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Der Irak-Krieg in japanischen Karikaturen

 

Analyse von Karikaturen aus japanischen Zeitungen. Von Reinold Ophüls-Kashima. Erschienen in DISS-Journal 11 (2003) (= Gemeinsames Sonderheft des DISS-Journals und der kultuRRevolution zum Irak-Krieg).

Der Eindruck eines Déjà-vu-Erlebnisses drängt sich auf, oder wenigstens der einer Fortsetzung, eines zweiten Teils: schon für die Ausgabe Nr. 25 der kRR (Juli 1991) habe ich die Karikaturen der japanischen Tageszeitung Asahi analysiert, um den »Ölkrieg in der Asahi« zu beschreiben. Wie damals gab es nun in den Wintermonaten der Jahre 2002/2003 einen Count Down, und wie damals begann der Krieg im Frühling, um nur kurze Zeit zu dauern und von anderen Nachrichten abgelöst zu werden.

Die Folgen des Irak- Krieges werden diesmal ebenfalls lange zu spüren sein, was vorherzusagen keiner besonderen prophetischen Gaben bedarf. Die japanische Regierung hat sich, relativ spät, zu einer öffentlichen Unterstützung dieses Krieges und der USA entschlossen, wie überhaupt das Kabinett Koizumi als durch und durch pro-amerikanisch gilt. Dies betrifft u. a. den neoliberalen »Reform«-Kurs, den Koizumi, nicht sehr erfolgreich, auch gegen Teile seiner eigenen konservativen Partei, der LDP, durchzusetzen versucht, und der von US-amerikanischer Seite seit Jahren gefordert wurde. Die Unterstützung der USA durch Japan schloss aber weder direkte militärische noch finanzielle Hilfe mit ein, so dass ihre Bedeutung nur von relativem Wert war. Der Hintergrund für die unterschiedlichen Reaktionen in Frankreich und Deutschland einerseits und Japan andererseits liegt zum einen in der militärischen »Schutzmacht« -Funktion begründet, welche die USA für Japan und Südkorea, gegenüber China, Russland und Nordkorea ausüben, zum anderen aber in der Zuspitzung der Lage in und um Nordkorea, die auch durch die Eskalationsstrategie der amerikanischen Regierung (»Achse des Bösen«) heraufbeschwört wurde. Die nordkoreanische Regierung will anscheinend dem Schicksal des Irak dadurch entgehen, dass sie an einem Atomwaffenprogramm arbeitet, und mit diesen Waffen sollen nicht nur die südkoreanischen Metropolen, sondern sogar Tokyo zu treffen sein.

Medial hat in Japan daher »Nordkorea« im letzten Jahr eine viel größere Rolle gespielt als der »Irak«. Die Rückkehr einiger in den 70er und 80er Jahren nach Nordkorea verschleppter japanischer Staatsbürger bzw. der ungeklärte Tod vieler von ihnen war das Thema Nummer 1 in den japanischen Medien, das sogar die Wirtschaftsprobleme und auch die anderen außenpolitischen Themen in den Hintergrund drängte. Im März 2003 war der Irak-Krieg natürlich im Mittelpunkt des medialen Interdiskurses, aber schon am 13. 04. 2003 gab es eine Karikatur in der Asahi, in der ein Zauberkünstler mit dem Gesicht von Bush dem nordkoreanischen Führer Kim mit Hilfe von Spielkarten die Zukunft zeigt, und man sieht letzteren auf einer der Spielkarten hinter Gittern (im Gefängnis), während auf den anderen Karten noch Saddam Hussein zu sehen ist. Am 15. 04. 2003 sieht man Bush mit dem Messer auf die Karte von Nordkorea einstechen, wobei in seiner Denk-Blase sowohl Saddam als auch Kim zu erkennen sind. Der Kommentar lautet soviel wie: »Er [Bush] wird doch wohl nicht…« Diese beiden Karikaturen leiten einerseits vom Thema »Irak« (das zur Zeit, also im Mai 2003, noch in der Auslandsberichterstattung eine große Rolle spielt) zum Thema Nordkorea über, andererseits aber zeigen sie die Beunruhigung über eine Eskalationsstrategie der amerikanischen Regierung, die ganz Ostasien (vor allem China, Korea und Japan) und damit eines der drei wirtschaftlichen Zentren der Welt in eine Katastrophe reißen könnte.

