Hintergründe für die vorgetragenen Varianten sind neben Foucault auch Habermas, Konversationsanalyse, Pragmatik, Argumentationsanalyse etc., und die Gegenstände sind vielfältig: Mehrsprachigkeit, nationale Identität, Diskurs der Politik, Englisch als lingua franca, Sprach- und Kulturkontakt, Medien, Wahlkämpfe, Rechtsextremismus (in Deutschland), Antisemitismus (in Polen), Gender, Konsumismus u.a., meist also brisante Themen, wie sie sich zur Kritischen Diskursanalyse anbieten.

Dabei treten, möglicherweise aber besonders für die deutschen Leserinnen, durchaus letztlich produktive Irritationen auf, so etwa durch den Beitrag des Lodzscher Soziologen Marek Czyzewski mit dem Titel „Der polnische Streit um Jan Tomasz Gross´ Strach aus ‚vermittelnder‘ diskursanalytischer Perspektive“ (161-190). Gross thematisiert den polnischen Antisemitismus nach dem Zweiten Weltkrieg, u.a. das Pogrom in Kielce 1946, und problematisiert damit das polnische kollektive Selbstbild als Nation der Opfer. Das Buch Strach (= Angst) löste in Polen eine heftige, um nicht zu sagen: äußerst aggressive öffentliche Debatte aus, die natürlich keineswegs dazu geeignet war, die junge neue polnische nationale Identität zu festigen. Czyzewski nimmt diese Debatte zum Anlass, eine ‚vermittelnde‘ Vorgehensweise in der Diskursanalyse zu skizzieren. Dazu Czyzewski: „Die Perspektive einer ‚vermittelnden‘ Diskursanalyse führt … dazu, sich sowohl von den Meinungen der durch Strach ‚Betroffenen‘ als auch von der der ‚Empörten‘ zu distanzieren. … die Perspektive der ‚vermittelnden‘ Diskursanalyse (zeigt) die Notwendigkeit einer Vermittlungsarbeit in dieser und in anderen Kontroversen auf. Darüber hinaus regt sie auch zur Erarbeitung eines distanzierten Standpunktes gegenüber dem Buch Strach selbst sowie gegenüber der kommunikativen Strategie seines Verfassers (…) an. Strach lud nämlich nicht zu öffentlichen Überlegungen über den polnischen Antisemitismus ein, sondern war ein bewusster Akt der Schocktherapie, der der Autor die polnische Gesellschaft unterziehen wollte.“ (183) „der von ihr ausgehende Einfluss war polarisierend.“ (184)

Solche Vorschläge sind für eine deutsche Leserschaft höchst ungewöhnlich und vielleicht auch mehr als irritierend oder sogar ärgerlich, führt ein solches Verständnis von Vermittlung doch im Endeffekt dazu, Kritik als solche – auch gegenüber dem Antisemitismus – zurückzudrängen und – zum Schweigen zu bringen. Diese meine Kritik richtet sich nicht gegen eine vernünftige und ethisch vertretbare Diskussionskultur, befürchtet aber, dass eine solche Diskussionskultur erst gar nicht zu Stande kommen kann. Produktiv kann Czyzewskis Vorschlag daher erst dann werden, wenn er kritisch aufgenommen würde und zu ethisch begründeter Streitkultur einen Beitrag leisten konnte. Der vorgeschlagene Bezug auf das Konzept der „Schweigespirale“ dürfte dafür jedoch als wenig hilfreich einzuschätzen sein.

Auf einige weitere interessante Beitrage sei im Folgenden kurz hingewiesen. Mit der Frage nach den Effekten von Diskursverschränkungen und der Möglichkeit, solche Effekte zu vermeiden, befasst sich der Beitrag von Franz Januschek (Oldenburg) („Diskursverschränkungen und Diskurskritik“). Die damit verbundenen „fatalen Effekte“ lassen sich nach Januschek nicht durch Kritik verhindern, sondern nur dadurch, dass man das diskursive Spiel gemeinsam spiele, um dieses zu verändern. Nicht überraschend ist, dass Januschek Kritische Diskursanalyse und Gesprächsanalyse synthetisieren mochte. Ruth Wodak (Lancaster/Wien) untersucht in ihrem Beitrag „‚Communicating Europe‘: Analysing, interpreting, and understanding multilingualism and the discursive construction of transnational identities” vor dem Hintergrund ihres diskurshistorischen Ansatzes (CDA) verschiedene Formen von politischer Kommunikation mit dem Ziel, unterschiedliche Identitätskonstruktionen in Europa zu identifizieren. Lukasz Kumiega (Warschau/ Düsseldorf ) analysiert in seinem Beitrag „Abgrenzung oder Kopplung? Diskursive Strategien im medienorientierten Rechtsextremismus“ die Polenberichterstattung der rechten Wochenzeitung Junge Freiheit (JF) und ordnet die Zeitung einer gemäßigten Variante des Rechtsextremismus zu, da das Blatt eine Doppelstrategie zwischen „extremistisch“ und „bürgerlich-konservativ“ verfolge. Dass die JF unter konservativ etwas ganz anderes versteht als deutsche bürgerlich-konservative Parteien wird damit jedoch nicht sichtbar. Anna Duszak (Warschau) befasst sich in ihrem Artikel „Re-Reading the communist past in Poland: the dynamcs of Us and Them“ vor allem mit dem Konzept des Otherings, also der sprachlichen Ausgrenzung von „Anderen“ in einem post-kommunistischen Land. Othering kann eine andere Gruppe beschädigen, aber auch die eigene Gruppe destabilisieren, wenn einige Mitglieder der In-Gruppe die Angriffe auf ihre Gegner als zu aggressiv oder als unverhältnismäßig offensiv einschätzen, so die Annahme der Autorin, die offensichtlich ebenfalls nach einer Form vermittelnder Diskursanalyse sucht. Der Band wir abgerundet durch einen Epilog mehrerer Autorinnen, in dem es um „Perspektiven der Kritischen Sozialwissenschaften im Allgemeinen und der Kritischen Diskursanalyse im Speziellen“ geht.

Vorliegt damit ein durchaus interessantes vielstimmiges Buch, dem zu wünschen ist, dass es zu mancherlei Diskussionen anregen wird. Es ist zugleich Ausweis der Tatsache, dass das immer noch neue Paradigma einer Kritischen Diskursanalyse ein noch etwas baufälliges Haus mit vielen Wohnungen ist.

Anna Duszak, Juliane House, Lukasz Kumiega (Hg.)
Globalization, Discourse, Media
In a Critical Perspective
2010 Warszawa: Warsaw University Press
ISBN 978-8323507604
610 S., 50 zt, 21,99 €

  1. Vgl. dazu auch den Überblick von Lukasz Kumiega in DISS-Journal 18 (2010), 30f. (http://www.diss-duisburg.de/2009/12/zwischen-linguistik-und-soziologie/) []

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