Ein weiterer Unterschied zwischen Westeuropa und Japan bestand in der Reaktion der Öffentlichkeit: Zwar sprach sich in Japan wie wohl auch in Südkorea die Mehrheit bei Meinungsumfragen jeweils deutlich gegen einen Krieg aus, aber es gab keine großen Antikriegs-Demonstrationen. Eine lebendige unabhängige Friedensbewegung ist zur Zeit ebenfalls nicht zu erkennen.

Eine Zwischenbemerkung: Die Asahi-Tageszeitung gehört zum liberalen Spektrum der großen Tageszeitungen, wobei sie eher mit der stärksten Oppositionspartei »Demokratischen Partei«, einem Zusammenschluss sozialdemokratischer und konservativ-liberaler Politiker, sympathisiert, während die Yomiuri-Zeitung als tendenziell konservativ und regierungstreu gilt. Es gibt zwischen beiden Zeitungen einen signifikanten Unterschied in der Bedeutung, die Karikaturen beigemessen wird. Während die Asahi regelmäßig Karikaturen auf Seite 3 platziert, erscheinen in der Yomiuri diese erheblich unregelmäßiger auf Seite 4.

Eine Karikatur, die einen interdiskursiven »Duell-Charakter (Bush gegen Saddam) zeigt, findet sich in der Ausgabe der Yomiuri vom 22. 03. 2003, S. 4. (siehe Abb. 1):

Bush zeigt Saddam nicht nur die Zunge, sondern auch die Aufforderung zur Kapitulation, während sich Saddam Hussein denkt: »Hätte ich bloß ein paar von ihnen [den Raketen] behalten…«. Diese Karikatur wie auch andere z.B. in der Asahi zeigen zwar teilweise wie 1991 ein »Duell« zwischen »Bush« und »Saddam«, aber im Unterschied zu 1991 werden diese beiden diesmal nicht als Gleiche (als zwei Boxer z.B.) symbolisch appliziert. Wenigstens in der Asahi sieht man oft »Bush« (gleich USA) als drückend überlegend abgebildet. Eine interessante Karikatur, die zwei Themen kollektivsymbolisch koppelt, findet sich in der Asahi vom 4. 4. 2003, (Abb. 2): die berühmte Comic-Figur »Atom« (der Name beruht auf seinem Atom-Antrieb) von Tezuka Osamu, ein Roboter mit menschlichem Herz, die sich für Frieden zwischen Menschen und Robotern einsetzt, hat Geburtstag, und sowohl Saddam als auch Bush bemühen sich um die Gunst des »Babys«. Tezuka Osamu fragt vom Himmel aus: »Welchen Onkel hast Du denn lieber?« Wohl beide gleichermaßen nicht, lautet die indirekte Antwort.

KarikaturenIch möchte nun einen Blick auf eine Reihe von Karikaturen werfen, welche die ASD (Asahi Dahlem Han, deutsch: »Dahlemer Ausgabe der Asahi«), ein Übersetzungsprojekt für Studierende an der FU Berlin, dankenswerterweise in ihrer Ausgabe vom 15. 4. 2003 (Heft Nr. 259) zusammengestellt und übersetzt hat. Ein kurzer Blick auf die Mehrheit der Karikaturen zeigt, wie wenig die Asahi Bush als Vertreter von Demokratie und Freiheit schätzt: Bush als König und Despot, der die UNO missachtet (18. 03. 2003), oder gar »Diktatorenwechsel«, bei dem der Kopf des einen Diktators (Saddam) gegen den anderen (Bush) ausgewechselt wird (21. 04. 2003, S. 15). In der Karikatur vom 22. 03. 2003 wird der Krieg als Überfall einer überlegenden Gangsterbande (Bush als Al Capone) auf eine andere, arabische (Saddam Hussein) charakterisiert. Noch interessanter ist die Karikatur vom 20. 03. 2003, S. 2, in der wahrscheinlich Bush den Irak (als Hähnchen) verspeist, wobei die Würze die Demokratisierung repräsentiert, während das »Fett«, das hier »Erdöl« symbolisiert, eigentlich gar nicht mitgegessen werden soll. Damit wird nicht nur die Täter-Opfer-Beziehung (der Irak als »Essen«) impliziert, sondern es werden auch die offiziellen Motive der US-Regierung in Zweifel gezogen, denn auf die »Würze « der Demokratisierung kann notfalls verzichtet werden, aber das »Fett« bzw. »Öl« wird natürlich immer mitgegessen. Eine durch das Fernsehen und durch Fotos äußerst kollektivsymbolisch aufgeladene Handlung, dem Sturz einer Saddam-Hussein-Statue (euphorischer »Sturz des Diktators«), wird in der Karikatur vom 11. 04. 2003, S. 3, eine eher skeptische Haltung in Bezug auf die Folgen des Irak-Krieges unterlegt.

Abbildung 3Die Schwäche der UNO (»mangelnde Muskelkraft«), das Gewicht des Konflikts Irak–USA zu »stemmen«, wird in der Karikatur vom 11. 03. 2003 thematisiert. Während hier noch Bush und Saddam gleichermaßen als Teil eines »schweren« Problems abgebildet werden, so verrät eine Karikatur vom 19. 03. 2003, S. 3 (Abb. 3), wie wenig die USA sich für einen Beschluss des Sicherheitsrates interessieren, weil Bush auch ohne lange »Hosen« (Sicherheitsratsbeschluss), also recht lächerlich in kurzen Hosen oder Unterwäsche, in den Krieg zieht.

Erwähnen möchte ich noch, dass ein beliebtes Thema auch der Karikaturen die vielen Doppelgänger waren, mit denen sich Saddam Hussein schützen wollte. Auch die Frage: »Wo ist Saddam?« spielte eine große Rolle in den verschiedenen Medien. Es überrascht wohl nicht, dass auch in den japanischen Massenmedien überwiegend die irakische Gesellschaft auf die Charaktermaske »Saddam« bezogen wurde. Noch wirksamer als die Karikaturen sind wohl die Fotos, insbesondere diejenigen, die auf Seite 1 platziert wurden. Dominant dabei war in der Asahi die Opferperspektive, d. h. Fotos von verletzten Kindern, Menschen in Krankenhäusern, Familien, deren Häuser zerstört wurden, weinenden Frauen, zerstörten Gebäuden etc. Häufig werden auf Seite 1 auch US-Soldaten gezeigt, allerdings kaum in Rambo-Pose: z.B. am 25.03.2003 zwei Soldaten, die einen gefallenen Kameraden hinter sich herschleppen, oder völlig erschöpfte Soldaten am 02.04.2003. Dieses Bild ändert sich in der Asahi schlagartig, als die US-Truppen in Bagdad einmarschieren: das Foto am 8.4.2003 zeigt lächelnde amerikanische Soldaten auf einem Panzer vor dem Präsidentenpalast (Sieger-Symbolik), eines am 10. 04. 2003 zeigt den Sturz einer Saddam-Hussein- Statue (»Sturz des Diktators«), zwei Fotos auf Seite 1 am 11.04.2003 und Seite 2 am 10.04.2003 bilden jubelnde Kurden (»Befreiung «) ab. Diese »euphorische« Haltung bezog sich aber eher auf das Ereignis selbst als auf eine langfristige Meinungsänderung, denn schon einige Tage später fand die Asahi wieder zu einer kritischen Haltung dem Krieg und seinen Folgen gegenüber zurück.

Sowohl in der Asahi als auch in der Yomiuri überwog die Skepsis gegenüber diesem Krieg, wobei die Asahi sogar eine klar ablehnende Haltung zeigte. Der Diskurs »Sturz eines Despoten« fand sich in den dominierenden Massenmedien kaum wieder, am ehesten noch in einem wenig reputierlichen Wochenmagazin wie dem Friday. Der Irak-Krieg wurde und wird in Japan auch im Kontext von »Nordkorea« gesehen, weil eine Eskalation der Lage zwischen den USA und Nordkorea als äußerst bedrohlich empfunden wird.

Abbildung4Zum Schluss möchte ich, statt eines eigenen Resümees, auf eine weitere Karikatur vom 04. 05. 2003, S. 3, in der Asahi verweisen (Abb. 4): Bush in Militäruniform setzt seinen Stiefel auf den Planeten Erde, was wohl heißen soll, dass die USA nicht nur eine militärische Supermacht sind, sondern auch die Welt militärisch beherrschen. Der Text darunter (»wenn ich es mir recht überlege, war diese Zeit die absolute Spitze«) aber geht davon aus, dass die USA ihren Zenit erreicht haben, und man/frau darf wohl daraus den Schluss ziehen, dass es von nun an bergab geht. Eine Frage neben vielen in diesem Zusammenhang könnte lauten, wie lange noch Japan das Außenhandelsdefizit der USA finanzieren kann oder will.

 

 

 

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